Die Meidum-Gänse – ein Fall für die Kryptozoologie?

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Zeigt eine 4600 Jahre alte ägyptische Wandmalerei eine unbekannte Vogelart?

Nefermaat war ein hoher Hofbeamter in der 4. ägyptischen Dynastie. Er diente dem König* Snofru, dem Erbauer von drei Pyramiden und seinem Nachfolger Cheops, der „nur“ eine baute. Möglicherweise gehörte er auch zur königlichen Familie. Seine Lebensdaten sind – wie bei dem Alter zu erwarten – nicht genau bekannt. Er starb etwa 2600 v. Chr.

 

Wie bei den alten Ägyptern üblich begann mit dem Tod sein zweites Leben. Da er zwei reichen Königen gut gedient hat, ohne je in Ungnade zu fallen, konnte er sich ein ausgesprochen großzügiges Grabmal leisten. Er durfte es sogar in Meidum, in der direkten Umgebung einer der Pyramiden Snofrus bauen. Anders als seine Könige baute er eine traditionelle Mastaba, eine Art Pyramidenstumpf auf einem Schachtgrab.

 

Ruine der Mastaba von Nefermaat
Ruine der 4600 Jahre alten Mastaba von Nefermaat und seiner Frau Itet (Foto by Kurohito)

 

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Natürlich ließ er sein Grab mit Bildern aus seinem Leben gestalten. Als Verwalter hatte er nicht nur mit dem Bauwesen seiner Könige zu tun, sondern auch Landwirtschaft, Jagd und Fischerei. Als hochstehende und mit Sicherheit auch reiche Persönlichkeit konnte er auch in seiner Freizeit Vögel jagen. Dabei hatte er offenbar eine Vorliebe für Gänse. Sie finden sich an mehreren Stellen im Grab, unter anderem eine Jagdszene, bei der mehrere Männer Gänse und einen Reiher mit einem Netz fangen:

 

Grabmalerei
Malerei aus dem Grab. Die Szene oben zeigt die Jagd auf Gänse mit einem Zugnetz. Man beachte auch die Art und Qualität der Darstellung und Erhaltung.

Die berühmten Meidum-Gänse

Dr. Anthony Romilio von der University of Queensland hat ein weiteres Wandgemälde in der Mastaba untersucht. Sie ist berühmt für seine sehr detailreiche Darstellung von sechs Gänsen:

Meidum-Gänse
Die Meidum-Gänse

Die Gänse sind so detailreich gezeichnet, dass die meisten von ihnen problemlos bestimmt werden können. Die beiden äußeren (mit dem Kopf nach unten fressenden) Gänse sind Graugänse, Anser anser. Die beiden linken Gänse, die nach links gucken, sind als Blässgänse, Anser albifrons, zu identifizieren.

Beide Arten wurden nach Brenner & Aufmkolk im alten Ägypten als Nutztiere gehalten und gezüchtet. Daher sollten beide Arten einem altägyptischen Künstler bekannt gewesen sein.

 

Die beiden nach rechts guckenden Gänse werden spannend. Sie werden üblicherweise als Rothalsgänse Branta ruficollis identifiziert. Bei genauerer Untersuchung zeigen sich jedoch deutliche Unterschiede:

 

Drei Meidum-Gänse
Fotomontage der Kopf- und Halsbereiche von 1. einer Rothalsgans, 2. und 3. die Gänse vom Wandgemälde

Gans 1 zeigt eine rezente Rothalsgans, Gänse 2 und 3 die beiden nicht genau identifizierten Gänse aus dem Grabgemälde.

Die gemalten Gänse unterscheiden sich aber deutlich von der Rothalsgans:

  • Die Kopfformen der Rothalsgans und der Meidum-Gänse unterscheiden sich deutlich: Der Kopf der Rothalsgans hat einen kürzeren Schnabel, eine steilere Stirn und einen höheren, kürzeren Kopf.
  • Die Köpfe der Meidum-Gänse haben längere Schnäbel und flachere Stirnen, die in beinahe gerader Linie ineinander übergehen. Sie wirken eher wie die von Anser-Arten, statt einer Branta.
  • Die Schnäbel der Meidum-Gänse sind grau, der Schnabel der Rothalsgans ist schwarz.
  • Der Augenstreifen der Rothalsgans geht mit einem Dreieck in einen Kinnstreifen über. Bei den Meidum-Gänsen sind die Augen durch einen weißen Ring betont, der Streifen verjüngt sich nach unten und geht nicht in einen Kehlstreifen über. Anstelle des schwarzen Kehlstreifens ist eine rostfarbene Kontur gezeichnet.
  • Der rote Hinteraugenfleck der Rothalsgans ist fast quadratisch, während die Meidum-Gänse ein nach unten gezogenes Dreieck tragen.
  • Bei Gans 3 ist das in hellem Rostrot gehaltene Feld noch mit dunkler Schraffur überzogen. Diese fehlt bei Gans 2, dadurch wirkt es heller, als bei Gans 3.
  • Der Brustfleck der Rothalsgans ist unscharf schwarz umrandet und zieht sich den Hals bis zur Kehle hinauf. Ein schmaler Streifen zieht sich vom Rücken bis um den quadratischen Hinteraugenfleck.
  • Gans 3 hat einen rostroten Brustfleck, der mit dunklen Punkten und Schraffur überzogen ist. Er zieht sich von der Kehle bis zum Brustbein, lässt aber einen breiten weißen Streifen stehen.
  • Gans 2 hat einen roten, runden Brustfleck, der sich nicht in den Hals hochzieht. Auch bei diesem Vogel ist er schwarz gepunktet und scharf schwarz umrandet. Der Hals ist bis auf den schwarzen, welligen Nackenstreifen weiß. Durch die fehlende Schraffur scheint das Brustfeld heller als bei Gans 3.
  • Das Rückengefieder der Rothalsgans ist schwarz und mit einem dünnen weißen Streifen abgesetzt.
  • Das Rückengefieder der Meidum-Gänse ist grau mit schwarz abgesetzten Federn.

Ich gehe davon aus, dass die Gans 3 bereits fertig ist, Gans 2 jedoch noch die Hand eines „höherwertigen“ Künstlers benötigt.

Eine fossile Art auf Kreta?

Einige Kryptozoologen meinen, hier bereits die Abbildung einer unbekannten Art gefunden zu haben.

Dies unterstützt Anthony Romilio. Romilio sagte dem Webportal phys.org, dass von der modernen Rothalsgans keine Knochen in irgend einer ägyptischen Ausgrabung gefunden wurden. „Knochen eines ähnlichen, aber nicht identischen Vogels wurden auf Kreta gefunden.“ und weiter: „Aus zoologischer Perspektive ist dieses ägyptische Kunstwerk der einzige Nachweis dieser einzigartig gezeichneten Gans, die heute ausgestorben erscheint.“

 

Überwinterungsgebiete der im Text genannten Gänse
Heutige Überwinterungsgebiete der im Text genannten Gänse (ohne Zentral- und Ostasien)
Rot = Graugans
Grün = Blässgans
Gelb = Rothalsgans
Roter Kreis mit Fähnchen: Meidum

 

Bereits vorher unbekannte Arten entdeckt

Anthony Romilio hat bereits vorher ausgestorbene Arten anhand von historischer Kunst identifiziert. Allerdings konnten noch nicht alle seiner Identifikationen wissenschaftlich bestätigt werden. Unter anderem waren hier Rinder, die in der Körperform dem Auerochsen gleichen, eine unbekannte Gazellenform, Oryx-Antilopen und eine weitere Tierart, die er nur als „antelope“ bezeichnet hat. Da das alte Ägypten und Teile der Sahara damals deutlich feuchter und grüner waren, als heute, kamen auch andere Tiere, wie die Oryx dort vor.

 

Er nutzt dazu die „Tobias-Kriterien“ (nicht mit dem Autor dieses Artikels verwandt oder verschwägert), das er als „hoch-effektive Methode zur Identifikation von Arten“ bezeichnet. „Es verwendet quantitative Messwerte von Schlüsselmerkmalen von Vögeln. Es stärkt den Wert der Information für die Zoologie und Ökologie.“

Nach anderen Quellen ist diese Methode nicht unumstritten und liefert eher Hinweise als Beweise. Sie sollte daher nicht ausschließlich verwendet werden.

 

Erste Analyse

Die Farben der Meidum-Gänse lassen sofort an Rothalsgänse denken. Da die wenigsten Ägyptologen gleichzeitig auch ornithologisch gebildet sind, sind die anderen Kriterien nicht aufgefallen. Etwas Blättern in einem Bestimmungsbuch und der Treffer bei der Rothalsgans ist da.

 

Rothalsgans
Rothalsgans – bei der Morgengymnastik?

 

Spätestens bei der Betrachtung des Kopfprofils fällt jedoch auf, dass die Meidum-Gänse eher einer Anser-Art entsprechen und nicht der kurzschnabeligen, steilstirnigen Branta-Arten. Dann folgt die genauere Analyse der Gefiederfärbung, die sich nicht nur in Details von der Rothalsgans unterscheidet. Wie kann das sein?

 

Vergleich der Gänseköpfe
Vergleich der Kopfprofile: links eine Rothalsgans, rechts eine Graugans

 

Das Verbreitungsgebiet der Rothalsgans ist ziemlich weit von Ägypten entfernt. Die Tiere leben im Sommer in der europäischen Arktis und überwintern an der Westküste des Schwarzen Meeres. Sie halten sich dabei strikt an die Januar 2°C-Isotherme, also die Linie, unter der die Temperatur auch im Januar nicht unter 2° sinkt. In Ägypten ist und war es früher wesentlich wärmer.

 

Übrigens: Aktuell hält sich eine Rothalsgans als Irrgast am Niederrhein, im Naturschutzgebiet Walsumer Insel bei Duisburg auf.

 

Von den heutigen Überwinterungsgebieten nach Ägypten sind es über 1500 km, davon mindestens 550 km über das offene Mittelmeer. Hier sind also nur Winter-Irrgäste zu erwarten. Dies ist ein wichtiger Punkt bei der folgenden Argumentation.

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Die Tierwelt des Alten Ägypten

Dieses Buch ist immer noch die maßgebliche Monographie zu diesem Thema. Sie bietet über hundert Tafelseiten im Anhang, die mehr als 250 Abbildungen und Fotos tragen. Leider sind sie nicht farbig. Der Autor führt den Leser mit wissenschaftlicher Strenge zunächst durch die Geographie Ägyptens, dann folgt der zunächst dem Zeitstrahl.

Beginnend in der vorgeschichtlichen Zeit vom Neolithikum über die Vor- und Frühdynastien bis zum Ende des altägyptischen Reiches. Ökologisch betrachtet er die Tiere der Lebensräume Wüste und des Papyrusdickichtes. Eher als Nutz- und Haustiere waren die Einfuhren aus Süd und Ost sowie Palast- und Lieblingstiere einzuordnen: Rind, Schaf, Ziege, Schwein, Esel, Pferd, Maultier und Maulesel, Kamel, Hund, Katze, Hausgans, Haushuhn. Aber auch Wildtiere aller Wirbeltierklassen finden ihren Raum. Bemerkenswert sind die ägyptischen Tiermumien: Die Münchner Ochsenmumie, Ibisse und andere Vögel, Paviane, es gibt auch Hinweise auf weitere mumifizierte Tierarten. Wirbellose wie Schnecken, Muscheln und Tintenfische, Heuschrecken, Gottesanbeterinnen, Schmetterlinge, Käfer, Bienen und andere Gliederfüßer schließen den Inhalt ab.

Leider ist Die Tierwelt des Alten Ägypten nur noch antiquarisch zu bekommen und dann recht teuer. € 50 bis 60,- ist man für ein brauchbares Exemplar los.

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Möglichkeit 1: Der Künstler hat den Vogel nicht selbst gesehen

Aus der einer anderen, oben erwähnten Szene im Grab ist bekannt, dass Nefermaat ein Freund der Jagd auf Wasservögel war. Wie viele heutige Jäger wird er sich nicht nur über die Nahrungsbeschaffung, sondern auch über Trophäen von seltenen Tieren definiert haben. Vielleicht hat er in seinem Leben einmal einen seltenen Irrgast gefangen und konnte den Vogel dem Künstler beschreiben. Auf dem Weg vom viele Jahre zurückliegenden Fang auf das Bild sind dann Details verloren gegangen.

 

Möglichkeit 2: Der Künstler hat den Vogel gemalt, aber ein Hilfsarbeiter coloriert

Dieses Vorgehen ist bei altägyptischen Kunstwerken gar nicht so unüblich. Offenbar waren gute Künstler auch im alten Ägypten rar. Um größere Aufträge schnell zu erledigen, haben sie Mitarbeiter eingestellt, die einfache Arbeitsteile übernahmen, z.B. Flächenkolorierung.

 

Bei Gräbern, deren Inhaber unerwartet verstarb, sind oft noch Korrekturen der Meister zu erkennen. Die fehlende Schraffur auf dem rostroten Gefieder von Gans 2 ist ein kleiner Hinweis darauf. Es gibt noch einen weiteren Hinweis: Die Qualität des Gänsebildes ist um ein Vielfaches höher als die der sonstigen Wandmalereien.

 

Möglichkeit 3: Der Künstler hat tatsächlich einen Vogel gemalt, den er kannte…

… wir aber nicht. Die Meidum-Gänse sind sehr exakt gezeichnet, decken sich in der Darstellung so weit, dass die Unterschiede auf innerartliche Differenzen oder Geschlechtsdimorphismus zurück zu führen sein können. Das wäre Anthony Romilios Argumentation für einen unbekannten Vogel.

 

Doch wo kommt er her? Romilio nennt die Insel Kreta als Fundort für Knochen einer unbekannten Gänseart. Ich kenne diese Funde nicht, Romilios Paper ist nur teilweise offen verfügbar, die Literaturangaben sind gesperrt. Daher kann ich diese Spur nicht weiter verfolgen.

 

Doch auf dem Weg dahin bin ich bin ich über eine weitere Stelle gestolpert:

Tiefergehende Recherche: Handelt es sich um eine Komplettfälschung?

Das Gänsefries ist nicht unumstritten.

Keine der Gansarten ist heute in Ägypten heimisch. Lediglich die Graugans überwintert heute unter anderem an der Südküste des Mittelmeeres, in Syrien, dem Irak und Iran. Eine historische Überwinterung in Ägypten erscheint historisch möglich gewesen zu sein. Oder anders ausgedrückt: Eigentlich kann der Künstler maximal eine der drei abgebildeten Arten gekannt haben.

 

Misstrauisch macht auch die hohe Qualität der Abbildungen. Im Vergleich zu den anderen Wandmalereien im Grab des Nefermaat und der Itet besticht es durch die Realitätsnähe der Darstellung und Erhaltung. Auf dem Jagdgemälde sind Gänse und Reiher nur als dunkle Silhouette erkennbar, eine Bestimmung auf Gattung- oder Artebene ist kaum denkbar. Hier ist eine Menge Farbe und Putz abgebröckelt, der Zahn der Zeit hat deutlich genagt.

 

Das Gänsefries ist hingegen hervorragend erhalten, die Gänse sind so detailliert, dass vier von ihnen auf Artebene bestimmt werden können. Es steht außer Frage, dass dieses Gemälde unter anderen Umständen, vermutlich auch von einem anderen Künstler entstanden ist. Möglicherweise hat Nefermaat hiermit in einer späteren Lebensphase ein billigeres Gemälde entfernen und durch ein teureres ersetzen lassen. Auch Wesire machen Karriere und Snofru und/oder Cheops werden wie alle guten Chefs gute Leistungen auch finanziell belohnt haben.

Ist das Fries eine Fälschung?

Dennoch gibt es Zweifel an der Echtheit dieses Ausschnittes. Francesco Tiradritti, Professor für Ägyptologie an der Kore Universität in Enna (Sizilien) glaubt, das Gemälde sei eine Komplettfälschung. Hierfür führt folgende Punkte an:

  • Zwei (sic!) der portraitierten Vögel müssen den Ägyptern unbekannt gewesen sein.
  • Beige Farbtöne wurden in Ägypten kaum verwendet.
  • Selbst die gängigeren Töne wie Orange und Rot weichen stark von denen anderer Gemälde in diesem Grab ab.
  • Das Bild ist im goldenen Schnitt aufgeteilt. Diese Regel kannten die Ägypter des Alten Reiches nicht.
  • Es fehlt die typische „Bedeutungsperspektive“: Hier werden wichtige Personen und Dinge in einem größeren Maßstab dargestellt, als weniger Bedeutendes. Die Gänse sind etwa gleich groß und im erkennbar gleichen Maßstab wie die Pflanzen dargestellt.
  • der beige Hintergrund ist nach der Entstehung des Gemäldes blaugrau übermalt worden. Dabei wurden Risse ausgeglichen.

Tiradritti vermutet den Entdecker des Grabes, Luigi Vassalli als Urheber der Fälschung. Er löste das Fries von der Wand des Grabes und hat vermutlich auch die Brüche erzeugt, die hinterher in blaugrau übermalt wurden. An einer anderen Stelle des Grabes fand er im selben modernen, plastischen Stil und Erhaltungszustand gezeichnet ein Korb und ein Geier nebeneinander befinden. Sie besitzen in symbolischer Form in der ägyptischen Hieroglyphenschrift die Lautwerte G und A, was wiederum die Initialen von Vasallis zweiter Frau Gigliati Angiola gewesen seien.

Die gleichen Probleme wie bei einer ägyptischen Arbeit

Das Hauptproblem jedoch bleibt: Wo hat Luigi Vassalli, der von 1812 bis 1887 lebte und davon die meiste Zeit in Ägypten verbrachte, die Gänse kennen sollen. Wäre es nicht realistischer gewesen, er hätte Vögel abgebildet, die er kannte? Ganz oben steht hier die Nilgans, mehrere Reiherarten, der heilige Ibis, aber auch Pelikane oder Störche.

Nilgans
Eine der häufigsten Gänse in Ägypten ist die Nilgans. Mittlerweile hat sie sich auch in Europa etabliert.

Meine Auswertung:

Ich kann die Meidum-Gänse keiner rezenten Art zuordnen. Anders als Romilio schließe ich allerdings nicht auf eine nahe verwandte Art der Rothalsgans. Die Kopfproportionen deuten nicht auf eine Branta-Art hin. Viel wahrscheinlicher ist eine Anser-Art.

 

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Mehr als nur Geschichten über Vögel

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Von seltenen Vögeln ist 2005 bei S. Fischer erschienen und hat 300 Seiten. Leider macht sich die hochwertige Ausstattung auch im Preis bemerkbar, zwischen 45 und 60 € zahlt man für gute Exemplare.

 

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Keine Total-Fälschung

So einleuchtend mir die Argumentation mit der Fälschung aus dem 19. Jahrhundert erschien. Dennoch fiel mir auf, dass ein Italiener, der sich den größten Teil seines Lebens in Ägypten aufgehalten hat, vermutlich keine Detailkenntnisse von Blässgänsen haben konnte. Für ihn wäre es einfacher gewesen, anstelle zweier Grau- und zweier Blässgänse vier Graugänse oder domestizierte Gänse abzubilden.

Ich gehe also davon aus, dass das Gemälde in Bezug auf die Gänse echt ist. Ob der Hintergrund nach dem Ablösen aus Nefermaats Grab nach dem Transfer ins Ägyptische Museum in Kairo ergänzt oder gar neu gemalt wurde, kann ich nicht bewerten, ich halte es auch in diesem Fall nicht für relevant.

 

Spannend ist die Frage, wie Bläss-  und Graugänse ins alte Ägypten kommen. Die Überwinterungsgebiete im Mittelmeerraum sind weit verteilt und meist dort, wo es feucht ist. Da kommt das Niltal und -delta in Frage, eigentlich stellt sich sogar die Frage, warum die Tiere dort heute nicht (mehr) überwintern. Verirrte Blässgänse begleiten oft Graugänse, so dass auch sie in Ägypten gelandet sein können. So könnten sie auch in die Nutztierhaltung der Ägypter gelangt sein.

 

Was ist nun mit den Meidum-Gänsen? Ja, es könnten Rothalsgänse gewesen sein, die ein Künstler aus dem Gedächtnis gemalt hat.

Hat er das Tier gekannt, schließe ich aufgrund der Exaktheit der Darstellung eine Branta-Gans aus. Nun beginnt das Problem, unter den Anser-Gänsen kommt das markante Rostrot der Meidum-Gänse in der Gefiederfärbung nicht vor. Falls es sich hier tatsächlich um eine unbekannte Art handelt, dann haben eventuelle (sub)fossile Überreste keine große Ähnlichkeit mit der Rothalsgans, sondern mit der Graugans.

 


Literatur

Brenner, Harald & Aufmkolk, Tobias: Entenvögel – Der Mensch und die Gans; planetwissen.de vom 25.03.2020

phys.org, der Beitrag, der die Recherche begründete

Romilio, A.: Assessing ‚Meidum Geese‘ species identification with the ‘Tobias criteria’; Journal of Archaeological Science: Reports; Volume 36, April 2021, https://doi.org/10.1016/j.jasrep.2021.102834

Mostafa, R.: Ancient Egypt’s ‚Mona Lisa‘ declared fake; News Networt Archaeology vom 4.1.2015: Link

Svenson, L. et al.: Der Kosmos-Vogelführer, Kosmos-Verlag 2017; ISBN 978-3440156353


* Ägyptische Könige werden umgangssprachlich oft als Pharao bezeichnet. Diese Umschreibung (Pharao bedeutet etwa „großes Haus“) war erst seit der mittleren 18. Dynastie, etwa 1500 v. Chr. üblich, zu Zeiten Nefermaats aber nicht geläufig. Die Ägyptologie bezeichnet die Herrscher vorher als Könige und erst ab diesem Zeitpunkt als Pharao. Wir folgen hier dieser Vorgabe.

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