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  • Schnabelwal aus dem Nordpazifik neu beschrieben – kryptozoologisch schon lange bekannt

    Japanische Wissenschaftler um Tadasu K. Yamada haben eine dritte Art der Gattung Berardius* beschrieben. Die „neue“ Art Berardius minimus ist aus Berichten bereits bekannt gewesen, traditionelle japanische Walfänger unterscheiden sie schon seit langem von der bekannten nordpazifischen Art. Berardius minimus unterscheidet sich von den beiden anderen Arten durch eine geringere Körpergröße, einen kürzeren Schnabel und ist dunkler gefärbt.

    Die Gattung Berardius

    Die Gattung Berardius gehört zur Familie der Schnabelwale (Ziphiidae). Innerhalb dieser teilweise recht geheimnisvollen Familie stellt sie mit B. bairdii und B. arnuxii die beiden größten Arten. Sie erreichen regelmäßig Längen um zehn, in Ausnahmefällen sogar 13 m. Sie sind damit nach den Pottwalen die größten Zahnwale.

    B. arnuxii lebt zirkumpolar auf der Südhalbkugel, er trifft die Küsten von Neuseeland, Südaustralien, Südafrika und Feuerland sowie der Antarktis. Die Art ist nahezu unerforscht.
    Der Baird-Wal (B. bairdii) ist im Nordpazifik weit verbreitet, in Asien vom Südende Japans bis nach Kamtschatka, in Amerika von Alaska bis zur Spitze Niederkaliforniens. Die Tiere leben meist küstenfern in tiefen Gewässern.

    Arnox' Schnabelwal breacht vor einem Eisberg nahe der Eiskante
    Arnux’s_Schnabelwal vor einem Eisberg. Foto by Ted Cheeseman, CC 3.0

    Traditionelle Walfänger im Norden Japans unterschieden seit mindestens 200 Jahren zwei Arten der Berardius-Wale. Die einen Tiere wurden als “tsuchi-kujira” (tsuchi vermutl. „Boden, Schlamm“, kujira = Wal) bezeichnet, einen Namen, den der Walforscher Frederick William True mit B. bairdii gleichsetzen konnte. Er konnte den Gebrauch des Namens bis ins frühe 18. Jahrhundert zurückverfolgen, genauso lange wie die Jagd auf diese Tiere.

    Die alten Walfänger Hokkaidos kannten noch eine zweite Art von großen Schnabelwalen, die sie als “kuro-tsuchi” bezeichneten (kuro = dunkel, schwarz). Diese ist mit der neu beschriebenen Art identisch. Dennoch ist es lange Zeit nicht zu einer wissenschaftlichen Beschreibung gekommen.

    Die Typen

    Portrait eines toten Berardius minimus
    Kopf von B. minimus. Aufällig ist die steile Stirn und das kurze Rostrum. Bild aus der Erstbeschreibung.

    Bei einer Erstbeschreibung wird ein „Holotyp“ hinterlegt, der als „das Tier, das die Art definiert“ gilt: Jedes Tier, das in derselben Art, wie der Holotyp steht, gehört zu dieser Art. Bei B. minimus ist das NSMT-M35131, aus der Sammlung des National Museum of Nature and Science in Tokio. Der Holotyp besteht aus Schädel, Unterkiefer und den meisten Teilen des Skeletts sowie Gewebeproben. Das Tier war am 04. Juni 2008 in einem Zustand fortgeschrittener Verwesung in Kitami, Hokkaido gestrandet.

    Von sechs für die Erstbeschreibung berücksichtigten Tieren waren vier geschlechtsreife Männchen, ein nicht geschlechtsreifes Weibchen und ein neugeborenes Weibchen. Alle Tiere strandeten oder trieben tot in den Gewässern der japanischen Nordinsel Hokkaido. Vom neugeborenen Tier ist nur ein abgetrennter Kopf geborgen worden. Die Erstbeschreiber betonen, dass für ihre Untersuchungen keine lebenden Tiere verwendet wurden und keine Tiere sterben mussten.

    Wie zeichnet sich Berardius minimus aus?

    Berardius minimus unterscheidet sich von seinen Verwandten durch einige einzigartige Merkmale: Der auffällig kleinere Körper adulter Tiere, einen proportional kürzeren Schnabel und die dunklere Körperfarbe, auf der Bisspuren von Cookie-Cutter-Haien zu sehen sind.

    Maßtabellen können in der unten verlinkten Erstbeschreibung eingesehen werden.

    Das Erscheinungsbild von Berardius minimus

    Insgesamt wirkt B. minimus typisch für mittelgroße bis große Schnabelwale, es gibt jedoch zahlreiche Detailunterschiede. Relativ kleine Flipper, eine kleine, bei 70% der Körperlänge liegende Fluke und die nicht gekerbte Schwanzflosse sind arttypisch. Das längste bisher bekannte Exemplar erreichte 6,9 m Körperlänge, der Körper ist spindelförmiger als bei den anderen Berardius-Arten. Der Schnabel ist mit etwa 4% der Körperlänge vergleichsweise kurz, das kann jedoch auch bei den anderen Berardius-Arten auftreten.

    Anders als die anderen Berardius-Arten ist der Körper schwarz, das Rostrum trägt ein fahles Weiß bis Hellgrau. B. bairdii wird als schiefergrau beschrieben, wobei der hellere Ton durch ein dichtes Netz von Narben hervorgerufen wird, die man in der Regel auf „intraspezifische Auseinandersetzungen“ zurückführt. Berardinus arnuxii wird als schwarz bis hellgrau beschrieben.

    Vergleich bon Berardius minimus und B. bairdii (unten)
    Vergleich von Berardius minimus (oben, Bild aus Erstbeschreibung) und Bairds Schnabelwal (unten). Der Balken entspricht 1 m.

    B. minimus ist dunkler, als bairdii und ihm fehlt ein heller Fleck am Bauch. Zumindest bei subadulten und adulten B. minimus findet man regelmäßig Narben von Cookie-Cutter-Haien. Wie adulte Weibchen aussehen, ist unbekannt.

    Anders als bei den anderen Berardius-Arten wirkt der Kopf bei B. minimus nicht ungewöhnlich klein.

    Die untersuchten Männchen waren zwischen 6,3 und 6,9 m lang, das unreife Weibchen war mit 6,21 m nur unwesentlich kleiner. Wie alle Berardius-Arten hat B. minimus zwei Zahnpaare auf der Spitze des Unterkiefers. Die vorderen Zähne sind hierbei deutlich größer als die hinteren.

    Das Skelett

    Das Skelett ist -kurz beschrieben- schnabelwaltypisch. Die Knochen sind ziemlich grobporig, sie schwimmen im Prozesswasser, sobald das innenliegende Weichgewebe entfernt wurde. Für die Anatomie-Spezialisten unter den Lesern haben wir sogar die Wirbel-Formel: C. 7, Th. 10, L. 10, Ca. 19, also total 46 Wirbel. Wie bei vielen Walen sind die Halswirbel C1–C3 verwachsen. L4 und L5 sind die größten Wirbel. Die Tiere haben zehn Rippenpaare.

    Genetische Untersuchung

    Zur genetischen Untersuchung kann man für die Fachleute eine unglaubliche Menge erzählen, womit man die nicht-Vollprofis vermutlich nicht mehr erreicht. Ich gehe deswegen nur auf die Grundmethodik ein und stelle die Ergebnisse vor:

    Diagramm der Verwandtschaftsbeziehungen der Schwarzwale
    Phylogenetische Verwandtschaft, die sich aus der genetischen Untersuchung ergibt (ohne Maßstab, Zeichnung nach Erstbeschreibung, vereinfacht)

    Die Erstbeschreiber nutzten die Nukleotid-Sequenz-Variationsmethode, bei der eine bekannte Nukleotidsequenz sequenziert wird. Anhand der Unterschiede der individuellen Sequenzen kann man dann feststellen, wie groß der Unterschied zwischen den Individuen ist. Hierzu haben sie acht Gewebeproben von B. minimus, sieben Gewebeproben von B. bairdii und zwei von B. arnuxii untersucht. Die aus mathematischen Gründen notwendige Außengruppe bildete der Longmann-Schnabelwal Indopacetus pacificus mit einer Probe.

    Untersucht wurde die 879 Basenpaare lange Sequenz der mitochondrialen Kontrollregion. Sie ist die längste, nicht codierende Sequenz in der mitochondrialen DNA und trägt zwei hypervariable Regionen. Damit ist sie die variabelste Sequenz im Mitochondrium und kann somit auch für Unterschiede nahe verwandter Individuen genutzt werden.

    Zwischen den Individuen von B. minimus war der Unterschied erwartbar klein, es gab fünf verschiedene Formen (bei 8 Tieren) mit einem bis vier Basenpaaren Unterschied. Zu B. bairdii lag der Unterschied bei 18–22, während zu B. arnuxii schon 25–29 Unterschiede bestanden.  Daraus ergibt sich folgendes Bild: Die beiden Arten B. bairdii und arnuxii bilden ein Schwestergruppenverhältnis. Diese Gruppe steht wiederum als Schwestergruppe B. minimus entgegen. Oder anders ausgedrückt: B. minimus hat sich zuerst von einem gemeinsamen Vorfahren getrennt, dann erst haben B. bairdii und arnuxii eigene Arten gebildet.

    Verbreitung

    Karte des Nordpazifiks und angrenzender Länder
    Die Fundorte von B. minimus sind rot markiert. Die Karte wurde nach der Erstbeschreibung gezeichnet

    Bisher stammen alle Funde von B. minimus entweder von der Nordküste Hokkaidos oder aus den Gewässern der Aleuten Alaskas. Aufgrund der Seltenheit und möglichen Verwechslungen mit anderen Schnabelwalen sind weitere Beobachtungen nur mit Vorsicht zu genießen.

    Kryptozoologisches

    In der Zusammenfassung beziehen sich die Erstbeschreiber auf Kasuya, der das traditionelle Wissen der Hokkaido-Walfänger gesammelt hat. Sie kennen zwei Typen von „tsuchi-kujira“: den gewöhnlichen “tsuchi-kujira” Berardius bairdii und den dunkleren und kleineren “kuro-tsuchi” „Schwarzer Baird’s Schnabelwal“ oder “karasu” („Krähe“). Unklar ist, ob die Walfänger “kuro-tsuchi” und “karasu” für dieselben Wale benutzen, oder ob jeder Begriff eine andere Population beschreibt.
    Die in dieser Arbeit neu beschriebene Art B. minimus entspricht dem “kuro-tsuchi”.

    Wenn “karasu” als weitere Population existiert, könnte es sich um eine unbekannte Art oder eine der Mesoplodon-Arten handeln, die bei Hokkaido vorkommen (entweder M. stejnegeri oder M. carlhubbsi). Dass Mesoplodon-Arten bei Hokkaido vorkommen, ist relative neu. Das erste M. stejnegeri Exemplar wurde 1985 gesammelt, der erste M. carlhubbsi erst 2004. Weder die Walfänger noch die Medien unterscheiden diese beiden Arten bisher.

    Kasuya bezieht sich auf Heptner, der eine Hyperoodon-Art im Nordpazifik für möglich hält. Das dort abgebildete Tier ist definitiv kein Berardius, sondern eine etwa 10 m lange Art mit einem Schnabel wie Hyperoodon. Die Erstbeschreiber halten einen out-of-place-Fang von H. ampullatus, des Nördlichen Entenwals für möglich. Sie weisen auf aktuelle Sichtungen von Grauwalen im Mittelmeer und vor Namibia hin und schlagen vor, Wanderungen durch die Nordwestpassage zu untersuchen.

    Sogar die deutschsprachige Wikipedia, die sich in Sachen Kryptozoologie sehr bedeckt hält, schreibt im Artikel zum Bairds Schnabelwal am 30.8.2019: „Vom Baird-Wal sind zwei Formen bekannt, eine schiefergraue und eine kleinere, schwarz gefärbte. Vergleiche der mitochondrialen DNA sprechen dafür, dass es sich bei der schwarzen Form um eine weitere Schwarzwalart handeln könnte.“


    Literatur:

    Die Erstbeschreibung: Description of a new species of beaked whale (Berardius) found in the North Pacific

    Die im Text zitierten Werke:

    Heptner, V. G., Chapskii, K. K., Arsen’ev, V. A. & Sokolov, V. E. Mammals of the Soviet Union, Volume II, Part 3: Pinnipeds and toothed whales, Smithsonian Institution Libraries and the National Science Foundation, Washington, DC (1996). (Originally published in Russian by Vysshaya Shkola Publishers, Moscow, 1976). [Anm. d. Redaktion: Kasuya bezieht sich auf die Abbildungen 364 und 366]

    Kasuya, T. Small Cetaceans of Japan. Exploitation and Biology. CRC Press, Taylor & Francis, Boca Raton (2017).

    Kasuya, T. Conservation biology of small cetaceans around Japan, University of Tokyo Press, Tokyo (in Japanese) (2011).


    * Warum wir wissenschaftliche Namen nicht kursiv schreiben:

    Wir wissen natürlich, dass man wissenschaftliche Namen in Texten kursiv schreibt. Wir würden das auch hier gerne machen, leider hat unser Template genau in dieser Funktion einen Bug (technischen Fehler). Dieser Fehler sorgt dafür, dass eine kursive Formatierung immer gleichzeitig fett hervorgehoben wird. Außerdem wird im Fließtext, jedoch nicht in Kurzzusammenfassungen und Suchmaschinentexten ein weiteres Leerzeichen vor und hinter dem Text angezeigt.
    Daher haben wir uns entschieden, wissenschaftliche Namen nicht kursiv zu schreiben, bis wir eine Lösung für das Problem gefunden haben.


  • Ein bizarrer Hybride aus Narwal und Beluga – Teil 2

    Liebe Leserinnen und Leser,

    aufgrund eines Fehlers wurde dieser Artikel nicht, wie geplant, am 9. Juli 2019 veröffentlicht. Jetzt erscheint er einen Tag später am 10. Juli. Wir bitten alle ungeduldig Wartenden zum Entschuldigung und übergeben nun Markus Bühler das Wort.

    Die Redaktion


    Wie ich den merkwürdigsten Wal der Welt rekonstruierte

    von: Markus Bühler

    Teil 1 des Artikels ist am 2. Juli 2019 hier erschienen.

    Kürzliche erregten neue Forschungsergebnisse um einen bizarren Hybriden aus Narwal (Monodon monoceros*) und Beluga (Delphinapterus leucas) weltweite Aufmerksamkeit. Er wurde nach Angaben eines grönländischen Inuit namens Jens Larsen 1986 oder 1987 in der Disko-Bucht im Westen Grönlands geschossen. Das Tier wies unter anderem einige äußerst ungewöhnliche Besonderheiten der Zähne auf. Der Wal soll grau gefärbt gewesen sein, und seine Brustflossen denen eines Belugas, die Schwanzflosse dagegen eher der eines Narwals geähnelt haben. Larsen beschloss aufgrund des ungewöhnlichen Aussehens des Wals dessen Schädel aufzuheben. Etwa zur gleichen Zeit sollen in der Gegend noch zwei ähnliche Exemplare geschossen worden sein, von denen jedoch eines versank und nicht geborgen werden konnte. Der Kopf des dritten Exemplars wurde zum Skelettieren an der Küste ausgelegt, allerdings niemals wiedergefunden, so dass als einziges physisches Relikt der von Larsen aufbewahrte Schädel verblieb.

    Der merkwürdigste Wal der Welt

    Drei Walschädel im direkten Vergleich
    Vergleich der Schädel von Narwal (a), Narluga (b) und Beluga (c). Mikkel Høegh Post, Zoologisches Museum Kopenhagen

    Seit ich 2007 zum ersten Mal von diesem bizarren Wal gelesen habe, war ich fasziniert von ihm. Die ursprüngliche Veröffentlichung von Mads Peter Heide-Jørgensen war damals noch nicht im Internet frei verfügbar war. Ich schrieb ich ihn an und bekam freundlicherweise eine digitale Version von ihm zugsendet. Die gescannte Version des Drucks beinhaltete eine ganze Reihe von interessanten Fotos, allerdings leider in sehr unzufriedenstellender Bildqualität. Zudem gab es einige weitere Fotos des Schädels im Internet, viele seiner Details ließen sich aber auch bei ihnen nicht vollständig erkennen.

    Ein Jahrzehnt später, im Frühsommer 2017, bekam ich die Möglichkeit den Narlugaschädel im Original im Archiv des Zoologischen Museums in Kopenhagen zu begutachten, und seine Anatomie vor Ort zu studieren. An dieser Stelle möchte ich mich noch einmal ganz herzlich bei Eline Lorenzen und auch vor allem bei Daniel Klingberg-Johanson dafür bedanken den Schädel und viele andere faszinierende Stücke im nichtöffentlichen Archiv des Museums ansehen zu können.

    Wie hat der Narluga ausgesehen?

    Was mich ganz besonders interessierte, war wie dieser Wal wohl zu Lebzeiten ausgesehen haben könnte. Da lediglich der isolierte Schädel, die Verwandtschaftsverhältnisse und die sehr vage Beschreibung von Jens Larsen vorhanden waren, stellte sich hier eine Aufgabe, welche viel eher der Rekonstruktion eines nur von Fossilien bekannten ausgestorbenen Tieres vergleichbar war (etwa meiner Basilosaurus-Rekonstruktion). Bisher gab es keinerlei Bilder welche einen Eindruck vermittelten wie der Hybrid einmal ausgesehen haben könnte. Es gab eine einzige Darstellung, welche allerdings lediglich eine digitale Kombination aus einem Narwal und einem Beluga darstellte, und weder die Zähne noch die beschriebene Farbe berücksichtigte, was seine Rekonstruktion umso interessanter machte.

    Die Weichteile des Kopfes verursachen Kopfzerbrechen

    Da das einzigartige Gebiss das hervorstechendste Merkmal des Narlugas war, sollte es bei der Rekonstruktion auch entsprechend gut erkennbar sein. Daher entschloss ich mich direkt ein Bild des komplett artikulierten Schädels aus einer vor längerer Zeit erfolgten Pressemitteilung als Basis zu verwenden. Bei Zahnwalen im Allgemeinen und bei Gründelwalen wie dem Narwal und Beluga im Speziellen wird der Schädel von einer großen Menge Weichgewebe umschlossen. Vor allem die Melone, das Echolotorgan welches oberhalb des Schädels sitzt, nimmt einen sehr großen Raum ein. Dazu kommen noch die Bereiche in denen die komplexen Strukturen zum Blasloch führen, sowie die Lippen und natürlich das dicke Unterhautfettgewebe. Eine sehr hilfreiche Illustration zum besseren Verständnis der Anatomie eines Belugakopfes kann man hier sehen.

    Bei Belugas kommt noch hinzu, dass sie durch Muskelkontraktion die Form ihrer Melone in gewissem Rahmen verändern können, was das Heranziehen von Referenzbildern noch problematischer machte, denn selbst bei ein und demselben Individuum kann auf verschiedenen Bildern die Melone unterschiedlich geformt sein. Belugas besitzen auch für Wale ungewöhnlich gut ausgebildete und bewegliche Lippen. Das alles musste bedacht werden, selbst wenn hier selbstverständlich einiges an künstlerischer Freiheit einfloss. In seiner Kopfform steht der Narluga nun zwischen jenen der beiden Elternarten. Er zeigt die eher stärker verrundeten Formen des Narwals, aber eine schlankeren Halspartie und etwas voluminösere Oberlippen, um dem Belugaerbe gerecht zu werden.

     

    Der Schädel des Narlugas, mit hellen und bräunlichen Knochen und einigen seltsam geformten Zähnen
    Schädel das Narlugas. Foto Mikkel H. Post, Zoologisches Museum Kopenhagen

    Rekonstruktion der Kopfform des Narlugas anhand des Schädels
    Rekonstruktion der Kopfform des Narlugas anhand des Schädels (Bild: Markus Bühler)

    Narluga-Kopf-Rekonstruktion
    Narlugakopf mit rekonstruiertem vierten linken Zahn im Unterkiefer (Bild: Markus Bühler)

    Der letzte Zahn

    Den fehlenden letzten Zahn auf der linken Unterkieferseite rekonstruierte ich anhand der Größe und Ausrichtung des leeren Zahnfachs im Kiefer. Man sieht nun ganz gut die starke Asymmetrie in der Position und Form der Zähne im Unterkiefer. Bei der Pigmentierung des Maulinneren verwendete ich das Foto eines Narwalmauls als Referenz. Bei Walen findet sich nicht wie sonst bei Säugern üblich eine klare Abgrenzung zwischen dem normalweise von Schleimhaut ausgekleideten Maulinneren und den von Epidermis bedeckten Lippen.

    Rekonstruktion des Körpers

    Bei der Körperform stützte ich mich auf die skelettalen Proportionen von Belugas, um anhand des Schädels die dazugehörigen Dimensionen des Körpers festzulegen. Auch hier versuchte ich einen Mittelweg zwischen den zwei Elternarten zu finden. Bei Narwalen ist der Körper sehr stromlinienförmig und glatt, während Belugas einen sehr stark vom Körper abgesetzten Kopf und seitlich am Körper liegende Fettpolster und Längsfalten besitzen. Auch haben sie noch einen wahrnehmbaren, leicht eckigen Rückenkiel, während bei Narwalen die Rückenflosse bis auf eine Linie von kleinen, kaum erkennbaren Hauttuberkeln zurückgebildet ist. Belugas haben größere und deutlich breitere Brustflossen als Narwale, weshalb ich sie aufgrund der Beschreibung Larsens auch als Referenz verwendete. Bei der Schwanzflosse dagegen orientierte ich mich an den stark halbkreisförmig ausgebildeten Flossenlappen des männlichen Narwals. Interessanterweise findet sich bei Narwalen ein Geschlechtsdimorphismus bei der Form der Schwanzflosse, welche allem Anschein nach mit den hydrodynamischen Auswirkungen des Stoßzahns zusammenhängt.

    Grauer Gründelwal mit auffälligen Zähnen im Wasser
    Narluga mit hypothetischen Farbschema (Bild: Markus Bühler)

    Welche Farbe hatte der Narluga?

    Die Farbe des Narluga wurde als grau beschrieben. Insofern unterscheidet sie sich deutlich von der weißen, beziehungsweise weiß-schwarz marmorierten Farbe von Belugas und Narwalen. Allerdings sind bei beiden Arten die Jungtiere noch grau gefärbt. Es ist nicht völlig ausgeschlossen, dass bei dem Hybriden möglicherweise atavistische Anlagen zum Vorschein kamen. Sie stammen aus der Zeit, als ihre Vorfahren noch nicht in polaren Gebieten lebten. Vermutlich waren sie auch noch nicht von weißer Grundfarbe. Daher bekam der Narluga ein Farbschema welches sich an den Jungtieren der beiden Elternarten orientierte. Im Kopf- und Halsbereich deutete ich eine leichte graue Marmorierung an, welche mehr einem jungen Narwal entspricht, der hintere Körperbereich dagegen der homogeneren Farbe junger Belugas. Zudem nahm ich mir die kreative Freiheit die Brustflossen etwas dunkler vom Körper abzusetzen, wie es in stärkerer Form bei Narwalen der Fall ist.

    Um den Hintergrund noch ein bisschen interessanter zu gestalten fügte ich einen kleinen Schwarm Polardorsche (Boreogadus saida) ein. Diese Fischart lebt auch in der Disko-Bucht. Sie kommt sowohl vor Flussmündungen bis hinab in Tiefen von 900 m vor. Diese Fische stellen auch eine wichtige Nahrung für Belugas und vor allem Narwale dar.

    Grauer Zahnwal mit kräftigem Körperbau, großen Flippern und Narwalfluke schwimmt durchs Wasser
    Lebendrekonstruktion der Narwal x Beluga-Hybriden

    Insgesamt arbeitete ich an der Rekonstruktion mehrere Monate, und trotz mancher Ungewissheiten und künstlerischer Freiheiten bestimmter Details hoffe ich doch sehr, dass sie zumindest einen realistischen Eindruck dieses außergewöhnlichen Wals vermitteln kann.


    Quellen:

    Fontanella, J. E., Fish, F. E., Rybczynski, N., Nweeia, M. T. and Ketten, D. R.
    (2011). Three-dimensional geometry of the narwhal (Monodon monoceros) flukes in relation to hydrodynamics. Mar. Mamm. Sci. 27, 889-898.

    Heide-Jørgensen, M. P. & Reeves, R. R. Description of an anomalous Monodontid skull from west Greenland: A possible hybrid? Mar. Mamm. Sci.9, 258–268 (1993).

    Nweeia, M.T., et al. 2009. Considerations of anatomy, morphology, evolution, and function for narwhal dentition. The Anatomical Record 295, 6: 1006-1016.

    1. Skovrind et al. Hybridization between two high Arctic cetaceans confirmed by genomic analysis. Scientific Reports. Vol. 9, June 20, 2019. doi:10.1038/s41598-019-44038-0.

    * Warum wir wissenschaftliche Namen nicht kursiv schreiben:

    Uns ist selbstverständlich bekannt, dass wissenschaftliche Namen in Texten kursiv geschrieben werden. Wir würden das auch hier gerne machen, leider hat unser Template genau in dieser Funktion einen Bug (technischen Fehler). Dieser Fehler sorgt dafür, dass eine kursive Formatierung immer gleichzeitig fett hervorgehoben wird. Außerdem wird im Fließtext, jedoch nicht in Kurzzusammenfassungen und Suchmaschinentexten ein weiteres Leerzeichen vor und hinter dem Text angezeigt.
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    Dieser Beitrag ist zunächst in Markus Bühler’s Blog „Bestiarium“ erschienen und unterliegt dem Urheberrecht des Autors. Vielen Dank für die Erlaubnis, ihn hier verwenden zu dürfen.

    Beiträge, die mit einem Autorennamen gekennzeichnet sind, geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

    Kontaktanfragen an den Autor bitte durch die Redaktion.


  • Ein bizarrer Hybride aus Narwal und Beluga – Teil 1

    Wie ich den merkwürdigsten Wal der Welt rekonstruierte

    von: Markus Bühler

    Kürzliche erregten neue Forschungsergebnisse um einen bizarren Hybriden aus Narwal (Monodon monoceros*) und Beluga (Delphinapterus leucas) weltweite Aufmerksamkeit (Wir berichteten bereits kurz). Er wurde nach Angaben eines grönländischen Inuit namens Jens Larsen 1986 oder 1987 in der Disko-Bucht im Westen Grönlands geschossen. Das Tier wies unter anderem einige äußerst ungewöhnliche Besonderheiten der Zähne auf. Der Wal soll grau gefärbt gewesen sein, und seine Brustflossen denen eines Belugas, die Schwanzflosse dagegen eher der eines Narwals geähnelt haben. Larsen beschloss aufgrund des ungewöhnlichen Aussehens des Wals dessen Schädel aufzuheben. Etwa zur gleichen Zeit sollen in der Gegend noch zwei ähnliche Exemplare geschossen worden sein, von denen jedoch eines versank und nicht geborgen werden konnte. Der Kopf des dritten Exemplars wurde zum Skelettieren an der Küste ausgelegt, allerdings niemals wiedergefunden, so dass als einziges physisches Relikt der von Larsen aufbewahrte Schädel verblieb.

    Bucht mit Eisbergen und Festland am Horizont unter orangefarbenem Himmel
    Die Disko-Bucht im Zwielicht. Hier wurden die Narlugas gefangen

    Zwei Männer in einem Kunststoffboot mit Außenborder
    Zwei moderne Inuit-Jäger in einem heute verwendeten Boot.

    Ein ungewöhnlicher Schädel

    Als 1990 der dänische Zoologe und Walexperte Mads Peter Heide-Jørgensen den Schädel auf dem Dach eines Werkzeugschuppens im grönländischen Kitsissuarsuit entdeckte, erkannte er direkt, dass es sich dabei um etwas wirklich Außergewöhnliches handelte. Larsen stiftete den Schädel für weitere Untersuchungen, woraufhin dieser nach Kopenhagen gebracht wurde. Seine Anatomie zeigte Ähnlichkeiten zu jener von Narwalen und Belugas, wies aber auch eine Reihe von Merkmalen auf, die völlig einzigartig waren, und sich von allen anderen bekannten Walen unterschieden. Anhand der teilweise verwachsenen Suturen (Knochennähte) von Oberkiefer und Zwischenkiefer ließ sich erkennen, dass es sich um ein erwachsenes und bereits älteres Tier gehandelt hatte. Beim Vergleich mit den Schädeln von Belugas und Narwalen lagen die Proportion dieses Schädels etwa zwischen beiden Arten, in seinen Größendimensionen allerdings etwas über deren durchschnittlicher Größen. Bereits vor einigen Jahren wurde für den Hybriden der Begriff „Narluga“ geprägt, welchen ich hier auch verwenden möchte.

    Besonders ungewöhnlich waren allerdings die Zähne, welche sich sowohl in Anzahl, Form als auch Größe von jenen von Belugas und Narwalen unterschieden. Belugas besitzen im Ober- und Unterkiefer je 8-11 Zähne auf jeder Seite.

    Die Zähne von Belugas sind zapfenförmig, und nutzen sich vor allem im Oberkiefer oft auf typische Weise löffelförmig ab.

    Bizarr geformter Walschädel vor hellem Hintergrund
    Belugaschädel im Zoologischen Museum Kiel. Foto Markus Bühler

    Spitze eines Beluga-Schädels
    Nahansicht der Beluga-Zähne mit den unterschiedlichen Abrasionsformen in Ober-und Unterkiefer. Foto Markus Bühler

    Narwal-Schädel sind etwas Besonderes

    Beim Narwal dagegen besitzen üblicherweise nur die Männchen einen einzigen funktionellen Zahn, bei welchem es sich um einen massiv modifizierten linken oberen Eckzahn handelt. Er entstammt dem Oberkiefer und nicht dem Zwischenkieferknochen, ist also kein Schneidezahn. Der Zahn wächst außerhalb des Mauls durch die Haut der Oberlippe. Normalerweise ist er nur auf einer Seite ausgeprägt. Der deutlich kleinere und auch nicht gedrehte rechte Eckzahn verbleibt üblicherweise im Kieferknochen. Bei weiblichen Narwalen finden sich derartige im Kiefer verbleibenden Eckzähne sowohl rechts als auch links.

    Narwalschädel, ohne Kieferzähne, nur der linke Eckzahn ist zum Stoßzahn ausgebildet
    Narwalschädel im Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart. Foto Markus Bühler

    Natwalschädel mit Öffnung, um den zweiten Stoßzahn zu zeigen
    Dieser Schädel eines Narwals wurde geöffnet, um den zweiten, nicht herausgewachsenen Eckzahn zu zeigen. Foto: Tobias Möser, aufgenommen im NHM, London

    Kegelförmiges Objekt in einer Vitrine
    Nicht durchgebrochener rechter Eckzahn eines Narwals, Kunstkammer im Landesmuseum Württemberg im Alten Schloss Stuttgart. Foto Markus Bühler

    aufgeschnittener Narwalschädel mit Rudiment des zweiten Stoßzahns
    Detail des Zahnfaches des zweiten, nicht herausgewachsenen Eckzahns. Foto: Tobias Möser, aufgenommen im NHM, London

    Eine derartig extrem ausgeprägte dentale Asymmetrie wie bei Narwalen ist einzigartig unter den lebenden Säugetieren. Gelegentlich finden sich allerdings auch Exemplare mit einem auch rechts teilweise oder sogar voll ausgebildeten Stoßzahn. Selten kommen auch Weibchen mit einem oder sogar zwei Stoßzähnen vor. Das eigentliche Maulinnere ist dagegen völlig zahnlos. Gelegentlich finden sich auch kleine verkümmerte Zähne an der Basis des Stoßzahns im Knochen des Oberkiefers, welche allerdings nicht durchbrechen.

    Zwei Narwalschädel, einer trägt den linken, einer trägt zwei Stoßzähne
    Vergleich zweier Narwalschädel, der obere ist normal ausgebildet, der untere trägt zwei Stoßzähne. Solche Schädel sind sehr selten. Fotos: Tobias Möser, aufgenommen im Natural History Museum (NHM), London

    Sehr merkwürdige Zähne

    Der Schädel des Wals aus der Diskobucht hatte dagegen ursprünglich im Oberkiefer auf jeder Seite je 5 und im Unterkiefer je 4 Zähne, von denen allerdings ein oberer und ein unterer postmortal verloren gingen. Aufgrund von Abrasionen und ihrer Position im Knochen kann man davon ausgehen, dass sechs oder sieben der zehn Oberkieferzähne zu Lebzeiten in die Mundhöhle ragten.

    Die drei oder vier vordersten Zähne lagen horizontal im Knochen und sind nie in die Mundhöhle durchgebrochen. Ihre sehr langgestreckte gerade Form erinnert etwas an die nicht durchbrechenden Stoßzähne von Narwalen. Die für diese typische Verdickung an der Wurzelspitze fehlt allerdings. Die vorderen Zähne ließen sich nicht ohne Beschädigung des umliegenden Knochens entfernen. Anhand von Röntgenaufnahmen ließ sich ihre Form und Länge aber ermitteln. Dies ergab eine stattliche Länge von 25,6 cm für den linken ersten Oberkieferzahn und 24,8 cm für den rechten ersten Oberkieferzahn. Die zweiten hatten immerhin noch eine Länge von 19,6 cm und 21,5 cm. Die weiter hinten liegenden nahmen immer weiter an Länge ab. Dafür wiesen sie aber auch eine mehr oder weniger starke Krümmung auf. Nach Angaben von Jens Larsen hatte der Narluga, welcher im Wasser verloren gegangen war, auch sichtbare vordere Zähne im Oberkiefer.

     

    Gaumen des Narluga mit größtenteils leeren Zahntaschen
    Ansicht des Oberkiefers von der Gaumenseite mit erkennbaren Bereichen der im Knochen verliebenen vordersten Zähne. Foto Markus Bühler

    Einige Narluga-Zähne
    Einige der aus dem Kiefer entfernten Zähne. Foto Eline Lorenzen, Zoologisches Museum Kopenhagen

    Kieferstück mit drei Zähnen
    Nahansicht der Zähne im rechten Unterkiefer. Foto Markus Bühler

    Linke Unterkieferhälfte
    Ansicht der linken Unterkieferhälfte. Man erkennt das leere Zahnfach des deutlich kleineren und weiter hinten liegenden letzten Zahns. Weiter unten liegt der Austritt des Nervus mentalis aus dem Foramen mentale. Foto Markus Bühler

    Auch im Unterkiefer

    Die Zähne im Unterkiefer zeigten ebenfalls eine Reihe von Besonderheiten. Zunächst waren sie ausgesprochen groß und massiv gebaut, deutlich größer als die Zähne von Belugas. Auch der gesamte vordere Bereich des Unterkiefers war äußerst breit und massiv. Aufgrund ihrer Form und Größe müssen die unteren Zähne sogar noch bei geschlossenem Maul teilweise sichtbar gewesen sein. Einige waren merkwürdig verdreht und zeigten vage Andeutungen von Längsrillen, vergleichbar den Stoßzähnen von Narwalen. Die ungleichmäßigen Abrasionsmuster ließen ebenfalls erkennen, dass sie sich während des Wachstums leicht um die eigene Achse gedreht haben müssen.

    Die vier rechten und ersten drei linken Unterkieferzähne standen alle recht dicht beieinander. Sie waren von ähnlicher Größe und deutlich noch vorne geneigt. Der leider nicht mehr vorhandene vierte linke Zahn saß dabei aber deutlich weiter hinten im Kiefer als sein Pendant auf der rechten Seite. Zudem konnte man anhand des leeren Zahnfachs erkennen, dass er nicht nur deutlich kleiner gewesen sein muss, sondern auch sichtlich nach hinten geneigt war.

    Mein erster Kontakt mit dem Schädel

    Unterseite eines Walschädels mit Teilen des Unterkiefers in einer Kiste
    Schädel des Narluga im Archiv des Zoologischen Museums Kopenhagen. (Foto Markus Bühler)

    Als der Schädel erstmals untersucht wurde, war seine genaue Identität noch nicht abschließend geklärt. Ursprünglich hielt man auch einen Narwal mit starken dentalen Anomalien für möglich, zog die Möglichkeit eines Hybriden allerdings auch schon in Betracht. Kürzlich vorgenommene Untersuchungen seines Erbgutes durch eine Forschergruppe um Eline Lorenzen vom Zoologischen Museum Kopenhagen konnten nun tatsächlich die Vermutung um seine hybride Herkunft bestätigten. Zudem konnte ermittelt werden, dass es sich bei diesem wirklich ungewöhnlichen Exemplar um eine Kreuzung aus einem weiblichen Narwal und einem männlichen Beluga handelte. Die Beschreibung der beiden anderen mutmaßlichen Hybriden durch Jens Larsen ist auch insofern bemerkenswert, weil sich hierbei die Frage stellt, ob diese alle unabhängig voneinander gezeugt wurden, oder ob sie möglicherweise alle die selbe Mutter oder den selben Vater hatten. Ohne verbliebene körperliche Relikte dieser beiden Exemplare wird sich diese Frage allerdings nie beantworten lassen.

    In der Diskobucht kommen sowohl Narwale als auch Belugas vor. Sie ist auch eine der wenigen Gegenden in welcher beide Arten auch zu ihrer jeweils unterschiedlichen Paarungszeit anzutreffen sind. Gelegentlich schließen sich einzelne Belugas auch Gruppen von Narwalen an, aber auch einzelne Narwale in Belugaschulen kommen gelegentlich vor. So hat sich ein junges und möglicherweise verirrtes Narwalmännchen sich im kanadischen Sankt-Lorenz-Strom den dort lebenden Belugas angeschlossen.

    Zwischen verschiedenen Walspezies gibt eine ganze Reihe von dokumentierten Hybriden. Sie treten sowohl unter Zahnwalen wie Delfinen oder Schweinswalen, als auch bei Bartenwalen auf.

    Ungewöhnliche Auswirkung der Genkombination

    Die Interaktion der unterschiedlichen Erbanlagen ist wirklich erstaunlich. Besonders dahingehend, dass jene Gene welche beim Narwal das Größenwachstum und die Torsion des Stoßzahns steuern, sich im stärkeren Maße auf die Zähne des Unterkiefers ausgewirkt haben, als auf jene im Oberkiefer. Es wäre sehr interessant zu wissen ob sich bei der umgekehrten Kreuzung zwischen einem Narwalmännchen und einem Belugaweibchen die Genkombinationen anders ausgewirkt hätten.

    Eine weitere erstaunliche Erkenntnis ergab die Untersuchung der Kohlenstoff- und Stickstoffisotpe im Kollagen des Knochens. Demnach ernährte sich der Narluga nicht von den gleichen Beutetieren wie Belugas oder Narwale. Er erbeutete vor allem Fische in tieferen Wasserschichten. Möglicherweise bevorzugte er aufgrund seiner ungewöhnlichen Bezahnung bestimmte Beute, die er nur in tieferen Wasserschichten finden konnte.

     

    Der 2. Teil des Artikels wird in einer Woche, am 7. Juli 2019 hier erscheinen


    * Warum wir wissenschaftliche Namen nicht kursiv schreiben:

    Uns ist selbstverständlich bekannt, dass wissenschaftliche Namen in Texten kursiv geschrieben werden. Wir würden das auch hier gerne machen, leider hat unser Template genau in dieser Funktion einen Bug (technischen Fehler). Dieser Fehler sorgt dafür, dass eine kursive Formatierung immer gleichzeitig fett hervorgehoben wird. Außerdem wird im Fließtext, jedoch nicht in Kurzzusammenfassungen und Suchmaschinentexten ein weiteres Leerzeichen vor und hinter dem Text angezeigt.
    Daher haben wir uns entschieden, wissenschaftliche Namen nicht kursiv zu schreiben, bis wir eine Lösung für das Problem gefunden haben.


    Dieser Beitrag ist zunächst in Markus Bühler’s Blog „Bestiarium“ erschienen und unterliegt dem Urheberrecht des oben genannten Autors. Vielen Dank für die Erlaubnis, ihn hier verwenden zu dürfen.

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    Kontaktanfragen an den Autor bitte durch die Redaktion.


  • Kryptozoologie im Mai – unser Rückblick

    Der „Wonnemonat“ hat der Webseite des Netzwerkes für Kryptozoologie einiges an Neuigkeiten gebracht. Wir haben eine neue Rubrik, die „Freitagnacht-Kryptos“ eingeführt und inhaltlich damit direkt den Vogel abgeschossen. Die „Altigkeiten“, alte Meldungen aus der Kryptozoologie, kuriose Fundstücke und Fehlbildungen haben den Nerv unserer Leser gefunden. Nicht nur die Besucherzahlen zeigen das, auch im Gespräch hat sich der ein oder andere Stammbesucher (ja, es gibt sowas bereits!) positiv über die neue Rubrik geäußert.

    Legendäre Kryptide sind eher selten

    Dunkles, fast nacktes Tier steigt auf eine Gartenlaube
    Ist das der Chupacabra? In einem Garten einer englischen Stadt? Foto: „Cameron“

    Als wir die Seite konzipierten, hatten wir schon befürchtet, die legendären oder klassischen Kryptide nicht im aktuellen Geschehen repräsentieren zu können. Doch sie sind beteiligt, wenn auch mit kleinem Anteil. In Nepal hat die indische Armee angebliche Fußspuren des Yetis entdeckt und offiziell als solche publiziert. Dies ist wie eine Bombe im Umfeld der Grenzwissenschaften aufgenommen worden. Leider (?) konnten Skeptiker sehr schnell zeigen, dass es sich bei den fraglichen Fußspuren nur um die Spuren eines Bären handelt.

    Nur wenige Tage später sorgte wieder der Cupacabra für Schlagzeilen. Der legendäre Ziegensauger aus Mittelamerika wurde gesichtet und fotografiert – in einer ruhigen Kleinstadt in Südengland. Teilnehmer des Netzwerkes für Kryptozoologie konnten anhand der Fotos das Tier schnell identifizieren. Nun wird in Hertfordshire nicht länger vor dem Ziegensauger, sondern vor der Räudemilbe gewarnt: ein Fuchs litt unter schwerem Befall und hatte nahezu sein komplettes Fell verloren.

    Out-of-Place-Sichtungen vorne

    Vielleicht könnte man einen Teil der Meldungen der klassischen Kryptozoologie zuordnen, den Alien Big Cats, diesmal in Form eines eindeutig identifizierten Europäischen oder Nordluchses. Die elegante Katze machte allerdings nicht Nordengland unsicher, sondern weitaus bodenständiger: den Ruhrpott. Anfang Dezember in Haltern am See ausgebüchst, wurde sie an verschiedenen Stellen im Ruhrgebiet beobachtet. Leider konnten die Polizei und der Wildparkbetreiber sie einfangen, bevor sie vor den Fenstern der Redaktion vorbei schlich.

    Weitere Out-of-Place-Sichtungen betreffen Orcas im Kattegatt zwischen Dänemark und Schweden, einen Delfin in der Kieler Förde und eine angebliche Bananenspinne in Hamm, die sich dann als ungefährliche Riesenkrabbenspinne entpuppte.

    Monat der riesigen Vögel

    Die Hauptzahl der Meldungen betraf aber einige der größten Vögel des Kontinentes. Mindestens drei Mönchsgeier sind aus Spanien, Südfrankreich und der Balkanpopulation auf dem Weg nach oder sogar durch Mitteleuropa.

    Der Mönchsgeier ist ein riesiger, schwarzer Vogel.
    Mönchsgeier können im Segelflug viele hundert Kilometer zurücklegen. Brinzola beweist es einmal mehr. (Dieses Bild zeigt nicht Brínzola)

    Ein Tier aus einer Wildbrut hält sich mindestens seit Ostern auf bzw. in der Nähe von Rügen auf. Dieses Tier wurde uns gestern noch von dort gemeldet. Das Tier scheint ein zwei- oder dreijähriges Tier aus der Balkanpopulation zu sein. Es trägt keinen Ring und hat keine Markierung durch künstlich gebleichte Schwingen, daher vermuten Experten, dass es sich um einen Vogel aus einer Wildbrut handelt.
    Vom nahe gelegenen Hiddensee wurde ein anderer, jüngerer Vogel gemeldet, über deren Herkunft ebenfalls nichts bekannt ist. Er verschwand so unvermittelt, wie er aufgetaucht ist.

    Aus Belgien stammt eine (bzw. zwei) weitere Mönchsgeiermeldungen. Der zweite Vogel trug einen deutlich sichtbaren weißen Ring mit der schwarzen Aufschrift „FUH“. Der Ring identifiziert das Tier als Teil eines französischen Wiederansiedlungsprojektes. Leider konnten wir keine weiteren Details über den Vogel ermitteln, Anfragen bei dem Projekt blieben leider unbeantwortet. Er tauchte mehr oder weniger „aus dem Nichts“ in der Provinz Limburg in der Nähe von Maastricht auf, blieb dort zwei Tage und verschwand in südöstliche Richtung. Weitere Sichtungsmeldungen zu diesem Tier blieben aus.

    Brínzola

    Reise des Mönchsgeiers Brinzola von Frankreich über Belgien, die Niederlande und Deutschland bis nach Fehmarn. Image: Proyecto Monachus, google earth
    Reise des Mönchsgeiers Brinzola von Frankreich über Belgien, die Niederlande und Deutschland bis nach Fehmarn.

    Anders beim Star dieses Monats, dem Mönchsgeier „Brínzola“. Das dreijährige Weibchen stammt aus einem Schutzprojekt in Nordspanien und trägt einen Sender. So können die Projektbetreiber nahezu minütlich auf die Position des Vogels zurückgreifen. Er (bzw. sie) ist aus dem heimischen Revier in einer großen Schleife an der Nordseite der Pyrenäen und einem Abstecher ans Basin von Arcachon mehr oder weniger direkt nach Belgien geflogen, hat dort kurz gerastet und die Medien des Landes in Aufregung versetzt.

    Dann ist der Vogel in beinahe direkter Linie an die deutsche Ostseeküste geflogen und hat die Beltensee auf der Vogelfluglinie überquert. Ihr weiterer Weg führte die schwarze Schönheit bis nach Norwegen, wo sie sich vermutlich immer noch aufhält. Die letzten Meldungen des begleitenden Proyecto Monachus sprachen von der Anpassung des Vogels an die langen Tage im Norden. Genauer Koordinaten werden nicht mehr herausgegeben, möglicherweise hat man Angst, ein norwegischer Jäger konnte das Jedermannsrecht zur Jagd zu weit auslegen.

    Während sich Brínzola dem Westen Deutschlands durchflog, wurde sie zeitweise von einem weiteren Mönchsgeier begleitet, der spurlos und unidentifiziert verschwand.

    Weitere Großvögel

    Ein Gänsegeier spreizt im Abendlicht die Flügel.

    Nur etwas kleiner als Mönchsgeier sind die Gänsegeier. Sie fliegen mehr oder weniger regelmäßig aus den Alpen, Pyrenäen oder dem Balkan nach Mitteleuropa ein, so dass sie für uns eigentlich keine Meldung wert sind. Da sie die oben genannten Mönchsgeier an einigen Positionen begleitet haben, haben wir sie aufgenommen.

    Zwei Gänsegeier tauchten an verschiedenen Stellen immer wieder auf. So wurde FUH in Belgien zunächst von einem, dann von zwei Gänsegeiern begleitet, die aber länger in dem kleinen Staat blieben. Kurze Zeit später tauchten zwei Gänsegeier in Cuxhaven an der Nordsee auf. Vorgestern flogen zwei Gänsegeier über einem Naturschutzgebiet in Brüggen am Niederrhein.

    Seit Anfang des Monats sitzt ein Gänsegeier in einer Graureiher-Kolonie in Kolbermoor bei Rosenheim. Er ernährt sich dort von Graureiher-Küken. Das Tier stammt mutmaßlich aus der halbwild lebenden Population des Alpenzoos in Innsbruck.

    Geier-Meldungen: Basismeldung, Update 1, 2-3, 4 und 5

    Nahezu jährlich kommt die Meldung eines Schwarzbrauen- Albatrosses. Diese Tiere kommen sonst ausschließlich in den subpolaren Meeren der Südhalbkugel vor. Einer davon hat sich aber wohl verflogen und ist aus unbekannten Gründen im Nordatlantik aufgetaucht. Seit 2014 besucht das Tier mehr oder weniger regelmäßig die Insel Helgoland, vor zwei Jahren war er regelmäßiger Gast auf Sylt. Bei einer Seevogelzählung registrierten ihn die Forscher im „Entenschnabel“ auf der offenen Nordsee, Meldungen vom Land gibt es (noch) nicht.

    Die letzte und vermutlich seltenste Out-of-Place-Sichtung in Deutschland im vergangenen Monat betrifft den Östlichen Kaiseradler Aquila heliaca. Ein noch nicht ausgereiftes Tier (3. oder 4. Sommer) hält sich seit mindestens 29.5. in der Nähe von Zichow in der Uckermark auf. Dies ist erst der zweite Nachweis eines Östlichen Kaiseradlers in Deutschland. Hierzu hatten wir noch keine Meldung.

    Weniger erfreuliche Folgemeldung

    Der Delfin, der Anfang April das erste Mal in der Kieler Förde beobachtet wurde, ist immer noch dort. Er hält sich in einem eng begrenzten Raum auf, springt sehr häufig und zeigt ungewöhnliche, kreisförmige Hautläsionen.

    Blick in die Zukunft

    Durchschnittlich eine (werk)tägliche Meldung und zusätzlich die Freitagnacht-Kryptos, das ist, was die (ehrenamtliche) Redaktion des NfK zurzeit schaffen kann. Wir werden natürlich die Seite weiter entwickeln und haben schon einige Ideen im Kopf. Wir freuen uns über jegliche Form von Anregung, sei es Anfragen wie „Macht mal was zum Thema …“, Pressefunde per Mail oder halbfertige oder fertige Artikel.

    Ebenso freuen wir uns über jede Erwähnung im Netz und offline. Postet unseren Link in den sozialen Medien, schreibt ihn in die Footer eurer Forenbeiträge, verschickt die Links zu interessanten Beiträgen per Mail: macht uns bekannt, wir brauchen euch!


  • Orcas im Kattegat

    Naturführer der Vogelstation Skagen an der Nordspitze Dänemarks haben am Sonntagmorgen (05. Mai 2019) eine Gruppe von mindestens sieben Orcas im Kattegat auf dem Weg in die westliche Ostsee beobachtet.

    Der Stationsleiter der Vogelstation Skagen, Simon Christiansen, sagt dem deutschsprachigen Internetportal SH-Ugeavisen.dk: „Es ist ein sehr ungewöhnlicher Anblick. Dies ist eine der ersten Beobachtungen von Orcas in diesem Jahr im Skagerak. Letztes Jahr wurden zwei Schwertwale beobachtet. Davor lag es aber schon einige Jahre zurück, dass an Dänemarks Küste Orcas zu sehen waren. Normalerweise sieht man in den Gewässern nur Schweinswale, und daher sind alle anderen Wale ungewöhnlich.“

    Das Wetter sei am Sonntagmorgen außergewöhnlich gut gewesen, es gab nur leichten Wind, der keinen Wellengang verursachte. Das seien die besten Voraussetzungen, um die Wale zu sehen, so Christansen weiter.

    Offshore-Orcas vor Kalifornien
    Symbolbild: Offshore-Orcas vor Kalifornien

    Für gute Fotos waren die Tiere leider viel zu weit auf See, selbst mit Teleskopen konnten die Naturführer der Vogelstation die Wale nur schwer erkennen. Mit dem Fernglas hat man wohl wenig Chancen, die Tiere zu Gesicht zu bekommen. „Die Vogelstation leiht Teleskope an Interessierte aus, egal ob sie Vögel oder Wale beobachten wollen.“, so Christiansen.

    Ähnliches meldet die shz.de, jedoch hinter einer Paywall.

    Orcas kommen öfter in den Kattegat

    Orcas kommen mehr oder weniger regelmäßig in den Kattegat und können über die Beltensee in die Ostsee gelangen. Vor ziemlich genau einem Jahr, Mitte April 2018 meldete das niederländische Internetportal zeezoogdieren.org eine Gruppe von drei Orcas. Auch hier hatten Ornithologen sie in der Nähe von Skagen gesichtet. Das Portal vermutet, dass die Wale damals den Heringsschwärmen gefolgt sein dürften. Sie könnten jedoch auch in der Ostsee Robben und Schweinswale jagen.

    Die Zeezoogdieren.org (niederländisch für „Meeressäuger“) erwähnt eine Publikation von Carl Kinze und Andreas Pfander: „Wale in der Eckernförder Bucht einst und jetzt“. Die Autoren berichten von mehreren Schwertwalsichtungen, die erste stammt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts.

    Die Broschüre kann bei der zwischenzeitlich aufgelösten Gesellschaft zum Schutz der Meeressäuger heruntergeladen werden: pdf: 26 Seiten, 2,7 MB

     

    Am 7. März berichteten wir über den geheimnisvollen D-Type-Orca aus den südlichen Subpolarmeeren.