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85 Jahre ohne Beutelwolf? – oder – Im Westen Tasmaniens nichts Neues.

Eine der größten zoologischen Tragödien des 20. Jahrhunderts

In der Nacht vom 7.9.1936 auf den 8.9.1936 verstarb im Beaumaris Zoo in Hobart der letzte Beutelwolf, dem die Menschheit habhaft werden konnte. Die heutige Nacht bestreitet also das 85-jährige Jubiläum eines Ereignisses, das mit Recht als eines der größten Tragödien des 20. Jahrhunderts bezeichnet werden kann, was die menschengemachte Dezimierung der natürlichen Artenvielfalt betrifft.

Beutelwölfe
Beutelwölfe, von Stephen J. Gould gemalt

Noch heute sind längst nicht alle Umstände vom Leben und Tod von „Benjamin“, dem letzten eindeutig dokumentierten Vertreter seiner Art, geklärt – das liegt auch daran, dass sein Tod seinerzeit keineswegs so ein großes Anliegen war wie heute.

Beutelwolf „Benjamin“ – ein unwiederbringlicher Zeitgenosse?

Nie wieder sollte der Mensch dem Beutelwolf so nahe kommen wie in diesem Jahre 1936. Zwar wurde man sich zunehmend des „wissenschaftlichen Werts“ dieses Tieres bewusst – und in den folgenden Jahren 1937 und 1938 gab es gleich drei Expeditionen (April 1937, sowie November 1937 und 1938) von Regierungsbehörden in den Westen- und Nordwesten Tasmaniens. (Thylacine Museum). Es waren die ersten von vielen Versuchen, den finalen Akt der menschengemachten Tragödie umzuschreiben. Das ist bis heute nicht gelungen. Ein lebender „Tiger“ wurde nie wieder gefangen – man könnte sagen, vor 85 Jahren ist der Beutelwolf von der der zoologischen Realität in das Schattenreich der kryptozoologischen Untoten übergetreten. Bis heute verharrt die Debatte in ihrer konfliktiven Ausgangslage von 1936. Laien wie Akademiker streiten darüber, wann bzw. ob der Beutelwolf tatsächlich mit „Benjamins“ Tod vor 85 Jahren ausgestorben ist.

 

Beutelwolf
Ein berühmtes Foto von ‚Benjamin‘, im Mai 1936 von Ben Sheppard im Beaumaris Zoo aufgenommen.

2021 – (k)ein Jahr des Beutelwolfs

Die „Waters-Bilder“ – keine wirkliche Sensation

Auch die Neuigkeiten zum Beutelwolf aus dem Jahre 2021 standen ganz im Zeichen dieses alten Konflikts. Doch dabei sah es anfangs so aus, als käme nach längerer Zeit endlich mal wieder Bewegung in die Debatte. Zuerst will im Februar der Präsident der tasmanischen Sektion der Thylacine Awareness Group of Australia (TAGA), Neil Waters, den Nachweis für den Beutelwolf mit Hilfe seiner Wildkameras erbracht haben. Fünf Fotos von dem ersehnten Subjekt sollen die Aufnahmen zeigen – doch wie so oft handelt es sich um Bilder, die der subjektiven Interpretation gegenüber sehr offen sind. Und so geht auch der Gehalt ihrer Aussagekraft für das Überleben des Beutelwolfs gegen Null – die aufgeregte Debatte über die angebliche Sensation entpuppte sich schlussendlich als viel Wind um nichts.

 

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Der Beutelwolf – die umfangreichste deutsche Monographie

Seit 30 Jahren sammelt der Verfasser Daten über den Beutelwolf. In rund 30 Museen Europas, Australiens und der USA fotografierte und vermaß er Präparate, Schädel und Skelette und trug in mehreren Publikationen zum Wissen über die Art bei. In den Archiven von Launceston und Hobart/Tasmanien sichtete er das z. T. unveröffentlichte Bild- und Textmaterial und befragte letzte Augenzeugen; Wissenschaftlern und Hobbyzoologen verdankt er manche wertvollen Hinweise.

 

Ein Filmdokument aus Hobart wurde in Zusammenarbeit mit dem Göttinger Institut für den Wissenschaftlichen Film (IWF) zu einem Unterrichtsfilm gestaltet. Wesentlicher Raum wird dem Beutelwolf als Zootier gewidmet sowie den Fragen, inwieweit er als „typischer Läufer“ gelten kann und welches Ausmaß die Konvergenzen in der Schädelgestalt von Beutelwolf und Wolf erreicht haben. Basierend auf dem zusammengetragenen Daten-, Bild- und Filmmaterial sowie auf mehr als 300 Publikationen entstand die vorliegende Monographie.

 

Der Beutelwolf: Thylacinus cynocephalus ist trotz des Erscheiungsdatums 1997 die umfangreichste Monographie zum Beutelwolf, die es im deutschsprachigen Bereich gibt. Sie hat 197 Seiten und ist neu sowie antiquarisch verfügbar.

 

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Der Adamsfield-Kadaver reloadad – zu viele Fragen bleiben offen

Nur kurz darauf lenkte der Beutelwolf-Experte Cameron Campbell vom virtuellen Thylacine-Museum die Aufmerksamkeit auf einen 30 Jahre alten Vorfall. In einer Dokureihe (X-Creatures, Staffel 1, Folge 6) wurden 1998 erstmals zwei Farbfotos von der vermeintlichen Pfote eines Beutelwolfs gezeigt, der 1990/1991 ilegal (und versehentlich) an einer verlassenen Minen-Siedlung am Adams River geschossen worden sein soll. Eines von diesen Fotos durfte der Beutelwolf-Enthusiast Col Bailey in seinem 2013 erschienenen Buch („Shadow of the Thylacine“) in Schwarz-Weiss duplizieren – man habe ihm dabei erzählt, die Pfote stammte von diesem Adamsfield-Kadaver.

 

Thylacine Pfote
Beutelwolf-Pfote. Repro des Bildes A aus Baileys Buch. Foto: unbekannt

Welches Foto zeigt den Beutelwolf von Adamsfield?

Nun hat Experte Campbell diese Geschichte wieder aufgegriffen, um auf eine Verwirrung hinzuweisen: die Pfoten zeigen nicht den Adamsfield-Kadaver, sondern die Museumspräprate, die zum Vergleich von Irgendwem herangezogen worden waren. Auf einem der zwei Fotos sei aber ein drittes Foto zu sehen – und dieses zeige tatsächlich die Pfote vom Adamsfield-Kadaver. Der unbekannte Fotograf hat also die Museumspräparate mit dem Foto vom geschossenen Beutelwolf verglichen. Die Fotos wurden vom Betreiber der Seite „Where Light meets Dark“ eingehender untersucht. Er kommt dabei zu dem Schluss, dass das qualitativ schlechte Foto im Foto dennoch unweigerlich einen Beutelwolf zeige, das 1990 oder 1991 in der Nähe von Adamsfield aufgenommen worden war („Where Light meets Dark“). So weit so gut. Doch mal wieder werfen die Umstände zum Fund des Kadavers und Zustandekommen der Fotos zu viele Fragen auf, als dass man den Fall in dieser Form wissenschaftlich ernsthaft in Betracht ziehen könnte (wir berichteten).

Eine neue Studie zum Überleben des Beutelwolfs – nicht so schnell!

So bleibt am Ende für das Jahr 2021 nur noch die Studie, die aus einer neuen Datenbank von Sichtungen Schlussfolgerungen über die Entwicklung der Beutelwolf-Population auf Tasmanien seit 1910 ableitet. An besagter Studie waren unter anderem wieder Cameron Campbell, sowie Stephen Sleightholme von der International Thylacine Specimen Database beteiligt. Das Abstract verlockt mit einer optimistischen Stellungnahme:

 

 

„das Fenster für das finale Datum des Aussterbens ist sehr weit, und geht von 1980 bis zum heutigen Tag, wobei das Aussterben in den späten 1990er oder frühen 2000er Jahren wohl am wahrscheinlichsten ist. Auch wenn es unwahrscheinlich ist, so lassen diese Datensammlung und Modell sogar die Chance für ein Überleben in der abgelegenen Wildnis der Insel zu“  (Brook et. al., 2021. Übersetzung aus dem Englischen von Peter Ehret)

 

 

Mögliche Aussterbensereignisse des Beutelwolfes nach Jahren
Die Abbildung zeigt das berechnete räumliche Aussterbemuster für den Beutelwolf in Tasmanien. Die Farben der Karte zeigen das abgeleitete Jahre der lokalen Ausrottung. Die Gegend um den Lake Gordon ist ein Hotspot

So spannend diese aus der Datenbank gewonnenen Erkenntnisse auch sind – die Studie hat nach wie vor noch nicht den Peer-Review-Prozess durchlaufen und gilt daher auch nicht als wissenschaftliche Stellungnahme. Deswegen heißt es erst einmal abwarten – auf einen weiteren Kommentar wird hier demzufolge auch verzichtet. Denn über ungelegte Eier hat das Netz dieses Jahr in punkto Beutelwolf schon genug diskutiert.

kein Ende in Sicht

Die Debatte hat sich also trotz der vielen “Breaking News” zum Thema Beutelwolf also nicht wirklich von der Stelle bewegt. Man hat es auch nach 85 Jahren nicht geschafft, der Insel Tasmanien mehr Einsicht in ihr größtes zoologisches Geheimnis abzuringen. Viele Fragen zum Beutelwolf, vor allem was den Zeitpunkt seines tatsächlichen (oder gar vermeintlichen) Verschwindens betrifft, bleiben nach wie vor offen.

Die Suche nach dem Beutelwolf – nicht nur Misserfolge

Dabei ist es falsch, anzunehmen, dass die zahlreichen Expeditionen, die sich nach 1936 auf den Weg machten, um einen lebenden „Tiger“ dingfest zu machen, ausschließlich leer ausgingen.

 

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Beutelwolf und Wandertaube

Beutelwolf und Wandertaube,
Riesenalk und Kaiserspecht,
Wegen euch ist’s, dass ich glaube,
dass der Mensch im Inner’n schlecht
und aus purer Dummheit handelt,
wenn er Lebensraum zerstört.
Ihn in totes Land verwandelt
und den Todesschrei nicht hört… 

 

Beutelwolf und Wandertaube ist im Juli 2021 erschienen und hat 76 Seiten.

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November 1937 – erste Erfolge

Schon die zweite Expedition vom November 1937, nur ein Jahr nach Benjamins Tod, stieß auf Spuren von Beutelwölfen. So teilte es der Expeditionsleiter Arthur Leonard Fleming dem Vorsitzenden des verantwortlichen Animals and Birds Protection Board auch in einem Brief mit:

 

 

„Beginnend am südlichen Ende der Raglan Range und uns in südlicher Richtung in einem Radius von 10 Meilen bewegend, fanden wir Spuren von Tigern an 11 Stellen. Möglicherweise gehen mehr als eine Spur auf dasselbe Tier zurück, aber ich würde definitiv sagen, dass mindestens 4 verschiedene Tiere die Abdrücke hinterlassen haben“ (Fleming zitiert nach: Thylacine Museum, Übersetzung von Peter Ehret)

 

November 1938 – noch mehr Fußabdrücke vom Beutelwolf

Auch die darauffolgende Expedition vom November 1938 konnte mit Spurenfunden aufwarten. M.S.R. Sharland, Mitglied der Royal Zoological Society of New South Wales, der die Expedition als Gast begleitete, stellte zufrieden fest:

 

 

“Beweise, die auf der Reise gefunden worden waren, verweisen auf die Existenz des Tieres an verschiedenen Stellen des Territoriums und darauf, dass es noch Grund für überfällige Schutzmassnahmen gibt. Wir sind zufrieden, definitive Beweise für die Existenz des Beutelwolfs gefunden zu haben“ (M.S.R. Sharland zitiert nach: Thylacine Museum, Übersetzung von Peter Ehret)

 

 

Sogar Gipsabdrücke konnten angefertigt werden. Sie sind heute im Tasmanien Museum & Art Gallery zu bestaunen – zu sehen sind Fotos von ihnen auch online auf der Seite des virtuellen Thylacine-Museums:

http://www.naturalworlds.org/thylacine/history/expeditions/expeditions_and_searches_5.htm

Überlebende Beutelwölfe nach 1936?

Es ist im Anbetracht dieser Ergebnisse nicht weiter verwunderlich, dass auch ein Teil der akademischen Gemeinschaft das Jahr 1936 als Todesdatum des Beutelwolfs anzweifelt. Cameron Campbell und Stephen Sleightholme stellten in einem 2016 veröffentlichen Paper im Australian Zoologist fest:

 

 

„der Beutelwolf hat fast mit Sicherheit den Tod des letzten gefangenen Exemplars im Jahre 1936 überlebt und die Spezies war in den 1940er Jahren noch existent, und möglicherweise sogar noch darüber hinaus“ (Campbell & Sleightholme, 2016: 120).

 

1900 – 1930: Rückzug nach Westen

Sleightholme und Campbell basieren ihre Schlussfolgerungen auf einer eigenen Datenbank, die sich aus historischen Belegen, Prämiengesuchen für geschossene Tiere, Zeitungsartikeln und Zeugenberichten aus erster Hand speist. In ihrer kurzen Bezeichnung CKS genannt (Capture, Kill and Sighting = Fang, Tötung und Sichtung). Der Zeitraum dieser Datenerfassung erstreckt sich von 1900 – 1940. Ziel der Studie war es, Rückschlüsse auf die mögliche Entwicklung der Beutelwolf-Populationen auf Tasmanien für diesen Zeitraum zu ziehen:

 

 

„Die Daten belegen, dass der Beutelwolf in der östlichen Hälfte des Staates in den frühen 1920er Jahren ausstarb und in seinen ehemaligen Hochburgen in den Midlands und Central Highlands in den früheren 1930er Jahren. Die übrig bleibende Population wurde in den 1930er Jahren stark fragmentiert, mit einer Arthur-Pieman Population im Nordwesten, einer Franklin-Gordon-Population im Westen, einer Florentine-Population im Süden und einer Cape Sorrell-Port Davey-Population an der Südwestküste. Die Studie unterstützt die Annahme von Bailey, dass es einen Korridor zwischen den drei Haupt-Populationen gegeben hat“ (Campbell & Sleightholme, 2016: 120; Übersetzung von Peter Ehret)

 

 

Zwei Beutelwölfe
Zwei Beutelwölfe in einem Zoo

1930 – 1960: Sichtungen als Indikator für Beutelwolf-Reliktpopulationen?

Und hier war dann natürlich die Frage, ob die die Sichtungsberichte nach 1930 in diesem Zusammenhang Sinn machen könnten. Und das taten sie.

 

 

„Es gab in den 1940er und 1950er Jahren eine große Anzahl von Sichtungen, wo dasselbe Tier von vielen Personen gesehen wurde, oder auch von Buschmännern und Bauern mit Kenntnis aus erster Hand vom Beutelwolf. Doch diesen Berichten wird innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft wenig Glauben geschenkt. Es ist aber aussagekräftig, dass der Großteil dieser Sichtungen in den Territorien der Verbreitung von 1930 – 1939 stattgefunden hat.“  (Campbell & Sleightholme, 2016: 118; Übersetzung von Peter Ehret)

 

Die Beutelwolf-Expedition David Fleay (1945)

Und noch fragwürdiger erscheint das Jahr 1936 als finales Jahr der Existenz des Beutelwolfs, wenn in den 1940er Jahren auch noch ein Zoologe mit frischen Beweisen für sein Fortbestehen aufwartet. Im Herbst 1945 brach Dr. David Fleay samt Familie zum Erebus River im tasmanischen Westen auf, um einen Beutelwolf dingfest zu machen. Er hatte vom Fauna Board die Erlaubnis erhalten, zwei Exemplare des Beutelwolfs für die Zucht am Sir Colin MacKenzie Sanctuary in Healesville (Victoria) zu fangen. Finanziert wurde die Mission vom Field Naturalists Club of Victoria and Melbourne University. Seine Tochter, die die Expedition von ihrem Vater begleitete, erinnert sich:

 

 

„Vater arbeitete unermüdlich gegen Ende unserer viermonatigen Bemühungen und Unannehmlichkeiten und seine Beständigkeit zahlte sich fast aus, als ihm nur eine kleine Fehlkalkulation davon abhielt, triumphierend mit einem lebenden Beutelwolf nach Victoria zurückzukehren.

 

Vielversprechende Ausgangslage

 

Als zusätzliche Vorsichtsmaßnahme hatte Vater massiv ausgepolsterte Hundefallen vor den Käfigfallen positioniert. Er war sich sicher, dass die Spuren, die er in einer wilden Gegend namens Poverty Plain gefunden hatte jene von einem Beutelwolf waren; der Gipsabdruck von einem Fussabdruck passte perfekt zu ihnen. Auch hatte er, als er in der Gegend übernachtete, zuvor einen Beutelwolf bei seinem nächtlichen Schreien gehört. Diese seltsamen Schreie, die er mit dem Öffnen einer knarrenden Tür verglich, waren von den Buschmännern, die ihm in einer früheren Phase der Mission beim Campen begleitet haben, [als Schreie eines Beutelwolfs…] verifiziert worden.

 

Tasmanien
Waldweg in Tasmanien, im Lebensraum der Beutelwölfe

„Der Teufel steckt im Detail“ – und der Wolf in der falschen Falle

 

Es war also ein Versuch nach dem Motto Tu es oder stirb. Vater war besorgt, dass die große Anzahl der Hundefallen dem Beutelwolf schaden könnten und so reduzierte er ihre Anzahl. Das stellte sich als ein unglücklicher Fehler heraus, der ihm wahrscheinlich den Erfolg kostete. Denn an diesem besagten Abend nach starkem Regenfall und nur zehn Tage bevor wir Tasmanien verlassen wollten, näherte sich der Poverty Plain-Beutelwolf der Palisade, die ein Bennett’s Wallaby enthielt. Während es sich dem Eingang der Käfigfalle näherte, muss sich das Tier in einer gebückten Position nach vorne bewegt haben, so dass es am Ellenbogen anstatt der Pfote in der Falle hängenblieb. In energischer Panik muss es der Beutelwolf geschafft haben, sich aus der Falle zu befreien und zu entkommen.

 

Desolate „Katerstimmung“ am Tatort

 

Als wir am nächsten Morgen das Szenario betraten, eröffnete sich unseren Augen eine desolate Szene; es gab Markierungen eines Kampfes sowie zahlreiche Spuren von Fußabdrücken in dem weichen nassen Boden. Haare, die an den Fallen klebten, wurden von Vater sorgfältig aufgesammelt. […]

 

Tasmanien
Tasmanien ohne seinen Beutelwolf – das ist nicht das selbe!

„Non-Plus-Ultra einer frustrierenden Erfahrung“

 

Wenn er alle diese ergänzenden Fallen an ihren Ort belassen hätte, dann würde er möglicherweise einen Beutelwolf in der Tasche haben. Es war eine Tragödie für ihn, wirklich die Geschichte der großen Chance, die ihm entgangen war. Seit den 1930er Jahren hatte Vater hart daran gearbeitet, den Beutelwolf zu verstehen: das muss einer der schlimmsten Momente seines Lebens gewesen sein. All diese engagierte, ermüdende Arbeit in so rauem Terrain und alles für nichts; mit Sicherheit war es das Non-plus-ultra einer frustrierenden Erfahrung“ (Rosemary Fleay-Thomson, zitiert nach Thylacine-Museum; Übersetzung von Peter Ehret)

 

Alles umsonst?

Doch ganz mit leeren Händen kamen Fleay und Familie nicht zurück:

 

 

„Die Haare und später gefundenen Exkremente wurden zu Dr. Pearson vom Tasmanischen Museum geschickt. Dieser verifizierte, dass sie ohne Zweifel von einem Beutelwolf stammten.“ (Rosemary Fleay-Thomson, zitiert nach Thylacine-Museum; Übersetzung von Peter Ehret)

 

Die Expeditionen des Eric Guiler (1959, 1960, 1961, 1963, 1980 – 1981)

Eine Größe für sich in der Beutelwolf-Forschung

David Fleay war nicht der einzige Beutelwolf-Forscher, dem sein ersehntes Zielsubjekt in den ersten zwei Jahrzehnten nach Benjamins Tod in der Tasmanischen Wildnis nur knapp entronnen sein soll. Dr. Eric Guiler von der Tasmanian University ist in der Fachwelt zum Thema Beutelwolf eine, wenn nicht sogar die etablierte Expertengröße auf diesem Themenfeld. Er unternahm zahlreiche Expeditionen (siehe Teilüberschrift) in den Nordwesten Tasmaniens und ist auch ein Pionier im Nutzen der Fotofallen bei der Jagd nach dem Beutelwolf.

 

Wie verwunschen wirkt der Wald im zentralen Westen der Insel. Definitiv Beutelwolf-Land.

Studland Bay 1959 – gleich so nah dran wie … niemals wieder

Doch am nächsten kam Guiler seinem Ziel wohl gleich bei seiner ersten Expedition im Jahre 1959. Am frühen Morgen des 7. November 1959 setzte sie von Hobart zur Studland Bay an der nordwestlichen Küste Tasmaniens über. Gleich am nächsten Morgen konnten am nördlichen Ende der Bay Spuren eines Beutelwolfs gefunden werden. Man stellte Fallen auf. Doch dann, in einer mondhellen Nacht, nahmen die Expeditionsmitglieder beim Wild ein seltsames Verhalten  wahr – es bewegte sich nicht mehr als wenige Meter aus seinem Versteck und suchte bei geringstem Aufsehen sofort Zuflucht. Nie wieder hatten die Expeditionsmitglieder derartiges Verhalten beobachtet – sie glauben daher, einem Beutelwolf bei dieser Mission näher gekommen zu sein als je zuvor. Es regnete zwar die ganze Nacht. Doch tatsächlich: am nächsten Tag fanden sie um 10 Uhr morgens den klaren und frischen Fußabdruck eines „Tigers“ in einem matschigen Feld. (Thylacine Museum)

Zwei Beutelwölfe im Zoo

Es bleibt: eine interessante Forschungsfrage

Natürlich reichen auch diese Sichtungsberichte und die gesicherten positiven Indikatoren der Experten nicht aus, um den Status Quo des Beutelwolfs als ausgestorbenes Tier wissenschaftlich zu revidieren. Das kann nur ein Kadaver, der auf die Zeit nach 1936 datiert oder der Fang eines lebenden Tieres. Und anekdotischem Material, selbst wenn es von Experten kommt, ist immer mit Skepsis zu begegnen. Doch bei allem berechtigten Grund zur Skepsis ist Sleightholme und Campbell beizupflichten, wenn sie betonen, dass die Zurückweisung aller nach 1936 gemachten Sichtungen als Fehlidentifikation oder Einbildung durch Teile der akademischen Gemeinschaft die Frage nach dem Ob oder Wann des genauen Zeitpunkts des Aussterbens des Beutelwolfs verdeckt. (Campbell & Sleightholme, 2016: 120) Und damit wird eine wichtige Forschungsfrage ausgeblendet.

 

Die zentrale Frage ist nämlich die, ob zumindest in den ersten 20 Jahren nach 1936 noch Beutelwölfe in der Tasmanischen Wildnis zugegen waren. Hier gäbe es noch viel zu tun und es wäre schade, wenn die etablierte Zoologie sich aus diesem Arbeitsfeld zurückziehen – und die Suche ausschließlich den Laien überlassen würde. Doch danach sieht es – das beweisen die Studien von Dr. Stephen Sleightholme, Cameron Campbell u.a. – gegenwärtig glücklicherweise nicht aus.

 

 

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Ein absoluter Klassiker zum Beutelwolf

Der Jäger

M. ist ein Meister der Tarnung. Er muss das sein. Schließlich hat der routinierte Jäger von einer biotechnischen Firma den Auftrag erhalten, für Genversuche das letzte Exemplar des als ausgestorben geltenden tasmanischen Tigers zu erlegen.  Lucy Armstrongs hat in der Hochebene Tasmaniens eine Farm. Hier hat sie auf rätselhafte Weise ihren Mann verloren. Dort macht sich M. — in der Verkleidung als Naturforscher Martin David — auf die Jagd nach dem nahezu mythischen Wesen. Er legt seine Fallen aus — und kommt nicht zuletzt seinen eigenen Trieben auf die Spur.

Im Verlauf der Fabel wird M. immer mehr selbst zum einsamen Tiger. Mit geschärften Sinnen, die riechen, hören, sehen können, was seinen Mitmenschen im Dschungel der Zivilisation für gewöhnlich verwehrt bleiben muss. Er wird eins mit der Natur, bis zum von Leigh in lauernder Präzision inszenierten Finale. Jenseits aller Instinkte aber werden auch Gefühle wach, die so etwas wie Sozialverhalten — und Liebe zu Lucy — erahnen lassen.

 

Der Jäger: Roman ist die 2002 erschienene deutsche Übersetzung eines legendären englischsprachigen Romans. Das Buch ist nur antiquarisch verfügbar, dann jedoch zu sehr günstigen Preisen.

 

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Noch viel zu tun beim Thema Beutelwolf

Dieser Nachruf ist daher als Aufforderung zum Weitermachen zu Verstehen – selbst wenn man das unwahrscheinliche Überleben des Beutelwolfs in unsere heutigen Tage nicht mehr akzeptieren will. Es sind noch längst nicht alle Fragen geklärt- und eine davon ist das vermeintliche Überleben nach 1936. Und wie die engagierten Forschungsprojekte zeigen (zu erwähnen seien hier auch noch kurz die Studien von Professor Mike Archer zu den genetischen Ausprägungen konvergenten Evolution, für die der Beutelwolf als Spezies und seine konservierten Einzelexemplare einen einzigartigen Forschungsgegenstand darstellen), eröffnen sich beim Beutelwolf noch viele spannende Fragen vin wissenschaftlicher Relevanz. Auch der kryptozoologische interessierte Laie kann hier seine Nische finden. Einen Einstieg in die Materie können die Links unter diesem Beitrag bieten.

Die Naarding-Begegnung – Überlebende Beutelwölfe nach 1960?

Auch wenn es unwahrscheinlich ist: Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Zum Abschluss dieses Jubiläumstages soll daher noch kurz an die Sichtungen aus einer Zeit weit nach 1936 erinnert werden. Die bekannteste von ihnen und als am glaubhaftesten Eingestufte ist ohne Zweifel die des Hans Naarding. Denn Naarding war ein erfahrener Parkranger. Er will dem Beutelwolf im Jahre 1982 bei Togari begenet sein:

 

 

„Es regnete stark. Um 2 Uhr morgens wachte ich auf und aus Gewohnheit kontrollierte ich mein Umfeld mit einer Taschenlampe. Als ich die Gegend absuchte, blieb mein Licht bei einem großen Beutelwolf stehen, der nur sechs oder sieben Meter von mir entfernt stand. Meine Kameratasche befand sich außer Reichweite und so beschloss ich, dass Tier vorsichtig zu untersuchen anstatt eine Bewegung zu riskieren. Es war ein adultes Männchen im exzellenten Zustand mit 12 schwarzen Streifen auf einem sandfarbenen Fell. Die Augen reflektierten blass-gelb. Es bewegte sich nur einmal, öffnete seinen Kiefer und zeigte seine Zähne.

 

Nach ein paar Minuten Beobachtung versuchte ich, nach meiner Kameratasche zu greifen, aber dadurch störte ich das Tier und es bewegte sich weg in das Gestrüpp. Als ich das Fahrzeug verließ und zu der Stelle ging, an der das Tier verschwunden war, bemerkte ich einen starken Geruch. Trotz intensiver Suche im Anschluss konnte keine weitere Spur des Tieres gefunden werden.“ (Hans Naarding zitiert nach: Campbell & Sleightholme, 2016: 120; Übersetzung von Peter Ehret)

 

85 Jahre ohne Beutelwolf? – kein abschließendes Fazit möglich

Tatsächlich fand Naardings Sichtung in dem Gebiet statt, dass Sleightholme und Cameron der Arthur-Pieman-Subpopulation der 1930er Jahre zuordeneten, also eines der vermutlichen letzten Rückzugsgebiete der Tiere. Die Sichtung, so die Autoren, mache es möglich, dass eine Population von Beutelwölfen in dieser Region sogar noch bis in die 1980er überlebt hat. Dem steht jedoch gegenüber, dass eine intensive Suche in dem 250 km weiten Gebiet im Anschluss der Sichtung des Parkrangers keine nennenswerten Ergebnisse brachte (Campbell & Sleightholme, 2016: 120).

Beutelwolf in Wien
Die wenigen Museumexemplare der Beutelwölfe. Sie helfen bei der Suche nach lebenden Beutelwölfen auch nicht weiter.

Es scheint, als könne man sich bei diesem „nacht- und dämmerungsaktiven Tier, das auch in den frühen Tagen der Siedlerzeit nur selten gesehen wurde“ (Campbell & Sleightholme, 2016: 110) auch 85 nach seinem „offiziellen“ Aussterben nicht eindeutig festlegen, ob wir wirklich schon 85 Jahre ohne Beutelwolf zu „feiern“ haben oder nicht. Weder in die eine noch in die andere Richtung.


Bibliografische Angaben

Fachaufsätze

Barry W. Brook, Stephen R. Sleightholme, Cameron R. Campbell, Ivan Jarić, Jessie C. Buettel (2021); Extinction of the Thylacine.doi:https://doi.org/10.1101/2021.01.18.427214 (Pre-Print-Version!)

https://www.biorxiv.org/content/10.1101/2021.01.18.427214v1 (eingesehen am: 31.08.2021)

 

Stephen R. Sleightholme, Cameron R. Campbell (2016): “A retrospective assessment of 20th century thylacine populations.” Australian Zoologist 38 (1): 102–129. doi: https://doi.org/10.7882/AZ.2015.023 (eingesehen am: 31.08.2021)

https://meridian.allenpress.com/australian-zoologist/article/38/1/102/134752/A-retrospective-assessment-of-20th-century (eingesehen am: 31.08.2021)

 

Internetquellen

„Where the light meets dark“ – Analysen zum Adamsfield-Kadaver

http://www.wherelightmeetsdark.com.au/examining-the-evidence/tasmanian-tiger-(thylacine)/adamsfield-thylacines/adamsfield-thylacine-identified/ (eingesehen am: 31.08.2021)

 

http://www.wherelightmeetsdark.com.au/examining-the-evidence/tasmanian-tiger-(thylacine)/adamsfield-thylacines/ (eingesehen am: 31.08.2021)

 

Thylacine Museum

http://www.naturalworlds.org/thylacine/history/expeditions/expeditions_and_searches_1.htm (eingesehen am: 31.08.2021)




Der Japanische Fischotter – Versuch eines schwierigen Portraits 2

Den ersten Teil dieses Beitrages über Japanische Fischotter, ihre mythologische Bedeutung und Geschichte findet ihr hier.

 

Zweite Suche 1994

In diesem Jahr kehrten Zoologen zu der Stelle zurück, wo sie die Exkremente gefunden hatten. Dabei fand man Urin, von dem man annahm, dass es aus der Ranzzeit der Otter stammte. Daraufhin nahm die Regierung der Kochi-Präfektur von Oktober 1994 bis April 1995 eine Fotofalle in Betrieb. Die einzigen Tiere, die sich jedoch vor der Kamera zeigten waren Marderhunde (Nyctereutes procyonoides). (Nicht ausreichend belegt, zu finden auf: Englischer Wikipedia-Seite, AnimalFandom u.a.).

 

Marderhund
Ein Marderhund

 

Dritte Suche 1996

Zwischen dem 4. und dem 9. März 1996 durchkämmte eine Gruppe aus Zoologen, lokaler Verwaltungsbeamten und interessierten Laien die Gegenden, wo in der Vergangenheit Otter gefunden worden waren. Darunter befand sich die Küstenregion in Susaki, Gebiete entlang des Niyodo-Flusses in Sakawacho und Inocho, sowie entlang des Shimanto-Flusses. Alle Orte befinden sich entweder in der Präfektur von Ehime oder in Kochi, wo ja der letzte Otter gesichtet worden war. Kein Beweis für die Anwesenheit von Ottern wurde gefunden (nicht ausreichend belegt, zu finden auf: Englischer Wikipedia-Seite, AnimalFandom u.a.).

 

Otter-Losung
Losung vom Europäischen Fischotter (Beispielbild by Fernando Losada Rodriguez)

 

1999: Funde von Exkrementen?

Professor Michida tat gegenüber der Zeitung Mainichi auch die Hoffnung kund, dass der Otter überlebt haben könnte: „Es gab 1999 einen bestätigten Fall von Otter-Exkrementen. Ich denke, dass es möglich ist, dass sie noch immer existieren und ich würde gerne meine Nachforschungen in diese Richtung weiterführen“ (zitiert nach: Cryptomundo). Dabei wird betont, dass sich Japans Otter vor allem von Krabben ernährten – und die gefundenen Exkremente wiesen daher eindeutig auf einen Otter hin (nicht ausreichend belegt, zu finden auf: Cryptomundo, Scientific American)

 

„höchst vertrauenswürdige Sichtung“ im Jahre 2009

In einem anderen, bereits erwähnten Zeitungsartikel des Mainichi aus dem Jahre 2017 (siehe oben), sprach Michida von Sichtungen der Kochi-Präfektur im Jahre 2009. Darunter befand sich auch eine „höchst vertrauenswürdige Sichtung“ eines Künstlers, der seinem Bericht eine Skizze beilegte. Die abgebildeten Charakteristiken des Japanischen Fischotters – die kleinen Ohren und der Schwanz – seien laut Machida hier sehr gut erfasst (belegt bei Mainichi News vom 28. März 2017).

 

Japanischer Fischotter 1979 Kochi mit Narbe
Ein 1979 fotografierter Japanischer Fischotter

 

2012: Das offizielle Aus für Japanische Fischotter

Dennoch war die Geduld des Umweltministeriums des Japanischen Umweltministeriums schon bald zu Ende. Am 28. August 2012, drei Jahre nach der letzten bestätigten Sichtung, wurde der Otter von dieser Behörde offiziell für ausgestorben erklärt (TsukuBlog). Auch von anderen Arten, darunter eine Fledermausart (Rhinolophus pumilus miyakonis) sowie der Kragenbär auf der Insel Kyushu verabschiedete man sich an diesem Tag von offizieller Seite (Scientific American).

 

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The Knowledge of Nature and the Nature of Knowledge in Early Modern Japan

Zwischen dem frühen 17. und der Mitte des 19. Jahrhunderts trennte sich das Gebiet der Naturgeschichte in Japan von der Disziplin der Medizin ab. Erste Naturforscher produzierten Wissen, das das traditionelle religiöse und philosophische Verständnis der Welt in Frage stellte. Es entwickelte sich zum Honzogaku-System. Honzogaku konkurrierte mit der westlichen Wissenschaft in ihrer Komplexität – und ist dann scheinbar verschwunden.

 

Federico Marcon erzählt in diesem Werk, wie japanische Gelehrte eine hochstehende Sichtweise der Naturgeschichte entwickelt haben. Sie entspricht der europäischen Sicht, hat sich aber unabhängig und ohne direkten Einfluss entwickelt. Der Autor zeigt überzeugend, wie die japanische Naturgeschichte in der westlichen Wissenschaft aufgeht. Nicht durch Unterdrückung und Substitution, wie es Gelehrte traditionell behaupten, sondern durch Anpassung und Transformation.

 

The Knowledge of Nature and the Nature of Knowledge in Early Modern Japan ist die erste englischsprachige Studie in Buchform, die sich dem wichtigen Bereich des Honzogaku widmet. Sie ist ein wesentlicher Text für Historiker der japanischen und ostasiatischen Wissenschaft. Sie ist auch eine faszinierende Lektüre für Laien, die sich für die Entwicklung der japanischen Wissenschaft in der frühen Neuzeit interessieren. Das Buch hat 428 Seiten und ist 2017 in englischer Sprache erschienen.

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Nach 2012 – Symboltier und mehr Sichtungen

Hatte der Schutz des Otters in der öffentlichen Meinung vor den 2000-er Jahren noch Priorität, so avancierte der Japanische Fischotter danach zum Symbol für regionale Entwicklung (und Identität), die an einer stabilen Umwelt gemessen wurde (Yamamoto & Ando, 2011: 32 – 33), ganz ähnlich, wie andere Tierarten in Japan. Auch vor diesem Hintergrund erklärt sich wohl die bürgerliche “Entrüstung” über das offizielle Aussterben des Otters. Folklore-Blogger Avi Landau hierzu: “sogar nach der offiziellen Erklärung wurde das Ministerium mit Anrufen von Bürgern überflutet, die den Otter gesehen haben wollen – so ein Freund von mir, der beim Ministerium arbeitet” (TsukuBlog).

 

Skelett des Japanischen Fischotters
Skelett des Japanischen Fischotters am Tokio Museum für Natur und Wissenschaft (Foto: Momotaru)

 

Widerspruch der Regionen!

Die regionalen Präfekturen waren (und sind) indes stets bemüht, die Existenz des Japanischen Fischotters zu beweisen. Ja, sie gehen sogar soweit, der nationalen Deklaration zum aktuellen Stand des Otters als ausgestorbenes Tier zu widersprechen. Auf der Roten Liste der Präfektur Ehime wird der Japanische Fischotter als “gefährdete Art” geführt. “Es gibt gelegentlich Berichte über Sichtungen und es besteht die Möglichkeit, dass eine kleine Anzahl von ihnen in den Küstengebieten der Nanyo-Region lebt, aber angesichts der Situation im Lebensraum ist die Art vom Aussterben bedroht” (Rote Liste der Ehime Präfektur).

 

Ottersuche in der Ehime-Präfektur

Doch es bleibt nicht bei informativem Widerspruch. Vom 23. April 2014 bis zum 20. März 2015 führte die Präfektur Ehime, die den Otter ja auch als ihr Symboltier trägt, eine systematische Suche nach dem Otter durch. Fotofallen wurden aufgestellt. Zeugen befragt. Doch vor die Kamera trotteten 15 Säugetierarten, aber kein Otter. Vermeintliche Otterkadaver entpuppten sich, wie früher im benachbarten Kochi auch schon (Yoshikawa et. al., 2017: 335), als Fleckenmusang (Paradoxurus hermaphroditus), der zur Familie der Schleichkatzen gehört.

 

Fleckenmusang
Historische Abbildung eines Fleckenmusangs (Lydekker, 1896)

 

Japanische Fischotter: Alte und neue Sichtungen

Die Ottersichtungen, die bei dieser Suche gesammelt wurden, liegen teilweise 60 Jahre zurück. Allerdings gibt es auch neuere Berichte, so zum Beispiel aus dem Jahre 2011, als ein Bürger einen Otter vor der Küste der Region Chuyu in 500 Meter Entfernung gesehen haben will, “schwebend im Wasser, als würde er im Takt der Wellen fliegen”. In geringerer Entfernung, aber ebenfalls vor der Küste von Chuyo soll ein Otter beobachtet worden sein, “als mehrere Personen zugegen” waren. (Anm. d. Red.: Hier liegt möglicherweise ein Fehler bei der Transkription aus dem Japanischen vor. Wir konnten keine Orte oder Regionen des Namens in Japan finden.)

 

Ein anderer Zeuge will mehrere “otterähnliche Tiere” (schwarz, leicht weiß, langschwänzig – und nicht maskiert wie eine Schleichkatze) gesehen haben. Die anderen Sichtungen liegen 10 Jahre oder mehr zurück. Es gibt auch Berichte über einen versehentlichen Fang eines Otters. Der Fänger hatte dieses Tier noch nie zuvor gesehen, erkannte es aber als Otter, weil es einen “Sauger an der Pfote hatte”. Die Ohren waren klein, der Kopf scharf und flach. Schließlich entließ er es wieder in die Freiheit (alle Sichtungen zu finden im Bericht der Ehime Präfektur von der Otter-Suche 2014/2015, S.5).

 

Keine „direkten Beweise“

Auch wenn keine “direkten Beweise” für die Existenz des Japanischen Fischotters gefunden würden, geben sich die Verantwortlichen im Abschlussbericht kämpferisch: “Es ist nicht leicht, das Überleben des japanischen Flussotters festzustellen. Er weist eine extrem niedrige Populationsdichte auf und es ist notwendig, die Untersuchung so lange wie möglich fortzusetzen, um die Möglichkeit zu erhöhen, Hinweise zu finden.“ (Bericht der Ehime Präfektur von der Otter-Suche 2014/2015).

 

Brücke
Brücke an einer Flussmündung in der Ehime-Präfektur. Wie oft in Japan ist das Tiefland maximal entwickelt, die Berge aber noch bewaldet.

 

2017 – der Durchbruch?

Doch drei Jahre später, im Februar 2017, sollte der fehlende “direkte Beweis” endlich gelingen. Allerdings 400 km weiter westlich von der Ehime-Präfektur, genauer gesagt auf der Tsushima-Insel auf dem halben Weg nach Südkorea. Ein Forscherteam hatte Fotofallen aufgestellt, eigentlich zur Beobachtung von Tsushima´s gefährdeter Leopardkatze (Prionailurus bengalensis). Und plötzlich geschah es! Da spazierte vor die Kamera doch tatsächlich ein gut genährter und adulter…Otter! (Kyodo News vom 17. August 2017).

 

Prionailurus bengalensis, die Leopardkatze (Foto: paVan)

 

Die Überraschung war groß. Eine Pressekonferenz wurde abgehalten. Schnell rollten Reminiszenzen an den letzten Japanischen Otter aus dem Jahre 1979 durch die Presse.

 

War der Beweis für einen überlebenden Japanischen Fischotter nun endlich geglückt?

 

Forscher haben weitere Proben vor Ort genommen, eine taxonomische Untersuchung eingeleitet. Und schon bald musste ihr Verantwortlicher, Professor Hiroshi Sasaki von der Chikushi Jogakuen Universität, die anfänglichen Hoffnungen wieder dämpfen. “Es ist unwahrscheinlich, dass es sich bei dem Tier um Nachkommen von der Insel Shikoku [und damit meinte er die Japanischen Otter] handelt.” Die Ähnlichkeiten und DNA-Analyse der gefundenen Exkremente sprechen viel eher für einen Eurasischen Otter. “Es handelt sich also nicht um einen Japanischen Otter im engeren Sinne“ (Eartouch-News vom 19. Oktober 2017).

 

Tsushima
Tsushima ist deutlich subtropisch geprägt.

 

Wie war der Otter auf die Insel gekommen?

Eurasische Otter sind auf der koreanischen Halbinsel zu Hause. “Das ist nur ein Steinwurf von der Tsushima-Insel entfernt”. Die Otter könnten also durch die Strömung auf die Insel gedriftet oder aktiv herübergeschwommen sein. Das Japanische Umweltministerium schloss auch nicht aus, dass die Otter schon “in historischen Zeiten” auf der Insel heimisch geworden waren (Eartouch-News vom 19. Oktober 2017).

 

Drei Otter auf Tsushima

Tatsächlich blieb der gefilmte Otter auf der Insel kein Einzelfall. Ein Jahr darauf gab das Japanische Umweltministerium bekannt, dass drei wilde Otter auf der Insel zu Hause sind. Es handelt sich hierbei um zwei Männchen und ein Weibchen. Auch wurde die DNA von 10 Exkrement-Samples untersucht – zwei Otter hatten dabei eine engere familiäre Verbindung. Entweder waren sie Geschwister oder Elternteil und Kind (Japan Times vom 29. März 2018).

 

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Otter-“Hype” in Tokio …

Auch wenn es sich nicht um einen “authentisch japanischen” Otter handelte. Die Meldung aus der Provinz verhallte nicht ungehört in Japans Öffentlichkeit. Nur eine Woche nach der Meldung über den gefilmten Otter gab es in Tokio in einem Café namens Harry Harajuku Terrace Zwergotter (Aonyx cinerea) zu bestaunen und zu betatschen. “Nachdem die Meldung über die Ottersichtung öffentlich wurde, haben sich viele Leute gefragt, wie so ein Otter wohl wirklich ist” so der Manager Mayo Saito. Die Besucher können mit den Tieren interagieren.

 

Zwergotter Aonyx cinerea
Zwergotter Aonyx cinerea leben in Gruppen

 

Im Gegensatz zu den Igeln und den Chinchillas, auf die man in diesem Café ebenfalls trifft, stehen die Otter jedoch nicht zum Verkauf. Dennoch war die Attraktion offenbar ein Erfolg. Selbst in Tokio, einer Stadt der unkonventionellen Cafés, schafften es die Otter, zum Publikumsmagnet zu werden. Und das sowohl bei Japanern als auch bei Ausländern. “Ich denke, von den Ottern geht eine universelle Anziehungskraft aus”, so der Manager des Cafés (Kyodo News vom 13. September 2017).

 

… mit neuen Problemen

Doch dieser neue Otter-Hype hat seine Schattenseiten. Tatsächlich bringt er die Beziehung der Japaner zu “ihren” Ottern vor neue Probleme. Und damit indirekt auch die Kryptozoologie. In Japan sind die Otter die neuen Stars unter den exotischen Haustieren. Vier Otterarten, konkret der Indische Fischotter (Lutrogale perspicillata), der Haarnasenotter (Lutra sumatrana), der Zwergotter sowie der Eurasische Fischotter werden in der Wildnis Südostasiens gefangen und als Haustiere in Japan verkauft. Dort ist man bereit, für so einen Exoten mehrere Tausend Dollar zu bezahlen. Die Südostasiatischen Länder haben den Handel mit diesen Tieren eigentlich reguliert – mit Ausnahme vom Eurasischen Otter braucht man für die Ausfuhr der asiatischen Otterarten eine Erlaubnis.

 

Gegenwärtig planen einige Regierungen, den Handel mit den Tieren ganz zu verbieten. Dennoch floriert der illegale Handel. Einschlägige Social Media Plattformen haben sich zu Umschlagplätzen für den Verkauf von exotischen “Haustieren” gewandelt. Dadurch wird die Arbeit der Polizei erschwert, dem illegalen Tierhandel auf die Schliche zu kommen. Viele Halter der “niedlichen” und verspielten Otter als Haustiere übersehen leider zu oft, dass sie eigentlich keine Haustiere sind. Anstatt an Flussläufen in Gruppen Fischen hinterherzujagen, fristen sie dann alleine ein trauriges Dasein als lebende Plüschtiere isoliert in kleinen Badewannen. Definitiv keine artgerechte Haltung dieser Tiere (National Geographic vom 10. Januar 2019).

 

Japanische Berge
Japanische Berglandschaft

 

… auch für die Kryptozoologie

So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass für das Auftauchen von Eurasischen Ottern in Japans Wildnis, mal wieder, menschliche Ursachen in Betracht gezogen werden. Man spekulierte infolge der Entdeckung des ersten Otters auf Tsushima, ob dieser von Menschen auf die Insel gebracht worden war (Kyodo News vom 17. August 2017). Allerdings bedachte man diese Möglichkeit noch bevor dort die Anwesenheit von mehreren Ottern bestätigt wurde. Angesichts der Beliebtheit der Otter als Haustiere in Japan wäre es dennoch nicht überraschend, wenn tatsächlich einmal ein ausgebüxtes Exemplar vor eine Fotofalle tappen würde.

 

Otter oder “Flussmonster” – wer ist hier der Kryptid?

Der Vollständigkeit halber soll erwähnt werden, dass der Japanische Otter, wenn mittlerweile auch selbst ein Kryptid, mitunter auch Erklärung für Japanische “Flussmonster” ins Gespräch gebracht wird (Cryptomundo). Allen voran der Matsudodon (benannt nach der Stadt Matsudo bei Tokio) am Fluss Edo, ein robbenähnliches Tier mit Katzenkopf und Klauen an den Armen, das im Jahre 1973 von zahlreichen Zeugen gesehen worden sein soll. Auffällig war der “verspielte Charakter” des Tieres, der bis zur Interaktion mit Fischern reichte (Mysterious Universe).

Nicht verwunderlich, dass man hier – neben einem Flossenfüßer – auch an einen Otter denken muss.

 

Fazit: Japan ohne Otter. In jeder Hinsicht ein Verlust

Es scheint, als wären in der komplizierten Beziehung des modernen Japans zu “seinen” Ottern noch längst nicht alle Steine aus dem Weg geräumt. Gerade aus diesem Grund ist es eigentlich zu begrüßen, dass auf lokaler Ebene nach wie vor versucht wird, die letzten japanischen Otter ausfindig zu machen und zu schützen. Natürlich ist es aus der Ferne schwer zu beurteilen. Doch angesichts der Abwesenheit von “soliden Beweisen” ist es fraglich, ob die engagierte Suche nach überlebenden japanischen Ottern Aussicht auf Erfolg haben wird.

 

Bach ohne Japanische Fischotter
Ohne Japanische Fischotter sind die Gewässer des Landes ärmer

 

Tatsächlich wäre der endgültige Verlust dieser endemischen Tiere in vielerlei Hinsicht schade. Aus wissenschaftlichen Gesichtspunkten, weil damit ein Puzzlestein in Japans partikularer evolutionsgeschichtlicher Entwicklung verloren geht. Aus ökologischen Gründen, weil dann ein integraler Bestandteil von Japans Fluss-Ökosystem fehlt. Auch für die Artenvielfalt ist es ein herber Schlag, wenn eine lokale Form einer Art (oder gar eine ganz eigene Art) ausstirbt.

 

Japanische Uferlandschaft
und auch die Kultur ist ohne ihn ärmer…

 

Doch nicht zuletzt ist das Verschwinden des Japanischen Otters vor allem auch ein kultureller Verlust. Er führt die Tragödie von Japans Weg in die Moderne (und auch das aller Industrienationen) ein weiteres Mal auf drastische Weise vor Augen. So besagt es ein japanisches Volksmärchen (Japanese Folk Tale Review) – der Otter geht mit dem lokalen Fischer. Und so stirbt mit dem Otter auch ein Stück lokaler Identität. Vor diesem Hintergrund ist der Nachweis von Eurasischen Ottern auf der Insel Tsushima doch ein höchst erfreulicher “Trostpreis”. Die Zukunft lässt hoffen.

Zumindest auf der Insel Tsushima.




Der Japanische Fischotter – Versuch eines schwierigen Portraits 1

Eine Schönheit am Fluss

Nicht gewohnt, in der Dunkelheit zu gehen, dachte Genzo, der beste Weg nach Hause führe entlang des Ufers vom Nosaiji-Fluss. Es war weit mehr als nur ein bisschen unheimlich, so alleine durch die Nacht zu laufen. Keine Menschenseele befand sich in der Nähe…das war zumindest das, was er dachte.

Doch plötzlich beobachtete er Etwas…eine menschliche Gestalt. Die Person war nicht am Laufen, sie stand einfach da, mit dem Gesicht in Richtung Fluss.

“Eine Frau hier nachts, ganz allein”… so murmelte er verwundert vor sich hin.

 

Als er näher kam, bemerkte er, dass die Frau auf sehr elegante Weise schlank war, mit feinen abfallenden Schultern [diese Statur ist traditionell ein ästhetisches Symbol in Japan, sic!]. “Eine wahrhafte Schönheit…” dachte er. “Was für ein Glück hat mir das Schicksal beschert! Eine schöne Frau ganz alleine nachts am Fluss zu treffen. Ich muss ihr Gesicht sehen!”

Spurloses Verschwinden in den Fluten

Er näherte sich der Gestalt, und sein Herz schlug vor Vorfreude schneller, doch dann…PLATSCH! Da verschwand sie im Fluss.

“WAS IN ALLER WELT?!” Überrascht schnellte Genzo runter zum Wasser und spähte nach unten. Nichts. Nicht einmal eine Welle.

“Warte einen Moment. Vor ein paar Sekunden stand hier noch eine schöne Frau mit abfallenden Schultern, genau hier! Ich bin mir sicher!”

Genzo dachte, alles war so komisch war, das ihm gerade passiert war…vermutlich war er von einem Fuchs getäuscht worden.

 

Japanischer Fluss bei Nacht
Genzo dachte “Warte einen Moment. Vor ein paar Sekunden stand hier noch eine schöne Frau mit abfallenden Schultern, genau hier! Ich bin mir sicher!”

 

Eine Frau?

Als er nach Hause kam, wollte er Allen von seinem seltsamen Erlebnis erzählen, aber er zögerte, denn er hatte Zweifel, dass man ihm Glauben schenken würde.

 

Aber eines Tages gestand Genzo sein seltsames Erlebnis nun doch einem Freund. Er beschrieb, was er gesehen hatte, eine elegante dünne Frau mit schönen abfallenden Schultern mit Blick auf den Fluss, und die alsbald mit einem Platschen im Wasser verschwand.

 

Nachdem er die Erzählung von Genzo gehört hatte, wandte sich der Freund ihm zu und sagte ihm: “Es war keine Frau, es war ein Fischotter!”

Ein Japanisches Volksmärchen aus Tsuchiura

(erzählt nach Avi Landau/Tsuku Blog)

Japanischer Fuchs
Ein schlafender japanischer Rotfuchs, hat er Genzo getäuscht?

Realer “Wassergeist” mit Symbolkraft…

Das japanische Folklore hat ihre Wassergeister. Allen voran ist da der Kappa, eine amphibienartige Kreatur, die die Flüsse bewohnen soll. Doch mit dem Japanischen Fischotter (gegenwärtig noch: Lutra lutra nippon, ehemals: Lutra lutra whiteleyi) hatte die Insel auch einen sehr realen Würdenträger aquatischer Spiritualität. Seine Herrschaft in Japans Flüssen ist, so scheint es, allerdings schon lang vorbei. 1979 wurde das letzte Mal ein Otter in freier Wildbahn dokumentiert (Yoshikawa et. al., 2017: 329). Das vormoderne Japan zollte “seinem” damals noch weit verbreiteten Otter einen gewissen Respekt, sprach ihm sogar Seele und Geist zu (TsukuBlog). Noch heute ist Lutra lutra nippon das offizielle Symbol der Ehime Präfektur (Animal Fandom). Auch die sehr erfolgreiche japanische Manga-Serie Doraemon, deren fiktive Hauptfigur es 2008 zum Kulturbotschafter Japans brachte, widmete den japanischen Fischottern eine ganze Folge (Staffel 8, Folge 8).

Japanischer Fischotter
Historisches Bild des Japanischen Fischotters von Kanno Tayo zwischen 1635 und 1642

 

…und wissenschaftliches Anliegen der Nation

Japans Wissenschaft war indessen stets bemüht, die Eigenständigkeit “ihres” Otters hervorzuheben. Japans bekannter Zoologe Yoshinori Imaizumi, der sich auch schon bei Japans kleiner, endemischer Wolf-Unterart Canis lupus hodophilax für den eigenen Artstatus ausgesprochen hatte (Knight, 1997: 135), vertrat dieselbe Position auch in einer morphologischen Studie über den Japanischen Fischotter (Imaizumi & Yoshiyuki: 1989).
Zumindest wäre das der Fall für die Exemplare von den Inseln Honshū und Shikoku. Diese klassifizierte er von nun an als Lutra nippon, während er die Exemplare aus Japans Nordinsel Hokkaido weiterhin als Unterart des Eurasischen Fischotters sah und sie in geläufiger Weise als Lutra lutra whiteleyi führte (Waku & Sasaki, 2016).

 

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Ein späteres Paper gab ihm Recht, was die Eigenständigkeit des Japanischen Fischotters betrifft. Hierbei wurden die mitochondrialen Cytochrome eines 30-Jahre alten ausgestopften Exemplars untersucht. Die Sequenzen zwischen dem Japanischen Otter und dem Eurasischen Fischotter waren demnach sogar grösser als jene zwischen zwei getrennten Spezies der Gattung Mustela. Explizit bezog sich dieses Paper daher schon beim Japanischen Fischotter auf den Namen einer eigenen Art, Lutra nippon.
Die Autoren betonten allerdings auch, dass eine längere Gensequenz notwendig sei, um das Verhältnis zwischen dem Japanischen und dem Eurasischen Fischotter eindeutig zu klären. Und hier könne nur ein frisches Sample Abhilfe verschaffen (Suzuki et. al., 1996: 625).

Produkt der geographischen Isolation?

Aus ebendiesem Grund mahnen rezente Studien, die sich mit dem Problem befassen, zur Vorsicht (Roos et. al., 2015). Doch auch kommen nicht umhin, eine ältere phylogenetische Otterlinie in Betracht zu ziehen, die sich vom Eurasischen Otter Lutra lutra unterscheidet. Interessanterweise unterscheiden sich die Japanischen Otter von ihren „Nachbarn“, den eurasischen Fischottern auf der koreanischen Halbinsel sogar noch stärker als die „Koreaner“ von ihren Artgenossen in Eurasien. Offenbar war die japanische Population sehr lange geographisch isoliert. (Han Chan et. al., 2019: 231 – 232).

Verbreitung der beiden Wolfsunterarten in Japan
Verbreitung der beiden Otter(unter)arten in Japan. Vermutlich besiedelten sie auch die küstennahen Inseln, dies ist jedoch oft nicht belegt

Dazu würde passen, dass das ehemalige Verbreitungsgebiet dieser Linie nicht die Nordinsel Hokkaido mit einschloss (Han Chan et. al., 2019: 228). Hokkaido war offenbar für neuerliche Besiedelungen vom asiatischen Festland weitaus leichter zu erreichen. In dieselbe Richtung weist auch ziemlich klar der genetische Status von Japans Wölfen, welche ebenfalls zwei verschiedene Abstammungslinien repräsentieren und sich die Nordinsel Hokkaido und die Südinsel Honshū klar untereinander aufteilten. So wie es gegenwärtig aussieht, gehörte Honshūs „Bonsai-Wolf“ Canis lupus hodophilax auch einer älteren Stammlinie an (wir berichteten). In diesem Sinne würde auch der Japanische Fischotter die geographische Isolation von Honshūs einheimischen Tierpopulationen dokumentieren.

Sympatrische Koexistenz?…

Allerdings stellt sich die Situation bei Japans Ottern nicht ganz so klar dar wie bei Japans Wölfen. Eine Studie aus dem Jahre 2016 kam zu dem paradoxen Ergebnis, dass sogar in Japans isolierter Insel Honshū dereinst offenbar zwei verschiedene Otter-Abstammungslinien existiert haben. Denn ein aus der Präfektur Jogashima (Westen von Honshū) stammendes Präparat wurde von den Autoren dem Eurasischen Fischotter zugeordnet, das sich von dem Vertreter des Japanischen Fischotters unterschied! (Waku et. al., 2016. zitiert nach Han Chan et. al., 2019: 232)
Es wird angedacht, dass es auf Japans südlichen Inseln parallel zwei verschiedene Otter-Arten (oder Unterarten) gegeben hat, die durch reproduktive Barrieren voneinander getrennt waren. In der Biologie nennt man so etwas Sympatrie. Daraus würden sich dann auch die festgestellten Unterschiede der beiden japanischen Exemplare erklären (Han Chan et. al., 2019: 232).

… fragwürdig

Gleichzeitig dämpft die Studie diese optimistischen Erwartungen. Erstens fehlt für eine Sympatrie jeder weitere Beweis. Auch eine Landbrücke vom Kontinent über die Nordinsel Hokkaido zum Fundort im Honshū hat es zur datierten Zeit des Otters nicht gegeben (Waku & Sasaki, 2016).
Ferner ist nicht klar, ob das untersuchte Präparat des Eurasischen Otters überhaupt ursprünglich aus der Region stammt oder eingeschleppt wurde (Waku et. al. zitiert nach Han Chan et. al., 2019: 233). Am Fundort florierte dereinst die Tiefseefischerei und so könnte der Otter in Booten vom Kontinent her nach Japan gelangt sein (Waku & Sasaki, 2016). Es hilft dabei nicht wirklich, dass nur wenige Präparate zuverlässige Information über ihre Herkunft haben (Han Chan et. al., 2019: 229). Sofern also nicht mehr Vergleichsobjekte aus derselben Region vorliegen, ist der Standpunkt zweier verschiedener Otter-Populationen nicht legitim.

Japanischer Fischotter auf einer Briefmarke
Aquarell auf einer Briefmarke von 1974

 

Nach wie vor: ungeklärter Status der japanischen Fischotter

Ganz allgemein muss zur systematischen Einordnung des Japanischen Fischotters gesagt werden: Es steht zwar fest, dass es genetische Unterschiede zwischen dem Japanischen Fischotter und seinen Eurasischen Vettern gibt. Ob diese Unterschiede allerdings ausreichen, um von einer eigenen Art zu sprechen, lässt die gegenwärtige Beweislage schlicht und ergreifend nicht zu. Es steht der Wissenschaft einfach nicht genug stichhaltiges Probenmaterial zur Verfügung, das eine solche Schlussfolgerung zulassen würde.
Daher wird vorerst davon abgeraten, den Japanischen Fischotter als Vertreter einer regionalen, endemischen Spezies zu klassifizieren (Han Chan et. al., 2019: 232 – 233). Wie gesagt: Erst mehr (und frischere) Samples könnten Lichts ins Dunkel bringen. Vorerst bleibt der Status des Japanischen Fischotters also ungeklärt.

 

 

Nominale taxonomische Stellung der japanischen Fischotter

Der japanische Fischotter entspricht weitgehend morphologisch vom eurasischer Fischotter. Er ist etwas länger als große Individuen eurasischer Fischotter und sein Schwanz ist mit 60 bis 70% der Körperlänge deutlich länger (53 bis 60% beim eurasischen Fischotter). Die 1989 erfolgte Artbeschreibung basierte vor allem auf dem Schädel. Er ist kräftig gebaut mit großem Gesichtsschädel. Die Lage einiger Fenster wie des Foramen ovale unterscheidet sich vom eurasischen Fischotter. Auch einige wichtige Proportionen sind anders. In der Erstbeschreibung wird eine andere Form des „Rhinaliums“ erwähnt. Dies ist vermutlich ein Übertragungsfehler des Wortes „Rhinarium“, des Nasenspiegels. Er zieht sich beim japanischen Fischotter höher die Nase herauf.

 

Auch genetisch gibt es Unterschiede. Nach der Erstbeschreibung von 1989, wurde 1996 das Cytochrom b-Gen untersucht, da nur ein unvollständiges Genom vorlag und Sequenzierungen damals aufwändig, langwierig und teuer waren. Dieses Gen ist ein sehr altes Gen, das bei verwandten Arten nur wenige Unterschiede aufweist. Für Marder hat man einen Unterschied von mindestens 3,5% im gesamten Genom als Mindestdifferenz zur Unterscheidung zweier Arten festgelegt. Der japanische Fischotter unterscheidet sich im Cytochrom b-Gen um 3,6% vom eurasischen Fischotter.
Gemeinsam mit den Unterschieden am Schädel und dem längeren Schwanz reicht das für eine formale Art-Unterscheidung aus. Da die japanischen Fischotter (fast?) ausgestorben sind, sind Kreuzungsexperimente nicht möglich.

 

Beide Methoden ergänzen sich und lassen den Japanischen Fischotter berechtigt als eigene Art dastehen. Auch eine Untersuchung von 2019 bestätigt diese Einschätzung. Sie ist hier im Volltext zu lesen.

 

Ein taxonomisches Detail gibt es dennoch anzumerken. Der japanische Fischotter ist zunächst als Unterart des eurasischen Fischotters beschrieben worden. Sein Name lautete Lutra lutra whiteleyi. Bei der Erstbeschreibung der Art verwendeten die Autoren – vermutlich aus patriotischen Gründen – Lutra nippon. (Nippon ist ein traditioneller Name für Japan). Taxonomisch ist das jedoch falsch, wenn eine Unterart in den Artstatus erhoben wird, erlangt der Unterart-Name den Status eines Artnamens. Ein neuer Artname wird nicht vergeben.
Dem entsprechend müsste der Japanische Fischotter Lutra whiteleyi heißen.

 

Die Redaktion

 

 

 

Japans Flüsse ohne Otter
Sein taxonomischer Status bleibt ungeklärt und Japans Flüsse bleiben ohne Otter

 

Unter die Räder auf Japans Weg in die Moderne

Japans politische Moderne war hier mal wieder schneller als die Wissenschaft. Der Japanische Fischotter war auf der Insel früher weit verbreitet. Sogar in den Kanälen und Wasserwegen der Hauptstadt Tokyo soll er einst sehr zahlreich gewesen sein. Seine Anpassung an die aquatische Umwelt wurde ihm jedoch auf Japans Weg in die Moderne zum Verhängnis. Die Liberalisierung des Handels mit dem Ausland machte die warmen Otterpelze zu einem wertvollen Exportprodukt.

 

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Außerdem waren sie bei japanischen Siedlern und Soldaten, die sich in der Kälte von Chinas Mandschurei niederließen, sehr beliebt. Den Tieren stellte man rigoros mit Fallen nach – zu Tausenden wurden sie noch am Anfang des 20. Jahrhunderts gejagt. Hinzu kamen noch die Zerstörung des Lebensraumes und die Umweltverschmutzung. Flussufer wurden zubetoniert, Pestizide töteten die Lebensgrundlage, Fischernetze und Straßenverkehr machten den Tieren zu schaffen. In fast allen Teilen des ursprünglichen Verbreitungsgebiets waren die Otter nach dem Zweiten Weltkrieg schon verschwunden (TsukuBlog).

Wie so oft bei diesen tragischen Geschichten reduzierte sich der Lebensraum der bedrohten Art bald nur noch auf ein kleines, entlegenes Rückzugsgebiet. Im Falle des Japanischen Otter war das die Kochi-Präfektur auf der südlichen Insel Shikoku.

 

Provinz Kochi
Die Präfektur Kochi liegt an der Südküste der Insel Shikoku

 

Tragischer Showdown in der Kochi-Präfektur

Von dort liegt uns die letzte gesicherte Existenz von Japanischen Ottern vor (TsukuBlog, Scientific American). Wir schreiben das Jahr 1979. Otter tollen in einem Fluss bei der Kleinstadt Susaki am Fluss Shinjo. Die Region weist den höchsten Waldanteil von ganz Japan (ca. 80 %) auf (TsukuBlog). Dennoch wird der Otter in diesen Jahren oft gesehen (Yoshikawa et. al., 2017: 329). Langsam aber sich regen sich in der lokalen Presse auch die Stimmen für den Schutz der Tiere, nachdem man den starken Rückgang der Populationen in den 1960-er Jahren nahezu ignoriert hatte (Yamamoto & Ando, 2011: 33).

 

Kochi
Die Präfektur Kochi ist eine subtropische, aber sehr gebirgige Landschaft

 

Besser zu spät als nie? – das ist heute wieder mal (wie so oft) eine Angelegenheit der Kryptozoologie.

 

Zwei Fischotter im Shinjo-Fluss?

 

Und als wäre dieses Ende nicht schon tragisch genug: es gibt sogar mehrere Fotos von diesem unwiederbringlichen Moment. Sie zeigen Japans letzten dokumentierten endemischen Otter (Yoshikawa et. al., 2017: 329; Scientific American, 2012). Wie eine Auswertung der Fotos und Sichtungsberichte ergab, könnten zwei verschiedene Tiere den Fluss Ende der 1970-er Jahre bewohnt haben, denn die gesehenen Tiere zeigten unterschiedliche Verhaltensweisen und unterschieden sich auch auf den Fotos. Ein Otter hat eine Narbe am Hals, der Andere nicht. Für die Zeit danach gibt es keine zuverlässigen Information für die Präsenz von Ottern am Shinjo-Fluss (Yoshikawa et. al., 2017: 325).

 

Japanischer Fischotter
Einer der beiden japanischen Fischotter, die 1979 in Kochi fotografiert wurden

 

Auf der Nordinsel Hokkaido waren die Otter indes schon längst verschwunden – der letzte dokumentierte Otter datiert auf das Jahr 1955. Er war am Akinokawa-Fluss gefangen worden (Murakami et. al, 2017: 5).

 

Japanischer Fischotter 1979 Kochi mit Narbe
Der andere, 1979 fotografierte Otter zeigt eine deutliche Narbe am Hals

 

Doch nicht ausgestorben?

Es gab nur ein einziges Zoo-Exemplar des Japanischen Otters. Das Tier lebte von 1956 bis 1969. Es wird angenommen, dass dieses eines der letzten seiner Art gewesen ist (Cryptomundo). Japans Kultur- und Wissensgemeinschaft wollte das Verschwinden seines Otters jedoch nicht so einfach akzeptieren. Zahlreiche Bürger wollen Fischotter nach 1979 beobachtet haben (TsukuBlog). Und auch von offizieller Seite war man, so scheint es, anfangs noch optimistisch.

 

Japanischer Fischotter 1979
Ein drittes Foto von 1979, es zeigt wieder das Tier mit der Narbe

 

Im nahezu gleichen Wortlaut kursiert im Internet der folgende Text der englischen Wikipedia-Seite über die Suche der Otter von den Jahren 1991 – 1996. Leider fehlen genauere Quellenangaben oder mehr Details. Zumindest findet sich im japanischen Netz eine externe Quelle, welche die Funde bei der Expedition aus dem Jahre 1991 – 1992 teilweise bestätigt (siehe hierzu: Yoshikawa et. al., 2017: 335). Als Quelle wird der Bericht des japanischen Professoren Yoshihiko Machida von der Kochi-Universität genannt (Machida, 1998).

Ich habe hierzu kurz und leider nur oberflächlich mit einer japanischen Muttersprachlerin Rücksprache gehalten. Sie sagte, dieser Text habe tatsächlich zahlreiche Referenzen aus den Jahren 1992 bis 1999, allerdings beziehe sich der Inhalt auf weit ältere Zeitperioden.

 

Derselbe Professor wird in einem Artikel des Mainichi aus dem Jahre 2017 rezitiert, wie er sich auf die Otter-Expeditionen von 1992 bis 1999 bezog. Hierbei kritisierte er die Durchführung. Denn diese beschränkten sich nämlich nur auf die Küstenregionen und hatten nicht die gesamte Präfektur im Blick. Sie erfüllten daher auch nicht die Bestimmungen, die gemäß der International Union for Conservation of Nature (IUCN) eingehalten werden müssen, um eine Art für ausgestorben zu erklären.

 

Die spätere Erklärung der Japanischen Umweltbehörde zum Status des Otters (siehe unten) sei daher nicht legitim (Mainichi News vom 28. März 2017).

 

Kurzum: Es gab diese Expeditionen wohl tatsächlich. Dennoch mahnt der Verfasser dazu, die folgenden vier Abschnitte mit der nötigen Distanz zu lesen. Der Vollständigkeit halber sollen sie aber dennoch erwähnt werden, – auch um dem Leser das Sortieren von belegter und nicht belegter Information im Netz zu ermöglichen.

 

Erste Suche 1991 – 1992

Im Dezember 1991 machte sich die japanische Umweltbehörde in Kooperation mit der Lokalverwaltung der Präfektur von Kochi (in der der letzte wilde Otter gesichtet wurde) auf, um nach Hinweisen auf überlebende Otter zu fahnden. Im März 1992 fand sie tatsächliche Haare und Exkremente, von der man glaubte, dass diese von einem Otter stammten. Darüber hinaus fand sie 10 Fußspuren und zehn weitere Exkrement-Proben. Eine Analyse des Querschnitts eines Haares soll ergeben haben, dass es von einem Otter stammte. Somit wurde dieses Haar-Sample als solider Beweis für die Fortexistenz des Japanischen Otters gesehen (nicht ausreichend belegt, so zu finden auf: Englischer Wikipedia-Seite, AnimalFandom u.a.)

 

 

Ergänzung: Bei dieser Expedition handelt es sich wohl um die drei Untersuchungen im südwestlichen Teil von Kochi, von denen Yoshihiko Machida in einem Paper aus dem Jahre 1998 spricht. Dabei wurde 1992 ein Haar in tierischen Exkrementen gefunden. Der Fundort befand sich im Dorf Kuroshio-chō. Wie eine Rasterelektronenmikroskopie ergab, gehörte dieses Haar dereinst einem Japanischen Fischotter (Machida, 1998 zitiert nach: Yoshikawa et. al., 2017: 335).

 

 


 

Der zweite Teil dieses Beitrages mit Infos zu weiteren Suchexpeditionen und aktuellen Erkenntnissen sowie dem Literaturverzeichnis zum Download erscheint voraussichtlich am Donnerstag, 27. Mai 2021.

 


Wer Interesse an der streckenweise recht ähnlichen Geschichte des Japanischen Wolfes hat, möge sich hier umsehen: Der Shamanu – Japans realer Geisterwolf




Ein 1000 Jahre alter Megalodon-Zahn?

„Ich habe mal gelesen…“ so beginnen viele Diskussionen über Kryptozoologie und enden dann oft wirr. In unregelmäßigen Abständen werden wir uns mit solchen Aussagen befassen und die Hintergründe beleuchten. So können wir hoffentlich klarstellen, was wirklich hinter einem „Ich habe mal gelesen… “ steht.

„Ich habe gelesen, dass ein Megalodon-Zahn auf 1000 Jahre geschätzt wurde.“

Diese Aussage ist mir vor einigen Tagen in unserer Facebook-Gruppe über den Weg gelaufen. Der unter Pseudonym schreibende FB-Teilnehmer konnte sogar die Quelle nennen: Frank Schätzings „Nachrichten aus einem unbekannten Universum: Eine Zeitreise durch die Meere“. Ich habe nichts gegen Herrn Schätzing. Sein „Der Schwarm“ war ein toller Roman, den ich als Biologe ohne größere Kopfschmerzen lesen konnte. Das oben zitierte Sachbuch habe ich genauso gerne gelesen, mit sehr viel Freude.

 

Megalodon
Darstellung des Megalodon durch einen Paläoartist nach modernen Erkenntnissen.

 

Doch eines sind beide Bücher nicht: Fachbücher. In einem Roman hat der Autor absolute Freiheit, seine Welt so zu gestalten, wie er möchte. In Sachbüchern sollte er wissentlich nichts sachlich falsches postulieren (das passiert leider oft), darf aber auch auf Gerüchte, „Ich habe mal gehört“ und ungewöhnliche Ideen eingehen – oft ist es das, was ein Sachbuch spannend macht. Zu wissenschaftlicher Objektivität ist er nicht verpflichtet.
Genau vor diesem Hintergrund ist der Satz mit dem Megalodon-Zahn zu verstehen. Aufgrund der Popularität dieses mächtigen Hais auch außerhalb der Zoologie trifft er natürlich auf fruchtbaren Boden.

 

Eine Megalodon-Gebissrekonstruktion
So rekonstruierte Bashford Dean 1909 einen Megalodon-Kiefer

Der Großzahnhai Otodus megalodon

Der Großzahnhai ist eine der größten oder sogar die größte Haiart der Erdgeschichte. Sie entstand im späten Eozän aus kleineren Vorfahren und starb im Miozän vor etwa 2,8 Millionen Jahren aus. Bekannt ist sie durch Fossilien ihrer markanten Zähne, deren Kanten bis zu 18 cm Länge erreichen können.

 

Der Megalodon stand in der Familie der Großzahnhaie (Otodontidae), die Gattungszugehörigkeit war lange umstritten. Heute ordnet man ihn der Gattung Otodus zu, wo er als letzter und extremer Vertreter gilt. Von den heute lebenden Haien sind möglicherweise die Sandtigerhaie Carcharias taurus am nächsten mit ihm verwandt. Aufgrund vermuteter Ähnlichkeit in der Lebensweise wird bei Rekonstruktionen oft der Weiße Hai (Carcharodon carcharias) als Vorbild genutzt.

 

Siehe: Dossier Megalodon

 

Doch wie kann man das Alter eines Megalodon-Zahns überhaupt bestimmen?

 

Die Radiocarbon-Methode

Die Radiocarbon-Methode ist auch als „C14-Methode“ bekannt*. Sie ist als Methode der Altersbestimmung vor allem aus der Archäologie geläufig und für eher junge Funde geeignet. Sie basiert darauf, dass natürlich vorkommender Kohlenstoff hauptsächlich aus dem Isotop 12C besteht und sehr geringe, aber (nahezu) konstante Anteile des Isotops 14C hat. Diese werden von Organismen nicht unterschieden und diskriminierungsfrei in alle Moleküle und damit in Gewebe eingebaut. Ein lebender Organismus hat also den selben Anteil an 14C, wie er außerhalb des Organismus vorliegt.

 

14C ist schwach radioaktiv (Keine Sorge, bei den „Mengen“, die in natürlichem Kohlenstoff vorkommen, besteht keine Gefahr einer Strahlenvergiftung) und zerfällt mit einer Halbwertszeit von 5730 Jahren. Das bedeutet: Nehme ich einen Körper aus natürlichem Kohlenstoff, hat er heute einen Anteil von n 14C-Atomen, nach 5730 Jahren ist die Zahl auf 0,5 n 14C-Atome gefallen. Nach weiteren 5730 Jahren auf 0,25 n 14C-Atome usw. Der Anteil ist mit modernen Verfahren einfach messbar und gibt schnell brauchbare Ergebnisse.

 

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Nachrichten aus einem unbekannten Universum

Mensch und Meer. Eine merkwürdige Beziehung, geprägt von Hass, Unkenntnis, Romantisierung, Neugier und Ignoranz. Wie funktioniert dieses gewaltige System, dem wir entstammen und über das wir weniger wissen als über den Outer Space? Wie konnte im Urozean Leben entstehen, woher kam überhaupt das ganze Wasser? Warum ist die Evolution ausgerechnet diesen Weg gegangen und keinen anderen? Denn ebenso gut hätte sie uns in intelligente, flüssigkeitsgefüllte Luftmatratzen verwandeln können. Einmal hat sie es jedenfalls versucht – und beinahe geschafft. Mit Sachverstand und Ironie spannt Schätzing den Bogen vom Urknall bis in die kommenden 100.000 Jahre, nimmt uns mit in das unbekannte Universum unter Wasser

 

Nachrichten aus einem unbekannten Universum: Eine Zeitreise durch die Meere ist 2006 aus den Recherche-Ergebnissen des Autors zum Bestseller „Der Schwarm“ entstanden. Es hat in der Taschenbuchausgabe 864 Seiten und kostet € 12,99.

 

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Grenzen der Radiocarbon-Methode

Nach etwa neun bis zehn Halbwertszeiten werden die Mengen an 14C in einer Probe zu gering, um sie genau ausmessen zu können. Das beschränkt die Methode auf ein Probenalter bis maximal etwa 50.000 Jahre. Ergebnisse, die sich der Hälfte dieses Alters nähern oder sie überschreiten, werden immer „unschärfer“: Die Abweichung steigt.

Der 14C-Anteil in der Atmosphäre schwankt

Ein weiterer Punkt kommt hinzu: Anders als bis vor Kurzem angenommen, ist der 14C-Gehalt in der Erdatmosphäre nicht immer konstant geblieben. Er hat im Laufe der Zeit geringfügig, aber relevant geschwankt. Hierbei spielen drei bis vier geschichtliche Faktoren eine Rolle:

  • Die Modulation der kosmischen Strahlung durch die Sonnenaktivität. Die kosmische Strahlung ist wesentlich für die Entstehung von 14C verantwortlich. Sinkt oder steigt sie, ändert sich die Menge des produzierten Radiocarbons.
  • Die Veränderung des geomagnetischen Dipolfeldes kann die Durchdringungstiefe der kosmischen Strahlung deutlich verändern. Da sich die geomagnetischen Eigenschaften der Erde nur sehr langsam wandeln, spielt sie erst auf Zeitskalen größer als hundert Jahre eine Rolle.
  • Der Kohlenstoffaustausch zwischen unterschiedlichen irdischen Kohlenstoffreservoirs und der Atmosphäre zur Schwankung des atmosphärischen 14C/12C-Verhältnisses bei: Gelangt viel „alter“ (also 14C-freier) Kohlenstoff, z.B. durch Verbrennung fossiler Kohlenstoffverbindungen, Rücklösung von Kalklagern etc. in die Atmosphäre, sinkt der Anteil von 14C.
  • Gelegentlich wird noch die Strahlung von Supernovae oder anderen Strahlenereignissen im Weltraum diskutiert. Hierbei handelt es sich um Einzelfälle.
  • Zuletzt ist auch die Nutzung der Atomkraft etwa ab 1945 relevant. Durch die freigesetzte Strahlung und andere Isotope haben eine Messung so neuer Proben de facto sinnlos gemacht.

 

AKW Brockdorf
Die Nutzung der Atomkraft hat das Verhältnis von C12 und C14 verschoben. So ist die C14 Methode für Proben von nach 1945 nicht anwendbar. (Foto: AKW Brockdorf)

Fehlerquellen

Wie bei jeder Methode gibt es auch bei der Radiocarbonmethode zahlreiche Faktoren, die eine korrekte Messung beeinflussen können. Um sie zu minimieren, nehmen die Techniker meist mehrere Proben und arbeiten sie getrennt von einander auf, um sie einzeln zu messen.

 

Die Technik und auch die Ausbildung der Mitarbeiter für eine Radiocarbon-Untersuchung ist teuer. Daher sehen viele spezialisierte Labors zu, Geräte und Personal möglichst auszulasten. Das führt zu einer starken Routine und gutem Training der Labormitarbeiter, was die Fehlerquellen bei der Reinigung und Aufarbeitung von Proben minimiert. Tatsächlich ist es so, dass hierbei in den Labors quasi keine Fehler passieren.

Laborarbeit
Arbeit mit zahlreichen Proben – bei Routineuntersuchungen wie der 14C-Probe machen moderne Labors nahezu keine Fehler mehr.

Ein wichtiger Fehler, der vor allem bei Knochen- und Zahnmaterial in kalkhaltigem Süßwasser oder Meerwasser auftritt, ist der Dolomit-Effekt: An der Oberfläche kalkhaltigen Materials kann in mehr oder weniger großem Maße das Mineral Dolomit aus diesem Wasser ausfallen. Dolomit ist ein Karbonat, es enthält also Kohlenstoff. Da gelöste Karbonate in der Regel entstehen, wenn Hydrogenkarbonate mit Kohlendioxid aus der Atmosphäre reagieren, ist diese Ablagerung „rezent“, also jetztzeitlich.

 

Auch wenn Probenstücke vor der Beprobung mit Säure gereinigt werden, lassen sich diese Dolomit-Ablagerungen nicht vollständig entfernen. Die Folge ist eine Kontamination mit jüngerem Kohlenstoff, eine solche Probe kann erheblich zu jung datiert werden.

 

Hierzu gibt es noch einen gegenteiligen Effekt, der vor allem bei Meeresorganismen auftreten kann. Sie nehmen einen Teil ihres Kohlenstoffes aus gelöstem Kalk auf, der oft schon tausende von Jahren alt war. Dies kann dazu führen, dass die Proben als zu alt gemessen werden.Insbesondere die beiden gegenteiligen Effekte der Kohlenstoffablagerung durch Kalk kann die Ergebnisse der Radiocarbonmethode bei Meerestieren und Funden aus dem Meer unberechenbar verfälschen. In jedem Fall ist dazu anzuraten, sich nicht auf die 14C-Methode zu verlassen und ergänzende Methoden der Altersbestimmung vorzunehmen.

Die Kalium-Argon-Methoden

Die Kalium-Argon-Methode funktioniert prinzipiell ähnlich. Hier zerfällt das Kalium-Isotop 40K zum Calcium-Isotop 40Ca (89%) oder zum Argon-Isotop 40Ar (11% aller Zerfälle). Die Halbwertszeit von 40K liegt bei 1,28 Milliarden Jahren und damit deutlich höher als bei 14C. Dies ermöglicht eine relativ verlässliche Altersbestimmung von Fossilien, unter gewissen Umständen:

 

Damit die Kalium-Argon-Methode funktioniert, muss die Uhr „zurückgesetzt“ worden sein. Sie ist daher nur bei Gesteinen anwendbar, die aus einer Schmelze kristallisieren. Das sind Vulkanite und Plutonite, also Gesteine, in denen normalerweise keine Fossilien vorkommen. Hier gibt es aber Sonderformen, beispielsweise wenn ein Vulkan wie in Pompeji große Mengen Asche auswirft und diese die Lebewesen bedeckt.

 

Bei Sedimentgesteinen, in denen die meisten Fossilien zu finden sind, ist sie nicht oder nur indirekt anwendbar.

Nordpolar-region
Die Nordpolar-Region der Erde auf einem alten Globus

Paläomagnetismus und Polwanderung

Es gibt eine weitere, geologische, jedoch nicht nukleare Methode, eine Altersbestimmung zu präzisieren. Die Bestimmung des magnetischen Nordpols zum Zeitpunkt der Einbettung. Sie liefert keine alleinstehenden Daten, warum wird unten beschrieben. Ihre Daten können aber eine 14C-Datierung deutlich präzisieren.

Die Theorie dahinter

Der arktische Magnetpol ist nicht mit dem geographischen Nordpol identisch, sondern liegt derzeit bei etwa 86°N und 170°O. Dazu kommt, dass er sich ständig bewegt. Dies hat Auswirkungen auf die Sedimentation von Gesteinen:

Viele Sedimentgesteine enthalten winzige, magnetische Partikel. Während der Sedimentation richten sie sich nach dem arktischen Magnetpol aus (der auf der Nordhalbkugel der magnetische Südpol ist) aus, wie eine winzige Kompassnadel. Da sie aber im Gestein fixiert werden, können sie sich nicht weiter bewegen. Sie zeigen also auf die Lage des arktischen Magnetpols zum Zeitpunkt der Gesteinsentstehung. Wenn Forscher Proben zur Altersbestimmung nehmen, notieren sie auf dem Probengefäß oder auf dem Stein direkt, wo der Kompassnadel zum Zeitpunkt der Probennahme hindeutete.

 

Im Labor kann man dann messen, in welche Richtung die magnetischen Partikel orientiert sind. Mittels des Ortes der Probe und der Abweichung der Magnet-Orientierung kann man dann berechnen, wo der arktische Magnetpol zum Zeitpunkt der Sedimentation lag.

Da bekannt ist, wann sich der arktische Magnetpol wo befand, kann man innerhalb des Rahmens, die beispielsweise eine 14C-Datierung herausgibt, präzisieren, wann das Gestein abgelagert wurde.

 

Wanderung des Magnetpols
Wanderung des arktischen Magnetpols in den letzten Jahren (Quelle: NOAA)

Soweit der einfache Teil. Nun kommt aber die Kontinentalbewegung und ggf. die Erosion als weiterer Faktor hinzu. Erstere ist mittlerweile gut erforscht und kann bei der Datierung bereits berücksichtigt werden. Die Erosion eines Gesteins kann jedoch die Lage einer Probe nicht nachvollziehbar beeinflussen, so dass nur Proben aus nicht erodiertem Gestein geeignet sind.

„Ich habe gelesen, dass ein Megalodon-Zahn auf 1000 Jahre geschätzt wurde.“

Wie kommt es dann zu solchen Fehleinschätzungen?

Die häufigsten fossilen Überlieferungen des Megalodon sind fossile Zähne. Sie sind häufige Fossilien, die aufgrund ihrer spektakulären Größe auch kommerziell gehandelt werden. So sind sie ziemlich bekannt.

Zahlreiche dieser Zähne sind durch Einlagerung von Mangan während der Diagenese (des Prozesses der Fossilwerdung) schwarz verfärbt und wirken so sehr alt. Dies trifft vor allem auf die Zähne aus den Morgan River-Ablagerungen in South Carolina zu. Sie werden regelmäßig im Handel mit Altersangaben zwischen 3 und 7 Millionen Jahren angeboten.

 

Megalodon-Zahn aus South Carolina
Megalodon-Zahn aus den Morgan-River-Ablagerungen in South Carolina, USA; Foto: Gery Parent

 

Dem stehen fossile Zähne von anderen Fundorten gegenüber, die helle, teilweise natürlich wirkende Farben aufweisen. Sie wirken im Vergleich zu den Morgan-River-Zähnen sehr jung, obwohl sie teilweise älter sind. Dies könnte zu Fehleinschätzungen des Alters geführt haben.

 

Megalodon-Zahn
Megalodon-Zahn aus einer anderen Fundstelle im nahen North Carolina; Foto_ Tom Lee, Taiwan

 

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Monster der Tiefe – im Reich der Urzeit – natürlich mit dem Megalodon

Nigel Marvin und seine Crew sind wieder unterwegs. Diesmal geht es mit einem Segelboot in die Urzeit, Marven bereist die selbstgewählt 10 gefährlichsten Meere aller Zeiten. Natürlich spielen Dunkleosteus, Megalodon und Basilosaurus eine große Rolle. Aber gerade die vielen kleinen „Nebenfiguren“, ein wenig Menschliches mit der Crew und die Faxen, die Präsentator Nigel Marven macht, lassen dieses Mockumentary unterhaltsam werden.

 

Monster der Tiefe besteht aus 10 Episoden, läuft etwa 90 Minuten und wird vom Hersteller für Kinder ab 6 Jahren empfohlen. Wir denken, 10 ist eher ein passendes Alter.

 

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Der Rest ist eine Überlieferung nach dem Stille-Post-Prinzip, der „sehr junge Zahn“ wurde noch jünger, vielleicht ging eine Null und später noch eine Null verloren oder aus Millionen wurden Tausend Jahre? Was zwischen einer fachlichen Einschätzung und dem Hörensagen, das Frank Schätzings Ohr erreicht hat, passierte, ist nicht nachvollziehbar. Fakt ist, dass die letzten Megalodon-Zähne etwa zu der Zeit überliefert werden, als sich der Isthmus von Panama schloss, vor 2,76 Millionen Jahren.

 


*Streng genommen ist die Bezeichnung C14 falsch. Sie deutet eine Kette aus 14 Kohlenstoffatomen an. Will man das schwach radioaktive Isotop bezeichnen, wäre korrekt, vor dem C eine kleine 14 hochgestellt und da drunter eine kleine 6 zu schreiben. Dies bedeutet, dass hier ein Kohlenstoff-Atom vorliegt, das 14 Kernteilchen hat, jedoch mit 6 Protonen. Folglich hat es 8 Neutronen und damit 2 Neutronen „zu viel“, um stabil zu sein.




„Lebende Beutelwölfe fotografiert“? Update 2

Heute kam das Video, in dem Neil Walters von der Thylacine Awareness Group of Australia seine Fotos präsentiert. Leider waren die Fotos nur kurz am Stück zu sehen, der Rest ist vom Laptopbildschirm abgefilmt.

Eine echte Analyse ist damit kaum möglich, man ist mehr oder weniger gezwungen, Neil Waters Analyse zu glauben. Seht selbst:

 

Ich für meinen Teil habe große Zweifel.

  • Das erste Bild zeigt außer zwei reflektierenden Augen und einem Ohr so gut wie nichts. Wie nahezu immer wäre ein Größenvergleich nett gewesen. Die Stelle des Tieres ist bekannt, die Stelle und Art des Fotoapparates auch. Da wäre es ein Leichtes gewesen, mit einem Zollstock einen Größenvergleich zu fotografieren.
  • Das zweite Tier, auf das Waters seine größte Hoffnung setzt, ist seltsam. Das Hinterteil wirkt sehr rund, während die bekannten Aufnahmen von Beutelwölfen eher schmale, schlanke Tiere zeigen. In wie weit die Tiere aus dem Beaumaris-Zoo in Hobart schlecht ernährt sind, ist eine Frage. Aber auch Jagdopfer sind eher dünn.
    Selbst wenn (!) die Rundlichkeit durch zwei nach vorne geschlagene Beine entsteht, passen die Proportionen nicht.
  • Das Fell des zweiten Tieres ist zottig. Waters argumentiert, Jungtiere hätten ein zottigeres Fell als ausgewachsene Beutelwölfe. Dennoch wirkt es zu zottig, selbst wenn man es mit den wenigen präparierten Jungtieren vergleicht.
  • Die Farbe des Fells wirkt auf den ersten Blick beige, aber insgesamt grauer, als in der Situation von einem Beutelwolf erwartet wäre. Die Streifen wirken nicht wie Teile des Fells, sondern wie Schatten der Grashalme und -blätter über dem Tier.

Insgesamt mal wieder mehr Wunschdenken, als Realität. Wie viel kommerzielles Interesse bzw. kommerzieller Erfolg da drin steht, ist eine andere Frage. Gut laufende Youtube-Filme bringen dem Einsteller zumindest einen kleinen Anteil am Umsatz. Dazu hat er die ganze Thylacine Awareness Group of Australia, Sektion Tasmania bekannt gemacht, immerhin ist er deren Präsident (vermutlich nicht mehr lange). Das steigert die Chance auf Spenden. Andererseits hat Waters nicht versucht, die Bilder zunächst in der (kostenpflichtigen) Sektion gezeigt.

 

Genauer gesagt: die Bilder sind immernoch nirgendwo ungefiltert zu sehen.

 

Daher eine ganz spezielle Anzeige heute:

 

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Viel Lärm um Nichts

Besser als William S. können wir es einfach nicht sagen.

 

Viel Lärm um nichts. mit Emma Thompson und Michael Keaton dauert 106 Minuten und kommt auf DVD.

 

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„Lebende Beutelwölfe fotografiert?“ Update 1

Die Thylacine Awareness Group of Australia hat am 22.2.2021 in einem YouTube-Video bekannt gegeben, drei lebende Beutelwölfe fotografiert zu haben. Neil Waters, Vorsitzender der Gruppe erzählt in diesem Video, dass sie derzeit Fotos auswerten. Auf den Fotos sollen drei Tiere zu sehen sein. Waters and the community” glaubt, es handele sich um Beutelwölfe, genauer zunächst die Mutter, dann ein kleines Jungtier und auf dem letzten Bild ein Männchen, mutmaßlich der Vater. Die beiden erwachsenen Tiere seien etwas zweifelhaft („ambiguous“), während das Baby Streifen und einen steifen Schwanz hat und damit eindeutig als Beutelwolf zu identifizieren sei, so Waters weiter.

 

 

 

Soweit der Stand gestern.

 

Irgend etwas hatte mich an der Beobachtung irritiert, es war aber nicht direkt greifbar. Heute ist es anders: Mich stört die Angabe, dass die Trail-Cam ausgerechnet eine „kleine Familie“, wie sie sich ein romantisches Kind vorstellt, aufgenommen hat. Zum Einen, weil es dem menschlichen Stereotyp entspricht („Mutter, Vater, Kind“ spielen die Kids schon im Kindergarten). Wichtiger ist aber, dass mir weder von Beutelwölfen noch von anderen, besser erforschten Beuteltieren ein Familiensinn bekannt ist.
Dies bedeutet nicht, dass so etwas nicht sein kann. Der Beutelwolf war auch unter Beuteltieren etwas ungewöhnliches. Nur weil drei Individuen, eines davon kleiner, aufgenommen wurden, muss das keine Familie sein. Es kann Zufall sein oder ein Männchen folgt einem Weibchen, das läufig ist, weil das größte Junge den Beutel verlässt. Alles möglich, dennoch stört es mich.

Laute Gegenstimmen

Erwartungsgemäß haben sich heute die ersten und lauten Gegenstimmen formiert. Der im Video erwähnte Nick Mooney vom „Museum in Hobart“ hat das Tasmanian Museum and Art Gallery ein Statement veröffentlichen lassen. Mooney ist „honorary curator of vertebrate zoology at the Tasmanian Museum and Art Gallery“ (TMAG).  (Auf Deutsch etwa: „Ehrenamtlicher Kurator für Wirbeltierzoologie am Tasmanischen Museum und Kunstgalerie“*). Das TMAG verbreitete heute ein Statement:

 

 

“concluded that based on the physical characteristics shown in the photos provided, the animals are very unlikely to be thylacines, and most likely Tasmanian pademelons”

 

„(Wir) schließen aus den physischen Charakteristika, die auf den vorliegenden Fotos zu sehen sind, die Tiere wahrscheinlich keine Beutelwölfe sind, sondern Rotbauchfilander“.

 

 

Bei den genannten Rotbauchfilandern (Thylogale billardierii) handelt es sich um eine kleine Känguruart. Sie ist auf Tasmanien sehr häufig, auf dem Festland jedoch ausgestorben. Rotbauchfilander wiegen etwa vier bis sieben Kilogramm, sind grau und nachtaktiv. Wie man sie mit den größeren Beutelwölfen verwechselt werden kann, muss mir aber erst einmal jemand erklären.

 

Kann man Beutelwölfe und Rotbauchfilander verwechseln?
Ein Rotbauchfilander. Wie groß ist die Verwechslungsgefahr mit einem Beutelwolf? (Foto by: JJ Harrison)

 

Hohn und Spott in den sozialen Netzwerken

Nach diesem Statement des TMAG haben die Nutzer der Sozialen Netzwerke jede Menge Hohn und Spott über Neil Waters ausgeschüttet. Ein drei Jahre altes Radio-Interview mit Nick Mooney wurde geteilt, in dem er sich kritisch über ein Beutelwolf-Foto äußert. Es könnte sich um diese „Sichtung“ eines räudigen Dingos oder Fuchses bei Perth handeln: Express.co.uk vom 24. Januar 2017

 

In der Sammlung der letzten Beutelwolfsichtungen, die der australische Staat unter dem „Right to Information Act“ veröffentlichte, war nur eine Sichtung 2017 auf Tasmanien enthalten. Eine zweite fand am 26.12.2016 statt, wurde aber erst eine Woche später gemeldet, so dass sie oft als „1. Sichtung 2017“ gezählt wird. Wir haben die offiziell gemeldeten Sichtungen zwischen 2016 und 2019 hier aufgelistet.

 

Dabei übersehen die Spötter zwei Tatsachen:

1. Neil Waters gehört vermutlich zu den Leuten, die sich im tasmanischen Busch sehr gut auskennen und hat die Erfahrung, Tiere auf den Fotos von Wildkameras zu identifizieren. Jeder Kritiker, der ihm vorwirft, Fuchsspuren als Beutelwolfspuren zu verkaufen, scheint nicht einmal zu wissen, dass es auf Tasmanien keine oder nahezu keine Füchse gibt.

2. Im Gegensatz zu Neil Waters hat keiner der Kritiker die Fotos gesehen. Nur weil Nick Mooney anderer Meinung ist, bedeutet das nicht, dass er Recht haben muss. Bevor ich mich festlege, insbesondere in einer öffentlichen Diskussion, möchte ich die Bilder wenigstens gesehen haben.

 

Im Moment ist nur eines sicher: so lange niemand die Fotos gesehen hat, gackert das Netz über ungelegte Eier. Ich bin aber zuversichtlich, dass es nicht das letzte Mal war, dass wir Neues vom Beutelwolf zu verkünden wissen.