Zur Genese von Seeschlangen 1: Attersee

Vor mehreren Jahren veröffentlichte ich – zunächst in der Zeitschrift „Bipedia“ und dann als Kapitel in meinem Buch „Investigating The Impossible“ – eine Studie über das erste Lebensjahr des Ungeheuers von Loch Ness. Dabei stellte sich heraus, dass zunächst Beobachtungen, die wenig gemeinsam hatten, kollektiv als „das Ungeheuer“ wahrgenommen wurden, dann meldeten sich vereinzelt :Leute, die behaupteten, bereits vor dem derzeitigen Erscheinen eines Monsters so etwas gesehen zu haben, schließlich kamen Schwindler und Trittbrettfahrer hinzu. So ähnlich geht es an praktisch allen Seen, bevor ein stereotypisches Monster etabliert ist, dessen imaginäres Phantomporträt dann künftigen Zeugen als Vorlage für ihre Wahrnehmung dient. Loch Ness hatte Glück, denn erst die Londoner, dann die amerikanische Presse nahm die lokalen Berichte wahr und verbreitete sie von dort in die Welt.

Das ganze hätte bereits 1902 geschehen können, und zwar am Attersee in Österreich, wo sich genau dasselbe ereignete, quasi wie eine Blaupause für das, was dann 30 Jahre später in Schottland passierte.

 

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Der See

Der Attersee liegt im Salzkammergut, im Bezirk Vöcklabruck von Oberösterreich. Ihm entströmt die Ager, die in die Traun fließt und damit in die Donau. Er liegt auf 469 m ü. M., ein großes Tier, das aus dem Meer in ihn gelangt, ist somit ziemlich unwahrscheinlich (anders als z.B. beim Loch Ness, der regelmäßig von Seehunden und evtl. sogar Kleinwalen aufgesucht wird). Er ist rund 18 km lang und dreieinhalb km breit, seine Wasserfläche misst 46 km², seine Tiefe beträgt 169 Meter – damit ist er der dritttiefste See in Österreich. Er ist seit der Jungsteinzeit besiedelt und gilt heute als Top-Tourist-Destination in Österreich. Sollte er einen gewaltigen Bewohner haben, so könnte dieser nicht lange unbeobachtet bleiben. Zudem existiert das Gewässer erst seit der Eiszeit – ein Ungeheuer müsste also eine lokale Entwicklung sein, entstanden aus einem kleineren Fisch.

 

Attersee
Der Attersee liegt umgeben von Bergen

 

Die Sichtungswelle

Was im Sommer 1902 am Attersee geschah, soll zunächst einmal nur durch den Bick der zeitgenössischen Presse betrachtet werden [die Anmerkungen in eckigen Klammern stammen von mir]. Die erste Meldung, die mir vorliegt, stammt aus dem „Grazer Volksblatt“ vom 26. August 1902. Dort liest man auf Seite 8:

 

„Eine rätselhafte Erscheinung am Attersee.

Aus Weyregg am Attersee wird dem ‚N. Wr. Tagblatt‘ [Neues Wiener Tagblatt] geschrieben [von Herrn v. Wunschheim]: ‚Gestatten Sie, daß ich von einem sehr merkwürdigen Naturereignis Mitteilung mache, in der Hoffnung, daß durch die Verbreitung in Ihrem vielgelesenen Blatte vielleicht eine Erklärung desselben sich finden läßt. Heute um dreiviertel 12 Uhr, vom Balkon meiner Wohnung, von welchem man eine ungehinderte Aussicht auf einen großen Teil des Attersees hat, bemerkte ich hinter der Landzunge von Weyregg in der Entfernung von ungefähr anderthalb Kilometer einen Gegenstand mit einer unglaublichen Geschwindigkeit schnurgerade gegen Süden im Wasser dahineilen. Rasch zum Glase greifend, verfolgten wir die völlig rätselhafte Erscheinung, die sich mit unverminderter Schnelligkeit quer vor uns über den See zog, und konnten deutlich unterscheiden, daß die Erscheinung eine ungefähre Länge von vier bis fünf Meter hatte, zirka einen Fuß aus dem Wasser emporragte und zwei in gleicher Entfernung voneinander bleibende, ungefähr einen halben Meter hohe Höcker aufwies, die den Eindruck von Flossen machten. In der Höhe zwischen Nußdorf und Parschell verschwand die Erscheinung, hinterließ aber ein Kielwasser, das man noch eine Viertelstunde lang als dunkle schnurgerade Linie in dem eben leicht bewegten Wasser verfolgen konnte. Die durchmessene Strecke war nach der Karte ungefähr fünf Kilometer, die Zeit, innerhalb welcher die Erscheinung diese Entfernung durchmaß, anderthalb bis höchstens zwei Minuten. Die Schnelligkeit betrug aber mindestens zwei Kilometer in der Minute.

 

 

 

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Der Tatzelwurm, das Alpen-Kryptid

Heute kaum mehr als eine folkloristische Reminiszenz, war der Tatzelwurm früher eine echte Gefahr: Das Reptil stürzte sich auf Menschen und spie sie mit seinem giftigen Atem an. Für dieses Buch hat der Autor über 430 Augenzeugenberichte gesammelt und analysiert. Das Ergebnis ist eine aufregende zoologische Schnitzeljagd und zugleich eine spannende Traditionsgeschichte des gesamten Alpenraums.

Bei der Lektüre der Berichte wird klar, dass der Tatzelwurm ein wandelbares Geschöpf ist mal hat er den Kopf einer Schlange, mal den einer Katze, mal zwei, dann mehr Füße, mal hat er Flügel, mal keine, mal ist die Haut glatt, dann wieder schuppig. Er kann scheu oder aggressiv und giftig sein; manche empfehlen sogar seinen Genuss.

 

Der Tatzelwurm: Porträt eines Alpenphantoms ist im Juli 2020 bei Edition Raetia erschienen und hat 232 Seiten

 

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und weiter:

Im ersten Moment dachten wir au ein Gebilde aus Menschenhand, das zu unbekannten Versuchszwecken über den See lanciert wurde, aber bald sahen wir ein, daß ein solches, es hätte sich nur um einen Torpedo handeln können, eine derartige unglaubliche Schnelligkeit auf eine so große schnurgerade Distanz unmöglich hätte entwickeln können. Als einzige Erklärung blieb uns nur die Annahme, daß ein für ein Binnenwasser enormer Fisch aus unbekannten Gründen diese blitzschnelle Reise an der Oberfläche des Wassers unternahm.

 

Es wäre sehr zu wünschen, daß diese Erscheinung auch von anderen Seiten und vielleicht aus größerer Nähe beobachtet wurde, vielleicht veranlassen diese Zeilen einschlägige Mitteilungen an Ihr geschätztes Blatt.‘ –: Na also! Die berühmte Seeschlange ist endlich aufgetaucht. Die Sauregurkenzeit hat nun offiziell begonnen.“

 

 

Bald darauf wurde eine zweite ungewöhnliche Beobachtung gemeldet. Das „Linzer Volksblatt“ vom 29. August 1902 berichtete auf Seite 5:

 

„Ein Fischkoloß im Attersee.

Vom Attersee wird uns geschrieben: Als der von Unterach abgehende Frühdampfer am letzten Sonntage [24.8.1902] über Parschall [heute: Nussdorf-Parschall] hinaus auf die Höhe nächst Zell gekommen war, bemerkte der in der Kabine eben beschäftigte Unter-Kapitän Ludwig Souvent eine geraume Strecke vom Schiffe ein starkes Bloch?! [so im Original, inkl.?!, offenbar ist ein treibender Baumstamm gemeint] Da er bei weiter beibehaltenem Kurse einen Zusammenstoß befürchtete, machte er durch Ruf und Zeichen den Steuermann oben aufmerksam, einem solchen Karambol auszuweichen. Neugierig beugte sich der Obgenannte über die Schiffswandung und sieht bald nicht einen Holzkoloß, sondern ein Fischungeheuer, graublau, den Rücken mehr als halbe Manneshöhe aus dem Wasser ragend und darüber eine Flosse von gut einem halben Meter. Als das Ungetüm, an dem er weder Kopf noch Schwanz entdecken konnte, näher an das wirbelnde Schaufelrad geriet, verschwand es im Momente in den Tiefen. Schon vor mehreren Jahren begegnete ein solcher Fischkoloß dem Stockwinkler Mühlburschen auf der Heimkehr von Steinbach. Man hielt seine Schilderung damals für eine – Ente, die-ihm den Spottnamens eines Jonas von Stockwinkl eintrug. (A. d. R.: Im „N. Wr. Tagblatt“ schilderte vor einigen Tagen ein Herr v. Wunschheim, der den großen Fisch von seiner Villa ans bemerkt hatte, das Erscheinen desselben in so, drastischer Weise, daß Viele den Fisch wohl für eine — Seeschlange genommen haben.)“

 

Ruhig liegt der Attersee
Ist der Attersee wirklich Heimat eines Monsters?

 

Ein identischer Bericht wurde in der „Salzkammergut-Zeitung“ am 31. August 1902 (S. 5) abgedruckt. Es wird also nicht nur eine zweite, unabhängige Sichtung des Ungeheuers gemeldet, sondern man erinnert sich daran, dass bereits „vor mehreren Jahren“ ein „Fischkoloß“ gesehen wurde. Damals, weil der Bericht alleinstehend war, fand er keinen Glauben, sondern Spott.

 

Schwäne auf dem Attersee
Zwei Schwäne auf dem Attersee, waren sie Auslöser der Presse-Ente?

 

Doch gespottet wurde auch über die neuen Meldungen. So konnte es die „Freie Stimmen“ vom 30. August 1902 nicht lassen, die Meldung als „Seeschlange“ damals der Ausdruck für Presseente, zu bezeichnen:

 

 

„Im Zeichen der Hundstage tauchen in den Blättern allerlei wunderliche Erscheinungen, wie alljährlich, auf, der älteste Mann, der wüthende Hund, das kinderfressende Schwein und der Haifisch von Fiume [heute Rijeka in Kroatien]; letzterer ist diesmal, fünf Meter lang, eingefangen worden. Ein Wiener Blatt hat sogar einen unheimlichen großen Fisch im Attersee entdeckt, einen Ableger der guten, alten Seeschlange und leitartikelt über Denselben.“

 

 

Auch das „Grazer Volksblatt“ spottete am 13. August 1902 (Seite 8) kurz über das Ungeheuer und führt es gemeinsam mit anderen belanglosen Aufregerthemen des Sommers auf (wobei die „Meeraugen“ Seen an der Grenze von Österreich zu Galizien waren, der zu Grenzstreitigkeiten führten):

 

 

„Von der Woche. […] Der ‚Sauregurkensommer‘ geht schon zu Ende, und nebst dem Affentheater sind auch die beiden Musentempel wieder aufgeschlossen. Heuer war nur einmal die bekannte Seeschlange mit dem obligaten Buckel ‚im Attersee‘ gesehen worden und wurde die Frage über deren Existenz durch die für die ganze Welt so wichtige Frage ‚Wem gehörn die Meeraugen‘ in den Hintergrund gedrängt.“

 

Attersee
Braucht ein See in einer solchen Landschaft überhaupt ein Ungeheuer?

Einige Tage später wurde das Geschehen von der „Salzburger Chronik für Stadt und Land“ am 2. September 1902 noch einmal rekapituliert:

 

 

 

„Strobl, 1. September. (Kleine Nachrichten aus dem Salzkammergute.) Im Attersee wurde jetzt schon wiederholt ein Fischungeheuer von vier bis fünf Meter Länge bemerkt. Die Schnelligkeit dieses Fischkolosses betrug mindestens zwei Kilometer in der Minute. Zuerst glaubte der Unterkapitän Souvent eine geraume Strecke vom Dampfschiffe entfernt ein starkes Bloch zu sehen. Diese Erscheinung machte in der Umgebung großes Aufsehen und wurde einer genaueren Beobachtung unterzogen.–“

 

Im Winter wurde es wieder ruhig um das Monster vom Attersee
Im Winter war es um das Monster vom Attersee wieder ruhig. Kein Loch Ness des Salzkammergutes

 

Und dann erstarben die Berichte in den Blättern. Aus diesen Vorgaben hätte ein Nessie-Phänomen werden können, und 1933 wäre dann der Loch Ness zum „schottischen Attersee“ geworden. Allein, das geschah nicht, denn die Weltpresse sprang auf diese Meldungen nicht an. In der deutschen digitalen Bibliothek habe ich keine einzige Meldung gefunden, ebenso wenig bei Papers Past mit allen neuseeländischen Zeitungen. Der See kreiste und erzeugte ein Lebewesen, das noch nicht lebensfähig war.

Dabei hätte man durchaus auf Traditionen rekurrieren können. Die „Salzkammergut-Zeitung“ berichtete am 1. Juni 1930 über lokale Sagen. Auf Seite 4 erscheint:

 

„Das Seeungeheuer.

Nach uralter Ueberlieferung hält sich in den Tiefen des Attersees ein Ungetüm auf, das ganz unwahrscheinliche Ausmaße hat. Gewöhnlich liegt es unbeweglich im Grunde des Sees, bisweilen aber regt es sich ein wenig, dann schäumt der See wild auf und wirft große Wellen, ohne daß auch nur ein säuselnder Wind zu bemerken wäre. (P. Amand Baumgarten: Aus der volksmäßigen Ueberlieferung der Heimat, S. 35) Das Seeungeheuer taucht alle zwanzig bis dreißig Jahre an die Oberfläche. Zuletzt will der alte Briefträger Thomas den Riesenfisch gesehen haben, der gut zwanzig Meter aus dem See herausragte. Die Fischer müssen dann vorsichtig sein und rechtzeitig ihre großen Segennetze einziehen. Heute freilich sind die Riesennetze verschwunden. Aber vor Jahren fischten der Morganhof, der Hiaslbauer in Buchberg und der Besitzer des in den See versunkenen Schlosses zu Burgau mit riesigen Segennetzen, die wegen ihrer Kostspieligkeit längst abgekommen sind. Unter Seigen verstand man Schleppnetze, ein Segenfischer wird von dem Angelfischer unterschieden. (Erwin Volkmann: Die deutsche Stadt im Spiegel alter Gassennamen, S. 85.)“

 


 

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Ein paar Anmerkungen

Eindeutig sind die Beobachtungen (ein treibender Baumstamm, ein Riesenfisch, ein Höcker mit Flossen) nicht ausreichend, um sich ein Bild des Geschöpfes zu machen. Das traf auch im Sommer 1933 auf den Loch Ness zu, wo wir tatsächlich ähnlich divergierende Beschreibungen finden (treibender Baumstamm, Boot kieloben, Krokodil, ein bis zwanzig Höcker, Riesenfisch). Offenbar haben Augenzeugen die Tendenz, ganz unterschiedliche Phänomene einer einzigen Ursache zuzuschreiben, und die finden sie oft genug in der traditionellen Vorstellung, dass im Wasser große Fische hausen. Was dann jeweils die Meldung auslöste, lässt sich im Nachhinein schwer vorstellen.

Aber ein Ungeheuer im Attersee, besonders ein so eindrucksvolles, hätte man eigentlich, wenn nicht früher, dann wenigsten danach, noch einmal sehen sollen. Demnach spricht vieles dafür, dass es sich nicht um ein reales Lebewesen gehandelt hat.

 

Hinterland
Auch aus dem Hinterland, dem Salzkammergut ist einiges an Sagen bekannt, aber ein Seeungeheuer ist nicht dabei.

 

Einzig die Beobachtung aus Weyregg, mit der die Episode begann, könnte eine Erklärung finden. Im Attersee gibt es, wie in vielen Seen vergleichbarer Größe, interne Seiche-Wellen. Sie können manches Mal die Oberfläche erreichen. Dramatisch zeigte sich diese Erscheinung am 24. Juli 1930 zwischen 16.00 und 18.00 Uhr. Damals berichtete die „Kleine Volks-Zeitung“ am 26. Juli 1930 auf Seite 6:

 

 

„Ebbe und Flut am Attersee.

Das Wasser um mehr als zehn Meter zurückgetreten. – Ein seltsames Naturphänomen

Das Wasser des Attersees ist, wie uns aus Schörfling, 25. d., gemeldet wird, Donnerstag in der Zeit von 1L5 bis 5 Uhr nachmittags an den seichten Stellen plötzlich über zehn Meter zurückgetreten. Das Wasser des Agerflusses, der vom See abfließt, strömte Plötzlich in den See zurück, und es hatte den Anschein, als würde die Ager in den See münden. Die Fahrzeuge, die sich in der Ager befanden, gerieten auf Grund. Ein kleiner, flußabwärts fahrender Trauner mußte die größten Anstrengungen machen, um nicht mit dem plötzlich flußaufwärts strömenden Wasser gegen den See zurückgetriebcn zu werden. Auch gestern ebbte der Seespiegel an den seichten Stellen in gewissen Zwischenräumen noch ab und flutete dann zurück.

 

Der ganze Vorgang erweckt den Anschein einer plötzlich eingetretenen Ebbe und Flut am Attersee; er wurde nur in der Gegend Kammer-Seewalchen beobachtet, in Unterach wurde dieses Phänomen bis jetzt nicht wahrgenommen. Weitere Nachrichten besagen, daß die Schwankungsdauer vorgestern etwa eine Viertelstunde betragen hat; gestern ist die Schwingungshöhe des Wasserspiegels schon viel geringer gewesen. Hiezu wird von der hydrographischen Landesabteilung mitgeteilt, daß es sich offenbar um sogenannte ‚stehende Wellen‘ handelt.

 

Heckwelle eines Schiffes
Deutlich sichtbare Heckwelle eines Schiffes, die sich durch unterschiedliche Strömungsgebiete fortsetzt.

‚Stehende Wellen.‘

Mitteilungen von Oberbaurat Dr. Rosenauer, Hydrographische Landesabteilung Linz.

 

 

Oberbaurat Rosenauer von der Hydrographischen Landesabteilung Linz machte einem unsrer Mitarbeiter über das Phänomen, das von Laien mit dem italienischen Erdbeben in Zusammenhang gebracht wurde, folgende Mitteilungen:

Die sogenannten ‚stehenden Wellen‘ sind zuerst am Genfer See beobachtet und von Professor Forel genau untersucht worden. Dort werden sie 1 bis 1’70 Meter hoch. Diese Erscheinung entsteht durch eine rasche Aenderung des Luftdruckes oder durch böige Winde, die auf die Seefläche niederstürzen, jedenfalls nicht durch Erdbeben. Denkt man sich die Seeoberfläche etwa als ein Schaukelbrett und stellt sich vor, daß auf die eine Seite dieses Brettes plötzlich ein starker Druck ausgeübt wird, während auf der andern Seite keine Veränderung vor sich geht, dann hat man ungefähr die Vorstellung dessen, was die Wissenschaft als ‚stehende Welle‘ bezeichnet. Durch die Einwirkung des Luftdruckes wird der im Gleichgewicht befindliche Seespiegel aus seiner Lage gebracht und schwingt nun ähnlich wie das Schaukelbrett oder ein Wagebalken auf und ab, bis nach einer gewissen Zeit, oft erst nach Tagen, wieder Ruhe eintritt. Die anscheinend ruhige Oberfläche der Seen ist konstant in einer solchen schaukelnden Bewegung, ähnlich wie Wasser in einem flachen Becken, auch wenn das Becken ruhig steht, hin und her schwingt.

 

Im allgemeinen sind aber die Schwingungen der Seen so geringfügig, daß sie kaum bemerkt werden. Die Dauer der Schwingungen ist bei jedem See eine ganz bestimmte, wie bei einem Pendel, und kann genau ausgerechnet werden. Sie beträgt beim Attersee rund 21 Minuten, da sich aber auch Schwingungsknoten bilden können, ist auch ein Vielfaches dieser Schwingungsdauer denkbar. Es ist natürlich auch möglich, daß Querschwingungen eintreten, die aber eins andre Schwingungsdauer haben. Diese beträgt beim Attersee dreieinhalb Stunden. Verbindungen von Längs- und Querschichtungen sind, wenn sie auftreten, sehr kompliziert zu berechnen. Die Höhe einer solchen Seespiegelschwankung ist an den Enden meist am größten. Sie betrug am Attersee bisher kaum mehr als zehn Zentimeter. Donnerstag wurde aber eine ausnahmsweise hohe Schwingung beobachtet, deren Ausmaß noch nicht genau festgestellt ist, die aber insgesamt zwanzig bis dreißig Zentimeter nicht überstiegen haben dürfte. An flach abfallenden Uferstellen kann sich diese Niveausenkung ohne weiteres in der Weise bemerkbar gemacht haben, daß das Wasser plötzlich meterweit zurückwich. Die Schwingungsdauer der donnerstägigen Erscheinung war die dem Attersee zugeordnete, die zu sehen gewesene Ebbe ist also nichts Unnatürliches. Die Luftdruckverteilung und rasche Aenderung des Luftdruckes waren derart, daß das sonst normale Phänomen übersteigert wurde und etwas größere Dimensionen annahm.“

 

 

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Die Sagen aus dem Rheinisch-Bergischen Grenzgebiet um Solingen und Leverkusen  berichten nicht selten von ungewöhnlichen, seltsamen, oft beunruhigenden Dingen, Gestalten oder Vorgängen. Sagenspezialist Ulrich Magin hat sie in der „Burg des Zwergenkönigs“ zusammengetragen. Ihre Protagonisten – die Erzähler und die ihn bedrohenden übernatürlichen Wesen werden den Leser mit ihren Heldentaten begeistern.

 

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Diese Erscheinung machte weltweit Schlagzeilen – so berichtete die „Lewiston Daily Sun” am 25. Juli 1930:

 

 

„UNGLAUBLICH, ABER WAHR. EIN FLUSS FLIESST BERGAUF.

Linz, Österreich, 25. Juli – (AP) – Das erstaunliche Schauspiel eines Flusses, der bergauf floss, wurde gestern von Urlaubern hier gesehen.

Das Wasser des Attersees zog sich zurück, und das seltsame Phänomen brachte den Fluss Ager, der im See entspringt, dazu, rückwärts zu fließen.

Viele Boote auf dem See und an der Flussmündung strandeten. Das hydrographische Institut sagte, der Vorfall habe keinen Zusammenhang mit dem italienischen Erdbeben.“

 

 

Die identische Agenturmeldung findet sich auch in der „New York Times” am 26. Juli 1930, S. 30 (Austrian River in Reverse Leaves Many Boats Stranded) und im Hartford Courant vom 26. Juli 1930 (River Flows Up Hill As Visitors Gape).

 

Im See selbst dürfte eine solche Seiche eine mehr oder weniger geraden Wellenkamm zeigen, der die Oberfläche entlangrast – genau das, was auch von Weyregg aus beobachtet wurde. Auch die Sage, dass sich im See ein großer Fisch wälzt, „dann schäumt der See wild auf und wirft große Wellen, ohne daß auch nur ein säuselnder Wind zu bemerken wäre“ deutet auf Seiche-Erscheinungen hin. (Auch vom schottischen Loch Tay schrieb man in der frühen Neuzeit, er erzeuge „Wellen ohne Wind“.)