Der Surigao-Kadaver

Mal wieder ein mysteriöser Kadaver, dieses mal gefunden an einem philippinischen Strand. Als genauer Fundort wurde die Küste von Baybay auf der Philippineninsel Surigao del Norte genannt.

 


Lage des Fundortes
 

Fotos zweier Urheber

Prince Don Antipasado und Curada Espiel Contreras nennen sich zwei Facebook-User, die Fotos des Kadavers gepostet haben.

 

Die Fotos von Contreras zeigen einen nassen Kadaver, der im Wasser des Brandungssaumes liegt. Der Kadaver ist mit zahlreichen Maden bedeckt, und teilweise skelettiert. Er hat seine Fotos am 26. Januar veröffentlicht.

 

 

Die Fotos von Antipasado hat seine Fotos etwa 12 h nach Contreras veröffentlicht. Sie zeigen einen trockeneren Kadaver, der am Tag in der Sonne auf den Felsen des Ufersaumes liegt:

 

 

Natürlich spekulieren weltweit die Internetuser über die Identität des Kadavers. Die Vermutungen gehen in Richtung Seekuh wie Manati oder Dugong, Alligator, Krokodil oder Meerjungfrau. Natürlich sind auch die üblichen „Mutanten“-Meinungen dabei, über die man sich am besten selbst ein Bild macht.

Die erste Analyse

Zunächst kann man getrost die Tiere, die nicht einmal in der Nähe von Surigao del Norte vorkommen, ausschließen. Das sind in dem Fall Manatis und Alligatoren. Meerjungfrauen bleiben aus praktischen Gründen außen vor.

 

Da zahlreiche Bilder veröffentlicht wurden, sind auch viele anatomische Details zu sehen.

Bei den sichtbaren Skelettteilen handelt es sich eindeutig um Säugetierknochen. Aufgrund des fehlenden Beckenknochens kann man alle Säugetiergruppen außer Seekühen und Walen ausschließen. Auch wenn eine im Netz häufig geteilte Vermutung das Manati war: Rundschwanzseekühe kommen in der Gegend nicht vor. Man findet sie im zentralen Amazonastiefland, an der amerikanischen Atlantikküste zwischen der Amazonasmündung und Florida sowie in der Karibik. Eine dritte Art bewohnt die Flüsse und Küstengewässer Westafrikas, zwischen Angola und Senegal.

 

Vorkommen der drei Manati-Arten (Florida-Manati: hellblau, Amazonas-Manati: rot, Afrikanisches Manati: braun) und der Fundort auf den Phillippinen (Fähnchen)

Und wenn’s doch ein Out-of-Place Manati war?

 

Out-of-Place-Tiere sind nie völlig auszuschließen, aber damit ein Manati auf die Phillippinen kommt, muss es schon außergewöhnlich verdriftet werden. Der kürzeste Weg (Luftlinie) wäre durch Afrika hindurch über den afrikanischen Grabenbruch (ca. 12.000 km), oder von Golf von Mexiko übers Land in den Pazifik und dann 14.000 km durchs offene Meer.

Wenn die Strecke „realistischer“, also im Wasser zurückgelegt würde, müssten die amerikanischen Manatis um die eisigen Gewässer von Kap Horn, während die Afrikaner die nicht wesentlich einladenderen Gewässen ums Kap der Guten Hoffnung passieren müssten.

Manatis sind ausgesprochene Langsamschwimmer, die mit starken Strömungen, kräftigem Wellengang und bewegtem Wasser nicht zurecht kommen. Sie bevorzugen Wassertemperaturen über 20°C, bei kaltem Wasser erfrieren sie schnell. Hinzu kommt, dass ihnen an vielen Küsten der möglichen Routen einfach die Nahrung fehlt.

 

Gabelschwanzseekühe, die Dugongs kann man aufgrund der Schädelform relativ schnell ausschließen.

 

Schädel eines Dugongs Rosenstein
Der Schädel des Dugongs hat stark nach unten gekrümmte massive Kiefer, in denen lediglich kurze breite Malzähne und ein paar kurzer Stoßzähne sitzen.

 

So bleiben nur die Wale. Für einen Wal sieht der Schädel jedoch sehr ungewöhnlich aus. Normalerweise erwartet man bei Walen lange, schmale Schädel mit großen Kiefern. Beim Surigao-Kadaver ist er aber sehr kurz und rundlich, mit sehr weit oben liegenden Augenhöhlen und – besonders interessant – kleinen gebogenen und sehr spitzen Zähnen.

Dieser Schädel aus dem Field Museum of Natural History zeigt die für Kogia-Arten charakteristischen, schlanken, spitzen Zähne sehr deutlich. Beim Kadaver waren sie auch erkennbar. (CC 1.0 Field Museum)

 

Diese Schädelform, die langen und schlanken, fast krallenartigen Zähne sowie der gebogene Kiefers sind nahezu eindeutige Merkmale für ein Mitglied der Gattung Kogia: den Zwergpottwal (Kogia breviceps) oder Kleinen Pottwal (Kogia simus).

 

 

Kogia-Skelett, Tadoussac
Kogia-Skelett aus dem Centre d´Interpretations des mammiferes marines‘ aus Tadoussac, Kanada

 

Das meiste Weichgewebe ist verwest. Dies erklärt auch die „Haare“ in der ursprünglichen Beschreibung: Es sind Gewebefasern.

 

Der Gegencheck

Wie passt das, was man beim Kadaver findet, zu einem vollständigen Zwergpottwal?

Das erste Bild zeigt eine simple Rekonstruktion der Position des Schädels im Kopf. Dabei ist es wichtig zu wissen, dass der Schädel (gelb) von Zwergpottwalen und Kleinen Pottwalen in einem 45° Winkel zum Rumpf im Kopf sitzt, daher sind die Augen auch so hoch am Kopf. Dann muss man bedenken dass der Kopf-und Nackenbereich größtenteils skelettiert sind, so dass der Schädel in einem unnatürlich starken Winkel zum Brustkorb nach unten gebogen ist.
Das zweite Bild zeigt eine tiefergehende Rekonstruktion: Das Spermaceti-Organ (orange), das die typische nach vorne stehende Schnauzenform des Zwergpottwals ausmacht, ist hier allerdings durch Verwesungsvorgänge bereits völlig verloren. So unterscheidet sich die Kopfform fast komplett vom lebenden Tier.

Kommen Zwergpottwale bei den Phillippinen vor?

Wenn es sich bei dem Kadaver um eine Kogia-Art handelt, ist es wahrscheinlich, dass diese Art bereits in dem Gebiet bekannt ist. Diese Tiere werden selten angeschwemmt, so dass man insgesamt davon ausgehen kann: Wo so ein Tier strandet, kommt die Art zumindest zeitweise (z.B. beim Durchwandern) oder dauerhaft vor. Oder andersrum: Wenn ein Kadaver angeschwemmt wird, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er von einem in der Gegend generell bekannten Tier stammt.

 

Kogia
Meine Rekonstruktion eines Kogias, der sich mittels eines tintenartigen Sekretes vor einem Hai zu verbergen sucht.

 

Für die Identifikation der Art hilft das nicht weiter, beide Arten sind weltweit in tropischen Meeren verbreitet und kommen auch zwischen den Inseln der Philippinen vor. Generell lebt Kogia simus näher an der Küste, so dass er zwischen den Inseln der Philippinen eher zu erwarten ist. In der nahe gelegenen Tanon-Straße, einer Meerenge, haben die Behörden unter anderem wegen des Vorkommens dieser Art ein Meeresschutzgebiet errichtet.

 

Das ist jedoch kein Ausschlusskriterium für Kogia breviceps.


 

Auf meinem Blog habe ich am 3. November 2019 einen Beitrag über Zwergpottwale veröffentlicht.

 


 

Einen weiteren Artikel über einen Kogia, der sich ins Flachwasser verirrte, dort von einem Seelöwen erschreckt wurde und in Folge dessen zunächst große Mengen der tintenartigen Darmflüssigkeit absonderte, aber kurz drauf einen schweren Unfall hatte, haben wir hier: „The Ocean is a wild and scary place“

Die Redaktion