Vom traurigen Schicksal des „Kanalschwimmers“

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Neben dem einzigen einheimischen Wal an den deutschen Küsten, dem Schweinswal, verirren sich auch immer wieder verschiedene Arten von Klein- und Großwalen in deutsche Gewässer.

 

In den letzten Jahren wurde es schon fast zur Tradition, dass sich ein Delfin in die Flensburger-, Eckernförder- oder Kieler Bucht verirrte und sich hier zum Teil über mehrere Wochen aufhielt (so 2017-2020). Sehr zur Freude der Einheimischen, der Touristen und natürlich auch der Presse, die dann regelmäßig Schnappschüsse der exotischen Besucher abdruckt (wir berichteten).

 

Die Tiere sind hier natürlich verschiedenen Gefahren ausgesetzt, so etwa Verletzungen durch Motorboote oder Krankheiten. Auf die Idee, die Tiere zu Bejagen, käme heutzutage vermutlich kaum ein Mensch. Das war aber nicht immer so, wie folgender trauriger Fall zeigt.

 

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Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des Walfangs der Nordfriesen

Selbst heute gibt es gegen Ende des Februars in vielen Orten der nordfriesischen Küste noch das beliebte Biikebrennen. Dieser Brauch erinnert an längst vergangene Zeiten, in denen zahlreiche Männer Nordfrieslands am 22. Februar jeden Jahres von den Angehörigen mit den weithin leuchtenden Feuern verabschiedet wurden, bevor sie zum Walfang aufbrachen. Weitere Überbleibsel aus der Blütezeit des Walfangs sind Grabsteine auf den Inselfriedhöfen, Kachelbilder in alten Häusern, auf denen Schiffe und Walfangszenen zu erkennen sind, oder Walfangkiefer als Trophäen vor Föhrer Kapitänshäusern.

Wenn man sich näher mit dem Walfang der Nordfriesen im 17. und 18. Jahrhundert beschäftigen will, gestaltet es sich allerdings schwierig, ausreichend Literatur zu finden. Die meisten Werke beschäftigen sich oft nur sehr ausführlich mit der geschichtlichen Entwicklung eines einzigen Ortes. Manchmal ist es auch zweifelhaft, ob alle überlieferten Informationen der Wahrheit entsprechen. Nur wenigen Menschen ist es heute geläufig, dass die Nordfriesen auf den Inseln und Halligen ihr Leben einst komplett auf den Walfang umgestellt hatten und wie sehr der Walfang ihre regionale Sozial- und Wirtschaftsgeschichte über zwei Jahrhunderte nachhaltig beeinflusst hat.

 

Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des Walfangs der Nordfriesenist eine veröffentlichte Studienarbeit der Uni Flensburg aus dem Jahr 2003. Sie wurde mit 1- bewertet und stellt eine einzigartige Sammlung historischer Quellen dar.

 

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Ein Großer Tümmler im Nord-Ostsee-Kanal

Bereits 1929 verirrte sich ein Großer Tümmler in den Nord-Ostsee-Kanal (damals noch Kaiser-Wilhelm-Kanal) und sorgte für eine Sensation. Drei Wochen lang, so berichten die Kieler Neuesten Nachrichten am 12.10.1929, habe sich das Tier, das über eine Schleuse in den Kanal gelangt sei, in diesem getummelt und sei von vielen Menschen beobachtet worden.

 

Bericht über den Kanalschwimmer
Kieler Neueste Nachrichten 12.10.1929

 

Die Fischer der Region waren allerdings nicht begeistert. Für sie war der Kanalschwimmer eine Jagdkonkurrenz und sie behaupteten, er würde ihre Fangerträge massiv verringern. Sein trauriges Schicksal zeichnete sich ab. Also machte man sich am Nord-Ostsee-Kanal auf die Jagd und am 12. Oktober 1929 wurde der Kanalschwimmer dann von Fischern aus Holtenau erlegt. Im Internet lässt sich noch ein Foto finden, dass die stolzen Fischer vor ihrer erlegten Trophäe zeigt.

 

Der erlegte Tümmler aus dem Nord-Ostsee-Kanal

 

Inzwischen ist der „Kanalschwimmer“ Bestandteil der Zoologischen Sammlung in Kiel und sein präpariertes Skelett kann hier besichtigt werden.

Skelett eines großen Tümmlers aus dem Nord-Ostsee-Kanal
Das Skelett des „Kanalschwimmers“ im Zoologischen Museum in Kiel (Foto: André Kramer)

 

 

Heutzutage würden Gesetze eine solche Bejagung verbieten und der Aufschrei der Öffentlichkeit wäre groß (obgleich die Bejagung von Tieren wie Fuchs und Dachs ebenso zweifelhaft ist). Doch in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts war der Gedanke an Artenschutz noch nicht derart etabliert. So wurde der Seehund an den deutschen Küsten durch Bejagung (auch er galt als „Fischdieb“) fast ausgerottet (Borkenhagen 2011, S. 446 f.). Heute können Touristen wieder hunderte dieser Tiere bei Bootsausflügen bestaunen und sich an ihnen erfreuen.

 

Seehunde auf einer Sandbank
Zufriedene Seehunde vor Büsum 2021 (Foto: André Kramer)

 

Gleichzeitig sind die Ausnahmegäste der Delfinfamilie in unseren Gewässern nicht immer unproblematisch. Aus noch nicht gänzlich geklärten Gründen neigen sie nämlich dazu, unseren einheimischen Schweinswal, der etwa 1,80 Meter lang wird, zu attackieren und zu töten. Größer noch, ist die Gefahr für Schweinswale allerdings durch die Stellnetze der Fischerei.[1]


Quellen

Borkenhagen, Peter: Die Säugetiere Schleswig-Holsteins. Husum: Faunistisch-Ökologische Arbeitsgemeinschaft e. V. 2011

 

Harfst, Michaela: Warum töten Delfine Schweinswale in der Ostsee? Auf: Warum töten Delfine Schweinswale in der Ostsee? – Whale and Dolphin Conservation Deutschland (whales.org) 23.01.2017

 

A.: „Kanalschwimmer“ Tümmler – Erledigt. In: Kieler Neueste Nachrichten 12.10.1929

 

[1] Vgl. Harfst 2017

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