Neues vom Beutelwolf (2021)

Lesedauer: etwa 12 Minuten
image_pdfimage_print

In den letzten Tagen gab es drei heiße Nachrichten zum Beutelwolf. Wie kann es Neues von einem Tier geben, das seit fast 85 Jahren ausgestorben ist? Doch lest selbst:

Der letzte Beutelwolf?
„Benjamin“, der letzte bekannte Beutelwolf 1932.

Neue Studie lässt das Aussterben des Beutelwolfes später erscheinen

Offiziell ist der Beutelwolf 1936 ausgestorben. Endling Benjamin starb am 7. September 1936 im Beaumaris Zoo in Hobart, Tasmanien und damit, wie man erst später feststellte, das letzte bekannte Exemplar einer bemerkenswerten Tierart.
Ein wirkliches Interesse an dieser Art, das über die „Schädlingsbekämpfung“ hinaus ging, entstand erst nach der Jahrhundertwende, als die Populationen zusammengebrochen waren. Eine ältere Studie berechnete ein Überleben der Art bis in die 1950er-Jahre (Sleightholme & Campbell, 2016).

 

An der aktuellen Studie sind die beiden Autoren Sleightholme und Campbell wieder beteiligt. Sie können zurecht als die beiden bekanntesten Beutelwolf-Fachleute gelten. Cameron R. Campbell betreibt das virtuelle Thylacine Museum, Stephen R. Sleightholme ist Projekt Director der International Thylacine Specimen Database.

 

Dennoch ist die Studie noch mit Vorsicht zu genießen. Sie ist bisher nur als Preprint veröffentlicht, sie muss noch den Peer-Review-Prozess durchlaufen!

Elektrisierende Neuigkeiten

Bereits im 2. Absatz der Studie elektrisieren die Autoren mit dem Satz „Wir zeigen mit einer einmaligen und robusten Raum-Zeit-Kartierung und Modellrechnung, unterlegt mit der weltweit ersten Sichtungsdatenbank, dass der Beutelwolf vermutlich bis ins späte 20. Jahrhundert überlebt hat, mit einiger Wahrscheinlichkeit noch heute lebt.“

 

Tasmanien
Waldweg in Tasmanien, im Lebensraum der Beutelwölfe

 

Doch was genau bedeutet das? Hier muss ich leider ein wenig ausholen. „Robust“ bedeutet in diesem Zusammenhang, dass nicht einfach irgendwelche Daten übernommen wurden, sondern die Qualität der Daten überprüft und bewertet wurden. Dazu hat Steven Smith 1981 eine Skala entwickelt, mit der die Qualität einer Sichtung bewertet werden kann:

(Bewertungsskala für Beutelwolf-Sichtungen als pdf-Dokument)

 

Hinzu kommt, dass die Autoren durch jahrzehntelange Erfahrung mit dem Beutelwolf auf eine sehr umfangreiche Beutelwolf-Datenbank zurückgreifen können: 1237 Einträge zwischen 1910 und 2019, darunter 99 physische Nachweise, 429 Sichtungen durch Experten (ehemalige Beutelwolfjäger, Buschleute), 226 Einträge gelten als nicht verifiziert.

 

Der Fragebogen in Action

 

Eine Animation einer Karte von Sichtungen zwischen 1900 und 1940 findet sich auf den Seiten des Thylacine Museums. Sie kann aus rechtlichen Gründen hier nicht wiedergegeben werden, ist aber zu eindrucksvoll, um sie hier nicht zu erwähnen.

 

Aus den Sichtungsberichten entwickelten die Autoren ein Modell der Populationsentwicklung, nicht nur für ganz Tasmanien, sondern kleinräumig. Die einzelnen, berechneten Elemente sind 1 x 1 Bogenminuten groß, das entspricht im Norden Tasmaniens etwa 1,62 km², im Süden etwas weniger. So konnten sie einzelne Hotspots identifizieren und die Populationsentwicklung auch speziell für diese berechnen.

 

Unerwartetes Ergebnis

Erwähnenswerte „Spikes“, also Ausreißer mit hoher Zahl der Sichtungen waren 1937 – und 1970. Letztere ist vermutlich auf eine medial stark beachtete, aber letztlich erfolglose Expedition zurück zu führen. Insgesamt waren die Sichtungszahlen zwischen 1940 und 1999 ziemlich konstant, fielen aber seit dem Jahr 2000 substanziell ab: Zahl und Qualität der Sichtungsberichte sanken gleichermaßen.

 

 

Die Abbildung zeigt das berechnete räumliche Aussterbemuster für den Beutelwolf in Tasmanien. Die Farben der Karte zeigen das abgeleitete Jahre der lokalen Ausrottung. Die Ergebnisse wurden durch Anpassen eines neu gerechneten Extinktionsdatum-Schätzermodells erzeugt. In diesem Modell wurde das Aussterbedatum durch die Sichtungsunsicherheit und Entfernung vom Zielpixel gewichtet

Abb. A. mittlere Extinktionszeit (MTE) und Abb. B. oberes Konfidenzintervall (UCI = optimistischste, realistische Abschätzung) für Aufzeichnungen zwischen 1910 und 1937 (eine Mischung aus verifizierten und unsicheren Aufzeichnungen, n = 258). C, D wie A, B, außer dass nur Aufzeichnungen ab 1938 verwendet werden (alle unsicheren Aufzeichnungen, n = 979).

 

Die Kreise in jedem Diagramm zeigen individuelle Sichtungen, deren Größe auf der Grundlage ihrer Nennqualität erfolgt: 5 (höchste Qualität) für die größten Kreise bis 1 (niedrigste) für die kleinsten.

 

Hieraus berechneten die Autoren ein wahrscheinliches Datum des Aussterbens und eine kumulative Wahrscheinlichkeit, dass die Art noch existiert. Sie nutzten hierzu ein Szenario, bei dem Sichtungen mit niedriger Punktzahl besonders niedrig in die Berechnungen einflossen, um die Auswirkung falsch-positiver Meldungen zu minimieren. Daraus ergab sich ein wahrscheinliches Aussterben um das Jahr 2007 (Abb. A)

 

 

Die Wahrscheinlichkeit, dass die Art noch „irgendwo da draußen“ ist, lag nach Berechnung der Autoren bis in die 1980er bei nahezu 100% (Abb. B).  Danach fiel sie stark ab, etwa 2007 lag sie nur noch bei 50% und fiel weiter. Um das Jahr 2020 flachte die Kurve etwas ab, so dass sie bei etwa 17% lag. Erst gegen 2045 soll sie sich der Null annähern.

 

Anmerkung: Auch wenn es verlockend aussieht: Abb. B zeigt nicht den Populationsverlauf der Beutelwölfe. Abb. C ist hier intuitiver: Sie zeigt die Wahrscheinlichkeit, wann das letzte Exemplar gestorben sein kann.

Literatur:

Barry W. Brook, Stephen R. Sleightholme, Cameron R. Campbell, Ivan Jarić, Jessie C. Buettel: Extinction of the Thylacine; bioRxiv 2021.01.18.427214;
doi: https://doi.org/10.1101/2021.01.18.427214

 

Der Artikel ist als Volltext-Artikel verfügbar.

 

Bestiarium: Zeugnisse ausgestorbener Tierarten

Mammut, Dodo, Höhlenbär und Beutelwolf waren einst weit verbreitet und regen heute nur noch als Fabeltiere unsere Fantasie an. Über Jahrtausende haben Menschen Tiere bis zur Ausrottung gejagt, ihre Habitate zerstört und empfindliche Ökosysteme erheblich beeinträchtigt. Warum ist ein so großes Raubtier wie der Java-Tiger ausgestorben? Was geschah mit dem Lachkauz? Und wie konnten Nilbarsche im Victoriasee ein ökologisches Desaster auslösen? Das «Bestiarium» gibt Antworten auf diese und viele weitere Fragen. Im Zentrum dieses reich bebilderten Werkes steht das Schicksal von 69 Tierarten, die in den letzten 50 000 Jahren wegen uns Menschen verschwunden sind.

 

Bestiarium: Zeugnisse ausgestorbener Tierarten ist als großformatig gebundenes Buch mit 168 Seiten im Haupt-Verlag 2014 erschienen.

 

Beutelwolfforschung könnte den Weg für die Wiederschaffung ausgestorbener Tiere bereiten

Als Prof. Michael Archer, damals Direktor des Australian Museums in Sydney das Beutelwolf-Klon-Projekt ins Leben rief, galt es als extrem ambitioniert. Auf die Fachwelt und noch mehr auf die Medien wirkte es, als wolle jemand Jurassic Park nachbauen.

Archer stand damals ein Jungtier zur Verfügung, das mehr als 100 Jahre vorher in Alkohol präpariert war – eine hervorragende Art, DNA zu konservieren. Dennoch ist die DNA in den meisten Präparaten nach etwa 5 Jahren so weit fragmentiert, dass man nur selten etwas damit anfangen kann. Doch das Museum hatte noch einen Trumpf im Ärmel bzw. Beutelwolf im Archiv: Ein Skelett, aus dessen Zähnen tatsächlich noch DNA gewonnen werden konnte.

Beutelwolf in Wien
Das Wiener Exemplar, leider sind bei solchen Dermoplastiken kaum Chancen, DNA gewinnen zu können.

Bereits 2002, nach nur zwei Jahren gelang es, individuelle Beutelwolfgene mit der PCR-Methode zu vervielfältigen – alleine: man konnte damit nicht viel mehr anfangen, als sie mit anderen Tieren zu vergleichen. Für einen erfolgreichen Klon reichte es leider noch nicht.

Künstliche Chromosomen?

Um die DNA so aufzuteilen, dass man aus den unzähligen Fragmenten ein tatsächliches Genom zusammenstellen kann, müssen die Wissenschaftler sie zu künstlichen Chromosomen ordnen. Bis vor Kurzem galt das als völlig unmöglich. Doch die Vorarbeit war bereits getan, ein Team um Huntington Willard aus Cleveland (Ohio, USA) kündigte bereits 1997 das erste künstliche menschliche Chromosom an. Mit diesem Wissen schufen die Wissenschaftler tatsächlich künstliche Chromosomen und injizierten sie in entkernte Eizellen des Tasmanischen Teufels und des Riesenbeutelmarders. Sie sind die nächsten lebenden Verwandten des Beutelwolfs.

Dasyurus maculatus
Der Riesenbeutelmarder Dasyurus maculatus. Foto: Arnd Bergmann CC 4.0, aufgehellt.

Ein Problem ist, dass der Beutelwolf so einzigartig ist, dass die „nächsten lebenden Verwandten“ einen gemeinsamen Vorfahren mit ihm teilen, der seit mindestens 30 Millionen Jahren ausgestorben ist. Die Eizellen enthalten trotz der Entkeimung noch die mitochondriale DNA des Spenders. Diese muss mit der Kern-DNA in vielen Fällen erfolgreich interagieren. Diese aber stammt von künstlichen Chromosomen und einer eher entfernt verwandten Spezies. Das macht einen Vorgang, der in der Nutz- und Versuchstierzucht Routine ist, einzigartig kompliziert.

Die Sache mit dem Beutel

Vermutlich handelt es sich hierbei um die zentrale Hürde. Das Austragen des Embryos wird durch die spezielle Reproduktionsmethode der Beuteltiere erleichtert. Beuteltiere kommen schon in einem extrem frühen Stadium lebend auf die Welt, wandern dann in den Beutel und saugen sich an einer Zitze fest, die im Maul des Embryos anschwillt, so dass dieser nicht verloren gehen kann. Das ermöglicht es, den Embryo eines 16 kg schweren Beutelwolfes von einem etwa ein Drittel so schweren Beutelteufel austragen zu lassen. Wenn dann der junge Beutelwolf geboren wird, ist er so groß wie ein Gummibärchen. Dann wird es nicht schwer, ihn auf dem Weg in den Beutel aufzufangen und an ein größeres Beuteltier weiter zu geben.

 

Känguru Baby
Känguru Baby im Beutel. Foto: Geoff Shaw CC 3.0

 

Hier kommt dann Professor Andrew Pask von der Uni Melbourne ins Spiel. Er hat die DNA des Beutelwolfes mittlerweile komplett „gemapt“, also eine Art Landkarte erstellt, wo und auf welchem Chromosom welches Gen liegt. So liegt dem Bau künstlicher Chromosomen nichts mehr im Weg.

Nicht mehr nur Science-Fiction

Nichts mehr, als der Versuch, das theoretische Wissen in praktische Technik umzuwandeln. Oder anders ausgedrückt: Pask und sein Team wissen, wo sie stehen, sie wissen, wo sie hin wollen und sie haben alle notwendigen Werkzeuge dazu. Sie wissen „nur“ nicht, wie es geht: „Es ist nicht mehr nur Science-Fiction. Wir haben die Werkzeuge, es würde nur sehr lange dauern.“, so Pask.

Nach Pask’s Schätzung wird es Jahrzehnte dauern und mehrere Milliarden Dollar kosten, um diesen Weg zu finden, würde man es heute versuchen. Bisher hat sich die Biotechnologie oft schneller entwickelt, als man zu einem bestimmten Zeitpunkt erwartet hat. Viele Projekte in diesem Bereich sind deswegen schneller und billiger abgeschlossen worden, als zu dem Zeitpunkt geschätzt.

 

Pask sagt hierzu sehr weise: „Wollen wir das Geld und die Zeit wirklich dafür verwenden? Offensichtlich ist es besser, das Geld in den Schutz der Beuteltiere zu investieren, die wir (noch) haben.“

Etwas schlitzohrig ist die Aussage schon: Ein Team in den USA arbeitet an einem ähnlichen Projekt, um das Wollhaarmammut zu klonen. Pask und sein Team könnten dann aus deren Erfahrungen lernen.

 

Der Beutelwolf Thylacinus cynocephalus

Seit 30 Jahren sammelt der Verfasser Daten über den Beutelwolf. In rund 30 Museen Europas, Australiens und der USA fotografierte und vermaß er Präparate, Schädel und Skelette und trug in mehreren Publikationen zum Wissen über die Art bei. In den Archiven von Launceston und Hobart/Tasmanien sichtete er das z. T. unveröffentlichte Bild- und Textmaterial und befragte letzte Augenzeugen; Wissenschaftlern und Hobbyzoologen verdankt er manche wertvollen Hinweise.

 

Der Beutelwolf: Thylacinus cynocephalus gilt auch 20 Jahre nach der Publikation immer noch als das deutschsprachige Standardwerk zum Beutelwolf. Es ist 1997 bei der VerlagsKG Wolf als Paperback erschienen und hat 196 Seiten.

Neue Beutelwolfsichtung 2021

21.01.2021, Adelaide Hills

Am 21.1.2021 sah ein Beobachter einen Beutelwolf in den Adelaide Hills, dem Hinterland von Adelaide auf dem australischen Festland. Hier ist die Übersetzung des Sichtungsberichtes:

 

 

Beutelwolf-Sichtung 21/01/21:

„Um etwa 6 Uhr früh, südaustralischer Zeit vor zwei Tagen verließ ein Mann sein Haus und erstarrte vor Ehrfurcht. Er sah im vorderen Teil seines Besitzes in den Adelaide Hills etwas, das er nur als weiblichen Beutelwolf mit zwei Jungen beschreiben kann. Die Jungen spielten um das Weibchen, etwa 6 bis 10 m entfernt. Er hatte kein Telefon dabei und war einfach nur überrascht.
Seine Frau hatte dem Zeugen von einem großen Tier erzählt, das sie vor drei Jahren an einem kleinen Damm auf seinem Land gesehen habe. Er hatte ihr nicht geglaubt.“

 

 

Neil Waters, Gründer und Kopf der „Thylacine Awareness Group of Australia (TAGOA)“ gilt als einer der bekanntesten Beutelwolf-Tracker. Er hatte diesen Augenzeugenbericht in den sozialen Medien verbreitet. Waters kontaktierte den Beobachter und fragte nach weiteren Informationen. Unter anderem berichtete der Zeuge von sich wiederholenden „seltsamen“ Rufen. Genau dieses Geräusch habe das Muttertier während der Beobachtung gemacht.

 

Beutelwölfe
Beutelwölfe, von Stephen J. Gould gemalt

 

Unsere Bewertung der Sichtung: Sichtungen auf dem australischen Festland sind nahezu ausgeschlossen, auch wenn sie in der letzten Zeit häufiger vorkommen. Dort hatte der Dingo – anders als auf Tasmanien – mehrere 1000 Jahre Zeit, den Beutelwolf gründlich und nachhaltig zu verdrängen.

Von den „klassischen“ Festland-Sichtungen, die teilweise durch Filme oder Fotos unterstützt wurden, hat sich keine als auch als Kandidat für eine erfolgversprechende Untersuchung erwiesen. Wieso es ausgerechnet jetzt in einem der Ballungsräume des Kontinentes zu einer solchen Sichtung kommt, ist unklar. Corona? Die Australier haben einen langen, sehr restriktiven Lockdown hinter sich, während dem sich die Natur von Besuchern erholen konnte.

 

Für die Richtigkeit der Sichtung spricht, dass Beutelwölfe, soweit man weiß, im Südsommers (Dezember bis März) auf die Welt kamen, zunächst drei Monate im Beutel verbrachten und dann noch etwa 9 Monate bei der Mutter blieben. Ein Wurf umfasste vermutlich meist zwischen einem und drei Jungen. Zu dieser Jahreszeit sind also größere Jungtiere zu erwarten, die schon selbstständig, wenn auch noch sehr verspielt sind.

 

 


Quellen:

Harrington, J. J., van Bokkelen, G., Mays, R. W., Gustashaw, K. & Willard, H. F., 1997. Formation of de novo centromeres and construction of first-generation human artificial microchromosomes. Nature Genetics. 15(4): 345-55.

 

Powell, S. 2021: University of Melbourne professor Andrew Pask says Tasmanian tiger research may pave way for recreating species; the Examiner vom 20. Januar 2021: Link: https://www.examiner.com.au/story/7093442/de-extincting-tasmanian-tigers-no-longer-science-fiction/

 

Stephen R. Sleightholme, Cameron R. Campbell; A retrospective assessment of 20th century thylacine populations. Australian Zoologist 1 January 2016; 38 (1): 102–129. doi: https://doi.org/10.7882/AZ.2015.023

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.