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Dire-Wölfe gelten als einer der häufigsten und am weitesten verbreiteten großen Fleischfresser im pleistozänen Amerika, über ihre Entwicklung oder ihr Aussterben ist jedoch relativ wenig bekannt. Frühere morphologische Analysen, führten zu der Annahme geführt, die Dire-Wölfe seien eng mit modernen Grauwölfen (Canis lupus) verwandt gewesen. Um die Evolutionsgeschichte der Dire-Wölfe zu rekonstruieren, sequenzierte ein internationales Team von Genforschern fünf Genome aus den versteinerten Überresten im Alter von 12.900 bis mehr als 50.000 Jahren. Ihre in der Zeitschrift Nature veröffentlichten Ergebnisse zeigen, dass die Dire-Wölfe eine separate Linie waren, die sich vor etwa 5,7 Millionen Jahren von lebenden Caniden trennte. Dies reicht mehr als aus, sie aus der Gattung Canis zu entfernen und die bereits 1918 postulierte Gattung Aenocyon für den Dire-Wolf oder Schattenwolf zu reinstallieren. 

 

Der Dire-Wolf

Der Karlsruher Dire-Wolf
Aenocyon dirus-Darstellung im Naturkundemuseum Karlsruhe (Foto: Ghedoghedo)

Dire-Wölfe waren große wolfsähnliche Caniden. Sie wogen etwa zwischen 34 und 68 kg, das sind ca. 25% mehr als Grauwölfe. Die Tiere gehörten zu den häufigsten ausgestorbenen großen Fleischfressern der amerikanischen Megafauna des späten Pleistozäns. Ihre Überreste sind in den nordamerikanischen Funden von vor mindestens 250.000 bis etwa 13.000 Jahren vor heute am Ende des Pleistozäns enthalten.

 

Andere canide Arten, die im späten Pleistozän Nordamerika vorkamen, sind der etwas kleinere Grauwolf, der viel kleinere Kojote (Canis latrans) und der Rotwolf (Canis rufus), obwohl Dire-Wölfe insgesamt häufiger vorkommen.

 

Kasten: Die Caniden

Die Hunde (Canidae) sind eine Familie innerhalb der Überfamilie der Hundeartigen (Canoidea). Zu den Canidae (deutsch Caniden) gehören beispielsweise die Füchse, verschiedene als „Schakal“ bezeichnete Arten, Kojoten und Wölfe, deren domestizierte Nachfahren (die Haushunde) als Namensgeber für die Gruppe dienten. In der Taxonomie nennt man diese Familie Canidae, von lat. Canis („Hund“).

Kojote
Ein Kojote ruht.

Die Caniden zeigen drei oder vier Haupt-Entwicklungslinien, die jeweils eine ganz eigene Evolutionsgeschichte aufzeigen: Die klassische Klade der Graufüchse stellt die Schwestergruppe zu allen anderen Caniden. Sie ist am nächsten mit der Klade der Rotfuchsartigen verwandt. Die Rotfuchsartigen sind aber selber näher mit den beiden anderen Kladen verwandt. Die Südamerika-Klade und die Klade der Wolfsartigen stehen im Schwestergruppenverhältnis und bilden gemeinsam die Tribus Canini.

 

Der Dire-Wolf steht nach wie vor in der Tribus Canini, auch in der Kladde der Wolfsartigen.

 

Nicht mit dem „normalen“ Grauwolf verwandt

Dire-Wölfe wurden im Allgemeinen als Schwesterspezies oder sogar als Unterart oder Form der Grauwölfe beschrieben. Die Haupthypothese zur Erklärung ihres Aussterbens war, dass Dire-Wölfe aufgrund ihrer Körpergröße stärker auf die Jagd auf große Beute spezialisiert waren als Grauwölfe und Kojoten. Sie starben dann mit der nordamerikanischen Megafauna aus.

 

„Dire-Wölfe waren schon immer eine Ikone der letzten Eiszeit in Amerika und dank Game of Thrones jetzt auch eine Ikone der Popkultur. Was wir über ihre Evolutionsgeschichte wissen, war auf Größe und Form von ihren Knochen und Zähnen beschränkt “, sagte die Co-Hauptautorin Dr. Angela Perri dem Magazin SciNews. Die Wissenschaftlerin forscht in der Archäologischen Abteilung der Durham University.

Wolf auf einem bemoosten Felsen
Rezenter Grauwolf

„Mit dieser ersten DNA-Analyse der Dire-Wölfe haben wir gezeigt, dass die Geschichte dieser eigentlich gut bekannten Tiere tatsächlich viel komplizierter ist als bisher angenommen.“

 

„Sie sind nicht eng mit den anderen nordamerikanischen Caniden wie Grauwölfen und Kojoten verwandt. Wir stellten fest, dass Dire-Wölfe einen Zweig darstellen, der sich vor Millionen von Jahren von anderen Caniden abgespalten hat und sie den letzten Teil einer inzwischen ausgestorbenen Linie darstellen.“

 

Der Wolf Hollywoods

„Der Dire-Wolf ist ein legendäres Symbol für Los Angeles und die Teergruben von La Brea. Er hat sich seinen Platz unter den vielen großen, einzigartigen Arten verdient, die am Ende des Pleistozäns ausgestorben sind“, sagte Co-Autor Professor Robert Wayne. ein Forscher in der Abteilung für Ökologie und Evolutionsbiologie an der University of California, Los Angeles.

Die Teergruben von La Brea liegen inmitten der Stadt Los Angeles und sind eine der bedeutendsten Fundstellen der Makrofauna Nordamerikas. Über 30.000 Jahre (40.000 bis 10.000 Jahre vor heute) sind zahllose kleine und große Tiere in den tückischen, giftigen Sümpfen versunken und fossil erhalten geblieben. Die eindrucksvolle Sammlung von Aenocyon dirus-Schädeln im George C. Page-Museum, das direkt im Gebiet der Quellen liegt, umfasst mehr als 1600 Exemplare.  

Dire-Wolf schädel aus La Brea
Dire-Wolf-Schädel aus der Teergrube von La Brea in Los Angeles. Hier wurden mehr als 3600 Individuen gefunden.

 

„Dire-Wölfe werden manchmal als Fabelwesen dargestellt – Riesenwölfe, die durch trostlose, gefrorene Landschaften streifen -, aber die Realität erweist sich als noch interessanter“, fügt Co-Hauptautor Dr. Kieren Mitchell hinzu, der am australischen Zentrum für antike DNA an der Universität von Adelaide forscht.

 

Für die Studie suchten die Forscher in 46 subfossilen Exemplaren von Dire-Wölfen nach konservierter DNA. Sie fanden fünf Proben aus Idaho, Ohio, Tennessee und Wyoming aus der Zeit zwischen 12.900 und mehr als 50.000 Jahren. Diese Funde enthielten genug DNA, um sowohl mitochondriale als auch nukleare Genomsequenzen zu erhalten.

 

Kein Genfluss mit anderen Arten

Dabei fanden die Forscher keine Hinweise auf einen Genfluss zwischen Dire-Wölfen und nordamerikanischen Grauwölfen oder Kojoten. Das Fehlen jeglicher genetischer Übertragung weist darauf hin, dass sich Dire-Wölfe isoliert von den eiszeitlichen Vorfahren dieser anderen Arten entwickelt haben.

„Wir haben festgestellt, dass der Dire-Wolf nicht eng mit dem Grauwolf verwandt ist“, zieht Co-Autorin Dr. Alice Mouton als Fazit. Die Forscherin sitzt am Institut für Ökologie und Evolutionsbiologie der University of California in Los Angeles. „Weiter zeigen wir, dass sich der Dire-Wolf nie mit dem Grauwolf vermischt hat. Im Gegensatz dazu können und tun das Grauwölfe, afrikanische Wölfe, Hunde, Kojoten und Schakale.“

Rotwolf Canis rufus
Im Genom des mittelgroßen Rotwolfes finden sich Anteile vom größeren Grauwolf und vom kleineren Kojoten. Foto: Red Wolf Recovery Programm

„Dire-Wölfe haben sich wahrscheinlich vor mehr als 5 Millionen Jahren von der Linie der Grauwölfe abgetrennt. Eine große Überraschung war, dass diese Divergenz so früh auftrat. Dieses Ergebnis zeigt, wie besonders und einzigartig der Dire-Wolf war.“

Die Vorfahren von Grauwölfen und den viel kleineren Kojoten haben sich in Eurasien entwickelt. Ihre Vorfahren sind zu Beginn der Waal-Warmzeit, vor weniger als 1,37 Millionen Jahren nach Nordamerika eingewandert. Sie sind dort – evolutionär gesehen – junge Arten.

Ein „echter amerikanischer Wolf“

Aufgrund des großen genetischen Unterschieds zu diesen Arten nehmen die Forscher an, dass der Dire-Wolf seinen Ursprung in Amerika hat.

Die Autoren schlagen auch vor, den Dire-Wolf aufgrund des großen evolutionären Abstandes zu den anderen Canis-Arten in eine andere Gattung einzuordnen: Aenocyon, wie es der Paläontologe John Campbell Merriam vor über 100 Jahren eingeführt hatte.

Canis armbrusteri, Vorläufer des Dire-Wolfes
Fossiler Schädel des Armbruster-Wolfes (Netzfund)

 

„Als wir mit dieser Studie begannen, dachten wir, dass der Dire-Wolf nur eine Art großer, kräftiger Grauwolf war. Wir waren überrascht zu erfahren, wie extrem die genetischen Unterschiede waren. So groß, dass sie sich wahrscheinlich nicht hätten fruchtbar paaren können“, sagte der leitende Autor Professor Laurent Frantz, Forscher an der School of Biological and Chemical Sciences der Queen Mary University in London und am Department of Veterinary Sciences der Ludwig Maximilian University.


Die aktuelle Vorstellung der Evolution der Dire-Wölfe

Die Abstammungslinien, an deren Ende der Dire-Wolf bzw. der rezenten Grauwolf Canis lupus stehen, trennten sich bereits vor 5,7 Millionen Jahren. Der letzte, noch ungenannte Vorfahre lebte vermutlich im Bereich Alaska-Beringia-Sibirien. Vor mindestens 1,37 Millionen Jahren wanderten die Vorfahren des Dire-Wolfes über die/ von der Bering-Landbrücke nach Amerika ein. In Eurasien starben sie ohne Nachkommen aus. In Amerika entwickelten sie sich vor etwa 800.000 Jahren zu einer Spezies, die Armbruster-Wolf genannt wird. Sie wanderte unter anderem in den Nordwesten Südamerikas, wo sie sich halten konnte, während sie in Nordamerika ausstarb. In den Anden und an der Westküste Südamerikas entstand vor etwa 100.000 Jahren die große, schwere Form, die als Dire-Wolf Nordamerika erneut eroberte.

Mit dem Aussterben der Megafauna musste auch der Dire-Wolf von der Bildfläche verschwinden. Zu diesem Zeitpunkt waren die Grauwölfe bereits in Nordamerika etabliert. Die ersten Grauwölfe außerhalb Alaskas datieren auf 57.000 Jahre vor heute. Sie gehörten zu einer heute ausgestorbenen Linie. Weitere Funde von vor 32.000 bis 35.000 Jahre vor heute  stehen den den eurasischen Wölfen sehr nahe.

Die beiden Arten koexistierten also mehr als 20.000 Jahre, was deutlich gegen eine ausschließende Konkurrenz spricht. Dort, wo sie vorkam, z.B. bei Dingos und Beutelwölfen, ging das Aussterben der unterlegenen Art deutlich schneller.

 

Die Autoren der Studie haben den Dire-Wolf in eine heute bisher nicht genutzte, historische Gattung gestellt. So heißt er danach Aenocyon dirus. Die ersten Canis-Arten wurden vor 3,4 Millionen Jahren in Europa nachgewiesen. Dem entsprechend müsste der Armbruster-Wolf auch in diese Gattung gehören und Aenocynon armbrusteri heißen.

Die genannten Arten

Grauwölfe Canis lupus sind heute eigentlich beinahe im kompletten Eurasien außer Hinterindien und in Nordamerika verbreitet. „Eigentlich“, denn in vielen Teilen hat der Mensch sie fast oder vollständig ausgerottet, so in den meisten der zusammenhängenden US-Staaten, in Mitteleuropa, Indien, China und Japan. Ein Grauwolf erreicht je nach Unterart eine Kopf-Rumpflänge von etwa 1 bis 1,6 m und 25 bis 40 kg. Er ist das, was wir heute als „Wolf“ kennen, unabhängig von seiner Fellfarbe, die von Schneeweiß über Mittelgrau, schattig angehaucht, bräunlich bis zu nahezu vollständig schwarz variieren kann.

 

Armbrusters Wolf Aenocynon armbrusteri ist aus dem späten Pliozän bis mittleren Pleistozän Nordamerikas und dem Nordwesten Südamerikas bekannt. Er trat vor etwa 1,5 Millionen Jahren das erste Mal auf und starb vor etwa 300.000 Jahren aus. Er war größer und schwerer als der Grauwolf, vermutlich lagen sie im Schnitt bei 40 bis 55 kg. Einzelexemplare wurden auf 54 und 63 kg geschätzt. Seine Schnauze war schmaler als die des Grauwolfes, was auf geringere Beißkraft und möglicherweise kleinere Beute hinweist.

 

Der Dire-Wolf Aenocynon dirus ist aus dem mittleren und oberen Pleistozän Nordamerikas und dem Nordwesten Südamerikas bekannt. Er trat vor etwa 800.000 Jahren das erste Mal auf und starb vor etwa 12.500 Jahren aus. Er war noch größer und schwerer als Armbrusters Wolf, durchschnittliche Exemplare waren so groß wie sehr große Grauwölfe mit 1,5 m Kopf-Rumpf-Länge und über 50 kg Gewicht.
Kürzere Beine lassen auf weniger ausdauerndes Laufen schließen. Kräftige, oft stark abgenutzte Reißzähne deuten auf regelmäßiges Knochenfressen hin. Möglicherweise verwerteten sie Kadaver nahezu vollständig, wie heutige Tüpfelhyänen es tun.

Bemerkenswert und gegen alles, was in den Fantasy-Filmen, -Serien und -Spielen gezeigt wird: Die Nähe zu Arten wie dem Andenfuchs und den Schakalen lässt ein rötliches Fell – ähnlich wie bei den Rothunden Indiens – möglich erscheinen.


Literatur

Anon.: Dire Wolves Split from Living Canids 5.7 Million Years Ago: Study; SciNews http://www.sci-news.com/paleontology/dire-wolf-genome-09254.html

Meachen, J. et al.A mummified Pleistocene gray wolf pup. Current Biology 30, 2020, S. R1455–R1468, doi:10.1016/j.cub.2020.11.011

Perri, A.R., Mitchell, K.J., Mouton, A. et al. Dire wolves were the last of an ancient New World canid lineage. Nature (2021). https://doi.org/10.1038/s41586-020-03082-x

Ramos-Madrigal, J. et al.: Genomes of Pleistocene Siberian Wolves Uncover Multiple Extinct Wolf Lineages. Current Biology 31, 2021, S. 1–9, doi:10.1016/j.cub.2020.10.002.

Tedford, R.H et al. „Phylogenetic Systematics of the North American Fossil Caninae (Carnivora: Canidae)“(PDF). Bulletin of the American Museum of Natural History. 325: 1–218., 2009 doi:10.1206/574.1

Von Tobias Möser

Tobias Möser hat Biologie, Geologie und Wirtschaftswissenschaften studiert. Schon als Kind war er vor allem an großen Tieren, Dinosauriern, später Walen interessiert. Mit der Kryptozoologie kam er erst 2003 in näheren Kontakt. Seit dieser Zeit hat er sich vor allem mit den Wasserbewohnern und dem nordamerikanischen Sasquatch befasst. Sein heutiger Schwerpunkt ist neben der Entstehung und Tradierung von Legenden immer noch die Entdeckung „neuer“, unbekannter Arten. 2019 hat er diese Website aufgebaut und leitet seit dem die Redaktion.