Aktuell: Löwe bei Berlin gesichtet – Liveblog mit Analyse

Lesedauer: etwa 15 Minuten
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de Es geht durch alle Medien: Nach Zeugenaussagen wurde ein Löwe bei Berlin gesichtet, wie er ein Wildschwein jagt.

 

Die Behörden warnen, sogar über die WarnApp NINA. Die Bewohner der umliegenden Gebiete sollen nach Möglichkeit zuhause bleiben.

 

In den nächsten Minuten erscheint hier ein Live-Blog, der im Laufe des Tages und ggf. der nächsten Tage immer wieder aktualisiert wird. Wir bemühen uns, das Material zu sammeln, was die Medien zur Verfügung stellen und euch umfassend zu informieren.


Die Ausgangslage:

Donnerstag, 20.07.2023 – 0:58

Die Behörden warnen über die Warn-App NINA vor einer freilaufenden Raubkatze im Gebiet Kleinmachnow, Stahnsdorf und Teltow, im Süden von Berlin.

 

Als Handlungsempfehlung wird unter anderem herausgegeben, das betroffene Gebiet zu meiden, im Haus zu bleiben und Haus- und Nutztiere nicht raus zu lassen.

 

Diese Meldung wird um 4:26 Uhr aktualisiert, ohne dass wesentliche Informationen ergänzt werden.

 

 

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Löwen im Eiszeitalter

Raubkatzen aus Europa, Asien und Amerika stehen im Mittelpunkt des Taschenbuches „Löwen im Eiszeitalter“ des Wiesbadener Wissenschaftsautors Ernst Probst. Es beginnt mit dem riesigen Mosbacher Löwen (Panthera leo fossilis), der durch etwa 600.000 Jahre alte Funden aus dem ehemaligen Dorf Mosbach bei Wiesbaden in Hessen benannt ist.
Dieser Mosbacher Löwe gilt mit einer Gesamtlänge von bis zu 3,60 Metern als der größte Löwe aller Zeiten in Deutschland und Europa. Von dieser imposanten Raubkatze stammt der Europäische Höhlenlöwe (Panthera leo spelaea) ab, der im Eiszeitalter vor etwa 300.000 bis 10.000 Jahren in Europa lebte.

Noch größer als der Mosbacher Löwe und der Europäische Höhlenlöwe war der Amerikanische Höhlenlöwe (Panthera leo atrox) aus dem Eiszeitalter vor etwa 100.000 bis 10.000 Jahren. Er wird ebenso vorgestellt wie der vor etwa 40.000 bis 10.000 Jahren existierende Ostsibirische Höhlenlöwe (Panthera leo vereshchagini), den man auch Beringia-Höhlenlöwe nennt.

Weitere Kapitel befassen sich mit Höhlenlöwen in der Kunst der Eiszeit, Löwenfunden in Deutschland, Österreich und der Schweiz, eiszeitlichen Raubkatzen in Deutschland und Löwen der Gegenwart.

 

Löwen im Eiszeitalter von Autor Hans Probst ist 2015 beim Diplomica Verlag als Taschenbuch veröffentlicht worden und hat 332 Seiten. Es stellt eine bemerkenswerte Monographie der Löwen vergangener Zeiten dar.

 

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Das betroffene Gebiet:

 

Der Düppeler Forst, der erste Sichtungsort, liegt zwischen Potsdam im Westen und Stahnsdorf bzw. Kleinmachnow im Osten. Weitere Sichtungen erfolgten offenbar östlich davon.


Wie es weiter ging:

Donnerstag, 20.07.2023, In der Nacht

  • Die Polizei warnt vor einem „freilaufenden, gefährlichen Wildtier“, möglicherweise eine Löwin.
  • Die Berliner Feuerwehr warnt vor „vermutlich einer Löwin“.
  • Polizeisprecher Daniel Kiep sagte dem rbb:

    „Gegen Mitternacht kam bei uns die Meldung rein, die wir uns alle nicht vorstellen konnten. Da haben zwei Passanten ein Tier gesehen, das einem anderen nachrennt. Das eine war ein Wildschwein und das andere war offensichtlich eine Raubkatze, eine Löwin. Die beiden Herren haben auch ein Handyvideo aufgenommen und auch erfahrene Polizisten mussten bestätigen, es handelt sich wahrscheinlich um eine Löwin.“

     

  • kurz nach Mitternacht: Der Nutzer @lqzze1 dreht ein kurzes Video, das mutmaßlich die entlaufene Großkatze zeigt. Es wurde offenbar aus einem Auto aufgenommen, im Richard-Strauss-Weg in Kleinmachnow.

 

Löwe bei Berlin gesichtet
Ein Screenshot aus dem Twitter-Video von @lqzze1

 

  • 2:12 Uhr: Das Video erscheint bei Twitter.
  • bis 6:00 Uhr: Mehrere Beobachter melden weitere Sichtungen des mutmaßlichen Löwen aus den Orten Kleinmachnow, Teltow und Stahnsdorf.
  • 6:07 Uhr: Die Polizei erweitert das Suchgebiet im Süden Berlins weiter nach Osten. Nun sind auch die Ortsteile Zehlendorf, Steglitz, Marienfelde und Tempelhof bis an den Rand des Flughafens BER eingeschlossen.
  • 6:25 Uhr: Bei t-online bestätigt ein Polizeisprecher, dass die Polizei davon ausgeht, dass tatsächlich eine Löwin beobachtet wurde.
  • 7:23 Uhr: Die Polizei meldet: „Das Tier wurde noch NICHT gefunden!“. Wer das Tier sieht, soll den Notruf 110 wählen.
  • 7:53 Uhr: Die Bild-Zeitung zitiert den Tierarzt Fred Willizkat mit den Worten
    „Löwen sind nicht hungrig, aber unberechenbar. Ein Löwe kann auf alles losgehen, was er nicht kennt und was ihm Angst macht.“ Jeder Leser hier möge diese Aussage selbst bewerten.

 

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Löwen

faszinierende Schwarz-Weiß Impressionen

Ein Bildband, der die majestätische Schönheit von Löwen in einer ganz neuen Betrachtungsweise innerhalb einer intensiven und kreativen Kontrastwelt aufzeigt.

Durch die Schwarz-Weiß Optik und dem Zusammenspiel von Licht und Schatten werden die besonderen Merkmale dieser wunderschönen Tiere noch mehr hervorgehoben.

In diesem Bildband kommt man den Löwen durch die ausdrucksstarke Darstellung zwar nicht im wahrsten Sinne, aber dennoch vor allem emotional nahe wie nie.

 

Löwen“ zeigt auf 200 Seiten mehr als 140 ausdrucksstarke Schwarz-Weiß-Fotos der faszinierenden Großkatzen. Das Buch ist 2022 independent publiziert worden und nur als Hardcover erhältlich.

 

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Donnerstag, 20.7.2023, morgens

  • 9:00 Uhr: Die Gemeinde Kleinmachnow reagiert auf die Suche nach der Löwin, hält aber beispielsweise die Kitas offen, jedoch deren Türen und Fenster geschlossen. Die Kinder dürfen nicht raus, Erwachsene sollen es nicht. Den Markthändlern empfiehlt die Gemeinde, die Stände nicht aufzubauen. Das Rathaus bleibt offen.
  • 9:22 Uhr: Eine Sprecherin des Landkreises Potsdam-Mittelmark bestätigt, dass eine Tierärztin und zwei Jäger mit Jagdgewehren vor Ort sind. Erst wenn man das Tier findet und einige Zeit beobachten kann, können die Leute vor Ort entscheiden, ob eine Betäubung möglich ist.
  • 9:30 Uhr: Die ersten kritischen Stimmen werden laut.
    Zirkusbesitzer Michel Rogall (Zirkus Rogall) hält das Tier auf dem Video nicht für einen Löwen. Er glaubt, es handele sich um einen kaukasischen Bärenhund.
  • Mehrere Experten melden sich zu Wort, unter anderem zoologische Leiter und Raubtierkuratoren von Zoos, eine ehemalige Dompteurin und ein Löwenexperte von Senckenberg. Allgemein ist die Meinung, dass die Bilder des Videos zu schlecht sind, um sicher einen Löwen zu identifizieren.
  • 11:30 Uhr: Die Polizei setzt zur Suche nach der Löwin Drohnen ein. Der Sprecher der Polizeidirektion Brandenburg-West, Daniel Keip sagte dem Focus, dass die Polizei derzeit Sichtungen überprüft und mehrere Waldstücke absucht. Dabei kann es zu kurzfristigen Absperrungen auch in der Nähe von Wohngebieten kommen.
  • 11:35 Uhr: Der Bürgermeister von Kleinmachnow, Michael Grubert, tritt vor die Presse. Er ruft die Bürger auf, zuhause zu bleiben: „Ich würde nicht joggen“, gab er ein Beispiel. Auch Kinder sollten nicht mit dem Rad rausfahren, generell gehe er aber davon aus, dass keine direkte Gefahr herrsche und die Polizei die Lage im Griff habe. Nach seinen Informationen soll die mutmaßliche Löwin nach Möglichkeit betäubt werden, nur im äußersten Notfall soll geschossen werden.

 

Welche Gefahr geht von einem Löwen aus?

Welche tatsächliche Gefahr von einem ausgebrochenen Löwen ausgeht, ist schwer einzuschätzen. Er ist ein sehr großes Raubtier und physisch jedem Menschen überlegen. Daher ist die Frage nicht, was er verursachen kann, sondern was der Löwe will.

Sein Gehege ist jedem Zoo-Löwen intensiv bekannt. Er kennt jeden Quadratzentimeter, weiß, welche Geräusche und Gerüche von außen herein kommen, weiß, welches Geräusch was bedeutet. Und er ist diese Sicherheit gewöhnt. Entkommt so ein Tier, gelangt es in unbekannte Umgebung. Ein freilebendes Tier wäre dies gewohnt, für ein Zootier ist neues Land großer Stress. Daher ist davon auszugehen, dass ein Zoo-Löwe in einer solchen Situation zunächst versucht, in bekanntes Terrain zurück zu kehren. Klappt das nicht, wird er einen Rückzugsort suchen und in der Folge das Gebiet darum erkunden. Fehlt ein solcher Rückzugsort, kann ein Löwe weit wandern. Er wird Störungen wie den Kontakt mit Menschen vermeiden. Sollte sich das nicht vermeiden lassen, wird er aggressiv reagieren.
Eine aggressive Reaktion heißt hier, dass der Löwe zunächst droht: Zähnefletschen, Fauchen, ähnlich wie bei einer ängstlichen (Haus-) Katze. Reicht das nicht, wird er auffällig und laut auf den Menschen zulaufen und mit den Vorderpfoten auf den Boden schlagen wird. In der Regel bleibt es bei Scheinangriffen, die aber auch schon heftige Verletzungen verursachen können.

Mensch ist keine Beute

Es ist eher unwahrscheinlich, dass ein Zoo-Löwe einen erwachsenen Menschen als Beute annehmen würde. Es gibt im Umfeld wesentlich einfacher zu erbeutende Tiere, von unseren Wildtieren bis zum Haushund und natürlich Nutztiere wie Schafe und Ziegen.
Leider ist zu erwarten, dass Kinder ebenfalls zu den „einfacher zu erbeutenden“ Lebewesen gehören. Daher ist es sicher nicht verkehrt, die Kinder nicht auf die Straße zu lassen.

 

Donnerstag, 20.07.2023 – Pressekonferenz

Die Gemeinde Kleinmachnow hat um 13 Uhr zu einer Pressekonferenz geladen. Dabei wurde folgendes bekannt:

  • Ein Polizeibeamter hat den Löwen in der Nacht gesehen, nachdem das Video aufgenommen wurde.
  • An der Stelle der Aufnahme des Videos haben Polizisten und Amtsveterinäre keine Blutspuren gefunden. Es habe zwar eine Spurenlage gegeben, teilt die Brandenburgische Polizeidirektion West mit, ein Wildschwein sei allerdings nicht gefunden worden. Es gibt auch keine Berichte über (weitere) Risse.
  • Der Löwe wurde nordöstlich von Kleinmachnow zuletzt gesehen. Dort suchen die Behörden weiter mit Wärmebildkameras.
  • Bis 13 Uhr ist die Löwin nicht erneut gesichtet worden.
  • Es gibt keine Informationen, woher der Löwe stammen könnte.
  • Auf Nachfrage wurde bestätigt, dass weder die Stadt Berlin noch das Land Brandenburg Löwen zur Bekämpfung der Wildschwein-Populationen einsetzen. (!!!)

Donnerstag, 20.07.2023 – am Nachmittag

  • 13:39 Uhr: Die Polizei meldet eine weitere Sichtung. Das Tier wurde erneut im Süden der Stadt in der Nähe der Grenze nach Brandenburg gesichtet.
  • 14:30 Uhr: Die Polizei und das Veterinäramt prüfen in Kleinmachnow weitere Sichtungsmeldungen aus der Bevölkerung.
  • 15:30 Uhr: Auch die nächste Meldung kommt von der Polizei. Sie sucht nach dem Tier im Nordwesten von Stahnsdorf, zwischen der Stadtautobahn A 115, dem Stolperweg und dem Staatsforst Dreilinden.
    „Wir haben inzwischen weit mehr als eine Hundertschaft der Polizei und Spezialkräfte vor Ort im Einsatz“, sagte der Polizeisprecher Daniel Keip gegenüber dem Focus.
  • 16:00 Uhr: Die NfK-Redaktion findet das Video bei Youtube auf dem Account der Bild-Zeitung. Nun liegen Originaldaten vor, die Analyse läuft.
  • 16:13 Uhr: Laut WAZ meldet die Polizei, dass sich das Tier auch in Zehlendorf befinden könnte. Später wird öffentlich, dass sich die Meldung auf den Waldfriedhof dort bezieht.
  • 16:25 Uhr: Die Polizei bittet die Bevölkerung um Mithilfe: „Wenn Sie wissen, wo das Wildtier gehalten oder sich vor dem aktuellen ‚Ausflug‘ in die Brandenburger und Berliner Natur befand, dann melden Sie sich bitte auf der nächsten Polizeidienststelle oder wählen den Notruf“, twittert ein Sprecher.
  • 16:45 Uhr: rbb meldet, dass zwei Feuerwehrleute das Tier in Kleinmachnow gesehen haben. Unklar ist, ob eine gemeinsame oder zwei getrennte Sichtungen stattgefunden haben.
  • 17:44 Uhr: Die Polizei twittert, dass die Suche im Umkreis des Waldfriedhofes Zehlendorf beendet ist: „Die Gegend wurde abgesucht. Es fanden sich keine Hinweise oder Spuren, dass das Tier sich dort tatsächlich befunden hat.“

Donnerstag, 20.07.2023 – Am Abend:

  • 19:00 Uhr: Die Polizei meldet zwei Einzelsichtungen und eine weitere bestätigte Sichtung im Laufe des Tages. Vermutlich sind darunter auch die Sichtungen, die oben unter 16:45 Uhr aufgeführt sind.
  • 19:30 Uhr: Ein Polizist sagt einem Reporter von Focus online: „Die Löwin wurde nur ein paar hundert Meter vor uns Richtung Norden erneut gesehen.“ Der Reporter steht nach eigenen Angaben in der Nähe eines Eckhauses am „Hundeauslaufgebiet Düppel“. Dieses Gebiet ist nur etwa 800 bis 1000 m von der Stelle entfernt, an der der Film gedreht wurde. Beide Punkte verbindet eine geschlossene Bewaldung, die nur durch Nebenstraßen und Fußwege unterbrochen wird.
  • Mittlerweile hat tragen viele Polizisten Maschinenpistolen. Die üblichen Polizeipistolen (Walther P6 für die Berliner Polizei sowie SIG Sauer P228 für deren Brandenburger Kollegen und für beide SFP9) verschießen einzelne Patronen des Kalibers 9 x 19 mm und sind damit wenig geeignet, einen Löwen zu stoppen.
  • 20:15 Uhr Der Rundfunk Berlin-Brandenburg rbb bringt ein Special mit dem Titel „Wilde Nummer – Löwenjagd in Berlin und Brandenburg“. Die Sendung soll etwa 15 Minuten dauern, der Rest des Programmes verschiebt sich entsprechend.
  • 20:29 Uhr Die WAZ meldet eine erneute Sichtung im Grenzgebiet zwischen Berlin und Brandenburg, ohne spezifischer zu werden.
  • 21:30 Uhr: Der Kronprinzessinnenweg entlang der A115 im Grunewald ist für die Suche und wegen möglicher Gefahr für Radfahrer und Fußgänger gesperrt.
  • 21:30 Uhr: Die Berliner Polizei meldet, dass aktuell 220 Beamte im Süden der Hauptstadt im Einsatz sind. Der Einsatz wurde für die Nacht heruntergefahren. Gleichzeitig werden vermehrt Nachtsichtgeräte und Nachtsichtdrohnen genutzt. Aktuell konzentriert sich der Einsatz auf Zehlendorf, wo die möglichen Sichtungen lokalisiert sind. „Wir werden so lange im Einsatz sein, bis das Tier gefunden ist“, sagte die Sprecherin der Berliner Polizei, Ostertag.
  • 21:45 Uhr: Redaktionsschluss beim Netzwerk für Kryptozoologie. Wir melden uns morgen früh wieder, falls nachts nichts Bedeutsames passiert. Sollte das der Fall sein, schickt mir bitte eine WhatsApp-Nachricht.

 

Warum die Polizei von einer Löwin ausgeht

Auch wenn sich die Hinweise verdichten, dass es sich nicht um eine Großkatze handelt, muss die Polizei bei so etwas vom „schlimmsten anzunehmenden Fall“ ausgehen. Sollte sich hinterher herausstellen, dass es sich nicht um einen Löwen oder Puma gehandelt hat, war der Einsatz unnötig und niemand wurde gefährdet.

 

Geht die Polizei andersrum davon aus „och, da ist nix, da hat jemand eine Hauskatze durch den Boden einer Schnapsflasche gesehen“ und da rennt tatsächlich ein Löwe rum und jemand kommt zu Schaden, ist das eine Katastrophe – gerade im Sommerloch.


Erste Hintergründe

  • Bisher (Donnerstag, 20.07.2023, 12:00 Uhr) hat noch niemand eine entwichene Großkatze gemeldet.
  • Laut Zirkusdirektor Michel Rogall hält kein Zirkus in Deutschland Löwen oder Tiger. Über Pumas in Zoohaltung ist dem NfK nichts bekannt. Diese Tiere wurden im Vergleich zu Löwen und Tigern selten als Zirkustiere gehalten.
  • Privathaltungen von Löwen, Tigern, Pumas und anderen Großkatzen sind extrem selten. Sie unterliegen hohen Auflagen, die nicht nur Gehegegröße und -gestaltung, Ausbruchsicherheit und Qualifikation der Halter angehen, sondern erfordern auch regelmäßige Kontrollen durch das Veterinäramt und Konzepte zur Tierbeschäftigung und -gesundheit. In vielen Bundesländern, so auch in Berlin sind private Haltungen dieser Tiere pauschal verboten.
  • Im Süden Berlins gibt es keinen Zoo, Tier- oder Wildpark, der Großkatzen hält. Der Zoologische Garten und der Tierpark Friedrichsfelde sind die nächsten Institutionen, die Löwen halten. In beiden Institutionen fehlt kein Löwe, zudem gibt es Konzepte zur Warnung der Bevölkerung, wenn ein solches Tier ausbricht.
  • In der Nähe der Sichtungsorte (bisher ist ja nur der Düppeler Forst bekannt), gibt es mehrere kleinere Tierhaltungen. Bis auf den Tierpark Luckenwalde hält niemand von denen größere Katzen. In Luckenwalde lebt ein Luchs-Paar.
  • Der Focus meldet unter Berufung auf das Landesumweltamt Brandenburg, dass im Bundesland 23 Löwen gemeldet sind, das schließt Zoos, Zirkusse und Privathaltungen ein. Nur drei Zoos in Brandenburg halten Löwen: Sieversdorf-Hohenofen, Eberswalde und Müncheberg. Über die genaue Zahl der Löwen in diesen Zoos konnte ich auf die Schnelle nichts herausfinden, es sind jedoch in der Summe mindestens sechs, vermutlich nicht mehr als neun Tiere. Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass mindestens 14 Löwen in Brandenburg in privater Hand gehalten werden.

Lang ersehnt: Unsere Analyse

Eine Analyse des nur wenige Sekunden langen Videos ist erstaunlich einfach. Das Tier steht nahezu rechtwinkelig zur Kamera und wird nur halb von Gebüsch verdeckt. Andere kryptozoologische Medien sind da deutlich schlechter.

Ein echter Größenvergleich ist nicht möglich. Es gibt keine Markierung im gefilmten Bereich, die eine solche ermöglicht. Wie üblich ist auch niemand nach dem Filmen hingegangen und hat die Stelle bei Tageslicht noch einmal untersucht.

 

Ich arbeite hier mit zwei Screenshots des Videos, um auf zwei anatomische Merkmale aufmerksam zu machen, die deutlich gegen einen Löwen sprechen. Da auf den Standbildern deutlich weniger zu erkennen ist, als auf dem Video, empfehle ich dringend, sich den Clip noch einmal anzusehen:

 

Hier sind nur die ersten 14 Sekunden interessant, der Rest ist „drumherum“.

 

Los geht’s:

Auf dem Video ist die Länge des Schwanzes gut erkennbar, denn das Tier bewegt ihn deutlich sichtbar. Er endet irgendwo auf der Höhe der Oberschenkel, maximal geht er bis zum Knie (B). Löwenschwänze reichen jedoch mindestens bis zum Boden.
Da der Schwanz des Video-Tieres in einer dunklen Quaste endet, kann es auch kein – wie auch immer – verkürzter Löwenschwanz sein. Löwenschwänze haben auch eine Quaste, aber mindestens 50 cm weiter hinten / unten.

Ein ähnliches Tier mit kurzem Schwanz ist der europäische Luchs.

 

Beispielbild für einen Löwen mit sichtbarem Schwanz:

 

 

Hier ist bereits rot die Rückenlinie eines Löwen markiert. Typisch für Großkatzen ist die zwischen Schultern und Hüfte durchhängende Linie. Diese zeigt sich auch dann, wenn das Tier mit den Vorderbeinen herunter geht, hier am Beispiel eines Pumas.

 

Selbst eine kauernde Großkatze zeigt einen konkaven Rücken, nur in wenigen Situationen macht sie eine Art Katzenbuckel. Diesen macht das Tier sehr deutlich, sogar in der Bewegung, wie dieses Bild zeigt:

 

Ein Löwe oder ein Puma sind damit bereits ausgeschlossen. Es gibt Stimmen, nach denen es sich um einen Hund oder Wolf, einen Hirsch oder ein Wildschwein handeln soll.

Einige Mitglieder des Netzwerkes meinen unisono, dass es sich um eines der berühmten Berliner Stadt-Wildschweine gehandelt hat. Eine längere Diskussion mit Markus Bühler hat mich davon überzeugt: Die Schwanzlänge passt. Die „Löwin“ zeigt die schnellen, etwas linkisch wirkenden Bewegungen eines Schweines, nicht die geschmeidigen Aktionen einer Katze. Die Farbe entspricht dem Sommerfell eines Wildschweins sehr gut, ebenso der Rundrücken.

 

Wildschwein im Sommerfell
Wildschwein im Sommerfell

 

Darren Naish vom Blog Tetzoo ist der gleichen Meinung. In seinem Beitrag hat er eine positive Identifikation durchgeführt: Link zu Tetzoo


Weiterführende Links:

3 Replies to “Aktuell: Löwe bei Berlin gesichtet – Liveblog mit Analyse”

  1. Das Folgende schreibe ich an dieser Stelle nur, damit ich morgen, falls ich recht haben sollte, behaupten kann, es als erster gewusst zu haben:

    Ich würde auf ein Kalb tippen, der relativ kurze Schwanz ist rinderartig, wenn man das Video in Zeitlupe schaut, wirkt der Kopf, der nur im letzten Moment unverdeckt erkennbar ist, eindeutig wie der eines Kalbes (inklusive Ohren, Kopfform und eventuell einer Verfärbung um die Augen herum, die für keines der als Kandidaten gehandelten Wildtiere typisch wäre) und die Tatsache, dass das Tier zumindest irgenetwas zu fressen scheint, an der Stelle laut Polizei aber keinerlei Überreste etwaiger Jagdbeute gefunden wurde, spricht klar gegen einen Carnivoren, zumindest keinen, der auf große Beutetiere abfährt… Ich bin auch nicht der einzige mit dieser Meining, Darren Naish, der im Gegensatz zu mir und nahezu allen Leuten, die auf dem Video einen Löwen sicher zu bestimmen glauben, dankenswerterweise vom Fach ist, vermutet ebenfalls ein Huftier.

    Ein weiterer Einwand: Wie es der Zufall so will, kenne ich das Waldstück, in dem sich das Tier breitgemacht haben soll, relativ gut. Der Boden dort ist, typisch für Berlin-Brandenburg, weicher Sand, mit unregelmäßigem aber nicht allzu ausgeprägtem Unterholz-Bewuchs. Noch am Mittwochabend um 21 Uhr kam es in der Gegend zu starken Regenfällen. Will sagen: Wenn dort tatsächlich ein Löwe umherginge, dann wäre es zwar nicht ausgeschlossen, aber doch unrealistisch-anmutend unwahrscheinlich, dass niemand irgendwo ein Trittsiegel gefunden hätte, das wohl kaum mit dem einer heimischen Tierart zu verwechseln wäre. Dem Trittsiegel eines Kalbes hingegen schenken Suchtrupps, die auf Löwen fixiert sind, mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Beachtung mehr.

    Einigermaßen in der Nähe des Sichtungsgebietes liegt das Museumsdorf Düppel, das zumindest grundsätzlich Nutztiere und vermutlich auch Kühe hält. Da sich dort nach 18 Uhr niemand mehr aufhält, wäre ein spätabendlicher Ausbruch wohl niemandem aufgefallen, und auch wenn es nicht von dort stammt, wäre ein Kalb leichter zu erklären als eine verdammte Löwin…

    Vielleicht stellt sich dieser Kommentar morgen als Schwachsinn heraus, aber für den Moment ist er eine bessere Theorie als „Löwin absolut ungeklärter Herkunft macht Berlin unsicher haha“. Natürlich ist es trotzdem richtig, weiterhin Vorsichtsmaßnahmen einzuhalten.

  2. Schade um dieses hübsche Sommerloch-Thema und danke für diese, wie immer tolle Analyse. Vielleicht findet sich in den nächsten Wochen ja noch das ein oder andere Krokodil in irgendwelchen Badeseen…?

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