Schädel eines WelsesSchädel eines Welses (Silurus glanis) (Foto: Гурьева Светлана [zooclub.ru], Wikimedia CC BY-SA 4.0).
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Vergangenes Jahr berichtete ich in einem Artikel über eine rätselhafte historische Quelle: In seinem Artikel Alterthümer im Luche bei Fehrbellin beschrieb der mecklenburgische Altertumsforscher Andreas Georg Masch 1844 die natur- und altertumskundliche Sammlung des Obertorfinspektors Steinkopf in Fehrbellin (Lkr. Ostprignitz-Ruppin, Brandenburg). Neben diversen Tier- und Pflanzenresten sowie archäologischen Funden, die beim Torfstechen in den Mooren um die Ortschaft Linum zutage kamen, so Masch (1844, 359), „[…] fiel uns besonders ein Schädel von scheinbar sehr abnormer Form auf, den wir keinem hier oder uns bekannten Thiere anzupassen wußten. Nach vorläufigen Untersuchungen gehört er keiner unserer bekannten Hausthiergattungen an.“
Zwar bleibt der vor fast zweihundert Jahren erwähnte Tierschädel auch weiterhin verschollen – doch ermöglicht die Auffindung einer weiteren zeitgenössischen Quelle nun, die Natur des rätselhaften Fundes mit großer Sicherheit zu identifizieren.

Landschaft in Brandenburg
Landschaft in Brandenburg. Hier gibt’s eine Menge Natur.

Das Manuskript des Grafen von Zieten

Zu Beginn seines Artikels erwähnt Masch (1844, 358), wie er selbst von der Sammlung erfahren hatte:

„Der Herr Graf von Zieten, welcher im v. J. dieses Cabinet besucht hatte, machte mich, in der Voraussetzung, daß eine nähere Kenntniß des Inhaltes dem Vereine für meklenburgische Geschichte angenehm sein möchte, darauf aufmerksam und theilte mir ein kleines Verzeichniß derjenigen Gegenstände mit, welche er zu den merkwürdigsten rechnete. Dies ist die Veranlassung zu diesem Berichte.“

Friedrich Christian Ludwig Graf von Zieten (1765‒1854), Sohn des berühmten preußischen Generals Hans Joachim von Zieten, war selbst ein begeisterter Anhänger der Altertumskunde. In den Jahrzehnten ab 1800 baute er eine respektable Sammlung von archäologischen und historischen Objekten auf, welche er 1844 der Stadt Neuruppin vermachte. Zunächst auf dem Dachboden des dortigen Friedrich-Wilhelms-Gymnasiums ausgestellt, ging daraus 1865 das Zieten-Museum hervor, welches heute als Museum Neuruppin fortbesteht.
Am Donnerstag, den 23. April 2026 war es mir nun möglich, die historischen Zieten-Akten im Museum Neuruppin einzusehen. Und tatsächlich finden sich unter den Dokumenten aus dem frühen 19. Jahrhundert nicht nur zahlreiche Briefe von A. G. Masch an den Grafen von Zieten, sondern auch ein handschriftliches Manuskript, bei dem es sich um das von Masch genannte „Verzeichniß“ (bzw. dessen Vorlage) handeln dürfte. Während Masch seinen Artikel mit der Angabe „Neu-Ruppin, den 1. Juli 1843“ beschließt und einen Besuch der Sammlung durch den Grafen „im v[ergangenen] J[ahr]“ erwähnt, ist dessen Text auf den 7. Juli 1842 datiert. Auf drei Seiten notiert von Zieten seinen Eindruck von der Steinkopf-Sammlung in Fehrbellin:

Manuskript des F. C. L. Graf von Zieten mit Beschreibung der Sammlung Steinkopf (Akte V-8151-S, Blatt 183/184; Fotos: Leif Inselmann mit freundlicher Genehmigung des Museums Neuruppin).

 

„Wustrau, den 7. Juli 1842

Bei dem Herrn Obertorfinspektor Steinkopf in Fehrbellin, sah ich heute dessen Sammlung von Gegenständen, welche beim Torfgraben gefunden worden sind; unter denen mir merkwürdig schienen:

 

  1. ein Stein zum Grützereiben wie der meinige
  2. mehrere nur kleine Keile von Feuerstein
  3. eine sehr kleine Frame von Metall, nur zwischen 3–4 Zoll lang; in diesem Jahre gefunden
  4. ein Hammer von dem Knochen eines unbekannten Thieres; der mit x bezeichnete Theil ist schadhaft, so daß man das innere poroese des Knochen sehen kann; das äußere ist noch fest und glatt. Merkwürdig ist: daß nicht ein rundes Loch darin befindlich ist, sondern ein viereckiges, etwa ½ Zoll weites Loch hindurchgeschlagen worden ist [ob aber auch der Knochen porös ist, habe ich nicht beachtet].
  5. eine ovale Platte von Bernstein, etwa von der Größe und Dicke eines Thalers, in welchem sich ein Loch in der Größe eines Silbergroschens befindet.–
    Diese Platte muß als Zierath getragen worden sein, denn man kann noch sehen, wie das Band, welches durch die runde Oeffnung gezogen war, gelegen hat, denn dort war die Farbe des Bernstein hell und es war glatt.
  6. eine kleine Pfeilspitze von Feuerstein mit eingekerbtem Rand.
    Herr Leop. v Buch hat gesagt:
    man finde sie bis in höchsten Norden, aber nur sehr selten weil wahrscheinlich nur wenige Menschen die Geschicklichkeit gehabt hätten, sie anzufertigen.
  7. eines Menschen Hirnschädel mit auffallend niedriger und platter Stirn. Herr Leop. v Buch hat aber gemeint, daß es dessen ungeachtet der Schädel eines Europäers [wahrscheinlich von der Esquimeaux Race] sei.

Herr Steinkopf sagte noch: die Gerätschaften ‒ oder wie er sich ausdrückte ‒ die Waffen, fänden sich nur auf den Hörsten, dies ist natürlich, denn nur da konnten Menschen wohnen und leben.
In dem Torfmoor, ehemals Sumpf, haben sich nur Geweihe und Zähne von Elenthieren [die Geweihe von sehr jungen Thieren, nicht von alten] und der Kopf von einem großen Wels gefunden.
Auch hat man unter dem Torf auf dem Lande den Saamen von Pflanzen, welche auf der Oberfläche wachsen in der Größe von Hirsekörnern, wohlerhalten gefunden, welche durch die Torfmasse bis auf den Grund gedrungen, obgleich sie nur leicht sind.
Noch muß ich erwähnen, daß sich im Torf ein Stück von der Größe einer kleinen Frucht einer grauen Farbe gefunden hat, welches nicht Bernstein ist, aber doch mit Geruch brennt und keine Asche zurück läßt, also harzig sein muß. Die Masse ist unbekannt.

GrZieten.“

Die sieben Nummern an archäologischen Objekten entsprechen in genauer Abfolge jenen, die auch Masch in seinem Artikel beschreibt. Ebenso beziehen sich beide auf Geweihe und Zähne von „Elenthieren“, d. h. Elchen, als Vertreter der naturkundlichen Funde. Doch wo Masch (1844, 359) einen „Schädel von scheinbar sehr abnormer Form“ erwähnt, „den wir keinem hier oder uns bekannten Thiere anzupassen wußten“, kennt von Zieten nur den „Kopf von einem großen Wels“.

Es erschließt sich nicht, weshalb von Zieten in seiner Zusammenfassung der Funde (ebenso wie bereits A. von Chamisso, F. Hoffmann und J. C. Poggendorf 1822) ausgerechnet das seltsamste Objekt der Sammlung Steinkopf verschweigen sollte ‒ genau wie Masch umgekehrt den Schädel eines Welses, wenn beide nicht identisch sein sollten. Vielmehr ist davon auszugehen, dass Andreas Georg Masch und seinem Begleiter, dem Mathe- und Physiklehrer Könitzer, bei ihrem Besuch 1843 der Schädel eines Welses nicht hinreichend vertraut war und daher als Relikt eines ihnen unbekannten Tieres erschien.
Es ist anzunehmen, dass der Schädel durch seinen jahrhunderte-, vielleicht jahrtausendelangen Aufenthalt im Moor dunkel verfärbt und möglicherweise verformt war. Insbesondere wenn der leicht ablösbare Unterkiefer und die filigranen Bürstenzähne nicht mehr vorlagen, war dieser womöglich nicht mehr auf den ersten Blick als Schädel eines Fisches zu erkennen.

 

Schädel eines Welses
Schädel eines Welses (Silurus glanis) (Foto: Гурьева Светлана [zooclub.ru], Wikimedia CC BY-SA 4.0).

Verbleib der Sammlung Steinkopf

Kann die Identität des Tierschädels von Linum nun auch mit ziemlicher Sicherheit geklärt werden, so bleibt dessen Verbleib doch weiterhin unbekannt. Nach Leopold von Ledebur (1852, 43 f) „gelangten in die Sammlung des Grafen v. Zieten in Wustrau eine keulenförmige Kornquetsche von Granit, ein Hammer von Knochen, eine Framea [= Lanzenspitze] von Bronze, ein Ring von Bernstein, Feuerstein-Keile und Pfeile“. Doch scheinen diese nicht Eingang in die Altertümersammlung des späteren Zieten-Museums gefunden zu haben, deren Katalog Heinrich Begemann (1892) vorlegte. Vielmehr finden sich zumindest einige der archäologischen Artefakte kurz nach der Jahrhundertwende in den Beständen des Märkischen Museums Berlin wieder (Inv.-Nr. II 19760‒66: Kiekebusch 1912, Tf. I 16, 17, 47). Wie bereits bemerkt, könnte nach Virchow (1872, 79) einer der Schädel aus der Steinkopf-Sammlung an die Berliner Bergakademie übergegangen sein, auch wenn das weitere Schicksal unbekannt ist. Was dagegen mit dem Welsschädel und den übrigen tierischen Überresten der Sammlung geschah ‒ ob diese etwa in einer naturkundlichen (Museums-)Sammlung überdauerten und womöglich noch heute vorliegen –, konnte ich bislang nicht in Erfahrung bringen.

 

Kein Einzelfall

Wels oder Waller, Silurus glanis
Europäischer Wels (Silurus glanis) (Foto: HalbsHännile, Wikimedia CC BY-SA 4.0).

 

Als prähistorischer Moorfund steht der „Wels von Linum“ nicht ohne Parallele dar: So wurde 1871 bei Aushubarbeiten für die Pfeiler der Eisenbahnbrücke bei Dömitz an der Elbe nicht nur ein menschlicher Schädel, sondern auch der eines großen Welses entdeckt, wie der Mecklenburger Archäologe Friedrich Lisch und Rudolf Virchow (1871, 261) berichten:

„Am 7. Nov. 1871 ward tief im Brunnen zu dem Pfeiler Nr. VIII. ein sehr großer Fischschädel gefunden. Nach genauen Vergleichungen ist dies der Schädel von einem Wels von ungewöhnlicher Größe. Er ist gut erhalten, ebenfalls steinhart, schwarzbraun, ja fast ganz schwarz von Farbe und glänzend. Es ist beim Baggern nur der Hinterkopf oder das Nackenbein abgebrochen. Das jetzt noch erhaltene Stück ist 28 Centim. (gegen 12 Zoll) lang, 9 Centim. (gegen 4 Zoll) breit in der Mitte und 13 Centim. (5 1/2 Zoll) breit in der Maulbreite. Das Thier hatte also eine nicht gewöhnliche Größe. Gefunden ist dieser Welsschädel in derselben Erdbildung, in welcher der Menschenschädel gefunden ist. Es giebt aus früheren Zeiten Nachrichten über den Fang sehr großer Welse. In den allerneuesten Zeiten sind in Meklenburg in der Ober=Warnow bei Rostock wieder mehrere Welse gefangen. Nachdem im Anfang Mai 1872 5 kleinere Thiere von 3‒4 Fuß Länge ins Netz gegangen waren, ward ein großes Thier gefangen, welches 6‒7 Fuß lang und 80 Pfund schwer war. Einige Tage später ward daselbst wieder ein Wels gefangen, welcher 8 Fuß lang und 110 Pfund schwer war; den Kopf, welcher 40 Pfund schwer war, erwarb das zoologische Museum der Universität Rostock. Bald darauf wurden ebendaselbst wieder mehrere Welse mittlerer Größe gefangen, von denen ich einen Kopf erhandelte, dessen Schädel 17 Centim. (7 Zoll), also ungefähr halb so lang ist, als der Dömitzer Schädel.“

Auch heute noch sind große Welse in den Gewässern der Region heimisch: Ein 2,25 m langes und 67 kg schweres Tier ging 2013 in der Spree am Neuendorfer See in eine Reuse (SPIEGEL 17.06.2013), ein Exemplar von 2,13 m wurde 2025 von der Anglerin Christine Hein in Brandenburg erbeutet (FOCUS 27.04.2025). Besser erging es dagegen dem kapitalen Waller von 2,40 m, welchen der Angler René Giebel am 23.12.2022 aus der Elbe zog – dieser durfte nach erfolgter Vermessung und Fotoshooting wieder seiner Wege ziehen (FOCUS 01.01.2023). So stellt sich am Ende auch das prähistorische „Monster aus dem Moor“ von Linum als ein alter Bekannter der Kryptiden in Deutschland heraus.


Literatur

Begemann, H. 1892: Die vorgeschichtlichen Altertümer des Zietenschen Museums. E. Buchbinder, Neuruppin.

von Chamisso, A. / Hoffmann, F. / Poggendorf, J. C. 1822: Ueber das Torfmoor zu Linum. Archiv für Bergbau und Hüttenwesen 5, 253–277.

Kiekebusch, A. 1912: Die Vorgeschichte der Mark Brandenburg, in: E. Friedel / R. Mielke (Hg.), Landeskunde der Provinz Brandenburg: III. Die Volkskunde. Reimer, Berlin, 345–460.

Ledebur, L. Freiherr von 1852: Die heidnischen Alterthümer des Regierungsbezirks Potsdam. Ein Beitrag zur Alterthümer-Statistik der Mark Brandenburg. Gebauersche Buchhandlung, Berlin.

Lisch, G. C. F. / Virchow, R. 1872: Menschenschädel von Dömitz. Jahrbücher des Vereins für Mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde 37, 253‒263.

Masch, A. G. 1844: Alterthümer im Luche bei Fehrbellin. Jahrbücher des Vereins für Mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde 9, 358–361.

Virchow, R. 1872: Vergleichung finnischer und esthnischer Schädel mit alten Gräberschädeln des nordöstlichen Deutschlands. Zeitschrift für Ethnologie 4, Sitzung der BGAEU vom 10.02.1872, 74–84.


Dank

Ich danke Carola Zimmermann, Maja Peers, Maria Döring und Simone Block vom Museum Neuruppin für die Möglichkeit und Unterstützung zur Einsicht der originalen Zieten-Akten, ohne die die Lösung des Rätsels nicht möglich gewesen wäre.

Von Leif Inselmann

Leif Inselmann wurde am 27.07.1998 in Kiel geboren. Er studierte Ur- und frühgeschichtliche Archäologie und Altorientalistik in Göttingen; seit 2024 promoviert er an der Freien Universität Berlin zur Archäologie der Bronzezeit. Auf dem Blog „Wunderkammer der Kulturgeschichte“ (wunderkammer.inselmann.net) setzt er sich kritisch mit kontroversen Thesen zur Geschichte und Archäologie auseinander. Neben der menschlichen (Vor-)Geschichte gehören auch Paläontologie und Kryptozoologie seit Kindheitstagen zu seinen Interessen.