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  • Freitagnacht-Kryptos: Der Wilde Mann von Amerika

    In den Archiven kramte: Ulrich Magin

     

    Einer der ältesten Berichte über einen amerikanischen Bigfoot, er stammt von 1785, bezieht sich nicht auf die USA, sondern auf das Orinocogebiet. Er enthält bereits zahlreiche Elemente, die man auch bei späteren Sasquatch- und Yetimeldungen findet: rückwärts gerichtete Zehen, die Entführung von Frauen, sowie das Zeugen von Kindern mit ihnen. Neu ist jedoch, dass der Bigfoot wie Tarzan in einem Baumhaus wohnte:

    Ein merkwürdiges Thier.

    Dieses Thier, das eine Affenart zu seyn scheint, fand Gilii (s. Nachrichten vom Lande Gujana, dem Oronokoflusse und den dortigen Wilden. Aus dem Italien. übersetzt 1785) bisweilen in den großen Waldungen des Oronoko. Es ist, einige kleine Umstände abgerechnet, vollkommen einem Menschen ähnlich; Gilii nennt es daher einen wilden Menschen. Der vornehmste [= hauptsächliche] Unterschied ist in den Füßen, die so beschaffen sind, daß die Spitzen derselben rückwärts gehen, so daß es scheint, das Thier entferne sich, wenn es den Reisenden entgegenkommt. Der wilde Mann ist vom Kopf bis zu den Zehen mit Haaren bewachsen, äußerst geil, und auf die Weiber erpicht, die er auch entführt, wenn er ihrer habhaft werden kann.

    Die Erzählung Gilii’s

    Hiervon erzählte Gilii einmal Don Ignatius Sancho, ein sehr würdiger Mann, und einer von den vornehmsten Güterbesitzern in den Ebenen von Carracas, ein merkwürdiges [= bemerkenswertes] Beyspiel. Es hatte nämlich einmal ein solcher wilder Mann eine gewisse Frauensperson entführt, und nach den Wäldern gebracht. Hier blieb sie lange gezwungener Weise bey ihm, bis einmal ein Jäger dort vorby kam, der sich von seinen Begleitern verloren hatte. Diesen erblickte das arme Weib von dem Gipfel eines hohen Baums, als ihr Feind eben abwesend war, und sie rief ihm aus allen Kräften zu.

    Fußsohle eines Gorillas
    Fuß eines Gorillas mit abgespreizter Großzehe

    Aquarell des schwarzen Saki
    So stellte Humboldt den Schwarze Saki (Chiropotes satanas) dar.

    Als er nahe genug war, erzählte sie ihm ihr unglückliches Schicksal. Sie hatte sich viele Jahre in dieser Lage befunden, und von dem wilden Mann nie die Erlaubniß erhalten können, von der Hütte, die er auf dem Baume erbaut hatte, herunter zu kommen. Sie habe zwey Kinder von ihm, und es mangele ihr zwar nie an den gehörigen Speisen zu ihrem Unterhalt, indem ihr Wilder ihr beständig Hühner, junge Kälber und dergleichen zubrächte. Demungeachtet wäre die Lebensart, von allen Geschöpfen ihres Gleichen entfernt, ihr unausstehlich, und sie bäte ihn, um eine gewisse Stunde, wenn der wilde Mann auf die Jagd gienge, mit bewaffneten Leuten wieder zu kommen, und sie zu befreyen. Zugleich warnte sie ihn, sich jetzt zu entfernen, aus Furcht, der Wilde möchte zurückkehren und ihn aus Eifersucht zerreißen.

    Als aber die Spanier die Mündungen ihrer Gewehre nach ihm richteten…

    Der Jäger hatte natürlich Mitleiden mit ihr, und benachrichtigte ihre Anverwandten, die sich um die bestimmte Zeit mit ihm hinbegaben, die Frau von dem Baume holten, und mit großen Freudensbezeugungen in ihrer Aeltern Haus führten. Dieses hatten sie beynahe schon erreicht, als der wilde Mann mit seinen beyden Kindern im Arme erschien, mit einem kläglichen Gewimmer (denn sie haben keine articulirten Töne) seine Geliebte rief, und, um sie zur Rückkehr zu bewegen, ihr die Früchte ihres Aufenthalts bey ihm zeigte. Als aber die Spanier die Mündungen ihrer Gewehre nach ihm richteten, um ihn zu tödten, zerriß er seine beyden Kleinen in Stücke, und eilte schnell nach den Wäldern zurück.

    Bewaldete Hügel im Nebel
    In diese Nebelberge ist er verschwunden?

    Amazonas-Indianer
    Amazonas-Indianer heute

    Kein Indianer, der diese Geschöpfe mit eignen Augen gesehen hätte

    Dieser wilde Mann wohnt auf den höchsten Bergen. In den Ländern der Mappois, nahe am Flusse Parnasi, ist ein sehr hoher Berg, auf dem sich Einige aufhalten sollen. Dieser führt deshalb den Namen Acci Tipuiri, welches so viel als den Berg der wilden Menschen bedeutet. Demungeachtet hat Gili keinen Indianer gekannt, der diese Geschöpfe mit eignen Augen gesehen hätte. Doch ist dieses kein hinlänglicher Beweis, um das Zeugniß aller Nationen am Oronoko in Zweifel zu ziehen. Jedermann fürchtet den wilden Mann, und da er sich in unzugänglichen Orten aufhält, so wagt es Keiner, dort sein Leben aufs Spiel zu setzen. Alle stimmen übrigens in ihren Nachrichten überein, und erzählen Vorfälle mit ihnen, die ihre Vorfahren erlebt haben.“

    So jedenfalls das „Intelligenzblatt von Salzburg“ am 18. Juni 1808, Sp. 425–426.

    Sonnenuntergang über dem Wasser
    Sonnenuntergang über einer Lagune im Tiefland Venezuelas

    Literatur:

    Intelligenzblatt von Salzburg, 18. Juni 1808, Sp. 425-426


    Dieser Beitrag ist in der Reihe „Freitagnacht-Kryptos“ erschienen und unterliegt dem Urheberrecht des oben genannten Autors.

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  • Der Ruby Creek-Vorfall

    von: Tobias Möser

     

    Bigfoot, oder Sasquatch, wie er in den westlichen Bundesstaaten der USA und in Kanada bevorzugt genannt wird, war bereits öfter Thema auf der Webseite. Diese Berichte waren sehr beliebt, so dass wir uns entschlossen haben, in lockerer Folge über mehr oder weniger bekannte Begegnungen zu berichten, sie zu hinterfragen und ihnen auf den Grund zu gehen. Der Fred-Beck-Vorfall war bereits Thema im Artikel über Bigfoots am Mount St. Helens. Hier folgt ein weiterer, ungewöhnlicher Vorfall:

    Am ruhigen Ruby Creek

    Der Ruby Creek ist eine kleine Ortschaft am Fraser River, etwa 130 km flussaufwärts von Vancouver. Sie liegt heute am Trans Canadian Highway und am Highway No. 7. Die Gegend um Ruby Creek ist traditionell von mehreren First Nations bewohnt, so die Musqueam, Sto:lo, St’at’imc, Secwepemc und Nlaka’pamux. Nachhaltig von den Weißen besiedelt wurde die Gegend in der Zeit um den Fraser-Canyon Goldrausch von 1858.  Der Goldrausch war jedoch genauso schnell vorbei, wie er gekommen war, 1860 waren die Sandbänke des Flusses ausgebeutet, viele Goldgräber zogen weiter und Ruhe kehrte ein. Damals wie heute musste jeder, der von Vancouver ins Inland wollte, an Ruby Creek vorbei. Händlern war das nur Recht.

    Lage von Ruby Creek am Fraser River in Kanada

    Reiche Fischgründe

    Die meisten der ansässigen First Nations leben zumindest teilweise vom Fischfang. Der Fraser-River ist Heimstatt für alle fünf Arten pazifischer Wildlachse, Stahlkopf-Forellen und weiße Störe Acipenser transmontanus*. Der Fischreichtum ist so hoch, dass die Fischerei immer schon die wirtschaftliche Macht hatte, jeglichen Dammbau im und am Hauptstrom zu verhindern. Traditionell werden Fische, die nicht frisch vermarktet werden, filetiert und unter Druck eingesalzen. Hierdurch verlieren sie Wasser und sind lange haltbar. So machte es auch die Familie Chapman, die in Ruby Creek lebte. Beobachter betonen, dass die Familie zu den First Nations gehörte (In Amerika ist es politisch unkorrekt, von Indianern zu sprechen. Hier hat das Wort aber einen anderen Klang, dennoch verwende ich die selbst gewählte Bezeichnung „indigen“ oder „first nations“).

    Bär mit einem Coho-Lachs: Bären sind auf den Salmon-Run angewiesen

    Lachswehr aus Ästen
    Wehr eines indigenen Volkes in British Columbia: Die Menschen sind genauso auf die Lachse angewiesen

    Der Vorfall 1941

    Die Sache begann im September 1941 (eine andere Quelle nennt den 21. Oktober), an einem klaren Tag, gegen 15 Uhr am Nachmittag. Der älteste Sohn der Familie, 9 Jahre alt, rannte zu seiner Mutter, Jeannie Chapman. Sichtlich verstört meldete er, eine Kuh käme die Berge heruntergerannt. Die beiden anderen Kinder, ein siebenjähriger Junge und ein fünfjähriges Mädchen spielten ungestört hinter dem Haus in der Nähe der Eisenbahntrasse. Die Mutter ging heraus um nachzusehen, denn der Junge war doch sichtlich verstört. Sie sah etwas, das sie zunächst für einen besonders großen Bären hielt.

    Sie rief die beiden Kinder zu sich und bat den größeren, ein Betttuch zu holen. Die Kinder kamen sofort, in der Zwischenzeit bemerkte sie, dass es sich nicht um einen Bären, sondern um einen gigantisches, menschenähnliches Wesen handelte, das mit langen Haaren bedeckt war. Es war ockerfarben und zeigte dunkle Haut an den Händen und ein dunkles Gesicht. Während der älteste Junge das Betttuch geholt hatte, konnte sich die Kreatur dem Haus auf 30 m nähern. Mrs. Chapman spannte sofort das Betttuch mit den Armen auf und baute so eine Sichtbarriere zwischen den Kindern und der Kreatur. So floh sie mit den Kindern flussabwärts ins Dorf.

    Die Kreatur drang ins Haus ein und durchwühlte das Nebengebäude gründlich. Dabei zerbrach sie eine 55-Gallonen-Tonne (fast 210 Liter) voll eingesalzenem Lachs und verteilte den Inhalt im Außenbereich. Ob die Tonne geworfen wurde oder mit einem Schlag zerbrochen wurde, ist unklar.

    Der Vater kommt nach Hause

    Gegen 6 Uhr abends kam George Chapman, Ehemann von Jeannie von seiner Arbeit als Bahnarbeiter nach Hause und fand riesige Fußspuren, den Außenbereich seines Hauses und den Schuppen verwüstet vor. Die Spuren seiner Frau und Kinder führten in Richtung des Dorfes, die riesigen Fußspuren folgten ihnen nicht. Halbwegs beruhigt durch diese Tatsache fasste George Chapman Mut und untersuchte sein Haus und den Schuppen. Im Haus fand er unter anderem braune Haare im Holz der Türstürze.

    Er fand weitere Fußspuren des Wesens stromaufwärts auf einer Sandbank, das Wesen kam aus einem alten Kartoffelfeld, war ohne besondere Richtung auf der Sandbank umhergelaufen und entfernte sich durch das Kartoffelfeld, seine Spuren verloren sich am Fuß der Hügel in dichter Vegetation. Nachdem er sicher war, dass das Wesen weg war, sammelte George Chapman seine Familie ein und bat seine Schwiegervater sowie zwei weitere Männer ein, auf sie aufzupassen, während er bei der Arbeit sei.

    Der Besucher kehrt nachts zurück

    Die Fußspuren bzw. ihre Verursacher erschien etwa eine Woche lang jede Nacht erneut, zweimal machten die Hunde, die die Chapmans mitgenommen hatten, um „exakt 2 Uhr Nachts“ einen Riesenlärm. Das oder die Wesen behelligten sie aber sonst nicht weiter und ließen Haus und Nebengebäude in Ruhe. Dennoch hielten die Chapmans es nicht aus und zogen weg, blieben aber in der Gegend.

    Der Salmon Run in British Columbia: Der Fluß ist voll mit Lachsen

    traditionell werden Lachse eingesalzen oder getrocknet

    Jeannie Chapman berichtete später, dass das Wesen etwa 7 ½ Fuß (knapp 2,30 m) groß war, einen vergleichsweise kleinen Kopf und kurzen Hals hatte. Der Körper erschien ihr sehr menschlich, außer dass die Brust gewaltig nd die Arme sehr lang waren. Die Schultern waren sehr breit und es hatte keine Brüste, so dass Mrs. Chapman es als Männchen ansah, obwohl die Genitalien im dichten Haarkleid verborgen waren. Die nackten Teile des Gesichtes und der Hände waren sehr viel dunkler als das Haar und erschienen fast schwarz.
    Außerdem berichtete Mrs. Chapman von einem gurgelnden Pfeifen, das das Wesen von sich gegeben habe.

    Vom Ruby-Creek-Zwischenfall gibt es abgepauste Fußspuren, außerdem hat es eine Untersuchung durch den US Deputy Sheriff Joe Dunn, der sich privat in dieser Gegend aufhielt.

    Bewertung

    Bei diesem Bericht gibt es eine große Menge Koinzidenten mit anderen Sasquatch-Sichtungen: Größe, Fußspuren, die Geräusche, die Jeannie Chapman beschreibt sowie die Beschreibung der schwarzen Hautfarbe.

    Das Verhalten des Sasquatch ist extrem ungewöhnlich. Die Wesen sind als sehr scheue Waldbewohner bekannt, die selbst im Falle einer Bedrohung eher mit Zeichen und Geräuschen auf sich aufmerksam machen, als sich sehen zu lassen. Doch dieser Sasquatch kommt am Tag nicht nur in offenes Gelände, das er vorher noch nicht untersucht hat. Er sucht offenbar die Nähe des Menschen bzw. zeigt offensives Interesse an Haus und Hof der Familie Chapman. Die Gründe hierfür sind unklar. Diese Wesen gelten als neugierig, aber vorsichtig. Hunger wäre sicher eine Möglichkeit, die einen Sasquatch dazu bringt, sich Menschen zu nähern, die Vorräte besitzen. Aber September bzw. Oktober (siehe oben) sollten Mastmonate für Sasquatches sein. Viele Pilze und Früchte sind reif, insbesondere Beeren und Nüsse, die letzten Lachse kommen den Fraser River hinauf. Es ist die Zeit, in der man erwarten sollte, dass Sasquatches die maximal gute Kondition erreicht haben.

    Revierverhalten ist auszuschließen. So reagiert kein Sasquatch, zumal die Siedlung am Ruby Creek, die Landwirtschaft und der Fischfang, der Bahnbau und sogar der Highway schon eine Weile existierten. In abgeschiedenen Gegenden wäre ein Angriff gegen die Hütte, wie bei Fred Beck am Ape Canyon, möglich. So etwas ist auch aus Nordkanada bekannt, aber in Ruby Creek? Zwischen Kartoffelfeldern, Weiden, der Eisenbahn und dem Highway? Das ist kein Sasquatch-Territorium mehr.

    Was tut der Sasquatch im Haus?

    Auch das Verhalten des Besuchers im Haus ist merkwürdig. Alleine die Tatsache, dass er in ein bis vor sehr kurzer Zeit von Menschen bewohntes Haus eindringt, ist ungewöhnlich. Zerstörungswut liegt Sasquatches fern. Bisher wird überall, wo sie auftreten, vorsichtiger Umgang mit menschlichen Gegenständen berichtet. Durch ihre Kraft und vermutlich eine gewisse Ungeschicklichkeit, aber auch Neugierde geht schon mal etwas zu Bruch. Aber dass sie ein Fass mit Vorräten in den Garten schmeißen und dabei zerbrechen, passt nicht recht zu dem, was sonst berichtet wird.
    Ebensowenig passt, dass George Chapman an jedem Türsturz Haare gefunden haben will. Sasquatches sind Waldbewohner. Die von ihnen offenbar bevorzugten gemäßigten Regenwälder der Westküste sind  gerade im US-Bundesstaat Washington und im Süden British Columbias extrem dicht. Ein Bewohner müsste also instinktiv immer darauf bedacht sein, sich nicht den Kopf an einem Ast zu stoßen. Da soll er sich in der Hütte an jedem Türsturz so gestoßen haben, dass er Haare dort lässt?

    Die Reaktion von Jeannie Chapman

    Nochmal zur Rekapitulation: Jeannie Chapman, mindestens dreifache Mutter, offenbar Hausfrau, erfährt von ihrem neunjährigen Sohn, dass eine Kuh den Berg herunter rennt. Der Sohn ist verstört. Wie kommt es, dass der Neunjährige ein zweibeiniges Wesen für eine Kuh hält, obwohl er zweifelsfrei Kühe kennen müsste? Welche Mutter versucht nicht zuerst, das Kind ins -vor Kühen- sichere Haus zu holen und zu beruhigen, als sich um die vermeintliche Kuh zu kümmern? Doch Jeannie Chapman den Angreifer als Bedrohung für sich und ihre Kinder, wähnt sich im Hause als nicht sicher und lässt eines ihrer Kinder ein Betttuch holen. Das ist eine geniale Idee, so kann sie gleichzeitig die Kinder vor einem Bären oder Puma verbergen und größer und bedrohlicher wirken. Hatte sie diesen Geistesblitz in diesem Moment oder gehört dieser Trick zum Repertoire ländlich lebender First Nations?

    Der Fraser River etwa auf der Hähe von Ruby Creek

    Ivan T. Sanderson in seinem Büro, 1965

    Was tut der Sasquatch, nachdem er die Hütte der Chapmans verwüstet hat? Er folgt der Familie nicht, was noch verständlich ist. Jeannie Chapman und die Kinder werden jeden Lärm geschlagen haben, zu dem sie fähig waren. Sasquatches meiden die menschliche Nähe, also auch den Lärm und es dürfte ihnen auch klar sein, dass Lärm weitere Menschen anlocken könnte. Statt ihr zu folgen, verzieht er sich durch ein -der Jahreszeit entsprechend- abgeerntetes Kartoffelfeld auf eine Sandbank im Fluss. Dort irrt er (scheinbar ziellos?) umher, um dann wieder über das Kartoffelfeld in den Wald zu verschwinden. Was macht er auf der Sandbank? Mir fällt hierzu nur eine Erklärung ein: Er hatte vom eingesalzenen Lachs gefressen und Durst bekommen. Das Umherirren könnte einfach nur bedeuten, dass er mehrere Stellen eines ihm unbekannten Geländes untersucht, ob er da ans Flusswasser kommt, ohne in den Fluß zu fallen. Danach hat er das getan, was Sasquatches tun: er ist im Wald verschwunden.

    Widersprüche

    Offenbar gibt es aber mehrere Erzählvarianten dieses Vorfalls. Die Quellen widersprechen sich im Datum des Vorfalls sowie im Verhalten der Menschen und des Sasquatch nach dem Vorfall.

    Die Location ist heute noch vorhanden und kann besucht werden. Das Haus und der Schuppen sind jedoch abgerissen worden und durch ein größeres Haus an einer benachbarten Stelle ersetzt worden. In der Nähe von Ruby Creek gibt es einen Sasquatch Provincial Park, einen ruhigen Park für Camping und Bootsfahrten.

     

    Korrekturen:

    Ich bin beim Verfassen des Artikels zwei Irrtümern aufgesessen. Ich habe George Allen Agogino als Ivan T. Sanderson abgebildet. Das Bild habe ich zwischenzeitlich ausgetauscht.
    Ivan T. Sanderson hat die Familie Chapman zweifelsfrei interviewt. Die Verwechslung mit Ivan Marx lag am Vornamen. Über die „Arbeit“ von Marx als Kryptozoologe schweigt des Autors Höflichkeit.

    Danke an Ulrich Magin für den Hinweis.

     


    Literatur:

    Wikipedia über Ivan T. Sanderson

    Wikipedia über den Fraser River Goldrausch

    Sanderson, I. T. (1960): True Magazine, March


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  • Der Loch Ness-Aal – oder was die eDNA-Analyse (nicht) geliefert hat

    von: Tobias Möser

    Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen
    Den Vorhang zu und alle Fragen offen.
    Berthold Brecht

    Professor Neil Gemmell hat mit der Ankündigung, in seinen eDNA-Proben aus Loch Ness sei etwas ungewöhnliches, einen großen Medienzirkus heraufbeschworen. Die Pressekonferenz letzte Woche in Drumnadrochit am Ort der meisten Nessie-Sichtungen war gut besucht, The Sun hat sie sogar live gestreamt.

    „Nur“ Aal-DNA

    Direkt zu Anfang hat Gemmell, der von der Universität in Otago auf der Südinsel Neuseelands kommt, einige Spekulationen ausgeschlossen. So hat er keine reptilische DNA im Loch gefunden, ebenso fehlte die DNA von Haien, Stören und Welsen. Auf der Pressekonferenz wies Gemmell mehrfach darauf hin, dass seine Arbeitsgruppe in jeder Probe Aale nachweisen konnte.

    Kasten: eDNA

    Die Methode der Lebensraumuntersuchung mit eDNA ist vergleichsweise jung. Jedes Lebewesen verliert permanent DNA-haltiges Material (wie man spätestens aus den CSI-Serien weiß). Diese DNA gelangt in die Umwelt und wird dort mehr oder weniger schnell abgebaut. Mittels moderner Methoden der Vervielfältigung (PCR) kann man sehr kleine DNA-Mengen finden und analysieren, so dass Wasserproben von einigen 100 ml ausreichen, um ein Lebewesen in einem Lebensraum nachzuweisen.
    Prof. Gemmell und sein Team haben 250 Wasserproben aus allen möglichen Ecken des Loches genommen und analysiert.

    Leider hat die Arbeitsgruppe bisher noch keine vollständige Liste der Vergleichssequenzen und der Treffer veröffentlicht. Die Daten der Pressekonferenz sind also als teilweise Vorveröffentlichung zu werten.

    „Wir fanden erhebliche Mengen menschlicher DNA und vieler Arten, die direkt mit uns zusammenleben, so wie Hunde, Schafe und Rinder“ beschreibt er seine Funde. „Außerdem fanden wir Wildtiere wie Hirsche, Dachse, Füchse, Hasen, Wühlmäuse und zahlreiche Vögel.“

    Tafel, die Plesiosaurier, Haie und Welse als Nessie ausschließt und einen Riesenaal vorschlägt
    Der Stein bzw. die Tafel des Anstoßes. Gemmell et al. fanden riesige Mengen Aal-DNA, aber keine Menge Riesenaal-DNA. Image Credit: University of Otago

    Was tatsächlich Aufsehen erregte

    Gemmell betonte auch bei der Pressekonferenz, dass er große Mengen Aal-DNA feststellen konnte. Er stellte sich selbst die Frage, ob sie von vielen kleinen Aalen oder von einem großen Aal stamme. Dabei passierte ihm offensichtlich eine Verwechslung von Meter und Fuß, als er sagte „Aale können 4 bis 6 Meter lang werden“. Diesen Fehler konnte er auf der Pressekonferenz nicht mehr korrigieren, jedoch auf einer später herausgegebenen Tafel. Hier wird der größte bekannte Europäische Aal mit 6 Fuß Länge gezeigt. Diese Tafel ist in mehrfacher Hinsicht eindeutig: bei den von Gemmell festgestellten Aalen handelt es sich um Europäische Aale Anguilla anguilla* und nicht um Meeraale wie Conger conger, die durchaus größer werden. Gleichzeitig gibt sie eine Maximallänge von 1,8 m (oder 6 Fuß) an. Das ist bereits sehr optimistisch.

    Neil Gemmell kommt aus Neuseeland. Der dort vorkommende Neuseeländische Langflossenaal Anguilla dieffenbachii erreicht tatsächlich eine Länge von 1,8 m und etwa 15 kg. Könnte das der Grund einer Verwechslung sein?

    Wie groß können Europäische Aale werden?

    Ein Mann in einem feinen Anzug hält einen großen, toten Aal hoch
    Rekordfang 1960 im Steinhuder Meer, ein Aal von 123 cm und über 5 kg.

    Dekker et al. untersuchten fast 100.000 Silberaale, also potenziell geschlechtsreife Tiere aus dem Ijsselmeer und fanden eine Maximallänge von 101 cm, bei einem Gewicht von 2137 g.

    Fishbase liefert ähnliche Größen. Ein sehr großer Aal wurde 105,0 cm lang und stammte aus der Laguna Comacchio bei Ravenna in Italien. Weitere Tiere mit 112 cm und 135 cm stammen aus Frankreich und Italien. Angaben von 143 cm und 150 cm aus Irland werden als zweifelhaft erachtet.

    Schottische Aale wurden ebenfalls intensiv untersucht, so in Loch Davan und Loch Kinord. Der größte in Loch Davan nachgewiesene Aal stammt aus einer Untersuchung von 1999 und maß 69 cm in der Gesamtlänge. Das größte Tier aus dem Loch Kinord wurde mit 71 cm nur unwesentlich größer (Carss et al.).

    Die Einträge auf Sportfischerseiten zeigen etwas größere Tiere, die als Rekorde gelten. So werden bei fishing-worldrecords.com folgende Daten angegeben:

    • 123 cm, 5,38 kg aus dem Steinhuder Meer im Jahr 1960, mit Bildbeleg.
    • 7,00 kg ohne Länge aus dem Orlik Reservoir in der tschechischen Republik, 1987
    • 8,25 kg ohne Länge aus dem Cuckmere River im Vereinigten Königreich in den 1920ern.

    Größere Längenangaben stammen meist aus populären Werken oder Übersichtspostern und sind nicht durch nachgewiesene Untersuchungen belegt.

    Was passiert, wenn…

    Aal auf dem Boden eines Aquariums
    Der Europäische Aal Anguilla anguilla (Foto by Gerhard M, CC 3.0)

    Europäische Aale beginnen im Alter von 15 bis 20 Jahren, kurz vor der Geschlechtsreife in den Atlantik zu wandern. Dort schwimmen sie in großen Tiefen in die Sargassosee vor der Ostküste der USA, wo sie laichen und sterben. Was genau dort passiert, ist nicht im Detail erforscht. Auf dem Weg in die Sargassosee werden die Geschlechtsorgane stark vergrößert, insbesondere die Weibchen wandeln einen großen Teil der Muskelmasse, aber auch innerer Organe in Laich um.

    Was passiert, wenn man die Tiere am Abwandern hindert? Wachsen sie unaufhörlich weiter und erreichen so deutlich mehr Gewicht und Länge als oben angegeben? Ist so ein Loch Ness-Aal entstanden?

    Bisher gibt es keine Belege dafür, dass so etwas passiert. Aale werden seit dem Beginn der Zoo-Aquaristik in den 1880er Jahren in Aquarien gehalten. Sie halten sich in ausreichend großen und passend eingerichteten Behältern sehr gut und erreichen im Vergleich zu freilebenden Tieren ein biblisches Alter. Sie werden im Aquarium oft 40 Jahre und älter. Das älteste in einem Zoo belegte Exemplar wurde 88 Jahre alt. 2014 starb der mutmaßlich älteste Aal in einem Hausbrunnen in Schweden in einem Alter von 155 Jahren. Bei keinem dieser Tiere wird eine ungewöhnliche Größe gemeldet.

    Was wäre mit einer Mutation?

    Spielfigur "Hulk"
    Groß, stark und vor allem grün. So funktionieren Mutationen in Hollywood, aber nicht in der Biologie

    Die populären Vorstellungen zu Mutationen sind sehr divers und unterscheiden sich oft grundlegend vom tatsächlichen Ablauf. Hollywood hat hier je nach Mode verschiedene Gründe geschaffen, von „Weltraumstrahlung“ über Radioaktivität, Gifte (vor allem grüne) und nicht näher benannte Maschinen sind hier sehr beliebt. Meist wird ein Tier oder Mensch mehr oder weniger absichtlich und lange diesem ausgesetzt und hinterher kommt wahlweise ein Riese, Hulk, Spiderman, Tier-Mensch-Mischwesen oder sonst etwas heraus, das dann in der Geschichte wahlweise Probleme bereitet oder sie löst.

    Doch die Biologie macht es etwas anders. Hier wird komplett auf Knall- und Raucheffekte verzichtet, auch grüner Schleim spielt nur selten eine Rolle. Strahlung und mutagene Substanzen, beispielsweise Benzol sind die wichtigsten äußeren Faktoren.

    In aller Regel gehen Mutationen „ins Leere“, sie wirken sich nicht auf den Organismus aus. Entweder kann eine Zelle die durch die Mutation entstandenen Schäden auffangen oder geht zugrunde. Weitere Folgen sind in extrem seltenen Fällen Tumore. Damit Mutationen für ein besonderes Größenwachstum sorgen, müssen ganz bestimmte Gene betroffen sein. Dies können Gene sein, die das Größenwachstum begrenzen, in dem sie die Freisetzung von Wachstumshormonen steuern.

    Der größte, aktuell lebende Mensch ist vermutlich Sultan Kösen. Der Kurde misst 251 cm und wiegt 155 kg. Damit hat er einen ziemlich normalen Körperbau und ist „nur“ viel größer als die meisten anderen Menschen. Für Statistiker sehr praktisch: er ist 1,41 mal so groß, wie ein Durchschnittsmensch und wiegt ziemlich genau 2 x soviel.

    Ein wenig Statistik

    Gaußsche Normalverteilungskurve in Blau und Weiß
    So sieht die Gauß’sche Normalverteilung aus, wenn man sie grafisch darstellt.

    Wie bei Menschen gibt es auch bei Aalen mittelgroße Tiere, sehr große Tiere, sehr kleine Tiere und alles dazwischen. Je mehr man sich einem Mittelwert annähert, um so mehr Aale dieser Größe finden sich. Diese Verteilung hat Carl Friedrich Gauß als Normalverteilungskurve bezeichnet (siehe Bild). Sie besagt einiges, was auf den ersten Blick nicht sichtbar ist:

    • Der Mittelwert ist ablesbar
    • Die Standardabweichung σ (Sigma) beschreibt die Breite der Verteilung. Dabei gilt:
    • 50% aller Messwerte haben eine Abweichung von höchstens 0,675 σ
    • 90% aller Messwerte haben eine Abweichung von höchstens 1.645 σ
    • 95% aller Messwerte haben eine Abweichung von höchstens 1,960 σ
    • 99% aller Messwerte haben eine Abweichung von höchstens 2,576 σ
    • 68,27% aller Messwerte weichen weniger als 1 σ vom Mittelwert ab oder
    • „je 15,865 % der Messwerte sind größer als Mittelwert + σ bzw. kleiner als Mittelwert – σ“.
    • 95,45% aller Messwerte weichen weniger als 2 σ vom Mittelwert ab oder
    • „je 2,275 % der Messwerte sind größer als Mittelwert + 2σ bzw. kleiner als Mittelwert – 2σ“.
    • 99,73% aller Messwerte weichen weniger als 3 σ vom Mittelwert ab oder
    • „je 0,135 % der Messwerte sind größer als Mittelwert + 3σ bzw. kleiner als Mittelwert – 3σ“.

    Je weiter ich mich vom Erwartungswert, dem „Mittelwert“ der Verteilung entferne, desto unwahrscheinlicher ist ein Wert.

    Am Beispiel der Aale

    Einzelmaße der Aale und eine einfache Statistik
    Längenverteilung der Aale im Text und eine einfache Auswertung

    Um das Beispiel mit der Körpergröße wieder aufzugreifen: Bei einer (realen) Stichprobe wurden die Gesamtlängen von 37 gefangenen Aalen gemessen. Die Ausgangswerte kann man hier nachlesen: Growth parameters for Anguilla anguilla. Ich habe die beiden größten und kleinsten Werte als Ausreißer nicht zugelassen und so 37 Längenangaben für europäische Aale in der Rechnung. Die Durchschnittslänge liegt bei 75,8 cm, die Standardabweichung bei 21,9 cm.

    Daraus lässt sich erwarten, dass

    • 68% eine Körperlänge im Bereich 75,8 cm ± 21,9 cm und
    • 95% im Bereich 75,8 cm ± 43,8 cm haben und
    • 99,7% im Bereich 75,8 cm ± 65,7 cm haben
    • 0,15% größer als 141,5 cm sind, in dieser Stichprobe wären diese Gruppe nicht vertreten.

    68 % von 37 Aalen sind 25 Tiere. Diese 25 Tiere müssten im Bereich zwischen 53,9 und 97,7 cm liegen. Tatsächlich liegen 23 Tiere in diesem Bereich.

    95% von 37 Aalen sind 35 Tiere. Diese 35 Tiere müssten im Bereich zwischen 32 cm und 119,6 cm liegen. Tatsächlich liegen 36 Tiere in diesem Bereich.

    Ein Aal von „nur“ 2 m Länge liegt bereits 5,67 Standardabweichungen vom Mittelwert entfernt. Seine mathematische Wahrscheinlichkeit in dieser Stichprobe liegt bei etwa 1: 100.000.000. Und das nur, wenn biologische Gründe nicht dagegen stehen:

    Der Korpulenzfaktor, zum Ausschluß des „Aal-Syndroms“

    Zwei Dampfloks, eine normal groß und eine auf die doppelte Länge verlängert
    Auch wenn es so aussieht: die Lok unten ist nicht doppelt so groß, wie die Lok oben. Nur doppelt so lang. Höhe und Breite sind gleich geblieben.

    In vielen Berichten sind außergewöhnlich lange Fische für ihre Länge zu leicht. Eine Verdoppelung der Länge bedeutet nicht eine Verdoppelung des Gewichtes. Ich habe das am Beispiel des Dampflokmodells rechts dargestellt: Der Fisch wäre einfach nur in die Länge genudelt: aus einem Barsch wird ein Aal, das „Aal-Syndrom“.

    Eine Verdoppelung der Länge unter Beibehaltung der Körperproportionen bedeutet, dass sich auch Körpertiefe und Körperhöhe verdoppeln, das Gewicht also in der dreifachen Potenz zunimmt. Um dieses zu überprüfen, liefert der Korpulenzfaktor (KoFa). Er berechnet sich aus Gewicht (g) x 100 / Länge (cm)³.

    Der Rekordaal aus dem Steinhuder Meer von 1960 wog 5,38 kg bei 123 cm Länge. Hieraus ergibt sich ein Korpulenzfaktor von 289,11 oder etwa 290.

    Ein 200 cm-Aal würde mit einem ähnlichen KoFa würde bereits 23 kg wiegen. Man beachte die oben genannten Rekordmaße von 7,00 kg und 8,25 kg. Das Tier wäre bereits fast dreimal so schwer, wie der bisher schwerste je gefangene Europäische Aal.

    Ein von Gemmell postulierter Aal mit 4 m Länge hätte bei dem gleichen KoFa ein Gewicht von satten 185 kg. Wie soll ein Tier, dessen ganzer Körperbau auf etwa 2 bis 4 kg ausgelegt ist, ein solches Vielfaches dieses Gewichtes überhaupt anfressen, erhalten und dann auch noch (schnell) bewegen?

    Was Gemmell nicht gefunden hat: den Riesenaal!

    Ein freundlich aussehnder, kahlköpfiger Mann im Portrait
    Prof. Neil Gemmell, Leiter der Studie

    Die Arbeitsgruppe um Neil Gemmell hat keinen Riesenaal gefunden. Sie haben viel Aal-DNA gefunden. Die DNA-Proben geben keinen Hinweis auf die Größe der Aale, das hat er selbst in der Pressekonferenz betont. Dennoch ließ sich der Professor auf Spekulationen über einen Riesenaal ein. Bereits die von ihm angegebenen „normalen“ Maße sind für europäische Aale jenseits des Erreichbaren. Dass sein „um 50% größerer“ Aal jetzt auf einmal doppelt so lang ist, also achtmal so schwer ist, scheint nicht aufzufallen. Leider kennen sich Genetiker oft in der Zoologie ihrer eigenen Untersuchungsobjekte nicht wirklich aus.

    So hat Prof. Gemmell Spekulationen über einen Riesenaal Tür und Tor geöffnet. Alle möglichen Phantasten springen jetzt in diese Lücke und spekulieren bereits über „verborgene Populationen“ von Riesenaalen im Loch Ness.


    Leseempfehlung:

    18. Juni 2019: eDNA-Analyse findet „etwas ungewöhnliches“ in Loch Ness – Professor Gemmell hält die Welt in Atem

    05. September 2019: eDNA-Analyse: Geheimnis um Nessie „gelüftet“


    Literatur:

    Sci News: Scientists Find Significant Amount of Eel DNA in Loch Ness

    Carss, et al. (2005): Spatial and temporal trends in unexploited yellow eel stocks in two shallow lakes and associated streams. J. Fish Biol. 55(3):636-654.

    Dekker, et al. (2008): Minimal and maximal size of eel. Bull. Fr. Pêche Piscic. Number 349: 195-197.

    Fishing World Records: Website Anguilla anguilla

    ORF.at: Mutmaßlich ältester Aal der Welt verendet


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  • Bigfoots am Mount St. Helens

    Von: Tobias Möser

    Der Mount St. Helens ist ein aktiver Vulkan im Süden des US-Bundesstaates Washington. Er ist Teil der Kaskadenkette und damit des pazifischen Feuerrings. Mit heute etwa 2540 m Höhe überragt er die umliegenden, etwa 1400 m hohen Bergrücken der Kaskadenkette deutlich. Durch seine Höhe und Form spielt er in der Mythologie der umliegenden First Nations der Klickitat und Binnen-Salish eine große Rolle.

    Durch einen verheerenden Ausbruch bekannt

    In der westlichen Kultur wurde der Mount St. Helens vor allem durch einen verheerenden Ausbruch am 18. Mai 1980 bekannt. Er galt als „ruhender Vulkan“, brach aber nach einer Serie von Erdbeben wieder aus. Der gesamte nördliche Berggipfel rutschte den Hang herab. Asche und Gaswolken wurden bis in eine Höhe von 18 km befördert. Pyroklastische Ströme, in denen Temperaturen von über 640° C gemessen wurden, rasten mit Geschwindigkeiten von über 400 km/h die Bergflanken herab.

    Ein Lahar, der mit hoher Geschwindigkeit die Bergflanke herabsauste, sorgte für weitere Verwüstung. Lahare sind Lawinen, die entstehen, wenn sich pyroklastische Ströme mit Eis und Schnee mischen und diese aufschmelzen. So stieg der Wasserstand am Fuß des Berges binnen kürzester Zeit um 9 m über die normalen Hochwassermarken.

    Insgesamt starben mindestens 57 Menschen, 1500 Wapitis und 5000 weitere Hirsche. Der Ausbruch wird mit einem Vulkanexplositiätsindex von 5 bewertet, etwa vergleichbar mit dem Pompeji-Ausbruch des Vesuvs, 79 n.Chr.

    ein spitzer, oben schneebedeckter Bergkegel vor einem blauen See
    Der Mount St. Helens vor seiner Aktivität 1980, Blick über den Spirit Lake. Foto: US Geological Service

    Ein schneebedeckter Berg mit einem deutlichen Krater vor einem blauen See
    Der Mount St. Helens am 19. Mai 1982, zwei Jahre nach der verheerenden Explosion. Foto: US Geological Service

    Der Mount und der Sasquatch

    Gemälde mit einem ausbrechenden Vulkan und einem Kanu, dessen Insassen das Licht einfangen
    Der aktive Mount St. Helens bei Nacht, Gemälde von Paul Kane

    Nicht nur für die First Nations, sondern auch für die ersten Pioniere und Naturbeobachter schätzten den Mount als charakteristische Wegmarke. So kamen sie relativ früh auch mit der Mythologie der First Nations in Kontakt. Einer der ersten war der kanadische Ethnologe und Maler Paul Kane, der auf seiner zweiten Reise den Westen der USA erforschte. Hierbei lebte er im Jahr 1847 eine Woche unter den indigenen Völkern im direkten Umkreis des Mount St. Helens. Hierbei erfuhr er von menschenfressenden Kreaturen namens Skookum.

    Anmerkung: Das Wort Skookum ist in verschiedenen Versionen bei den waldbewohnenden First Nations der US-Westküste bekannt. Es beinhaltet eine Warnung vor etwas physisch Überlegenem (Skookum Wasser = starke Stromschnellen), oft bezieht sich das Wort auf Orte, aber auch auf Lebewesen. Oft wird der Begriff in Verbindung mit Sasquatch-Beobachtungen verwendet. Durch die nicht immer klare Trennung von physischen und Geistwesen in ihrer Mythologie ist es schwierig, auszumachen, was Skookum in einem konkreten Fall bedeuten soll.

    Der Fred Beck-Vorfall am Mount St. Helens

    Wesentlich jünger ist ein Vorfall aus dem Sommer 1924. Ein Goldsucher namens Fred Beck und vier andere Schürfer bezogen ihren Claim namens „Vander White“. Er lag bzw. liegt 2 Meilen ost-südöstlich der Kraterregion des Mt. St. Helens. Hier bauten sie eine „Cabin“ nahe eines tiefen Canyons. Meist handelt es sich bei diesen „Cabins“ um sehr einfach zusammengezimmerte Blockhütten, die aus kaum oder unbearbeiteten Stämmen bestehen, deren Zwischenräume manchmal mit Lehm verschmiert wurden. Beck’s Hütte hingegen bestand zumindest teilweise aus Brettern. In der Regel sind Cabins eher einfache Hütten, meist nur mit einer Tür, ohne Fenster. Sie dienen meist gleichzeitig als Schlafplatz, Lager und Wetterschutz. Das Holz arbeitet beim Trocknen und bei wechselnden Temperaturen, so dass immer wieder Löcher im Lehmverputz entstehen. Oft, aber nicht immer haben sie eine gemauerte Feuerstelle.

    Große Fußspuren – und die Verursacher

    Die Goldgräber entdeckten schon kurz nach ihrem Eintreffen große Fußspuren, die sie keinem bekannten Tier zuordnen konnten. Die größten maßen in der Länge 19 Inches (48 cm). Eines Abends hörten sie charakteristisches Pfeifen und hämmernde Geräusche, die etwa eine Woche lang jede Nacht zu hören waren. Später, als Beck mit einem anderen Mann an einer nahen Quelle frisches Wasser holte, sahen sie aus einer Entfernung von knapp 100 m eine seltsame Kreatur. Becks Begleiter schoss dreimal auf die Kreatur, die verschwand. Kurze Zeit später erschien sie in ungefähr 180 m Entfernung erneut, diesmal schoss Beck dreimal, worauf die Kreatur wieder verschwand.

    Karte der Region um den Mount St. Helens
    Karte der Region um den Mount St. Helens, NACH dem Ausbruch. Der Krater öffnet sich nach Norden. Der besagte Ape Canyon liegt ost-südöstlich davon und ist blau markiert

    Vergilbte Fotoaufnahme von vier Männern, die an einer Bretterhütte stehen
    Zeitungsfoto, das die Untersucher bei der belagerten Hütte zeigt. Von links nach rechts: Burt Hammerstrom, freier Journalist; Bill Welch, Waldaufseher an der Spirit Lake Ranger Station; Frank (Slim) Lynch, Reporter aus Seattle; and Jim Huffman, Waldaufseher für den Spirit Lake district. Sie haben auch Fußabdrücke festgestellt, aber wenn Fotos gemacht wurden, sind sie bisher nicht veröffentlicht worden.

    Nächtlicher Besuch

    Als Beck am Abend seinen Kollegen davon erzählte, war man sich einig, die Hütte am nächsten Morgen zu verlassen. In der Nacht wurde die Hütte aber bereits von mehreren dieser Kreaturen angegriffen: Sie begannen mit Steinen zu werfen. Da es keine Fenster gab, konnten die Männer die Angreifer nicht richtig sehen. Später kamen die Kreaturen aufs Dach und versuchten, die Türe der Hütte einzureißen, eine der Kreaturen griff durch eine kleine Öffnung („chinking space“) nach einer Axt und konnte nur mit einem Schuss vertrieben werden. Während des gesamten Angriffes, der die ganze Nacht dauerte, feuerten die Männer ihre Waffen durch die Wände und das Dach.

    Als das Licht am nächsten Morgen ausreichte, verließen die Männer fluchtartig die Hütte, ohne ihre Ausrüstung mitzunehmen. Beck entdeckte an einer Schlucht eine der Kreaturen und schoss aus etwa 70 Metern auf sie. Das Wesen stürzte etwa 120 m tief in die Schlucht.

    Später stellte Fred Beck mit einem seiner Begleiter einige Szenen für eine Zeitung nach. Die Schlucht wurde später Ape-Canyon genannt.

    Die Location ist nach der Explosion des Mt. St. Helens 1980 zwar teilweise überformt, aber nicht weggesprengt oder unter Lava oder Schlamm begraben worden.  Die Hütte war bis in die 1960er Jahre noch zu finden, danach ist sie abgebrannt. Die Umgebung ist nach dem Ausbruch nicht wieder zu erkennen.

    Erste Gerüchte

    Wenn die lokalen First Nations eine Kreatur namens Skookum kennen und Fred Beck mit seinen Leuten die Wahrheit sagt, dann könnte es im Umkreis des Mount St. Helens eine Population von Sasquatches geben. Wenn es sich hierbei um physische Wesen handelt, sind auch sie zwangsläufig durch den Ausbruch des Vulkanes in Mitleidenschaft gezogen worden.

    Bei den Erkundungen des durch den Ausbruch verwüsteten Gebietes hätte man also eine gute Chance gehabt, einen oder mehrere Sasquatch-Kadaver bergen zu können. Genau davon geht der US-Autor Nick Redfern aus…

    „Jemand“ hat gehört…

    Bei Mysterious Universe schreibt er, dass das United States Army Corps of Engineers einige große, haarige, affenartige Körper aus dem Gebiet geflogen haben soll. Der Rest der Story wirkt wie ein ziemlich stereotyper Verschwörungsroman, bei dem es um Vertuschungen einer „bösen“ Regierung geht.

    Redfern bezieht sich zunächst auf eine Meldung bei bigfootencounters: Auf dem Ray Crowe’s Western Bigfoot Meeting brachte „someone“ das Gespräch auf die Folgen des Mt. St. Helens-Ausbruch. Der Zeuge will gehört haben, dass das Army Corps of Engineers etwa zwei Monate nach dem Ausbruch zwei Körper toter Bigfoots aus Ausbruchsgebiet herausgeschafft habe. Ein anderer Zeuge bestätigt die Bergung zweier Körper, legt diesen Zeitraum jedoch deutlich früher, zwei Wochen nach dem Ausbruch. In beiden Fällen sollen sie in einem Netz von einem Helikopter weggetragen worden sein.

    Ein dritter Zeuge bestätigt, dass ein Kran oder Bagger ein Loch ausgehoben habe, in dem man die Kadaver verbrannter Hirsche, weiterer Tiere und auch Sasquatches vergraben habe. Er nennt den Betreiber des Krans: die „Manatowaka Company“.

    Der Soldat im Ruhestand

    Auch der zweite Teil der Story passt in die Stereotype. Lange nach dem Eintritt in den Ruhestand fühlt sich ein ehemaliges Mitglied der Nationalgarde nicht mehr an seine Geheimhaltungspflichten gebunden. Er erzählte 2012, dass nicht alle der geborgenen Bigfoots tot waren. Einige waren ernsthaft verbrannt oder verletzt. Angeblich hätten sogar ein oder zwei unverletzte Bigfoots das Militär an eine Stelle gelotst, an der mehrere verletzte, haarige Riesen lagen. Sanitäter der US Army hätten ihre Wunden wie bei Menschen behandelt.

    Redferns Bewertung

    Nick Redfern bewertet die Gerüchte als faszinierend. Gleichzeitig weist er aber darauf hin, dass die Glaubwürdigkeit der Zeugen massiv darunter leidet, dass sie weder Namen noch ihren damaligen Rang oder ihre Funktion beim Militär nennen. Er hält die Geschichten für unklar und kontrovers, aber potenziell bahnbrechend.

    Realitätscheck

    Heute ist es unmöglich, den Wahrheitsgehalt der Skookum-Erzählungen der First Nations vor 1847 nachzuvollziehen. Wie oft bei solchen Mythen trennen die Mitglieder der First Nations nicht klar zwischen physischer und spiritueller Welt, so dass hinter dem Skookum-Phänomen alles Mögliche stecken könnte. Ein mehr oder weniger aktiver Vulkan ist definitiv ein gefährlicher Ort, selbst wenn gerade kein großer Ausbruch stattfindet. Von warmen Quellen, die unvermittelt kochend und damit tödlich heiß werden über ätzende oder betäubende vulkanische Gase bis zu kleinen Lawinen, aufbrechende Spalten und Erdbeben: Er ist unberechenbar, lebensgefährlich und kann Körper einfach verschwinden lassen: Skookum.

    Auch die Story von Fred Beck und seinen Leuten ist heute nicht mehr nachvollziehbar, obwohl sie vor nicht einmal 100 Jahren in vielen Zeitungen erschien. Die Goldsucher hatten in ihrer Panik alles andere zu tun, als physische Beweise zu sichern. Die Hütte ist abgebrannt, die Umgebung des Ape Canyon durch den Ausbruch völlig überformt.

    „Grau, mein Freund, ist alle … „

    Mir ist bei den Recherchen zum Mt. St. Helens Ausbruch aufgefallen, dass immer die sehr hartnäckige vulkanische Asche als Hauptproblem genannt wird. Hierbei handelt es sich um feinen Staub aus mineralischen Bestandteilen. Menschen sind daran gestorben, als sie sie einatmen mussten. Der Highway 90 von Seattle nach Spokane wurde für eine Woche stillgelegt: Die Asche verstopfte Luftfilter, kontaminierte Ölsysteme, verklumpte in Vergasern und zerkratzte bewegliche Oberflächen. Tausende Autofahrer sind so gestrandet. Der Flugverkehr um den Mount St. Helens stand 14 Tage still. Sogar für Stromausfälle sorgte die Asche, wenn sie Isolatoren überbrückte und Kurzschlüsse verursachte.

    Zwei Männer mit Pferden in hüfttiefem Schlamm und Staub
    Bob Brown (li.) und sein Bruder John versuchen, drei Pferde aus dem Weyerhaeuser „19 Mile Camp“ in Kid Valley, Washington zu bringen. Die Weide wurde durch den Toutle River in Folge der Eruption des Mount St. Helens überflutet. Foto: US Geological Service

    Luftbild eines Hubschraubers, der neben einem Kleinlaster gelandet ist. Es gibt tiefe Spuren im Staub und einen abgedeckten Leichnam
    Ein Mitglied der Nationalgarde identifiziert eines der Opfer der Eruption. Dieses Bild zeigt die Auswirkungen der vulkanischen Asche. Sie wurde stark vom landenden Heli verblasen und trotzdem hinterlässt der Nationalgardist tiefe Fußspuren im lockeren Staub. Foto: US Geological Service

    In einer solchen Situation soll das US Army Corps of Engineers eine groß angelegte Bergungsaktion gestartet haben? Helikopterflüge waren offenbar begrenzt möglich, denn ein Filmteam wurde schon am 23. Mai am Mount St. Helens abgesetzt und einige Tage später wieder aufgenommen. Aber haben die Behörden das Risiko auf sich genommen, zahlreiche Hubschrauber loszuschicken, um Wildtierkadaver zu bergen?

    Ist die Bergung von Wildtierkadavern realistisch?

    Oben wird von 1500 Wapitis und 5000 weiteren Hirschen berichtet. Ein Wapiti-Bulle wiegt zwischen 300 und 450 kg, eine Kuh zwischen 200 und 250 kg, ein neugeborenes Kalb um die 15 kg. Bei den „weiteren Hirschen“ handelt es sich in erster Linie um Weißwedel- und Maultierhirsche, die wesentlich kleiner sind. Hier kann man 70 bis 150 kg für einen Hirschbullen und 50 bis 100 kg für eine Hirschkuh einsetzen, 10 kg für ein Neugeborenes.

    Der Ausbruch des Mount St. Helens hat am 18. Mai stattgefunden, also mitten im Hochfrühling. Die Hirsche sind noch ausgezehrt vom Winter, haben aber bereits wieder an Gewicht zugelegt, die Jungtiere sind auf der Welt. Man kann also von Gewichten eher im unteren Bereich der Variationsbreite ausgehen. Geschlechterverhältnisse und Gewichte sind in der folgenden Tabelle aufgeführt:

     

    Hirschbullen Hirschkühe Jungtiere Gesamt
    Wapiti
    5000 Tiere
    720 Tiere
    bei 325 kg => 234 t
    2850 Tiere
    bei 215 kg => 612,75 t
    1430 Tiere
    bei 20 kg => 28,6 t
    5000 Tiere
    875,35 t
    Weißwedelhirsche
    10.000 Tiere
    1250 Tiere
    bei 110 kg => 137,5 t
    5000 Tiere
    bei 75 kg => 375 t
    3750 Tiere
    bei 12 kg => 45 t
    10.000 Tiere
    557,5 t
    Maultierhirsche
    5000 Tiere
    550 Tiere
    bei 82 kg => 45,1 t
    2200 Tiere
    bei 55 kg => 121 t
    2250 Tiere
    bei 10 kg => 22,5 t
    5000 Tiere
    188,6 t

    Sehr viel zu transportieren, aber wurde es überhaupt transportiert?

    Hieraus ergibt sich ein unglaubliches Gesamtgewicht von 1621,45 t der umgekommenen Hirsche. Zieht man hier Schätz- und Rundungsfehler ab, geht davon aus, dass nur 1/3 der umgekommenen Hirsche geborgen weden könnten, weil die anderen vollständig verbrannt oder in der vulkanischen Asche verschüttet sind, so müsste man immer noch mit 500 t toten Tieren rechnen. Hinzu kommen als weitere Großtiere Schwarzbären, die im Gebiet um den Mount St. Helens vorkommen, jedoch in wesentlich geringerer Zahl.
    Ein wesentlicher Faktor in dieser Betrachtung wurde aber noch nicht beachtet: Haus- bzw. Nutztiere. Die Bewohner im betroffenen Gebiet haben ungezählte Rinder und Pferde gehalten, unter denen es mit Sicherheit Opfer gab. Sie sind schwerer als Wapiti-Bullen und leben näher an den Siedlungen. Will man die Kadaver entfernen, um Seuchen zu verhindern, hätten sie höhere Priorität.
    Grob überschlagen hätten hier also zwischen 500 und 700 t an toten Tieren sicher entsorgt werden müssen. Ob das passiert ist, ist unklar.

    Eine Bergungsaktion per Hubschrauber?

    Laut den Zeugen, die Redfern zitiert, waren eine große Zahl von Hubschraubern und mindestens ein Kran beteiligt. Da die Sasquatches angeblich die Mitarbeiter der US-Army zu verletzten Artgenossen geleitet haben, kann dies nur wenige Tage nach dem Ausbruch gewesen sein. Zu dieser Zeit war die Asche aber noch locker und wäre mit jeder Flugbewegung der Hubschrauber in gewaltigen Mengen aufgewirbelt worden.

    1980 standen der US Army und der Nationalgarde von Washington folgende Transporthubschrauber zur Verfügung:

    Modell Tragkraft max.
    Foto eines zweirotorigen Transporthubschraubers Boeing CH-47 „Chinook“ 7 bis 10,5 t
    Foto eines einrotorigen mittelgroßen Hubschraubers Bell UH-1 Iroquois, meist „Huey“ genannt 1 bis 1,5 t
    Foto eines sehr altmodisch aussehenden Hubschraubers Sikorsky H-34 ca. 2 t

    Es ist leicht vorstellbar, wie viele Flüge notwendig gewesen wären, um solche Mengen an Kadavern zu entfernen, insbesondere wenn die starken Chinooks nur in begrenzter Zahl zur Verfügung standen. Von starker, militärischer Hubschrauberaktivität ist jedoch nirgendwo zu lesen. Von daher ist davon auszugehen, dass die zuständigen Stellen (das USACE und die Nationalgarde) nur wenige Kadaver in den Quellbereichen der Flüsse entfernt haben – wenn überhaupt.

    Wesentlich wichtiger war eher die Entsorgung von Kadavern im Nahbereich der Siedlungen. Dies haben Anwohner und Behörden aufgrund der Asche nicht mit Hubschraubern, sondern mit Fahrzeugen, die über staubgeschützte Aggregate verfügten, z.B. Baustellenfahrzeugen erledigt.

    Was ist mit dem Kran?

    Ein Kran mit halboffener Hydraulik, großen, fettgeschmierten Lagern und Elektroantrieb wäre für vulkanische Asche sehr anfällig gewesen. In dem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, wie der Kran dorthin gekommen ist. Die Straßen waren unpassierbar. Wieso sollte man einen Kran einfliegen? Für Hebeaufgaben sind Helikopter besser geeignet. Zum Ausheben von Gruben sind Bagger das Mittel der Wahl und sie stehen dem US Army Corps of Engineers zur Verfügung. Allerdings waren die Straßen unpassierbar.

    Wenn man aber auf einen Kran der „Manatowaka Company“ zugriff, dann vermutlich, weil er zufällig vor Ort war.

    Die „Manatowaka Company“ oder doch nicht?

    rot lackierter Seilbagger
    Ein „dredge crane“ der Manitowoc Company, vielleicht eine Verwechslung? Foto: Nate Dawg, CC 4.0

    Bisher hat sich laut der Website Bigfootencounters.com niemand die Mühe gemacht, herauszufinden, ob es 1980 im Süden des Bundesstaates Washington eine Firma diesen Namens gab. Möglicherweise liegt hier auch eine Verwechslung vor. Gibt man den Namen „Manatowaka Company“ in eine Suchmaschine ein, landet man unter dem gar nicht so unähnlichen Namen „Manitowoc Company“ einige Treffer.

    Die „Manitowoc Company“ ist ein Traditionsunternehmen, das Krane und Bagger herstellt und unter dem Namen Manitowoc Raupenkrane vertreibt (andere Produktlinien haben teilweise andere Namen). Der Name ist groß an den Fahrzeugen angeschrieben. Mit einem solchen Gerät wäre man tatsächlich halbwegs mobil gewesen und hätte Kadaver bergen können. Warum auch nicht?

    War das Militär überhaupt da?

    Bisher habe ich keinen Hinweis gefunden, dass die US Army mit militärischen Einheiten vor Ort war. Das oben genannte US Army Corps of Engineers war 1980 am Mount St. Helens und hat im Rahmen einer Sofortmaßnahme den Flusslauf des Cowlitz-Rivers freigeräumt, um das Risiko von Überschwemmungen zu bannen. Allerdings besteht das USACE größtenteils aus Zivilisten, es ist eher dem deutschen THW als einer Pioniereinheit vergleichbar.

    Es gibt ebenfalls Hinweise auf den Einsatz der Nationalgarde. Diese hat bereits vor dem Ausbruch des Vulkans die Straßen der Gegend weiträumig abgesperrt. Einsätze, insbesondere Hilfsaktionen nach dem Ausbruch sind wahrscheinlich, aber für mich derzeit nicht zu belegen.

    Im Gegenteil: Einen Großteil der Aufräumarbeiten erledigten die Gemeinden selber. Viele haben lokale Aschedeponien geschaffen und direkt mit Erde abgedeckt. Andere haben die staubige Masse in alten Minen untergebracht. Auch auf den Kosten von etwa 1,1 Milliarden US$ blieben sie zunächst sitzen. Der Kongress bewilligte Beihilfen von 950 Millionen US$, die über drei verschiedene Organisationen ausgeschüttet wurden.

    Fazit

    Die Geschichte ist mehr als dünn. Redferns Beitrag liest sich wie ein schlechter Verschwörungs-Roman. Sogar der geheimnisvolle Zeuge, der alles gesehen haben will, ist dabei. Natürlich bleibt er anonym. Eigentlich fehlt hier nur der einschüchternde Anruf beim Autor oder bei Zeugen, die danach die Aussagen plötzlich ändern.

    Schaut man sich die Story etwas genauer an, stimmen auch die Fakten nachdenklich. Es gibt keine Hinweise auf eine zentral geplante und koordinierte Sammlung und Entsorgung verendeter Tiere. Sie wäre aufgrund der Vielzahl von Flügen gar nicht zu vertuschen gewesen.
    Dort, wo verbrannte Tierkadaver herumlagen, also mit den Sasquatches zu rechnen wäre, war Helikopterflug nur sehr begrenzt möglich. Jede Annäherung an den Boden hätte die leichte Asche aufgewirbelt, sie wäre zwangsläufig in den Turbinen gelandet und hätte viel Ärger bis hin zu Abstürzen verursacht. Insgesamt wurden mindestens acht Flugzeuge durch die Asche beschädigt, jedoch kein Helikopter. Bei einer großen Zahl von Hubschrauber-Flügen wäre unter diesen Bedingungen fast zwangsläufig mit Unfällen zu rechnen gewesen.
    Einheiten, die eine größere Zahl von Helikoptern hätten einsetzen können, waren gar nicht vor Ort.

    Der Kran, mit dem ein Loch ausgehoben worden sein soll, ist mit großer Sicherheit ein Produkt eines ähnlich klingenden Herstellers und nicht im Betrieb der genannten Gesellschaft. Ob die Erinnerung dem Zeugen einen Streich spielte, oder ob es doch eine Gesellschaft mit diesem Namen gab, ist unklar.

    In der Summe gibt es zu viele Fehler, wenn man nur ein wenig in die Materie eintaucht.


    Anmerkungen:

    Die Wiederbesiedlung des durch die Eruption verwüsteten Gebietes wäre einmal einen Artikel wert. Spannend ist der direkte Vergleich zwischen den Gebieten, in denen das Forstunternehmen Weyerhaeuser die Natur unterstützen wollte und den Gebieten, in denen die Natur frei arbeiten konnte. Da beide Gebiete oft dicht beieinander liegen, könnte man hier von einem natürlichen Labor sprechen. Das wäre auch einmal einen Artikel wert, völlig ohne Sasquatch.


    Literatur:

    Zur Story von Nick Redfern: Mysterious UniverseDie Bigfoot-Encounters: Cowlitz County Bodies

    Im Prinzip dieselbe Story, nur von Washington Bigfoots: Bigfoot Bodys removed after 1980 Mt St Helens eruption

    Das USACE am Mt. St. Helens.

    Die deutsche Webseite von Manitowoc-Cranes

    ICAO: Manual on Volcanic Ash, Radioactive Material and Toxic Chemical Clouds


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  • eDNA-Analyse: Geheimnis um Nessie „gelüftet“

    von: Tobias Möser

     

    was vorher geschah: eDNA-Analyse an Loch Ness: Professor Gemmell hält die Welt in Atem

    eDNA steht für envirnonmental DNA oder Umwelt-DNA. Ihre Analyse ist eine Möglichkeit, umfassend die Organismen eines Lebensraumes zu erfassen. Bei dieser Analyse gehen die Wissenschaftler davon aus, dass jeder Organismus DNA an die Umwelt abgibt. Das passiert über abgeriebene Hautzellen, Haare, Federn, Schuppen, Darmzellen im Kot, Zellen und Zellreste im Urin, kleinere Verletzungen und Ähnliches. DNA ist in der Umwelt halbwegs stabil. In einem Wasserkörper baut sie sich innerhalb von einer bis zwei Wochen ab, im Sediment kann sie länger überdauern. Eine Probe kann also immer nur einen kurzen Zeitraum repräsentieren.

    Ein freundlich aussehnder, kahlköpfiger Mann im Portrait
    Prof. Neil Gemmell, University of Otago (NZ), Leiter der Studie

    Die Laborarbeit

    Aus der Probe braucht der Wissenschaftler dann „nur noch“ die DNA heraus zu filtern und mit einer Polymerase-Kettenreaktion (PCR) zu vervielfachen. Dann kann er ihre Sequenz lesen und diese mit vorhandenen Sequenzen in Datenbänken vergleichen. So bekommt er (oder sie) dann drei mögliche Ergebnisse:

    1. Die gefundene Sequenz entspricht so sehr einer bereits bekannten Sequenz, dass sie sicher oder mit hoher Signifikanz einer bekannten Art zugeordnet werden kann.
    2. Die Sequenz kann nicht mit Sicherheit oder hoher Signifikanz einer Art zugeordnet werden, die nächstwahrscheinlichen Arten sind mit XY% diese Art und mit YZ% folgende Arten oder Gruppe.
    3. Die gefundene Sequenz kann keiner bekannten Art zugeordnet werden, zeigt jedoch in bestimmten Bereichen typische Sequenzen für folgende Gruppen: …

    Die letzte mögliche Variante „Die gefundene Sequenz entspricht keiner bekannten Gruppe“ tritt heute kaum noch auf. Die seit über 30 Jahren gepflegten Gen-Datenbanken sind mittlerweile so vielfältig bestückt, dass nahezu jedes Lebewesen zugeordnet werden kann.

    eDNA-Beprobung von Loch Ness

    Ausgerechnet die University of Otago aus Neuseeland kam auf die Idee, im schottischen Loch Ness eDNA-Proben zu nehmen. Dass hierbei auch Nessie „beprobt“ würde, war dem Projektleiter, Prof. Neil Gemmell klar: Ziel ist ein detailliertes Profil der einzelnen Organismen in diesem See, nicht die Identifikation eines Monsters. Er bezweifle, dass es so etwas wie ein Monster in diesem See gäbe, aber würde sich von seinen Ergebnissen vom Gegenteil überzeugen lassen.

    Eine andere Zielrichtung wird hierbei nicht thematisiert: die Methodik der eDNA ist relativ neu. Dennoch scheint sie ein valides Mittel zu sein, mit wenig Aufwand die Biodiversität eines Lebensraumes zu beurteilen. Mit der Auswahl des legendären Loch Ness und seiner Medienstrategie hofft Neil Gemmell vermutlich, damit zum „Gesicht“ dieser Methodik zu werden.


    Der Ness ist nur 10 km lang und verbindet den Loch mit dem Firth of Moray

    Ein mäßig breiter, flacher Fluß in einer gut begrünten Innenstadt
    Der Ness-River vom Castle Hill in Inverness aus gesehen.

    eine ruhige Wasserfläche mit wenigen Wellen, in der Mitte ein Gegenstand unbestimmbarer Größe, aus dem ein langer Fortsatz in einem flachen Bogen nach oben geht und dort wie abgeknickt wirkt
    Das berühmte Nessie-Foto von Robert Wilson von April 1934.

    „Umwelt-DNA ist eine neue Herangehensweise und hat Elemente einer Neuheit. Aber wenn man ihre Fähigkeiten, Leben in einem definierten System zu dokumentieren an einem der bekanntesten Gewässer der welt, in dem das Monster ‚Nessie‘ leben soll, kombiniert, nehmen die Leute wirklich Notiz.“ beschreibt Neil Gemmell die Motivation, ausgerechnet am anderen Ende der Welt (von Neuseeland aus gesehen) zu arbeiten.

    250 Wasserproben und ein Katalog

    Im Juni 2018 haben Neil Gemmell und sein Team 250 Wasserproben „in der ganzen Länge, Breite und Tiefe des Loch Ness“ genommen. Darin fanden sie sagenhafte 500 Millionen DNA-Sequenzen, die sie mit den vorhandenen Datenbanken abglichen. Keine Frage, so etwas dauert ein wenig. Die ersten Vorab-Meldungen im Juni 2019 berichtete Prof. Gemmell von 15 Fischarten und 3000 Bakterienarten im Loch. Da man eine solche Untersuchung trotz maximaler wissenschaftlicher Coolness nicht ohne den Gedanken an Nessie durchführen kann, fügte er hinzu: “Wir haben jede einzelne der Haupthypothesen zum Loch Ness Monster geprüft. Bei drei von ihnen können wir vermutlich sagen, dass sie falsch sind und eine von ihnen könnte ein Treffer sein.“ Dies sagte er der Tageszeitung „The Scotsman“ im Juni.

    Der vollständige Katalog der Arten, „die Loch Ness ein Zuhause nennen“, wurde heute, am 5. September 2019 auf einer Pressekonferenz im Loch Ness Centre and Exhibition, Drumnadrochit, an den Gestaden des Loches enthüllt. Für 15 Fischarten und 3000 Bakterien ein ziemlicher Aufwand, aber Gespür für Dramatik hat Neil Gemmell allemal!

    Lokaler Widerstand

    Unter der lokalen Bevölkerung gab es Widerstand gegen die Studie. Die Beprobung selbst war kein Problem. Die Tatsache, dass Gemmell das Loch Ness Monster untersuchen will, stieß auf Unmut. Es ist längst Teil der regionalen Kultur geworden. Da es als Leuchtturm den Tourismus immer wieder ankurbelt, hat es auch eine große wirtschaftliche Bedeutung.
    So kam die Idee auf, die Studie zu sabotieren, indem man den See mit völlig auszuschließender DNA kontaminiert. „Leider“ kam die Kotprobe eines Leistenkrokodils aus einem Zoo in England nicht an, wie das NfK aus ungewöhnlich gut informierten Kreisen erfuhr.

    Stele mit der Bezeichnung "Loch Ness", der See im Hintergrund
    Für die, die nicht wissen, wo sie sind…

    Vier Menschen mit Schwimmwesten im Heck eines Bootes, im Hintergrund Urquhart Castle
    Studienteilnehmer bei der Beprobung: Cristina DiMuri (University of Hull), Professor Neil Gemmell, Adrian Shine (Loch Ness Project), Gert-Jan Jeunen (University of Otago); Foto: Kieran Hennigan, Presserelease

    Ein langhalsiges Wesen mit zwei flachen Flippern und Walschwanz, und zwei kurzen Hörnchen
    Nessie, wie sie sich die Macher der „Monster“-Sonderausstellung des Naturkundemuseum Kassel vorstellen: Ein bißchen Plesiosaurier, ein bißchen Wal, zwei Buckel und winzige Hörner

    Gemmells Haupthypothesen

    Da Neil Gemmell Zoologe und Genetiker ist und biologisch arbeitet, wird jede der von ihm überprüften „Haupthypothesen“ mit einem Tier bzw. einer Tiergruppe zu tun haben. Dinge wie Baumstämme, umgedrehte Boote und aufsteigendes CO2, sowie Phänomene wie stehende Wellen und Luftspiegelungen und absichtliche Täuschungsmanöver sind somit auszuschließen.

    Eine Lederschildkröte am Strand auf dem weg ins Wasser
    Dass Lederschildkröten nach Schottland kommen, ist bekannt. Im Loch wurden sie noch nicht gesehen

    Mehrere Rothirsche an einem halb mit Gras bewachsenen Schotterstrand
    Rothirsche der Isle of Rum, in Schottland ein häufiges Bild

    Eine Otterfamilie in einem Meeresarm
    Eine Familie Fischotter in Loch Dunvegan bei Skye/ Schottland. So wirken sie fast wie eine Schlange

    Große Reptilien

    Hierzu zählen sowohl mesozoische Überlebende wie rezente Tiere. Mesozoische Überlebende, insbesondere die gerne gezeichneten Plesiosaurier sind aus zahlreichen Gründen unwahrscheinlich. Abgesehen von 65 Millionen Jahre fehlender Fossilüberlieferung ist Loch Ness ein glazialer See, der während der letzten Eiszeiten durch die Vereisung geformt wurde.

    Die einzigen größeren Reptilien, die zumindest zeitweise bis nach Schottland kommen, sind Lederschildkröten. Nicht völlig auszuschließen ist, dass einzelne Tiere durch den Ness in den Loch gewandert sind. Unter Umständen sind sie dann auch durch eDNA nachweisbar, jedoch sind sie hier kaum überlebensfähig.

    Über eine Lederschildkröte, die in Kanada in einem Fjord gefangen war, berichteten wir vor Kurzem.

    Rothirsche

    Rothirsche sind in den schottischen Highlands ein gewohntes Bild. Hält man sich abends an den etwas ruhigeren, offenen Ecken am Loch auf, ist es kaum möglich, sie zu verpassen. Die Tiere äsen in der Nähe des Lochs, trinken sein Wasser und hinterlassen so Haare, Hautschuppen und Fäkalien. Sie müssten also in der eDNA-Untersuchung nachweisbar sein.

    Rothirsche sind ausdauernde Schwimmer, die den Loch durchqueren können. Eine in Reihe schwimmende Gruppe Rothirsche kann durchaus für ein großes, schlangenartiges Tier mit mehreren Buckeln gehalten werden.

    Otter

    Fischotter sind in Schottland weitaus häufiger als in Deutschland. Loch Ness bietet ihnen für die Jagd eher schlechte Bedingungen. Die relativ steilen Ufer und die nur kleinen Flachwasserzonen erlauben es den Fischen, in Tiefen zu fliehen, in die Fischotter nicht tauchen können. Um diesen Nachteil auszugleichen, bleiben Familienverbände oft über längere Zeit zusammen und jagen in einer koordinierten Treibjagd, bei der die Fische ins Flachwasser getrieben werden. Das passiert nicht nur am Loch Ness, sondern auch im Meer. Solche Familienverbände sieht man dort häufiger. Sie legen größere Strecken ebenfalls oft im „Gänsemarsch“ zurück, mit demselben optischen Effekt wie bei Rothirschen, nur dass Otter „etwas“ kleiner sind.

    Große Fische

    Lachse

    Auch große Fische werden immer wieder als Grund für Nessie-Sichtungen genannt. Doch es ist gar nicht so einfach, hier einen Urheber zu finden. Loch Ness ist als Lachsgewässer bekannt. Der größte in britischen Gewässern gefangene Lachs wurde 1922 hier geangelt. Er maß 4 Fuß, 6 Inch, also etwa 137 cm, sein Abguss befindet sich im Inverness-Museum.

    Es wäre unrealistisch, zu vermuten, dass Prof. Gemmell keine Lachs-DNA nachgewiesen hätte.

    Abguss eines riesigen Lachses
    Rekordlachs aus dem Jahr 1922 im Inverness-Museum. Das Tier war sagenhafte 137 cm lang

    Ein langer, schlanker, urtümlich wirkender Fisch in flachem Wasser
    Ein Stör von etwa 1,5 m Länge sonnt sich im Flachwasser eines Schauteiches

    ein gestreckter, gefleckter Fisch in einem Aquarium
    Europäischer Wels Siluris glanis, Foto von Akos Harka. Die Art kommt in Schottland nicht vor.

    Störe

    Ein weiterer großer Fisch, der zum Ablaichen ins Süßwasser wandert, ist der Stör. Auch hierfür gibt es Nachweise, so wurde schon 1661 ein über 3 m langer Stör bei Inverness beobachtet. Vermutlich handelt es sich hierbei um den eher kältetoleranten Atlantischen Stör Acipenser oxyrinchus*. Ähnlich wie der europäische Stör A. sturio erreicht er Längen von über 3,5 m und wandert zum Laichen in Süßgewässer ein.
    Fische dieser Größe, die in Flachgewässer eindringen, sollten eigentlich der lokalen Bevölkerung bekannt sein. Da Störe, trotz des Rufes als „sibirische Fische“ eher wärmere Gewässer bevorzugen, werden sie die schottischen Flüsse nur in sehr warmen Jahren besucht haben. 2018 war jedoch ein solches „warmes Jahr“, in Schottland das wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Sind Störe in den Loch eingewandert?

    Der Wels

    Der dritte „Große“ im Bunde ist der Wels Silurus glanis. Dieser Fisch, der für einen Süßwasserfisch sehr groß wird, kommt ursprünglich auf den britischen Inseln nicht vor. Ab 1880 hat man im Süden Englands die ersten Welse ausgesetzt. Die Tiere konnten sich aber nur in Seen und Talsperren etablieren. Flüsse haben sie hier nie dauerhaft erfolgreich besiedelt. Von der nördlichsten Verbreitung in der Nähe von Birmingham bis zum Loch Ness sind es über 500 km, und zahlreiche Wasserscheiden, die überwunden werden müssen. Hinzu kommt die klimatische Grenze: sind die Flüsse im Süden Englands schon zu kalt, so gilt das für Schottland erst recht: Welse sind hier nicht zu erwarten.

    Große Aale

    Aale sind in Schottland nichts Neues. Sie kommen regelmäßig als Europäischer Aal Anguilla anguilla vor, der als Jungtier ins Süßwasser wandert, dort heranwächst und als geschlechtsreifes Tier in die Sargassosee wandert, um dort zu laichen und zu sterben. Weibchen erreichen dabei Längen bis zu 1,5 m, oder britisch: 5 Fuß. Im Meer leben Meerale der Art Conger conger, die wesentlich größer werden. Sie erreichen regelmäßig über 2 m Länge, auch 3 m sind möglich. Allerdings wandert diese Art nicht ins Süßwasser.

    Immer wieder gibt es Gerüchte um riesige Aale, die wesentlich größer werden, als bekannt. Belege gibt es hier nicht, dennoch kommen such sie als Erklärung für Nessie in Frage.

    Meeressäuger

    Die schottische See ist reich an Meeressäugern. Seehunde und Kegelrobben sind nahezu allgegenwärtig, das gilt auch für Hafen-Schweinswale. Vor der Ness-Mündung im Moray-Firth lebt die nördlichste stationäre Population Großer Tümmler. Auch andere Wale werden hier mehr oder weniger regelmäßig gesehen.

    Mehrere Seehunde ruhen auf einem kleinen Felsen
    Seehunde sind an der schottischen Küste allgegenwärtig

    ein mittelgroßer Fluss im Wald mit einer bewachsenen Insel in der Mitte
    Der Ness etwas stromaufwärts von Inverness Zentrum. Hier sollen regelmäßig Seehunde vorkommen

    Zwei große Tümmler im Meer, einer taucht zu einem Drittel aus dem Wasser
    Große Tümmler bilden vor der Ness-Mündung die nördlichste stationäre Population, aber sie sind nicht dafür bekannt, in den Fluss zu wandern

    Von Seehunden ist es bekannt, dass sie oft den Ness hinauf wandern. Stromaufwärts des Zentrums von Inverness tauchen sie so regelmäßig auf, dass sie auf Stadtrundfahrten und in Reiseführern erwähnt werden. Stimmt das Nahrungsangebot, wandern sie selbstverständlich auch weiter stromaufwärts in dem Loch.

    Die Berufsfischer im Loch kennen die Seehunde auch. Früher wurden gefangene Seehunde als Konkurrenz erschlagen, versenkt und totgeschwiegen. Das geht heute zum Glück nicht mehr, zum einen gibt es kaum noch Berufsfischer am Loch Ness, aber auch die permanente „Überwachung“ durch Nessie-Sucher und Webcams macht das unmöglich.

    Wale werden vermutlich nur im Notfall in den flachen Ness einwandern, verlieren sie die Orientierung, könnten sie dann auch in den Loch schwimmen und dort sicherlich eine Weile überleben. Man denke hier an den Beluga im Rhein 1966 oder den Schnabelwal in der Themse 2006.

    Die Pressekonferenz

    Die Publikation der Studie sich deutlich verzögert. Es gab Verspätungen, unter anderem, weil ein Kamerateam die Arbeiten begleiten wollte. Loch Ness und das dazugehörige Monster spielen eine wichtige eine Rolle. Daher darf spekuliert werden, dass sich die Zeitschrift, die das Resultat am Ende abdruckt, im Peer-review-Prozess doppelt und dreifach abgesichert hat.

    So kam es, dass die Ergebnisse nicht, wie geplant im Januar 2019 veröffentlicht wurden, sondern nach einer kurzen Vorab-Publikation im Juni erst im September vorgestellt wurden. Doch bereits im Juni wurden interessante Details bekannt, unter anderem die oben genannten 15 Fischarten.

    “Gibt es in dem See etwas Mysteriöses? Mhm, das hängt davon ab, was man glaubt,“ sagt Gemmell. „Gibt es etwas Überraschendes? Ja, einige Befunde haben uns verblüfft.“ Der letzte Satz reichte aus, um die Pressekonferenz heute in Drumnadrochit zu füllen.

    Loch Ness mit Bergketten an beiden Ufern und der Sonne hinter Wolken am gegenüberliegenden Ende
    Wie verschlossen liegt Loch Ness an diesem Abend da, kaum eine Welle, und selbst das Licht wirkt bleiern. Noch birgt es seine Geheimnisse.

    Die Ergebnisse

    Im Rahmen der Studie haben die Wissenschaftler ja nicht nur nach Nessie gesucht, sondern zahlreiche Organismen feststellen können. Überraschend ist die hohe Zahl der ermittelten Organismen. Man wusste zwar, dass Süßwasser-Ökosysteme sehr viele mikroskopische Arten beinhalten, aber 30900 verschiedene Arten ist eine hohe Zahl. Natürlich hat Neil Gemmell die Pressekonferenz spannend gemacht, aber direkt mit der brennendsten Frage begonnen: „Gibt es einen Plesiosaurier in Loch Ness? – Nein. Es gibt absolut keinen Hinweis auf reptilische Sequenzen in unseren Proben. Wir können daher sicher sagen, dass kein großes, schuppiges Reptil in Loch Ness schwimmt. Es gibt keinen Beweis für einen Plesiosaurier oder andere Reptilien.“
    Kurz drauf wurde er konkreter: Wels-DNA und Stör-DNA hat er keine gefunden.

    „Wir haben große Mengen Aal-DNA in Loch Ness gefunden. (…) An jeder untersuchten Stelle gab es Aal-DNA, die schiere Menge hat uns überrascht. (…) Gibt es einen riesigen Aal? Möglich, wir wissen nicht, ob die DNA von einem großen oder kleinen Aal stammt. (…) Ich weiß nicht, ob das etwas ist, was wir plausibel testen können.“

    Im nächsten Satz könnte Gemmell Meter und Fuß verwechselt haben: „Sie wachsen normalerweise zu vier bis sechs Metern Länge, aber einige Leute sagen, sie hätten größere Aale gesehen. (…) Es ist plausibel, dass da ein oder zwei sein könnten, die zu einer extremen Größe heranwachsen, möglicherweise 50% größer als normal, möglicherweise noch größer.“

    Gemmell gibt zu, dass Loch Ness ein sehr großer Wasserkörper ist und ihm mit 250 Wasserproben möglicherweise etwas entgangen ist: „Es könnte ein Monster in Loch Ness geben. Wir wissen es nicht, wir haben es nicht gefunden.“

    „So that’s the hunt. The hunt ist done.“

    Die groß angekündigten „verblüffenden Befunde“ haben dann doch sehr enttäuscht. Nessie soll also ein Aal sein, nur weil Gemmell Aal-DNA in sehr vielen Proben gefunden hat. Dass Aale in Loch Ness vorkommen, war kein Geheimnis. Jeder Fischer weiß, dass Aale große Mengen Schleim produzieren und damit auch eine Menge DNA in die Umwelt entlassen. Dass Gemmell viel davon gefunden hat, ist also keine Überraschung.

    Überraschender ist, wie schlecht sich der Biologie-Professor Neil Gemmell mit klassischer Zoologie auskennt. Europäische Aale, die er in Loch Ness nachgewiesen hat, werden keine vier, geschweige denn sechs Meter lang. 1,5 m sind für geschlechtsreife Weibchen ein gutes Maß, 1,8 m schon sehr groß. Auch die Einschätzung „einer oder zwei werden eben 50% größer sein“ begründet er mit der These, dass diese Tiere nicht auf die Laichwanderung gehen und daher immer weiter wachsen. Die These ist bekannt, jedoch unbelegt. Ein Aal, der 50% länger ist, als ein normales Exemplar wiegt mehr als das dreifache, denn er wächst ja auch in Tiefe und Höhe. Das macht in der Regel ein Körperbau nicht mit, auch nicht bei Fischen.

    „Nur weil etwas nicht gefunden wird, heißt es nicht…

    …, dass es nicht da ist.“ Neben der Charakterisierung zahlreicher Arten des Loch Ness Ökosystems (die man gar nicht zu hoch loben kann), hat die Arbeit den (erwarteten) genetischen Nachweis von Aalen in Loch Ness erbracht. Das ist nichts, womit ein Schotte nicht gerechnet hätte…

    Ruine einer Burg vor dem Wasser des Loch Ness
    Die malerische Ruine von Urquhart Castle steht noch …

    Hinweisschild zum Loch Ness Nessie Shop
    … und auch Nessie-Devotionalien werden weiterhin verkauft. Ob Professor Gemmell auch ein Nessie-Stofftier gekauft hat?

    Spielzeug-Nessie sitzt auf einem Stein am Ufer
    Die einzige, wirklich klare Aufnahme von Nessie widerspricht jedenfalls der Studie – und lässt alle Fragen offen.

    Die eisenharten Nessie-Gläubigen halten sich an Gemmells Satz „Es könnte ein Monster in Loch Ness geben. Wir wissen es nicht, wir haben es nicht gefunden.“ fest: Die DNA war halt nur nicht in den Proben enthalten.

    Eins dürfte sicher sein: Es wird auch in Zukunft Nessie-Sichtungen geben, Nessie-Devotionalien werden sich gut verkaufen, in Urquhart Castle werden die Besucherströme nicht zusammenbrechen und vielleicht hat der Professor ja doch nicht richtig hingesehen…


    * Warum wir wissenschaftliche Namen nicht kursiv schreiben:

    Natürlich wissen wir, dass man wissenschaftliche Namen in Texten kursiv schreibt. Wir würden das auch hier gerne machen, leider hat unser Template genau in dieser Funktion einen Bug (technischen Fehler). Dieser Fehler sorgt dafür, dass eine kursive Formatierung immer gleichzeitig fett hervorgehoben wird. Außerdem wird im Fließtext, jedoch nicht in Kurzzusammenfassungen und Suchmaschinentexten ein weiteres Leerzeichen vor und hinter dem Text angezeigt.
    Daher haben wir uns entschieden, wissenschaftliche Namen nicht kursiv zu schreiben, bis wir eine Lösung für das Problem gefunden haben.


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