Wolfsangriffe 2: Die Bestien des Limousin und des Gévaudan

Autor Karl-Hans Taake hat eine Reihe historischer Texte über mutmaßliche Wolfsangriffe in Frankreich vom Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert analysiert. Zunächst hat Taake dargestellt, wann und wo es zu Übergriffen gekommen ist und wieso er Wölfe zumindest nach dem Mittelalter kaum noch für Attacken verantwortlich macht. Im diesem Teil stellen wir seine Schlussfolgerungen zu zwei der bekanntesten Serien dar.

 

Wolf
Europäischer Wolf

Die Bestie aus dem Limousin (1698 – 1700)

Das Limousin ist eine Region in der Mitte Frankreichs und im nordwestlichen Teil des Zentralmassivs. Sie gilt als die am dünnsten besiedelte Region Frankreichs, andererseits ist hier historischer Bergbau nach Buntmetallen bereits vor mehr als 2000 Jahren nachweisbar. Zur Zeit der „Bestie“ gehörte die Region direkt dem französischen König.

 

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Wolfsbegegnungen: Von Wölfen in freier Wildbahn

Wölfe faszinieren Jürgen Borris seit mehr als 50 Jahren. Schon als Kind zog es ihn hinaus in die Natur, später las er begeistert Jack Londons Wolfsblut. Als junger Mann reiste er ins finnische Karelien und fotografierte dort seine ersten frei lebenden Wölfe. Die Tiere ließen ihn nicht mehr los – und zu Beginn des neuen Jahrhunderts bekam Jürgen Borris als erster Fotograf das aus der Lausitz eingewanderte Rudel in der Lüneburger Heide vor die Kamera. In »Wolfsbegegnungen« nimmt der mehrfach ausgezeichnete Naturfotograf aus dem niedersächsischen Solling die Leserinnen und Leser mit zu seinen Begegnungen mit den Wölfen.

 

Wolfsbegegnungen ist neu, am 31. März 2021 bei Müller Rüschikon erschienen und hat 160 großformatige Seiten. Es ist als gebundenes Buch für € 29,90 erhältlich.

 

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Moriceau berichtet

Moriceau berichtet von Überfällen einer Bestie in den Gegenden Yvelines, um die Städte Orléans und Tour. Der Jagdbereich der Bestie umfasste etwa 2000 km², bevorzugt in hügeligen, vermutlich auch bewaldeten Landschaften.
Sie soll vor allem Menschen, jedoch keine Nutztiere außer Pferden angefallen haben. Ihre Angriffe werden so beschrieben: Die Bestie „springt auf eine Person und hält sie mit ihren Pfoten so eng, dass niemand entkommen kann…“. „Wenn eine angegriffene Person anfängt zu schreien, drückt sie diese auf fürchterliche Weise.“ Ebenso attackiert sie auch Menschen auf Pferden. Weiterhin sagte man ihr Blutsaugen zw. -trinken nach.

 

Scheune in Frankreich
Das Limousin ist landwirtschaftlich geprägt, so hätte es dort auch fast Anfang des 18. Jahrhunderts aussehen können.

 

„Dieses Tier ist von beträchtlicher Größe, es hat ungefähr die Größe eines zwei oder drei Monate alten Kalbes, aber es ist sehr beweglich und schnell. Sein Kopf ist mittelgroß, von den Augen bis zur Schnauze wie ein Windhund. (Es hat) rötliches Fell, eine schwarze Markierung auf dem Rücken, der Rest seines Körpers ist rotbraun.“, zitiert Moriceau eine Beschreibung. Weiter zitiert er: „Sie schossen auf das Biest und verwundeten es, aber sie konnten es nicht töten. Das ließ die Leute glauben, es sei magisch, aber die vernünftigsten Leute meinten, es gäbe mehrere Bestien und sie würden Panther genannt. Sie sind größer als Wölfe, der Kopf ist groß, die Ohren kurz, mit weißem Kragen, rötlicher als Wölfe, der Schwanz ist dick und buschig, die Pfoten breit und die Krallen groß.“

 

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Der Tatzelwurm: Porträt eines Alpenphantoms

Der Tatzelwurm: Porträt eines Alpenphantoms stammt von unserem Autor Ulrich Magin und ist eines der wenigen Werke, die sich wissenschaftlich mit dem Phäniomen „Tatzelwurm“ auseinandersetzen.

Spannend, inhaltsreich, fundiert und gut zu lesen ist das Buch am 25. Juli 2020 bei Edition Raetia erschienen und hat 232 in ein Paperback eingebundene Seiten.

 

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Hieraus meint Taake, eindeutig einen Löwen zu erkennen.

 

Eine Anzahl der Opfer sowie weitere Daten zu den Angriffen bleibt er schuldig.

 

Limousin
Repräsentative Schlösser der Landadeligen deuten aber auf die Nähe zu Paris

 

Wolfsjagden des Grand Dauphin (1684 – 1711)

Der älteste Sohn Ludwig XIV., Louis de Bourbon, wird oft als Grand Dauphin (großer Kronprinz) bezeichnet, starb jedoch 1711 vor seinem Vater (1715) und konnte so nie den Thron Frankreichs besteigen. Natürlich war auch er und sein Umfeld ein wesentlicher Bestandteil des Hofes Ludwig XIV. Dem entsprechend nahm der Hof seine Aktivitäten immer auch politisch wahr und dokumentierte sie. Der Grand Dauphin selbst war politisch kaum interessiert, aber ein Freund der Wolfsjagd.  So soll er 1686 an 101 Wolfsjagden teilgenommen haben und jede mit mindestens einem Abschuss beendet haben. Taake analysiert, dass alle seine Wolfsjagden im Umkreis von 65 km um Notre Dame, das Zentrum von Paris stattgefunden haben, 78% sogar innerhalb von nur 25 km.

 

Die Wolfsjagden des Grand Dauphin waren Parforce-Jagden, wie man sie vor Kurzem noch in England als Fuchsjagden kannte. Dies geschah in der Regel in speziellen Jagdrevieren, die eher einen parkähnlichen Charakter hatten. Dort konnten der adelige Jagdherr, seine Hundemeute und sein Gefolge im versammelten Galopp auf einer breiten Allee dem von Treibern aufgescheuchten Wild folgen, um es am Ende zu „erlegen“. Eine solche Anlage in Deutschland stellt u.a. der Park des Schlosses Benrath in Düsseldorf dar.

 

Parforceheide
Karte der Parforceheide bei Berlin. Breite Wege für berittene Jagdgesellschaften führen auf einen oder mehrere Punkte zu, auf denen auch eine Art Empfang gegeben werden konnte.

 

Üblicherweise wurden die Tiere für diese Parforcejagden vorher lebend eingefangen und kurze Zeit vor der Jagd im Revier ausgesetzt. So konnte dem Jagdherrn auch ein Erfolg nahezu garantiert werden.

 

Um den „Bedarf“ an Wölfen zu decken, müssen die Tiere aus ganz Frankreich zusammengekarrt worden sein oder es muss irgendwo eine sehr produktive Wolfszucht gegeben haben. Die Folge waren vermutlich auch einige Wölfe, die in der Gefangenschaft aggressiv geworden waren. Die musste man los werden.

 

Die Bestie des Gévaudan (1764 – 1767)

Die „Bestie von Gévaudan“ ist kryptozoologisch wohl bekannt. Vor allem der Film „Pakt der Wölfe“ hat sie zu einem festen Bestandteil der populären Kryptozoologie gemacht. Sie machte die Region Gévaudan zwischen 1764 und 1767 unsicher, so dass sie auf Deutsch eigentlich als „Bestie des Gévaudan“ bezeichnet werden müsste.

 

 

Nach den ausgesprochen guten Überlieferungen griffen ein oder mehrere nicht identifizierte Tiere etwa 130 bis 180 Menschen an. Davon starben je nach Quelle 78 bis 99 Personen.

Taake beginnt direkt damit, die Angriffe zu analysieren und mit bekannten Daten von Wolfsangriffen zu vergleichen. Dabei fällt ihm zunächst auf, dass die Angriffe der „Bestie“ im Sommer jeweils ein Minimum zeigen, während in anderen Gegen die Wolfsangriffe zu dieser Jahreszeit auf höchstem Stand liegen.

 

 

Auch bei der Altersverteilung der Opfer gibt es deutliche Unterschiede. Wölfe bevorzugten Kinder zwischen 0 und 9 Jahren, die etwa 60% der menschlichen Beute ausmachten. Heranwachsende zwischen 10 und 18 Jahren machten über 30% aus, Erwachsene nur einen kleinen, einstelligen Prozentanteil. Nicht so die „Bestie“. Mehr als 50% der Opfer waren zwischen 10 und 18, etwa ein Viertel erwachsen. Kinder machten die kleinste Gruppe aus.

 

Damit zeigt er unabhängig von den Beobachtungen einzelner Augenzeugen zwei deutliche Unterschiede im Verhalten von Wölfen und „der Bestie“. Dies ist ein erster, sehr deutlicher Hinweis auf unterschiedliche Tierarten.

 

 

Augenzeugenberichte

„Die Bestie“ wird als groß beschrieben, etwa die Hälfte eines Esels oder wie ein einjähriges Kalb. Ein Fußabdruck maß 16,2 cm. Das Fell war rotbraun mit hellerem Bauch und einer schwarzen oder braunen Linie auf dem Rücken. Augenbrauen und eine Schwanzquaste beschreiben einige Augenzeugen zudem.

 

Wie die Bestie des Limousin nutzte sie die Krallen zum Angriff und attackierte Pferde, in dem sie ihnen auf den Rücken springt. Sie hatte so viel Kraft, dass sie den Körper einer Frau einen langen Weg durch schweres Gelände schleppen konnte. Weitere Einzelheiten zitiert Taake, sie sind aber anekdotenhaft und helfen kaum weiter. Dafür betont der Autor den dunklen Rückenstreifen, den wir heute nicht unbedingt mit Löwen in Verbindung bringen, jedoch für diese Art typisch ist.

 

Löwenfell
Fell eines Löwen, deutlich sichtbar ist der dunkle Nackenstrich (Foto: Kozuch)

 

Als einen der Gründe, warum die „Bestie“ so berühmt wurde, ist laut Taake, dass ihre Angriffe kein klares Bild ergaben. Hierfür findet er auch direkt eine plausible Erklärung: Es gab im Gévaudan Wolfsangriffe auf Menschen, auch während der Zeit der „Bestie“. Hier lagen also Mischbefunde vor, die kein eindeutiges Bild ergaben.

 

Hinzu kamen laut Taake mehrere fadenscheinige Versuche, erjagte Wölfe für die Attacken verantwortlich zu machen. So wurde einem Tier ein Bündel Kleidung mit einem Stock in den Magen gestopft, bei einem anderen Untersuchungsbericht wurden angeblich ungenannte Menschenknochen gefunden. Der Zweck erscheint Taake klar, man wollte offenbar jeden Zweifel ausschalten, dass es sich bei der „Bestie“ um Wölfe handelt.

 

 

Die Bestie ist tot – es lebe die Bestie

Comte de Buffon

Tatsächlich tötete der königliche Jäger Francois Antoine auch einen Wolf und die Affäre in einer „procés verbal“ untersucht. Dies ist nicht mehr als ein Bericht oder ein schriftlicher Rechtsakt, der Ergebnisse, Aussagen oder eine Situation festhält. Es hat im Allgemeinen nur den Wert einfacher Informationen, es sei denn, es stammt von bestimmten Beamten, wo es dann einen Beweiswert erhält. Während dieser procés verbal wurde ein 127 cm langer, also recht großer Wolf ausgestopft und als Bestie präsentiert. Nach Taake wurden ihm einige Eigenschaften der Bestie … sagen wir mal: zugeschrieben. Dennoch: alles was beschrieben wurde, charakterisiert einen Wolf. Auch Georges-Louis Leclerc, Comte de Buffon, ein auch heute noch bekannter Naturalist, begutachtete den Kadaver und schrieb, dass es nur ein großer Wolf ist. Man kann davon ausgehen, dass ihm auch andere Raubtiere, z.B. aus den Pariser Menagerien bekannt waren.

 

Die Angriffe hingegen gingen unverändert weiter.

 

Konflikt zwischen regionalen und königlichen Jägern

Als besonderes Bonbon zitiert Taake nun noch einen Konflikt zwischen einem königlichen Jäger, Francois Antoine und einer lokalen Größe, Jean Castel. Beide hatten bereits im Vorfeld einmal beinahe die Waffen gekreuzt, als Antoine die Bestie jagen sollte. Es endete damit, dass Castel 1765 im Gefängnis landete und Antoine das Töten der Bestie für sich beanspruchte. Er schoss den Wolf, der im „process verbal“ behandelt wurde. Doch die Angriffe waren nicht gestoppt.

1767 hingegen beanspruchte Castel für sich, die Bestie getötet zu haben. Und tatsächlich hörten die Angriffe im Sommer 1767 ebenso unvermittelt auf, wie sie begonnen hatten.

 

Insgesamt wurden im Gévaudan etwa ein halbes Dutzend getöteter Wölfe als „das Biest“ bezeichnet.

Gévaudan
Die Höllenschlucht im Gévaudan, Rückzugsort der Bestie?

Ist die Identifikation als Löwe sicher?

Tatsächlich sprechen zahlreiche von Taake zitierte Quellen für die Identifikation der Bestie als Löwe. Einige wenige Elemente hingegen zeigen etwas anderes. So wurden bei einigen Fußabdrücken Krallenspuren gefunden, jedoch nur im direkten Zusammenhang mit einem Angriff und nur an den Vorderpfoten.

Hinzu kommt ein wesentlicher Punkt: Die meisten modernen Untersucher ziehen Löwen nicht in Betracht. Heute geht man weitgehend davon aus, dass die Menschen des 18. Jahrhunderts einen Löwen identifizieren konnten. Taake glaubt, dass dies bei einem adulten Männchen mit ausgeprägter Mähne, jedoch nicht bei einem jungen Weibchen so gewesen sein könnte.

 

Löwin
Ein curé hätte Löwen von Wölfen unterscheiden können.

 

Hinzu kommt ein weiterer Punkt: Frankreich war unter Ludwig XIV. durchverwaltet. Landstriche wurden von „curé“ verwaltet, die sich in der Natur sehr genau auskannten. Sie hätten einen Wolf definitiv von einem anderen Tier unterscheiden können, so Moriceau. Er vertraut ihnen, wenn sie einen Wolf als Angreifer explizit ausschließen.

 

Die Ähnlichkeit der Bestien

Bereits im Kapitel zur Bestie des Limousin bemerkt Taake die große Ähnlichkeit in der Beschreibung und im Verhalten beider Bestien. Ihre Angriffe lagen mehr als 60 Jahre und mehrere 100 km auseinander und trotzdem ähnelten sie sich sehr.

Taake schließt daraus, dass es sich bei beiden Bestien um Löwen gehandelt habe.

 

Zeitgenössische Fantasiedarstellung der Bestie

 

Zudem zitiert er einen curé aus dem Jahr 1693. Dieser schreibt, dass Tiere „fast wie Wölfe“ in der Umgebung von Tours mehr als 200 Menschen getötet hätten. Dieser curé schreibt „Die Leute glauben, es handele sich um Luchse, aber die Leute sind nicht sicher. Sie haben zwei von ihnen getötet.“

Taake führt noch weitere schriftliche Belege an, dass ein Vergleich mit einem Wolf nicht zwangsläufig auf einen Caniden hinweist.

 

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Der Pakt der Wölfe

1766. Zur Zeit Ludwig XV. fallen in der Nebellandschaft des Gévaudan unzählige Frauen und Kinder Wolfsangriffen zum Opfer. Der König schickt einen jungen Wissenschaftler in die Provinz, um die Morde zu untersuchen…

 

Der Pakt der Wölfe ist tolles Popcornkino mit allem, was dazu gehört, von Liebesaffäre bis Mordkomplott, noch dazu hochkarätig besetzt und hervorragend gefilmt. 2 h 17′, die sich lohnen – aber keine historisch korrekte Doku sind.

 

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Fazit

Insbesondere die Ereignisse um die Bestie des Gévaudan liefern eine gute Story. Nicht nur die zahlreichen Versuche, des Tieres habhaft zu werden, auch die unterschiedlichen Charaktere und Stellungen der Jäger lassen schnell Stoff für ein Buch oder einen Film entstehen. Die unklare, weil vermischte Spurenlage lässt das Ganze biologisch schwierig erscheinen – was sie am Ende gar nicht ist. Oder doch?

Auch Taake bewertet und gewichtet Informationen, vollständige Datensätze liefert er nicht. So ist offen, warum er welche Aussagen wie gewichtet. Einige Schlussfolgerungen kann er mit Statistiken belegen, jedoch ist nicht immer klar, woher die Ausgangsdaten stammen.

Dennoch hat er mit seinen Ansagen „Die Bestien des Limousin und des Gévaudan waren Löwen“ eine starke Behauptung ins Rennen um die Deutungshoheit geschickt.


 

Im dritten Teil dieser Reihe werden wir nächsten Dienstag eine Angriffsserie während des 30jährigen Krieges in Deutschland vorstellen. Auch hier hat man vermutlich zu Unrecht Wölfe verantwortlich gemacht.




Kryptozoologische Presseschau 09/2021

Einen wunderschönen Sonntag, liebe Leserinnen und Leser,

 

und schon eine Warnung: Nicht überall, wo „Science“ drauf steht, ist auch „Science“ drin, und wenn, dann leider zu oft nur in homöopathischen Dosen.

 

In den letzten Wochen ging eine Illustration durchs Netz, die zwei gigantische Krokodile zeigt. Dazu war ein Schädel abgebildet, der im Vergleich zu einem Mann eine unglaubliche Größe hatte:

Vermeintliche Riesenkrokodile
Größenvergleich abstrus vergrößerter prähistorischer Crocodylier

 

Des Rätsels Lösung ist mal wieder so einfach we trivial. Der Schädel ist ein Modell eines Deinosuchus-Schädels, der für eine Folge von Nigel Marven’s Serie „Prehistoric Park“ angefertigt wurde. Er erscheint durch ein Spiel mit Perspektive und Weitwinkel-Objektiv deutlich größer, als er in Wirklichkeit ist.

Selbst man die Größe des Schädels relativ hoch ansetzt und auf 1,8 m schätzt, erscheinen die „Rekonstruktionen“ der lebenden Krokodile unverhältnismäßig groß: Die Schädel sind nahezu doppelt so lang, wie der 1,8 m goße Mensch, so dass die Crocodylier auf einmal eine groteske Größe bekommen.

Das Ganze wurde dann auch noch als „Science“ verkauft. Na danke.

 

Dennoch oder deswegen: Viel Spaß beim Lesen und bleibt gesund!

 

 

Eurer / Ihr

 

Tobias Möser

 

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Der Ur-Amazonas, ein Fluss aus der Wüste

Der Amazonas, längster Fluss der Welt, birgt ein erdgeschichtliches Geheimnis. Obwohl sich unzählige Forscher mit großangelegten Expeditionen aufmachten, seine Quellen zu suchen, blieb der Ursprung des Giganten lange unbekannt.

Der Paläontologe Gero Hillmer und der Biologe Sepp Friedhuber glauben jetzt, das Rätsel gelöst zu haben.

 

Ur-Amazonas – Fluss aus der Wüste ist im Jahr 2000 entstanden und auf Deutsch verfügbar. Das Video läuft 43 Minuten.

 

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Die Meldungen im Einzelnen:

20.000 oder 2,5 Milliarden? Wie viele Tyrannosaurier lebten auf der Erde?

 

Dinosaurierskelett in einem halbfertigen Museum
Tyrannosaurus rex „Scotty“ im T.rex Discovery Center in Eastend, Saskatchewan, Kanada

„2,5 Milliarden Tyrannosaurier“, titulierten einige Medien, könnten auf der Erde gelebt haben. Allerdings nicht gleichzeitig, sondern über einen Zeitraum von 2,5 Millionen Jahren verteilt. Wissenschaftler um Charles Marshall berechneten, dass im damaligen Nordamerika etwa 20.000 Tyrannosaurus rex-Exemplare gleichzeitig leben konnten. Da sie etwa 127.000 Generationen lang überlebten, bis ihnen der Chixulub-Event den Garaus machte, existierten insgesamt etwa 2,5 Milliarden von ihnen.

 

Diese Zahlen lassen einiges berechnen oder abschätzen. So wird die Populationsdichte auf „2 Tyrannosaurier in der Fläche von Washington D.C.“ geschätzt. Wer mit solchen Größenangaben nicht firm ist, kann auch mit „1 Tier pro 90 km²“ rechnen oder deutscher „1 Tyrannosaurus pro Sylt“ (stimmt nicht ganz, Sylt hat 99 km²). Dies bezieht sich aber nicht nur auf die ausgewachsenen Tiere, sondern auch auf Nestlinge und Jungtiere vor dem massiven Größenwachstum. Große Tyrannosaurier dürften danach Gebiete von mehreren 100 km² benötigt haben.

 

Soweit die Theorie. Die Forscher haben natürlich berücksichtigt, dass über den Stoffwechsel des bekanntesten Dinosauriers noch keine abschließenden Aussagen gemacht werden können. Je geringer der Energieverbrauch der Tiere war, um so höher waren die Populationen. Dies zeigt sich in einer extremen Spreizung der Annahmen: Hatten die Tiere einen Stoffwechsel mit der Aktivität und dem Energieumsatz moderner Vögel, gab es vielleicht nur 1300 von ihnen gleichzeitig. Hatten die Tiere einen Reptilienstoffwechsel, hätte es bis zu 328.000 gleichzeitig von ihnen geben können. Dies spreizt ihre Gesamtzahl zwischen 140 Millionen und 42 Milliarden – über 2,5 Milliarden Jahre.

 

Bisher sind die Überreste von weniger als 100 Individuen entdeckt worden. Dies lässt auch erkennen, wie unwahrscheinlich es ist, dass selbst so ein großes Tier wie T. rex fossil erhalten bleibt. Andererseits wurde auch nur ein verschwindend geringer Bruchteil der Schichten, in denen T. rex-Fossilien liegen könnten, untersucht.

 

Originalarbeit:
Marshall, C. et al: Absolute abundance and preservation rate of Tyrannosaurus rex. Science 372, 6539: 284-287. Doi: 10.1126/science.abc8300 


Was hat es mit dem Somerset-Monster auf sich?

Beide Fotos: Angela Maynard

Angela und Dan Mynard waren am 13. April mit ihrem Hund am Shelly Beach in Exmouth, Devon, England unterwegs, als sie auf den Schädel eines ihnen unbekannten Wesens trafen. Der schnell als Fischkopf erkennbare Schädel fiel vor allem durch lange, nadelspitze und nach hinten gebogene Zähne auf.

 

Der ungewöhnliche Strandfund bei Exmouth

Die Bestimmung der Facebookgruppe, „Monkfish“ = Seeteufel, wurde von der Somerset Live übernommen, ist jedoch sicher falsch. Nach übereinstimmender Meinung mehrerer Mitglieder des NfK handelt es sich um eine Dorschart. Die erste, unsichere Bestimmung seitens der Redaktion ging in Richtung Seelachs Pollachius pollachius. Torbent Lang hat dies korrigiert und vermutlich richtig auf den Seehecht Merluccius merluccius hingewiesen. Herzlichen Dank dafür!

 

Seehecht-Schädel
Schädel des Seehechtes Merluccius merluccius (Foto: Pavel Zuber)

 

Quelle: Somerset Live vom 14. April


Greenpeace kartiert die größte Seegraswiese der Welt

Seegras ist ein einzigartiger Lebensraum – und leider gefährdet, wie nahezu alle Lebensräume auf der Welt. Jetzt hat die Umweltschutzorganisation Greenpeace die größte, zusammenhängende Seegraswiese kartiert. Die Saya de Malha liegt 15 – 20 m unter dem Meeresspiegel im Indischen Ozean. Sie ist etwa so groß, wie die Schweiz.

 


 

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Der Magische Wald

Naturfilmer Bryan Maltais erkundete volle drei Monate einen geheimnisvollen Wald im Herzen Europas. Dabei beobachtete er den Wechsel der Jahreszeiten vom Ende des Winters bis zum Anbruch des Sommers. Er filmte das Leben faszinierender Wildtiere, insbesondere der heimischen Reptilien und Amphibien.
Unser Autor Markus Bühler hat ihn auf einem Teil seiner Expeditionen begleitet.

 

Der Magische Wald: Reptilien und Amphibien ist 2019 erschienen und im Amazon-Prime-Paket, zum Download oder auf Datenträger erhältlich.

 

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Nicht einmal 3% unserer Lebensräume sind noch intakt

Der Mensch hat enormen Einfluss auf alle Ökosysteme der Erde, das ist allgemein bekannt. Ein internationales Team von Wissenschaftlern unter Andrew Plumptre hat eine Studie in der Fachzeitschrift „Frontiers in Forests and Global Change“ veröffentlicht. Danach zeigen nur 2,9% aller Lebensräume keinen bekannten Artenverlust. Dazu gehören Teile des Kongobeckens, des Amazonas, der russischen Tundra und einige Wüstengegenden.

 

Sahara
Abgelegene Teile der Sahara gelten noch als ökologisch intakt.

 

Bisherige Studien basieren auf Methoden der Fernerkundung. Dabei wurden meist 20 bis 40% der Lebensräume als intakt eingestuft. Plumptre und Kollegen haben ergänzend zur Fernerkundung auch überprüft, ob Arten verschwunden oder so selten sind, dass sie ihre Rolle im Ökosystem nicht mehr ausfüllen können. So kommen sie auf die beängstigend niedrige Zahl.


Notruf ein Fall für die Kryptozoologie?

Im polnischen Krakau rief eine Frau den Tierschutzverein. Sie hatte im Baum vor ihrem Fenster ein mysteriöses, möglicherweise gefährliches Wesen entdeckt und hatte nun Angst. Das Tier sitze nun schon seit zwei Tagen im Fliederbaum. „Die Menschen öffnen ihre Fenster nicht, weil sie Angst haben, dass es in ihr Haus kommt“, sagte die verzweifelte Anruferin einer Pressemeldung zufolge. Sie vermutete einen Leguan.

 

Die Tierschützer erwarteten zunächst einen Greifvogel oder eine Eule und rückten an. Vor Ort stellte sich heraus, dass das „Tier“ weder Arme noch Beine hatte – es wurde dann als Croissant identifiziert.

 

Croissant am Frühstück
Ein Croissant ist ein Teil eines Genuss-Frühstücks. Aber wie ist es, von einem wilden Croissant beobachtet zu werden?


Neu beschrieben:

  • Caridina incolor: eine nahezu durchsichtige Süßwasser-Zwerggarnele aus der Guinzhou-Provinz in China. DOI: 10.3897/zookeys.1028.63822
  • Ummidia richmond, eine neu beschriebene Falltürspinne, die in verstreuten Mini-Populationen in und um Miami vorkommt und von einem Zoomitarbeiter entdeckt wurde. DOI: 10.3897/zookeys.1027.54888
  • Potamophylax coronavirus heißt eine Köcherfliegenart, die Forscher im Kosovo neu entdeckt haben. Die Wissenschaftler bemerkten die Art erst während der Pandemie-bedingten Quarantäne, daher der Name. DOI: https://doi.org/10.3897/BDJ.9.e64486
  • Characidium duplicatum und C. wangyapoik heißen zwei neu beschriebene Bodensalmler vom Guyana-Schild aus Südamerika. DOI: 10.1643/i2019299
  • Pristimantis sira ist eine eher unscheinbare Art der südamerikanischen Frösche mit direkter Entwicklung. Sie befindet sich in guter Gesellschaft, die Gattung Pristimantis hat nahezu 500 Arten. Diese stammt aus den amazonischen Anden.
    DOI: 10.3897/evolsyst.5.63674
  • Cyrtodactylus kulenensis heißt eine neue Gecko-Art aus einem isolierten Steinstein-Massiv im Nordosten Kambotschas. DOI: 10.11646/zootaxa.4949.2.3

Kurz gemeldet

Rezent im Meer

  • In der San Francisco-Bay sind Anfang April vier tote Wale an nur neun aufeinander folgenden Tagen entdeckt worden. Bei allen Tieren handelte es sich um Grauwale, die zur Zeit einen offenbar natürlichen Rückgang der Populationen mit zahlreichen Toten erleben.
    Wie es bei diesen vier individuellen Walen aussieht, ist noch unbekannt. Autopsieergebnisse liegen der Redaktion noch nicht vor.
  • Bei den Florida Keys ist ein weiblicher Kleinzahn-Sägefisch angeschwemmt worden. Das Tier maß 16 ft., das sind 4,87 m (plusminus 7,5 cm). Das Smithsonian Magazine weiß noch mehr.

Rezent an Land

  • In Nepal hat ein Tiger einen Elefantenreiter bei der Nashornzählung getötet. Der 31-jährige Mann wollte sein Tier in einer Pause füttern, als ein Tiger ohne Vorwarnung angriff.
    Nepal nimmt den Schutz seiner Wildtiere sehr ernst. Die Tigerpopulation hat sich in den letzten Jahren quasi verdoppelt (wir berichteten) und die Zahl der Nashörner ist zwischen 2011 und 2015 um 21 Prozent auf 645 Tiere gestiegen, jetzt ist eine weitere Zählung an der Reihe.
  • In Thailand hatte sich eine rund 3 m lange Königskobra einen besonders warmen Platz gesucht: Sie hatte sich im Motorraum eines Toyotas eingerichtet. Mehrere Mechaniker brauchten 5 h, um das (Auto von dem) Tier zu befreien. Verletzt wurde niemand, aber am Auto waren umfangreiche Schweißarbeiten nötig.
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Islands magische Tierwelt

Die Vulkaninsel im stürmischen Nordatlantik birgt einiges an Magischem. Neben dem Glauben der Isländer an Elfen und Feen ist es vor allem die Natur und Tierwelt, die uns magisch erscheint.

Die bildgewaltige Dokumentation von Jan Haft führt den Beobachter aus den Lüften über das Land bis in die Tiefen des Meeres. Moderne Kameratechniken lassen dabei nie gesehene Bilder entstehen.

 

Magisches Island ist 50 Minuten lang und 2020 erschienen. Es gibt sie bei Amazon Prime und auf unterschiedlichen Datenträgern oder zum Download.

 

 

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Aus Zoos und Museen

  • Aufgrund zu hoher Corona-Inzidenzen und dem Bundeslockdown werden Zoos und Museen morgen wieder schließen müssen.
  • Im Gelsenkirchener Zoo(m) lebt die Spornschildkröte Helmuth. Der 24jährige Heißsporn leidet unter einer Verletzung im Schultergelenk und kann nur sehr mühsam über den Boden ziehen. Nun hat eine Pferdeklinik aus dem Münsterland den 100 kg-Brocken im Computertomographiegerät untersucht und eine Verletzung im Schultergelenk festgestellt. Daher nimmt Helmuth eine Schonhaltung ein. Die Therapie war klar: Helmuth muss aus der Schonhaltung raus und sich viel bewegen. Doch wie? Die Lösung wurde auf einmal recht einfach: Helmuth darf sich auf ein Rollbrett legen und bewegt sich jetzt wie ein Skateboardfahrer durch Abstoßen mit den Beinen fort – nur etwas langsamer.
  • In Löffingen im Hochschwarzwald sind am 7. April bei Bauarbeiten 20 bis 25 Berberaffen aus dem Gehege eines Tierparkes ausgebüchst. Bisher konnten sie nicht wieder eingefangen werden.
  • In Bangkok hat sich ein bestimmt 2 m langer Bindenwaran in einen Supermarkt verirrt. Er kletterte auf ein Regal mit Milchpackungen, konnte aber dann doch durch Tierfänger aus dem Laden heraus begleitet werden.
    Bindenwarane sind in Bangkok nichts Ungewöhnliches und spielen als Schlangen- und Rattenfresser in der innerstädtischen Ökologie eine wichtige Rolle.

Zu guter Letzt:

Nicht ganz neu, aber ein wenig bekannter Einwanderer ist der Gelbe Drachenwels Tachysurus fulvidraco aus der Familie der Bagridae. In der Donau ist er sehr auffällig und bis er durch den Rhein-Main-Donaukanal gewandert ist, ist es nur eine Frage der Zeit.

 

 

 

 




Freitagnacht-Kryptos: „Seeschlange von Campern gesehen!“, 1901

La Crosse Daily Press

July 20, 1901

 

Seeschlange von Campern gesehen

 

Die gealterte Seeschlange, von der Geschichten von frühen Pionieren von La Crosse erzählt werden, ist erneut in der Nähe des Häuschens in Eagle Bluff und an anderen Orten entlang des Mississippi zwischen La Crosse und Dresbach, Minnesota, aufgetaucht.

 

 

Aufregende Geschichten werden von Campiergruppen erzählt, die dieser giftigen Kreatur in  haarsträubenden Fluchten entkommen konnten. Die Seeschlange wurde gestern in der Nähe von Dresbach von einer Gruppe von Campern gesehen, die auf dieser Seite des Flusses gelandet waren, um zu Mittag zu essen. Einer der Herren der Gruppe war an Land, als eine große schlangenähnliche Kreatur, die sich um einen riesigen Baumstamm gewickelt hatte, in den Fluss glitt und zischte wie entweichender Dampf. Die Schlange hatte eine grünlich schwarze Farbe mit ein paar weißen Flecken in der Nähe des Halses. Ihr Kopf war von zwei Hörnern geschützt, wie die eines Kalbes, und sein Schwanz peitschte das Wasser in Schaum, bevor das Reptil in den Tiefen des Mississippi verschwand.

 

 

Die Camper zögerten nicht lange, einen anderen Ort zum Mittagessen zu suchen.




Wolfsangriffe 1: Frankreich im Mittelalter und der frühen Neuzeit

Autor Karl-Hans Taake hat für diese Arbeit eine Reihe historischer Texte über mutmaßliche Wolfsangriffe in Frankreich vom Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert analysiert. Ein besonderes Augenmerk lag dabei auf den räumlichen und zeitlichen Verteilungsmustern mehrerer Serien dieser Angriffe. Darüber hinaus hat er einen Bericht über eine Reihe von Angriffen in Deutschland nach dem Dreißigjährigen Krieg studiert.

 

Erstaunlich viele Tote durch Wolfsangriffe

Der französische Historiker und Universitätsprofessor Jean-Marc Moriceau veröffentlichte 2016 sein Buch Histoire du méchant loup (übersetzt: Geschichte des bösen Wolfs). Darin publizierte er die Ergebnisse seiner Forschung zu den potenziellen Angriffen räuberischer und tollwütiger Wölfe auf Menschen im historischen Frankreich. Er hat Daten zu 8672 Angriffen „räuberischer Wölfe“ zu 3731 Angriffen „tollwütiger Wölfe“ gesammelt. Ein „Sonderfall“ mit mutmaßlich 6000 Opfern am Ende des 16. Jahrhunderts in der Westbretagne kommt noch hinzu.

 

Sind sie für die Wolfsangriffe verantwortlich? Heulender Grauwolf
Eines der Stereotypen um den Wolf ist der „heulende Wolf“, im 15. Jahrhundert sicher ein verbreitetes Geräusch

 

Auf der Grundlage historischer Quellen und Projektionen schätzt Moriceau, dass die Angriffe von räuberischen (nicht tollwütigen) Wölfen in Frankreich von 1571 bis 1870 zwischen zwei und 1475 Opfern (verletzt oder tot) kosteten. Die niedrigsten Zahlen mit zwei bis drei jährlichen Opfern entstanden in den Jahren 1841 bis 1870. Im Zeitraum von 1571 bis 1600 gab es bis zu 1475 Opfer pro Jahr.
Vergleichbare Zahlen von Wolfsangriffen gibt es in keinem anderen Land. Dies ließ Taake aufhorchen, er hat in den von Moriceau untersuchten Texten nicht nur die Zahlen, sondern auch Einzelbeobachtungen untersucht.

 

 

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Deutschlands wilde Wölfe

Lange waren sie ausgerottet, doch langsam kehren sie zurück: frei lebende Wölfe in Deutschland. Dass sie keine Bestien sind, sondern Wildtiere mit ausgeprägtem Familienleben, zeigt dieser Bildband in faszinierenden Bildern von Wölfen in freier Natur. Der Biologe, renommierte Naturfotograf und Filmemacher Axel Gomille räumt auf mit den Märchen über dieses faszinierende Tier, das bald wieder seinen Platz in Deutschlands Wäldern einnehmen wird.

 

Deutschlands wilde Wölfe ist 2017 bei Frederking & Thaler erschienen und hat 168 Seiten. Als gebundenes Buch kostet es € 29,99, für den Kindle ist es günstiger.

 

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Im 100-jährigen Krieg

Der 100jährige Krieg prägte Frankreich und England im Spätmittelalter. Dieser Abnutzungskrieg begann als 1377 als Aneinanderreihung von Auseinandersetzungen. Er zog sich mit Unterbrechungen bis 1453 hin. Einer der Hintergründe war die Rolle des englischen Königs, der in Personalunion auch Herzog von Aquitanien und somit auch für den französischen Thron erbberechtigt war. Hinzu kamen innerfranzösische Konflikte in Südwestfrankreich, hauptsächlich zwischen Armagnac und Bourguignon. Hinzu kam zu Beginn des Krieges die erste große mittelalterliche Pest-Epidemie, die 1348 und 1349 ganz Frankreich überzog.

 

 

Schlacht von Auray, der 100jährige Krieg war Hintergrund zahlreicher Wolfsangriffe
Chroniques von Jean Froissart – zeitgenössische Miniatur der Schlacht von Auray 1364

 

Schon bald war Frankreich durch den ständigen Bedarf an Soldaten, Zerstörungen und Plünderungen durch die Heere und die Kriegswirtschaft ausgelaugt. Städte und Dörfer waren zerstört. Deserteure und Männer, die vor der Rekrutierung geflüchtet waren, lebten in Form von Räuberbanden in den Wäldern. Auf dem Land und in den Städten fehlten überall Arbeitskräfte, Langzeitkulturen wie Obst und Wein mussten mühsam wieder aufgebaut werden. Oft fehlte mit den Männern auch das Knowhow für Spezialkulturen.

Fehlende Genauigkeit der Aufzeichnungen

In dieser Zeit waren es häufig nur die Kirchen, die überhaupt noch Chroniken schrieben. Die Pastoren waren zwar der Schrift und ihrer heiligen Schrift mächtig, sonst aber nicht unbedingt gebildeter, als ein durchschnittlicher Dorfbewohner. Daher enthalten ihre Berichte über Wolfsangriffe laut Moriceau wahrscheinlich Vereinfachungen und Verzerrungen, insbesondere wenn der Autor kein Augenzeuge der Ereignisse war.

 

Ist der 100jährige Krieg Hintergrund der Wolfsangriffe?
Die Schlacht von Azincourt in einer zeitgenössischen Darstellung

 

Dennoch argumentiert Moriceau, dass die Genauigkeit und die Anzahl dieser Zeugnisse ausreichen, um die Zweifel zu zerstreuen. Ab 1421 sind Wolfsangriffe auf der Île-de-France belegt. Bis 1439 sollen dort Dutzende Menschen getötet worden sein, einige innerhalb der Stadtmauern von Paris. „Zu dieser Zeit, besonders als der König in Paris war, waren die Wölfe so eifrig, das Fleisch von Männern, Frauen oder Kindern zu essen, dass sie in der letzten Septemberwoche (1439) 14 kleine und große Personen töteten (…) und wenn sie eine Viehherde fanden, sie griffen den Hirten an und ließen die Tiere in Ruhe.“ Im November 1439 wurde ein „schrecklicher und schrecklicher Wolf“ getötet, der angeblich für „mehr Schmerz als alle anderen [Wölfe]“ verantwortlich war.“ Die Chroniken beschreiben diesen Wolf als schwanzlos und nannten ihn Courtaut.

 

Am Ende des Hundertjährigen Krieges wurden die Leichen von Gefallenen, nur oberflächlich „in Dörfern und Feldern“ begraben. So konnten die Wölfe sie ausgraben.

 

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Wolfsbegegnungen: Von Wölfen in freier Wildbahn

Wölfe faszinieren Jürgen Borris seit mehr als 50 Jahren. Schon als Kind zog es ihn hinaus in die Natur, später las er begeistert Jack Londons Wolfsblut. Als junger Mann reiste er ins finnische Karelien und fotografierte dort seine ersten frei lebenden Wölfe. Die Tiere ließen ihn nicht mehr los – und zu Beginn des neuen Jahrhunderts bekam Jürgen Borris als erster Fotograf das aus der Lausitz eingewanderte Rudel in der Lüneburger Heide vor die Kamera. In »Wolfsbegegnungen« nimmt der mehrfach ausgezeichnete Naturfotograf aus dem niedersächsischen Solling die Leserinnen und Leser mit zu seinen Begegnungen mit den Wölfen.

 

Wolfsbegegnungen ist neu, am 31. März 2021 bei Müller Rüschikon erschienen und hat 160 großformatige Seiten. Es ist als gebundenes Buch für € 29,90 erhältlich.

 

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Tollwut oder Konditionierung?

Karl-Hans Taake hat diese Berichte der Wolfsangriffe analysiert und kommt zu mehreren Schlussfolgerungen. So wird das Wort „enragé“, „Wut“ verwendet. Dies und die Tatsache, dass nicht nur Frauen und Kinder, sondern auch erwachsene Männer angegriffen wurden, interpretiert er als Anzeichen für tollwütige Tiere.

Andere Berichte, nach denen die Angreifer das Vieh ignoriert haben, deutet er in anderer Weise. So zweifelt er an der Bestimmung der Angreifer als Wolf, insbesondere wenn ungewöhnliche morphologische Merkmale beschrieben werden. Das Wort „court“ bedeutet „kurz“. „Courtaut“ würde also „Kurzschwanz“ bedeuten. Kurzschwänzige Raubtiere fielen auch 1751 in Frankreich und in den 1670ern in Deutschland Menschen an.

 

Die Hugenottenkriege (1562 – 1598)

Kaum hatte sich die Bevölkerung wirtschaftlich und sozial vom Aderlass des 100jährigen Krieges erholt, begann mit der einsickernden Reformation der nächste Konflikt. Sieben kurze und ein mehr als achtjähriger Konflikt endeten schließlich in einem Toleranzedikt Heinrich IV. und – erneut – in einem ausgelaugten Land, das politisch nun auf ein zentralistisches Königtum ausgerichtet war.

 

Hugenottenkriege
Le massacre de la Saint-Barthélemy, die blutige Bartholomäusnacht des Jahres 1572, gemalt von François Dubois (1529–1584)

 

„Am Ende der Religionskriege, die städtische und ländliche Gebiete mit Feuer und Blut bedeckten, finden sich in den Erzählquellen zahlreiche Hinweise auf [Wolfs]-Angriffe.“, zitiert Taake Moriceau. Doch er ist mit diesem Schluss nicht einverstanden. Zahlreiche Quellen aus der Provinz Velay und der Bretagne belegen scheinbar Wolfsangriffe in den Häusern. Offenbar waren die angreifenden Wölfe Menschenfleisch gewohnt, da sie sich an unbestatteten Leichen bedienten. Zweifel hat Taake ebenfalls an der Aussage, dass den Wölfen das Vieh auf den Weiden egal war und die Wachhunde in einen Hinterhalt lockten und töteten. Der zeitgenössische Chronist Moreau interpretierte Wölfe, die so klug handelten als Werwölfe.

 

Werwölfe oder nur Gerede?

Moriceau betrachtet es als Zeichen von Moreaus Glaubwürdigkeit, dass Moreau sich von jenen Zeitgenossen distanziert, die glaubten, dass die Wölfe, die so klug handelten, Werwölfe waren. Schöller, der Wolfsangriffe im historischen Deutschland analysierte, betont dagegen, dass diese „verallgemeinerte, vage und ungenaue Aussagen in den Quellen über Wölfe, (…) die ein bloßes atmosphärisches Bild liefern, ohne genau anzugeben, wo und wann genau welche Tiere und Menschen unter welchen Umständen Opfer von Wölfen wurden“. Sie sollten mit Vorsicht interpretiert werden. Dies ist umso relevanter, als die chronikführenden Gemeindepfarrer zur Zeit der französischen Religionskriege zwischen „Opfern von Wölfen“ und „anderen Wildtieren“ unterschieden.

 

Moriceau, so Taakes Kritik folgt dieser Differenzierung nicht. Er bezeichnet praktisch alle menschenfressenden „Bêtes“ („Bestien“, die in Frankreich in historischer Zeit aufgetaucht sind, als Wölfe. Darüber hinaus kann die mündliche Weitergabe von Berichten über einen Angriff ohne Übermittlung des Namens des Opfers oder des Datums und des Ortes des Angriffs zur Folge haben, dass ein einzelner Angriff in Quellen als mehrere Angriffe erscheint.

 

Wolf auf einem bemoosten Felsen
Rezenter Grauwolf

 

Aus zoologischer Sicht wäre es sehr ungewöhnlich – so argumentiert Taake weiter – wenn Wölfe das Vieh auf den Feldern ignorieren und stattdessen Menschen angreifen würden. Selbst ein einzelner, unbewaffneter Mensch ist verglichen mit einer Ziege oder einem Schaf eine wehrhafte Beute. Ein einfacher Ast als Knüppel erhöht die Durchsetzungsfähigkeit gegen einen Wolfsangriff noch einmal deutlich.

 

Umkehrung der Kausalität?

Wenn Wolfsangriffe zur Zeit der Hugenottenkriege tatsächlich in größerem Umfang stattgefunden hätten (was Taake nicht für belegt hält), hätte es einen ganz anderen Kausalzusammenhang zwischen unbestatteten Körpern und Wolfsangriffen auf geben können. Moreau (wieder dieselbe Quellenerzählung) berichtete laut Moriceau, dass in der unteren Bretagne „am Ende der Religionskriege die Leichen über die Stadtmauern geworfen wurden, damit sie von Wölfen oder Hunden gefressen zu werden“.

Wölfe sind fakultative Aasfresser. Durch eine übermäßige und leicht verfügbare Versorgung mit „Nahrung“ in unmittelbarer Nähe menschlicher Gemeinschaften oder sogar innerhalb von Siedlungen könnten zu einer positiven Konditionierung der Wölfe geführt haben. Dies wiederum wird dann zu gefährlichen Auseinandersetzungen zwischen Wolf und Mensch führen.

 

Wurde Aasfressen als Wolfsangriff interpretiert?
Wölfe sind auch Aasfresser, wenn sich die Gelegenheit bietet. Und die bot sich im zusammengebrochenen Frankreich der frühen Neuzeit oft.

 

Oder sind Wolfsangriffe nur eine einfache Erklärung?

Zur Zeit der französischen Religionskriege ereignete sich die dramatischste Serie von Wolfsangriffen, die jemals irgendwo gemeldet wurde: „In der Diözese Cornouaille [in der Bretagne] sollen mehr als 6000 Einwohner verschwunden sein. Sie wurden von Wölfen in den Wäldern und Wäldern verschlungen, wohin sie sich vor dem Krieg zurückgezogen haben.“

 

Also kamen laut dieser Quelle, mehr als 6000 Menschen, die hatte versucht hatten, vor den Kriegsgräueln in die Wälder zu entkommen, nicht zurück. Taake hält den Schluss zu kommen, dass diese Menschen von Wölfen getötet wurden, zu Recht für eine sehr gewagte Interpretation: Kriegsflüchtlinge versuchten, in Wäldern zu überleben, sahen sich ganz anderen Gefahren gegenüber, als Wolfsangriffen. Hierzu gehörten Unterernährung, Unterkühlung, Infektionskrankheiten und körperliche Gewalt. Dazu bestand mit Sicherheit die Gefahr, dass Truppen diese Menschen fanden und töteten oder gefangen nahmen.

 

Die Regentschaft des Sonnenkönigs Ludwig XIV (1643 – 1715)

Der Sonnenkönig, Ludwig XIV. ist einer der bekanntesten Herrscher der französischen Geschichte. Sein zentralistisch geführter Hof mit all dem Prunk eines Sonnenkönigs könnte indirekt eine wichtige Rolle bei den zahlreichen „Wolfsangriffen“ auf Hirten zu jener Zeit gespielt haben. Taake kann dies mit Zahlen und einer eindrucksvollen Statistik belegen.

 

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Deutschlands Wölfe

Die vierteilige Reihe, gedreht von 2002 bis 2012 zeigt beeindruckende Bilder, die das Familienleben der Urväter unserer Hunde dokumentiert und beweist, wie ähnlich sich die Sozialstrukturen von Menschen und Wölfen sind. Als Highlight gelangen einzigartige Aufnahmen von Wolfswelpen, die von einer in Freiheit lebenden Wölfin geboren wurden. Von und mit den international ausgezeichneten Tierfilmern Uwe Anders, Sebastian Koerner und Holger Vogt, die die Arbeit von Deutschlands renommiertesten Wolfsforscherinnen Gesa Kluth und Ilka Reinhardt begleiten.

 

Deutschlands Wölfe ist 2012 erschienen und läuft 3 h mit deutschem Kommentar.

 

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„Unter Ludwig XIV. … erreichten die Aggressionen [der Wölfe] gegen junge Hirten ihren Höhepunkt …“. Dies wirft die Frage auf, warum dieses Risiko unter seiner Herrschaft besonders hoch war. Das Land erlebte eine goldene Periode von Kunst, Wissenschaft und Architektur. Moriceau vermutet einen kombinierten Effekt einer sorgfältigeren Registrierung von Wolfsangriffen zu dieser Zeit und einer zunehmenden Aggression von Wölfen. Diese könnte auf die Ausdehnung der landwirtschaftlichen Flächen zurückzuführen sein: Ludwig XIV. hielt als erster französischer König ein stehendes Heer auch in Friedenszeiten. Diese 280.000 Soldaten, ihre Pferde und Zugtiere mussten versorgt werden: Trotz Ausdehnung des Landes ins heutige Belgien musste der Ertrag der Landwirtschaft gesteigert werden. Dies ging nur über Urbarmachung – und vertrieb die Wölfe und ihre Beutetiere.

 

Versailles
Das Schloss Versailles zeigte eine Prachtausprägung, die es so nur an wenigen Höfen gab.

Zahlreiche Cluster von Wolfsangriffen

Moriceau präsentiert 26 Angriffscluster zwischen 1631 bis 1817. Die Tabelle enthält sieben Cluster von Wolfsangriffen mit einer geschätzten Gesamtzahl von mehr als 1800 menschlichen Opfern während der Regierungszeit Ludwigs XIV. Die Tabelle enthält nicht alle Angriffe während dieser Zeit. Moriceau schätzt, dass Wölfe während der Regierungszeit Ludwigs XIV. zwischen 95 und 175 Menschen pro Jahr verletzt oder getötet haben.

 

Taake fand eine spannende geographische Verteilung der Angriffsorte. Hirten sahen sich zur Zeit Ludwigs XIV. nicht nur einem besonderen Risiko von Wolfsangriffen ausgesetzt. Ihr Risiko stieg dramatisch an, wenn sie in einem Umkreis von etwa 150 Kilometern um den König bzw. das politische Zentrum aus Versailles und Paris lebten. Sowohl ein zeitlicher als auch ein räumlicher Aspekt weisen also auf Ludwig XIV. hin.

 

Statistik der "Wolfsangriffe" in Abhängigkeit der Entfernung von Versailles

 

Die Menagerien des Königs

Hier kommt nun das Sonnenkönigtum, also die für damalige wie heutige Zeit ungeheure Prachtentfaltung Ludwig XIV. zum Tragen. Taake fand heraus, dass in Vincienne (Paris) und Versailles Menagerien gebaut wurden, in denen Großkatzen und andere Tiere gehalten wurden. Damals war es noch üblich, Zuschauer mit Tierkämpfen und Tierhatzen zu unterhalten.
Ludwig XIV. übernahm hier bereits lange gepflegte Traditionen, exotische Tiere als Symbol der Macht zu zeigen. Aufgrund seiner finanziellen und technischen Möglichkeiten konnte er dabei eine seit der Antike nicht mehr gesehene Zahl und Vielfalt von Tieren präsentieren. In den ab 1662 gebauten Menagerien von Versailles sollen Braunbären, Löwen, Tiger, Jaguare und Hyänen gelebt haben.

 

Moriceau stellt in seinem Buch die genauen Orte tödlicher Angriffe in den Jahren 1673 bis 1683 dar. Diese Angriffe fanden in einem Gebiet ca. 30 bis 45 km südwestlich von Versailles statt. Moriceau bezeichnet sie jedoch als „Wolfsangriffe“.

Taake schließt im Gegensatz zu Moriceau, dass es sich bei den Angreifern in diesem Gebiet um Tiere handelt, die aus den Menagerien in Versailles oder Paris entkommen sind. Er vermutet, dass das oder die Tiere nach Südwesten geflohen sind und erst einige Dutzend Kilometer von ihren Ausbruchsorten regelmäßig gejagt haben. Als Beleg hierfür führt er sechs oder sieben Angriffe auf dem direkten Weg zwischen dem späteren Jagdgebiet und Versailles an.

 


Exkurs: Können Wölfe durch Leichenfressen auf den Geschmack kommen?

Eine beliebte Geschichte ist, dass Wölfe durch das Fressen von Leichen auf den Geschmack für menschliches Fleisch kommen. Taake hat dies natürlich untersucht. Er schreibt hierzu, dass sich bei Wölfen „die Wahrnehmung einer lebenden Beute sich stark von der eines Kadavers unterscheidet“.  Er fand keine Beweise dafür, dass Wölfe ihre Angriffe auf eine bestimmte Beutespezies konzentrieren, nachdem sie einen Kadaver eines Tieres dieser Art gefunden und davon gefressen haben. Behauptungen, dass Wolfsjungen zu Menschenfressern erzogen wurden, indem sie mit menschlichem Fleisch gefüttert wurden, das ihre Eltern wieder erbrochen hatten, oder indem sie mit menschlichen Köpfen spielten (François de Beaufort, zitiert von Moriceau) stellt er korrekt in den Bereich fiktiver Geschichten. Wolfsangriffe haben sich dadurch nicht ergeben.


 

Der zweite Teil über Wolfsangriffe, die Bestie von Gévaudan, die Bestie von Limousin und eine Angriffsserie im 17. Jahrhundert in Deutschland kommt nächsten Dienstag an gleicher Stelle.




Medienmittwoch: All the Birds of the World

Das hier besprochene Buch ist mit immerhin noch 968 Seiten(!) die eigentlich nicht mehr verkürzbare und auf ein Mindestmaß von Informationen reduzierte Fassung des Handbook of the Birds of the World. Nichtsdestotrotz aber eine überaus beeindruckende Dokumentation der (noch!) Artenfülle und -vielfalt sowie der Schönheit der Vögel der Welt. Man muss es sich einmal vor Augen halten: dieses Buch enthält eine vollständige Übersicht über eine komplette Klasse des Tierreiches!

Das Buch enthält jeweils mindestens eine Farbzeichnung aller auf der Erde vorkommenden über 11.500 Vogelarten im Prachtkleid! Bei unterschiedlichem Federkleid von Männchen und Weibchen werden beide bzw. die sich unterscheidenden Partien der Federkleider abgebildet. Darstellungen der Schlichtkleider fehlen ebenso, wie Jugend- sowie Übergangskleider. Dafür sind Unterarten und Morphen abgebildet. So enthält das Buch weit über 20.000 Abbildungen!!

Aktuelle Systematik und hochwertige Zeichnungen

Die Reihenfolge der Artenvorstellungen entspricht der geltenden Systematik. In der Kopfzeile werden die Namen der Ordnungen und darunter der Familien aufgeführt, jeweils mit Angabe der Anzahl der zugehörigen Gattungen. Einer Textbox neben den entsprechenden Zeichnungen sind der Gattungsname und die Anzahl der zugehörigen Arten zu entnehmen. Die zu einer Gattung gehörigen Arten sind grafisch mittels einer feinen Linie von den anderen Gattungen abgesetzt. Das ist sehr übersichtlich gemacht.

Die Zeichnungen der Vögel sind von ausgesprochen hoher Qualität. Sie sind enorm präzise und detailliert; fast möchte man sagen, dass quasi jede einzelne Feder zu erkennen ist. Die Zeichnungen stammen von unterschiedlichen, bestens bekannten KünstlerInnen ihres Faches; hier seien stellvertretend I. LEWINGTON, H. BURN oder N. ARLOTT genannt. Jeder Zeichnerin und jedem Zeichner gebühren höchster Respekt und Anerkennung! Neben den Abbildungen ist die Größe der Vögel vermerkt. Englische und wissenschaftliche Namen werden jeweils aufgeführt.

 

11.558 Verbreitungskarten!

Lebensräume und Vorkommen in den geografischen Regionen der Erde werden kurz und knapp aufgeführt. Die Verbreitung der Arten wird mittels sehr guter Karten – laut Verlagsangaben 11.558 Verbreitungskarten! – dargestellt. Die Größe der Karten ist naturgemäß manchmal grenzwertig, dennoch werden sogar die Sommer-, Winter- oder Ganzjahreslebensräume farblich unterschiedlich dargestellt. Wenn Arten endemisch sind, wird das auf den Karten angegeben. Details zur Verbreitung stehen an der Karte und die Höhenverbreitung wird genannt, ebenso wird der Gefährdungsgrad der Arten, entsprechend IUCN/BirdLife, aufgeführt.

Die Einstufung der Vögel als Art oder Unterart wird entsprechend den derzeit vier gängigen Artkonzepten in einem Tortendiagramm dargestellt. Diese Artkonzepte werden unterdessen wohl nicht mehr ganz so verbissen diskutiert wie in der Vergangenheit, wie der Autor in der Einleitung schreibt. Hervorhebenswert ist jedenfalls die Tatsache, dass die schon in der 2014/2016 herausgegebenen „Illustrated Checklist“ aktualisierten taxonomischen Angaben nochmals auf den aktuellen Stand gebracht und um neueste Forschungsergebnisse erweitert wurden.

Online-Zusatzmaterial

Ein QR-Code bietet jeweils Zugriff auf verschiedene Videos, Fotos, Karten und Aufnahmen von Rufen und Gesängen zu jeder Art. Ich gestehe, ich habe noch nicht alle QR-Codes aufgerufen… Aber es ist auch dies eine absolut beachtliche Leistung, zu über 11.500 Arten Video- und Foto-Dokumente zusammenzustellen und für die LeserInnen des Buchs digital nutzbar zu machen.

Die Anhänge – mindestens genauso interessant

Dem speziellen Teil schließen sich mehrere Anhänge an. Ein Anhang enthält die seit ca. 1500 n. Chr. ausgestorbenen bzw. ausgerotteten Vogelarten. 108 Arten werden verbal beschrieben und jeweils mit einer Zeichnung dargestellt, während weitere 54 Arten nur textlich erwähnt werden. Mangels eindeutigen Datenmaterials gibt es hier keine Zeichnungen.

Ein weiterer Anhang enthält einen 35-seitigen Weltatlas mit großformatigen farbigen, physischen Karten, welche die betrachteten, ornithologisch relevanten Länder mit ihren politischen Grenzen und Angaben zu den im Artenteil verwendeten Länderkürzeln zum Gegenstand haben. Ein Anhang enthält eine Liste der Länder mit endemischen Arten.

(Aus der Amazon-Bewertung von „Buchfink“, leicht verändert)

 

Fazit:

Die unglaubliche Leistung, eine ganze Wirbeltierklasse in allen bekannten Arten in einem einzigen Buch darzustellen, ist schon eine unglaubliche Leistung. Das Ganze dann auch noch mit qualitativ hochwertigen Bildern zu illustrieren und nahezu zu jeder Art eine Verbreitungskarte anzubieten, klingt nach einer Jahrhundertaufgabe.
Dies hat der Lynx-Verlag mit dem „Handbook of the Birds of the World“ (17 Bände, herausgegeben 1992 – 2013) hervorragend geleistet. Die „Birds of the World“ sind die maximal gekürzte Ausgabe hiervon. Damit ist das großformatige und immerhin fast 5 kg schwere Werk ist eine Referenz für vergleichbare Werke zu anderen Wirbeltierklassen. Gleichzeitig kann der Verlag jetzt „aus dem Vollen“ schöpfen und regionale Vogelführer herausbringen.

 

Kurz: Für weltweit agierende oder wenigstens weltweit denkende Vogelfreunde ein tolles Buch!

 

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Alle Vögel des Himmels

sind in diesem Buch tatsächlich zusammengefasst. 11.500 Arten, dazu einige nach 1500 ausgestorbenen Tiere in Text, Zeichnung und Verbreitungskarten, mit QR-Code zu tiefergehenden Informationen. Das ist kaum vorstellbar und doch in diesem Buch realisiert.

All the Birds of the World ist 2020 bei Lynx Edicion erschienen und hat sagenhafte 968 großformatige Seiten. Der Text ist englisch. Mit nicht einmal 70 € ist das Werk auch noch erstaunlich günstig!

 

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Kryptozoologische Presseschau 08/2021

Wunderschöne Ostern wünschen wir euch, liebe Leserinnen und Leser,

 

Wer diese Woche das „Wort zum Sonntag“ von Markus Kretschmer erwartet hat, ist hoffentlich nicht enttäuscht. Markus ist diese Woche aus persönlichen Gründen verhindert. Ich springe gerne für ihn ein, zumal er morgen außer der Reihe einen spannenden Artikel liefern wird.

 

Wie jeden Ostersonntag hat auch heute morgen wieder das bekannteste Kryptid Deutschlands, der „Osterhase“ bunte und energiereiche Eier in Gärten und Häusern verteilt. Bekanntermaßen ist das Netzwerk für Kryptozoologie in der Osterhasenforschung führend. So konnten wir bei unseren Beobachtungsversuchen im vergangenen Jahr feststellen, dass alle Beobachter vor dem Eintreffen des Osterhasen einschliefen, kurze Zeit danach aber wieder aufwachten. Die Schlafphase dauerte nur wenige Minuten.

Aufgrund des koordinierten Auftretens, der Kürze und Tiefe der Schlafphase vermuten wir, dass der Osterhase Pheromone ausschüttet, die ihn wie eine Wolke umgeben und die Umgebung in Schlaf versetzen. Diese wären sicher technisch interessant, wir stellen uns da eine Reihe von sinnvollen Anwendungen vor, von der Medizin über die Abwehr gefährlicher Tiere, im Polizeieinsatz bis zur Waffentechnologie.

Plazenta-Chauvinismus?

Bisher gingen wir davon aus, dass der Osterhase eine wie auch immer einzuordnende „Variante“ des Feldhasen Lepus europaeus sei. Im letzten Jahr kamen Stimmen auf, dass dies möglicherweise nicht so ist. Kein Wunder, hier müsste sich ein ungewöhnlicher Evolutionsweg zeigen, der bis zur Eiablage führt, selbst wenn es nur unfruchtbare Nähr- oder Ködereier sind. Dennoch setzte sich diese Sichtweise durch, da in Mitteleuropa nur Plazenta-Tiere vorkommen. Ein klarer Fall von Placenta-Chauvinismus.

 

Feldhase
Ist der Osterhase nur eine Manifestation des Placenta-Chauvinismus?

 

Statt des Placentaliers „Hase“ wurde ein Monotremat, also ein eierlegendes Säugetier aus der Verwandtschaft der Schnabeltiere und Schnabeligel vorgeschlagen. Hier wäre dann kein eigener anatomischer und Stoffwechselweg notwendig, da diese Tiere ja bereits Eier legen. Allerdings sind sie nicht für ihre Legefreude bekannt, auch tragen sie die Eier in einer Bauchfalte mit sich herum. Andererseits verfügen alle rezenten Monotrematen über Gift. Hier ist der Weg vom Schnabeltiergift zu einem Schlafpheromon nicht so weit. Schnabeltiergift verursacht unter anderem eine Vasodilatation, also die Erweiterung von Blutgefäßen, die mit einem Blutdruckabfall einher geht. Diese kann zur raschen Ermüdung führen…

 

 

Wir haben diese Woche eine ungewöhnlich hohe Zahl von neu beschriebenen oder wenigstens neu entdeckten Arten, auch bei Großtieren, wie Vögeln und Säugern. Dafür fallen die Kurzmeldungen – nunja – kürzer aus, so viel ist da seit letzter Woche nicht passiert.

 

Dennoch oder deswegen: Viel Spaß beim Lesen und bleibt gesund!

 

 

Eurer / Ihr

 

Tobias Möser

 

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Der Kosmos-Vogelführer

Der Kosmos-Vogelführer ist das umfassendste Bestimmungsbuch für Vögel aller Arten in Europa, Nordafrika und Vorderasien. Er beinhaltet Brutvögel, Durchzügler, Wintergäste, Irrgäste und eingebürgerte Tiere, insgesamt 900 Arten, die in meisterhaften Aquarellzeichnungen dargestellt werden. Damit ist kaum ein Vogel nicht abgedeckt, der in Europa zu finden ist.

 

Detaillierte Texte beschreiben die Tiere, nicht nur in  Größe, Lebensraum, Kennzeichen, Verbreitung und Stimme. Hinzu kommen aktuelle Verbreitungskarten.

 

Der Kosmos Vogelführer: Alle Arten Europas, Nordafrikas und Vorderasiens ist der legitime Nachfolger des berühmten „Parey’s Vogelbuch“ und damit das neue Standardwerk für alle Vogelfreunde. Die aktuelle Ausgabe ist vom 2.2.2017.

Die Meldungen im Einzelnen:

Indus- und Gangesdelfine sind getrennte Arten

Ganges Delfin
Ganges Delfin Platanista gangetica. Foto: NOAA

 

Auf dem indischen Subkontinent gibt es zwei Süßwasser-Delfinpopulationen, die in unterschiedlichen Flusssystemen vorkommen. Dem entsprechend werden sie populär als Indus- bzw. Gangesdelfin bezeichnet. Die Wissenschaft war sich lange uneins, wie die beiden Populationen zu behandeln seien. So fasste Dale W. Rice in seinem weithin als Standardwerk akzeptierten Marine Mammals of the World: Systematics and Distribution 1999 beide Arten zusammen. Er fand keine ausreichenden morphologischen Unterschiede, um sie als getrennte Arten zu bezeichnen.

 

Diese Ansicht blieb nicht lange unwidersprochen. Eine neue Studie, die internationale Wissenschaftler veröffentlichten, belegt nun, dass es sich tatsächlich um zwei Arten handelt. Platanista gangetica und P. minor unterscheiden sich im Bau der Stirnknochen hinter dem Nasenbein. Diese Unterschiede zeigen alle Individuen der entsprechenden Art, unabhängig von Größe, Alter und Geschlecht.
Ganges-Delfine sind sexuell dimorph, die Weibchen sind größer als die Männchen. Beim Indus-Delfin gibt es dieses Merkmal nicht.

 

Auch genetisch lassen sich Unterschiede feststellen. Die mDNA unterscheidet sich deutlich, es gibt keinen gemeinsamen Haplotypen. Fünf fixierte Unterschiede lassen eine längere Trennung (ca. 550.000 Jahre) erwarten, in der es keinen Genfluss gab.

 

Die Wissenschaftler waren so konsequent und haben beide Arten in der Arbeit formal gültig wieder beschrieben.

 

Quelle: https://doi.org/10.1111/mms.12801


Zwei Arten der Kreischeulen erstbeschrieben

Megascops ist die artenreichste Eulengattung in Amerika. Derzeit sind 21 Arten anerkannt. Die Gattung umfasst kleine bis mittelgroße Eulen, die als Kreischeulen bekannt sind und ein Vielzahl von Lebensräumen besiedeln.

Die Gattung erreicht ihre maximale Artenzahl in den Anden und im zentralamerikanischen Hochland.

 

Tropische Kreischeule
Eine tropische Kreischeule unbekannter Art

 

„Kreischeulen gelten im Vergleich zu einigen anderen Arten von Organismen in diesen Gebieten als eine gut verstandene Gruppe“, sagte Dr. John Bates, Kurator für Vögel am Field Museum in Chicago. „Nicht einmal professionelle Ornithologen, die ihr ganzes Leben lang an Eulen gearbeitet haben, sind sich über die tatsächliche Artenzahl einig sein. Eine Studie wie unsere wurde daher schon sehr lange erwartet“, fügte Dr. Alex Aleixo hinzu, Kurator für Vögel im finnischen Naturkundemuseum der Universität Helsinki.

 

Frühere Studien haben gezeigt, dass die im Tiefland des Amazonas weit verbreitete gelbbraune Kreischeule (Megascops watsonii) mehr als eine Art umfassen könnte. Auch die im Atlantischen Wald endemische Kreischeule (Megascops atricapilla) könnte eng mit dem gelbbraunen Kreischeulenkomplex verwandt sein.

 

„Sie sind süße kleine Eulen, wahrscheinlich 13-15 cm lang, mit Federbüscheln auf dem Kopf“, sagte Dr. Bates.

 

In der Studie verglichen die Ornithologen die Kreischeulen aus den Wäldern des Amazonas und des Atlantiks und stellten fest, dass sie unterschiedlich rufen, was auf verschiedene Arten hinweist. Sie untersuchten daraufhin auch die Morphologie und die DNA der Vögel. Insgesamt wurden 252 Museumsexemplare, 83 Tonbandaufnahmen und 49 genetische Proben aus dem gesamten Verbreitungsgebiet des gelbbraunen Kreischeulen-Eulenkomplexes in Südamerika analysiert.

 

Die Kombination aus genetischer Variation, physischen Unterschieden und einzigartigen Lautäußerungen veranlasste die Forscher, zwei neue Arten zu beschreiben: die Xingu-Kreischeule (Megascops stangiae) und die Alagoas-Kreischeule (Megascops alagoensis).

 

Diese beiden Arten sind zwar neu in der Wissenschaft, aber sie laufen bereits Gefahr, für immer zu verschwinden.

 

Die beiden neuen Arten von Kreischeulen sind in einem Artikel in der Zeitschrift Zootaxa beschrieben.


Hermelin-Art in Alaska entdeckt

Hermelin
Ein Hermelin auf der Farragut Farm auf der Prince-of-Wales Insel (Foto: Farragut Farm)

 

Mit Beginn der letzten Kaltzeit breiteten sich die Gletscher sehr schnell von Norden nach Süden aus. Tiere dieser Gebiete wurden nach Süden abgedrängt, irgendwann standen die Populationen in kleinen Gebieten zwischen Gletscher und Meer. Konnten sie dort die Kaltzeit überleben, folgten sie dem Gletscher beim Rückzug und besiedelten ihre alten Gebiete neu.

Da diese Populationen mehrere 100.000 Jahre isoliert waren, kam es gar nicht oder nur selten zu Genaustausch, neue Arten entstanden. So auch beim Hermelin. Genetische und morphologische Untersuchungen unter der Leitung des US Geological Survey in Alaska zeigen dieses beim Hermelin deutlich.

Das Hermelin ist ein kleiner Marder, der auf der gesamten Nordhalbkugel vorkommt, von den Grenzen zu den Subtropen bis weit ins Arktische rein. Da ist mit zahlreichen Formen, die aufgrund diverser Isolierungen entstanden sind, zu rechnen.

Und tatsächlich: Die Wissenschaftler konnten 34 existierende Unterarten, davon 14 Insel-Endemiten ermitteln. Dabei isolierten sie drei Hauptkladden, eine „Beringia“-Kladde aus Europa, Asien, Japan und Alaska, eine „East“-Kladde aus Kanada, Grönland und Teilen der USA östlich der Rocky Mountains und eine „West“-Kladde aus den US-Rocky Mountains etwa zwischen Seattle und Südkalifornien, Montana und der Sonora-Wüste. Spannend sind einige Insel-Endemiten an der Westküste Nordamerikas, die als Haida-Gruppe bezeichnet werden.

 

Sie sind gute Kandidaten für bald folgende Erstbeschreibungen. In der Arbeit über die Gesamtsystematik der Hermeline haben Colella et al. die Basis hierfür gelegt. Jetzt fehlt nur noch jemand, der das Ganze konsequent in Taxonomie umsetzt.

 

Die Arbeit ist als Fulltext zum pdf-Download erhältlich.


Drei „neue“ Tiefseehaie beschrieben und nebenher ein neuer Stoffwechselweg zur Bioluminiszenz entdeckt

Dalatias litcha
Das größte, leuchtende Wirbeltier: Dalatias litcha. Abb. aus der Originalarbeit, Maßstab = 10 cm

Wissenschaftler haben drei Arten von bioluminiszenten Haien in der Tiefsee vor Neuseeland entdeckt. Eine der Arten kann eine Länge von fast zwei Metern erreichen. Er bioluminisziert blau und ist damit die größte bekannte Art leuchtender Wirbeltiere.

 

Die drei biolumineszierenden Haie – der Drachenflossenhai Dalatias litcha, der Schwarzbauchlaternenhai Etmopoterus lucifer und der südliche Laternenhai E. granulosus – wurden im Januar 2020 bei Probebefischungen eines Tiefseestruktur namens Chatham Rise vor der Ostküste Neuseelands gesammelt. Alle drei Haie leben im Mesopelagial, der „Dämmerungszone“ des Ozeans, die sich über Tiefen von 220 bis 1100 m erstreckt.

 

Biolumineszenz ist in der Tiefsee bei Fischen und Tintenfischen relativ häufig, aber bei Haien weniger gut untersucht. Eine Studie, die letzten Monat in der Zeitschrift Frontiers in Marine Science veröffentlicht wurde, bestätigt die Biolumineszenz der drei Haie, legt jedoch nahe, dass sich ihr biochemischer Mechanismus zur Erzeugung von Licht von den meisten Meerestieren unterscheidet.

 

Link zur Originalarbeit: Mallefet, J., Stevens, D.W. & Duchatelet, L.: Bioluminescence of the Largest Luminous Vertebrate, the Kitefin Shark, Dalatias licha: First Insights and Comparative Aspects, Frontiers of Marine Science, 2021 (Volltext)

 

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Der Magische Wald

Naturfilmer Bryan Maltais erkundete volle drei Monate einen geheimnisvollen Wald im Herzen Europas. Dabei beobachtete er den Wechsel der Jahreszeiten vom Ende des Winters bis zum Anbruch des Sommers. Er filmte das Leben faszinierender Wildtiere, insbesondere der heimischen Reptilien und Amphibien.
Unser Autor Markus Bühler hat ihn auf einem Teil seiner Expeditionen begleitet.

 

Der Magische Wald: Reptilien und Amphibien ist 2019 erschienen und im Amazon-Prime-Paket, zum Download oder auf Datenträger erhältlich.

 

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Abwehrstoff-Gen von Pflanze auf Tier übertragen

Weiße Fliege
Bemisia tabaci, die Tabakmottenschildlaus, auch weiße Fliege genannt. (Foto: CSIRO ScienceImage 1357)

 

Viele Pflanzen enthalten Phenol-Glycoside als natürliche Abwehrstoffe gegen Insektenfraß. Sie sind aber für Pflanzen ähnlich giftig, wie für Insekten. Daher verfügen die Pflanzen auch über einen effektiven Entgiftungsweg, bei dem das Enzym Penol-Glycosid-Malonytransferase eine zentrale Rolle spielt. Es ist im Gen BtPMaT1 codiert.

Von der Tabakpflanze ist BtPMaT1 auf die Weiße Fliege (Bemisia tabaci) übergegangen. Es ist einer der ersten Fälle eines funktionalen Gentransfers von einer Futterpflanze auf einen Pflanzenfresser. Möglicherweise war die „Spenderpflanze“ mit einem Virus befallen. Dieser könnte bei der Reproduktion das Resistenzgen in sein Genom eingeschlossen und so auf die Fliege übertragen haben (siehe Abb.).

 

Mögliche Übertragung des Resistenzgens von der Pflanze auf die Fliege (Abb. aus der Originalarbeit)

 

Quelle: The Scientist: First Report of Horizontal Gene Transfer Between Plant and Animal

Originalarbeit: The Cell DOI https://doi.org/10.1016/j.cell.2021.02.014


Kalifornische Kondore kommen zurück in die Redwood-Wälder

Kalifornischer Kondor
Junger Kalifornischer Kondor. Deutlich sichtbar der Sender und sein „Nummernschild“

 

Der Stamm der Yurok-Indianer arbeitet an einer Zuchtstation für Kalifornische Kondore im Redwood-Nationalpark im Norden Kaliforniens. Die ersten Vögel können vermutlich schon im Herbst in die Freiheit entlassen werden.

 

Nach über einem Jahrhundert werden die ersten gefährdeten Kalifornischen Kondore in die Wälder des Pazifischen Nordwestens entlassen. Früher bevölkerten diese gewaltigen Vögel den Himmel im ganzen Westen Nordamerikas, von British Columbia in Kanada bis New Mexico. In den frühen 1980ern begannen erste Auswilderungsprojekte, die mit Informations- und Schutzkampagnen begleitet wurden. Eine der wichtigsten Veränderungen war, Jäger davon zu überzeugen, auf giftige Bleimunition zu verzichten und auf Weicheisen umzusteigen. Bleimunition ist in Kalifornien zwischenzeitlich verboten, wird aber von wenigen Jägern noch benutzt.

 

Nachdem die größten fliegenden Landvögel in Süd- und Zentralkalifornien, Utah, Arizona und auf der Baja California in Mexiko erfolgreich ausgewildert wurden, wird nun der Stamm der Yurok sie im Redwood-Nationalpark wieder ansiedeln. Das Projekt hat bereits 10 Jahre Vorlaufzeit, am 24. März 2021 wurde es vom US Fish and Wildlife-Service genehmigt.

Für die Yurok ist der Kondor das kulturell wichtigste, einzelne Landtier. Die Rückkehr der riesigen Neuweltgeier gilt ihnen als Erneuerung des Volkes und des Landes.


Die Nischen der Tieftaucher

Ziphius cavirostris
Ziphius cavirostris, der Cuvier-Schnabelwal

 

Tiefseeforschung ist schwierig. Grundlegende Erkenntnisse über die Dynamik von Raubtieren und Beutetieren in der Tiefsee sind kaum bekannt. Grundsätzlich ist zu erwarten, dass die tieftauchenden Meeressäuger (Pottwale, Risso-Delfine, Grindwale, Schnabelwale, Seeelefanten) ihre eigene Nische besetzen und nicht oder nur am Rand in Konkurrenz zu den anderen Arten stehen.

Forscher um Fleur Visser haben die relativ neue Methode der Umwelt-DNA-Gewinnung genutzt, um die Zusammensetzung der Kopffüßergemeinschaften in den Tiefsee-Fresszonen von Risso-Delfinen und Cuvier-Schnabelwalen zu vergleichen. Die Arten zielten selektiv auf verschiedene epi-, meso- und bathypelagische Nahrungszonen ab. In ihnen konnten die Forscher die eDNA von 39 Kopffüßertaxa feststellen, darunter 22 bekannte Beutearten. Anders als erwartet, leben in den unterschiedlichen Nahrungszonen weitgehend die selben Arten. Die ökologischen Nischen der Wale werden also nicht allein durch die Zusammensetzung der Beutegemeinschaft bestimmt.
Die Untersuchung fand vor der Azoren-Insel Terceira statt.

 

Risso-Delfin
Risso-Delfin Grampus griseus. Foto: Michael L. Baird

 

Dennoch wählen Cuvier-Schnabelwale und Risso-Delfine horizontal und vertikal unterschiedliche Nahrungszonen. Risso-Delfine jagten in einer mittleren Entfernung von 3,1 km vom Ufer entfernt und in durchschnittlich 811 m tiefem Wasser. Cuvier-Schnabelwale hingegen bevorzugten größere Abstände zum Ufer (8,8 km) und tieferes Wasser (1411 m). 39 mögliche Beutetaxa wurden untersucht, davon kamen in der Jagdzone der Risso-Delfine 30 Arten vor, in der Jagdzone der Cuvier-Schnabelwale 26. 18 Arten kamen in beiden Lebensräumen vor. Die am häufigsten gefressenen Arten, u.a. Histioteuthis reversa, Histioteuthis spec. und Heteroteuthis dispar wurden von beiden Walarten bevorzugt.

 

Die gesamte Arbeit ist bei Acience Advances erschienen: DOI: 10.1126/sciadv.abf5908 und als Volltext lesbar.


Weit verbreitete Denisova-Spuren im Genom der Inselbewohner Südost-Asiens

Die Artenverteilung fossiler Hominiden in der südost-asiatischen Inselwelt (hauptsächlich die Staaten Indonesien, Phlippinen, aber auch Malaysia, Papua-Neuguinea und sogar Palau) ist derzeit unübersichtlich. An vielen Stellen hat man Überreste von diversen Homo erectus-Populationen gefunden, zudem gibt es zwei als „super-archaisch“ bezeichnete Zwergarten: Homo floresiensis und Homo luzonensis, möglicherweise lebte auf Palau noch eine weitere Zwergart. Lediglich die Denisova-Hominiden sind fossil nicht vertreten.

 

Rekonstruktion des Homo floresiensis

 

Das Erbgut heute auf den Inseln lebender Menschen zeigt ein völlig anderes Bild. Eine internationale Forschergruppe um Kristofer Helgen untersuchte mehr als 400 Genome moderner Asiaten, darunter mehr als 200 von Inselbewohnern. Dabei fanden die Wissenschaftler weitverbreitete Genvarianten der Denisova-Hominiden, jedoch keinerlei substanzielle Reste der super-archaischen Arten.

 

Wie sich die Wissenschaftler das erklären, weiß ich nicht, denn von dieser Arbeit ist nur das Abstract kostenlos lesbar. Ich interpretiere das so, dass die Vorfahren der nach Asien und auf die Inseln eingewanderte Homo sapiens bereits Kontakt mit den (vermutlich) zentralasiatischen Denisova-Hominiden hatten und deren Gene mitbrachten. Falls es Kontakt zu den super-archaischen Arten gab, so dürfte deren geringe Größe den Genfluss (also gemeinsame Fortpflanzung) weitgehend verhindert haben. Ob dies anatomische oder kulturelle Gründe hatte, wird wohl nie zu klären sein.


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Rezent im Meer

Oktopus greift an
Der Oktopus, der Lance Karlson angegriffen hat. Foto: Lance Karlson

 

  • Lance Karlson lieg am Strand entlang, als er sah, wie ein Oktopus mit seinen Armen nach einer schwimmenden Möwe schlug und sie unter Wasser zog. Als er seine Kamera nahm und sich schwimmend näherte, kam ihm der Oktopus entgegen und wedelte mit den Armen. 20 Minuten später sah Karlson den Oktopus erneut. Diesmal griff der Krake ihn an und schlug mit den Armen zunächst nach dem Arm des Schwimmers, dann saugte er sich am Nacken fest.
    Karlson war nur oberflächlich angekratzt, die Tentakel haben eine leichte Hautirritation hinterlassen. Schmerzhaft war es nicht, sagt der Australier.
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Die Wiese – ein Paradies nebenan

Sie ist buchstäblich das Paradies nebenan – die Wiese. Nirgendwo ist es so bunt, vielfältig und so schön wie in einer blühenden Sommerwiese. In diesem faszinierenden und erstaunlich jungen Lebensraum ist ein Drittel unserer Pflanzen- und Tierarten zuhause. Die Filmmacher um Jan Haft haben in nie gesehenen Bildern die schönsten, liebenswertesten und skurrilsten Bewohner der Wiese vorgestellt.

 

Die Wiese – Ein Paradies nebenan läuft 93 Minuten und ist im Amazon-Prime-Paket enthalten, kann aber auch zum Herunterladen oder auf Datenträger erworben werden. Der Film ist 2019 erschienen.

 

Mit dem Kauf über den Link unterstützt ihr den Betrieb dieser Website.

Aus Zoos und Museen

Flamingo im Tierpark Hamm gestohlen

Im Tierpark Hamm haben Unbekannte ein Chile-Flamingo-Weibchen gestohlen. Der Zoo bemerkte den Diebstahl am vergangenen Sonntag, 25.3.2021. Die Polizei ermittelt, der Tierpark wertet Videoaufzeichnungen aus und sucht nach Zeugen.
„Ich glaube nicht, dass wir das Tier noch einmal wiedersehen“, sagte Geschäftsführer Sven Eiber gegenüber dem WDR. So unglaublich es ist, es gibt für Flamingos offenbar einen Schwarzmarkt, auf dem bis zu 3.500 Euro für ein Exemplar gezahlt werden. Sollte das Tier dennoch wieder auftauchen, kann man es anhand eines Chips identifizieren.

 

Der Tierpark überlegt nun, die Flamingogruppe aufzulösen. Flamingos bevorzugen das Leben in großen Gruppen, der Zoo hat nun nur noch vier Tiere. Die Haltung von Flamingos ist recht aufwändig.

 

Tierärzte protestieren gegen Medikamenten-Versandverbot

Um den illegalen Medikamentenhandel im Internet einzudämmen, will die Bundesregierung den Versand von Medikamenten neu regulieren. Dabei trifft sie auf Widerstand aus unerwarteter Seite. Fachtierärzte für Fische, Amphibien, Reptilien und Wirbellose sind selten und agieren oft bundesweit. Dazu gehört routinemäßig der Versand von Medikamenten.

Die neuen Regelungen werden sich gravierend auf die Therapie zahlreicher seltener Arten auswirken, schrieb Fachtierärztin Sandra Lechleiter in einem Brief an die Bundesregierung.

 

Kölner Zoo ist Corona-Testzentrum

Nur mit aktuellem Corona-Test in den Zoo? Das kann ein Problem sein, wenn der Zoobesuch zum früh beginnenden Tagesausflug wird. Der Kölner Zoo hat sich etwas einfallen lassen: Zusammen mit der Agentur ZooEvent bietet er jetzt Corona-Tests im eigenen Haus an. Wer negativ getestet wurde, darf in den Zoo – natürlich nur mit Eintrittskarte und Termin.

Link

 


Zu guter Letzt:

 

Wenn wir schon zuhause bleiben sollen, dann sollte das nicht von Expeditionen abhalten, zumal, wenn sie so nah sind: