„The Sugar Flat Road Monster“- Der kleine Bruder des Minnesota Iceman

Lesedauer: etwa 8 Minuten
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Den Beweis zu erbringen, dass Bigfoot tatsächlich existiert, dürfte wohl der große Traum vieler, vorrangig amerikanischer, Kryptozoologen sein. Ein großes Problem besteht aber darin, dass die meisten Indizien entkräftet werden können. Der einzige wirklich sichere Beweis wäre der Körper oder ein Körperteil dieses Kryptids. Kryptozoologisch interessierten Menschen dürfte hier gleich der Minnesota Iceman in den Sinn kommen. Überzeugend war er zweifelsfrei, denn sonst hätten ihn nicht Zoologen wie Bernard Heuvelmans und Ivan Sanderson für echt erklärt. Ob er tatsächlich der ersehnte Beweis war, wurde allerdings spätestens mit dem Auftauchen einer verblüffend ähnlichen Silikonfigur zweifelhaft.

So oder so hat der Minnesota Iceman weit größere Wellen geschlagen, als sein „kleiner Bruder“, das „Sugar Flat Road Monster“. Der präparierte Kopf dieses angeblichen, bigfoot-artigen Kryptids wird schon seit Ende der 1980er oder Anfang der 1990er Jahre in Tennessee ausgestellt. Dieser Artikel soll einen Überblick über seine Geschichte gewähren. Zugleich gilt es aber auch, die Behauptungen der Aussteller kritisch zu hinterfragen.

Der zweibeinige Wildschaden

Die folgende Schilderung der Ereignisse ist einem Flyer von „Cuz‘s Antique Center“ entnommen. In diesem Antiquitätengeschäft wurde der fragliche Kopf ausgestellt, bevor er später den Besitzer wechselte. Zur besseren Lesbarkeit wird die Geschichte im Indikativ wiedergegeben. Dies soll nicht den Eindruck erwecken, dass sie zwangsläufig wahr ist:

Der umstrittene Kopf (Deeplink zu Cryptomundo)

Die Sugar Flat Road. Hier soll irgendwo der Unfall passiert sein.
Es lohnt sich, die Straße im Street View zu betrachten.

Im Januar 1987 war ein nicht näher benanntes Pärchen nachts auf der Rückfahrt von einem romantischen Treffen. Auf der Sugar Flat Road, einer Straße, die in der Nähe der Gemeinde Lebanon in Tennessee verläuft, bemerkten sie zwei Gestalten. Diese preschten so schnell aus dem Gebüsch hervor, dass der Fahrer des Wagens nicht mehr ausweichen konnte. Er traf eine der beiden Gestalten und bremste dann ab. Der Anblick des Überfahrenen erschreckte ihn sehr:

Es handelte um ein Wesen, dass einem mittelgroßen Mann ähnelte. Allerdings war es völlig mit weißem Fell bedeckt. Es war offensichtlich, dass der Zusammenstoß die Kreatur getötet hatte. Da er nicht wusste, wie er reagieren sollte, zog der junge Mann das „Monster“ zunächst ins Gebüsch und beging Fahrerflucht. Am frühen Morgen kehrte er allerdings zum Unfallort zurück. Ursprünglich war es wohl seine Intention, den Getöteten zu begraben. Während er allerdings eine Grube aushob, überzeugte er sich mehr und mehr selbst, dass dieses Ding unmöglich ein Mensch sein könne. Er änderte daher seine Meinung und entschloss sich, eine Trophäe vom Monster der Sugar Flat Road zu nehmen. Er trennte ihm daher den Kopf ab und ließ ihn präparieren.

Seine Freundin wollte aber nicht akzeptieren, dass er dieses makabre Souvenir zuhause aufbewahrte. Er war daher gezwungen, das „Sugar Flat Road Monster“ an den Inhaber von „Cuz’s Antique Center“ in Lebanon zu verkaufen. In den Folgejahren haben Anwohner davon berichtet, ein ähnliches Wesen gesehen zu haben. Es handelt sich möglicherweise um die zweite Gestalt, die über die Straße lief.

Lebanon
Der City Square von Lebanon in Tennessee. Nicht gerade eine pulsierende Metropole

Tennessee
Das ländliche Tennessee in der Gegend um Lebanon – Amerika aus dem Bilderbuch

Ein weiß-blaues Wunder

Diese Schilderung alleine regt einen skeptischen Geist schon zu diversen Fragen an. Zunächst soll aber noch die Trophäe des jungen Unfallsfahrers kurz beschrieben werden:

Einem Video auf Youtube nach zu urteilen, dürfte der Kopf insgesamt etwas größer sein, als der eines mittelgroßen Mannes. Zumindest scheint der Kommentator weder übermäßig groß, noch klein zu sein. Er bietet daher einen guten Vergleichsmaßstab. Die Kopfform des „Monsters“ entspricht eher der eines Gorillas, als der eines Menschen. Allerdings ist die Nase nicht abgeflacht, wie bei einem Affen, sondern tritt leicht hervor. Auch der Kiefer wirkt menschlich, da er eher eine V-Form, als eine U-Form aufweist. Der Mund ist geöffnet, sodass man die Zahnreihen sehen kann. Diese sind geschlossen und weisen keine sonderlich langen Eck- bzw. Reißzähne auf. Auch dieses Merkmal findet sich nicht bei nicht-menschlichen Affen.

Gorilla
Dieser Gorilla zeigt die Zähne. Sogar Menschenaffen haben verlängerte Eckzähne

Tennessee
Die offene Kultur-Landschaft am Rande der Great Smokey Mountains.

Definitiv nicht menschlich ist dagegen die Farbgebung des Kryptids. Der Kopf ist mit weißem, eher kurzem Fell bedeckt. Das Gesicht ist dabei nicht völlig unbehaart, lässt aber einen guten Blick auf die Haut zu. Die Fellfarbe könnte man zunächst dadurch erklären, dass das „Sugar Flat Road Monster“ eben ein Albino war. Allerdings spricht dagegen die Hautfarbe: Sie ist dunkelgrau mit einem ungewöhnlich bläulichen Stich. Das wesentliche Merkmal des Albinismus ist aber das Fehlen von Farbpigmenten, auch in der Haut. Die Haut des Kryptids müsste dieser These nach also weiß oder zumindest sehr hell sein. Eine besonders gute Anpassung an den Lebensraum kommt noch weniger als Erklärung in Betracht. Tennessee liegt im Süden der USA und damit definitiv nicht im ewigen Eis. Ein weißes Fell schmälert hier die Überlebenschancen eines jeden Tieres wesentlich, sodass es wahrscheinlich nicht einmal das Erwachsenenalter erreichen würde.

Ich hätte da ein paar Fragen…

Wie man merkt, werden erste Ungereimtheiten bereits durch die Betrachtung des Präparates alleine sichtbar. Nun sollen zusätzlich noch einige logisch fragwürdigen Punkte der Geschichte aufgegriffen werden:

  1. Der Sinneswandel des jungen Mannes erfolgt äußerst plötzlich. Erst ist er davon überzeugt, eine fahrlässige Tötung samt Fahrerflucht begangen zu haben. Während er ein improvisiertes Grab schaufelt, um die Leiche zu beseitigen (!), ist er sich plötzlich sicher, keinen Menschen vor sich zu haben. Er hat jetzt nun keine Probleme mehr damit, einem Wesen, dass er zuvor noch für einen entstellten Mann hielt, einfach den Kopf abzuschlagen. Diesen Kopf will er dann auch noch selbst als Trophäe behalten. Er wandelt sich also innerhalb kürzester Zeit vom panischen Unfallfahrer zum kaltschnäuzigen Trophäenjäger.
  2. Welcher Tierpräparator nimmt, laut dem Flyer zwar mit Verwunderung, aber ohne Protest, ein menschenähnliches Wesen zur Präparation an? Menschenaffen dürften auch 1987 schon unter Schutz gestanden haben. Ganz abgesehen davon ist das Wesen keiner bekannten Art zuzuordnen. Und selbst wenn ihn all das nicht interessiert hat: Hätte er so nicht einem Wilderer Beihilfe geleistet?
  3. Das Präparat war Jahre lang im Schaufenster eines Antiquitätenladens ausgestellt. Auch wenn der Ort Lebanon nicht riesig ist, müsste das doch Aufmerksamkeit erwecken. Laut dem Infoflyer wurde sogar national im Fernsehen darüber berichtet. Sollte nicht spätestens dies die Behörden, oder zumindest Wissenschaftler auf den Plan rufen?

Weißwedelhirsch
Eine Weißwedelhirsch-Kuh mit Kitz. Deutlich zu sehen ist der weiße Fellspiegel am Hintern.

Assquatch
Ein „Assquatch“ zum Verkauf, ganz offen aus dem namensgebenden Teil eines Hirsch gemacht. (Webfund ohne Herkunftsangabe)

Monster oder Hirsch-Hinterteil?

Es drängt sich die Vermutung auf, dass das „Sugar Flat Road Monster“ eine Fälschung sein könnte. Das Mysterium um die Kreatur wäre eine ideale Werbestrategie für den findigen Antiquitätenhändler gewesen. Die Idee, durch die vermeintliche Entdeckung einer neuen Menschen- oder Menschenaffenart Aufmerksamkeit zu erwecken, ist auch schon alt: Loren Coleman berichtet auf Cryptomundo, dass der Abenteurer Charles Waterton bereits 1825 behauptete, eine Art Affenmenschen erlegt zu haben. Das „Beweismittel“, ebenfalls eine Kopftrophäe, fertigte er damals aus einem Brüllaffen-Pelz.

Später fanden US-amerikanische Schausteller einen noch günstigeren (und aus Sicht des heutigen Artenschutzes weniger bedenklichen) Weg, diesen Effekt zu erzielen: Aus den Hinterteilen verschiedener Huftiere, wie Weißwedelhirschen lässt sich mit etwas Geschick ein annähernd humanoider Kopf formen. Es gibt sowohl Versionen, in denen deutlich erkennbar ist, dass es sich um einen Kunstgegenstand handelt, als auch sehr realistische Exemplare. Die Tierpräparatoren und teils auch die Schausteller selbst bezeichnen diesen amerikanischen Wolpertinger als „Wooley Booger“ oder auch „Swamp Booger“. Alternativ kann er auch „Goat Man“ heißen, wobei man ihn dann nicht mit dem gleichnamigen „Pope Lick Monster“ verwechseln sollte.

Ob es sich bei dem „Sugar Flat Road Monster“ allerdings sicher um einen „Swamp Booger“ handelt, lässt sich von einem deutschen Schreibtisch aus nicht klären. Dafür wäre es nötig, dass bestenfalls ein Primatologe, zumindest aber ein Tierpräparator den Kopf näher untersucht. Fraglich wäre aber auch, ob die aktuellen Besitzer überhaupt daran interessiert sind, die Wahrheit ans Licht kommen zu lassen.


Literatur:

Civilwarsaga Homestead: The legend of sugar flat road

Youtube (“Dr. Gangrene”): The Sugar Flat Road Monster

Cryptomundo: Bring me the head of Bigfoot

Vice.com: Taxidermists Are Seriously Turning Deer Butts into Assquatches

 

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