RosenkopfentenEin Paar der Rosenkopfente - Abbildung aus Journal of the Bombay History Society Volume 18, Illustrator Henrik Grönvold, 1907 (gemeinfrei)
Lesedauer: etwa 15 Minuten

Die Rosenkopfente ist eine große Tauchente, die vermutlich ausgestorben ist. Mit 60 cm Gesamtlänge ist sie deutlich größer als die in Mitteleuropa heimische Kolbenente (Netta rufina)[1], die als ihre nächste Verwandte gilt.

Wie auch die Kolbenente ist die Rosenkopfente unter halbwegs akzeptablen Beobachtungsbedingungen unverwechselbar. Der Körper und Hals sind lang und schlank, die Flügel eher kurz. Bemerkenswert ist eine charakteristische Körperhaltung, die von mehreren Beobachtern als „starrhalsig“ oder ähnlich beschrieben wird, woran viele Beobachter sie schon von Weitem erkannt haben, ohne dass Färbung oder Zeichnung erkennbar waren.

Die Färbung und Zeichnung der Rosenkopfente sind einzigartig. Sie ist die einzige Entenart, deren Männchen ein auffälliges, dunkles Rosa am Kopf tragen. Dieses Rosa kontrastiert mit der schokoladenbraunen Grundfarbe des anderen Gefieders. Lediglich an den Flügeln tragen sie eine helle Armdecke und rosafarbene Schwungfedern.

Die Weibchen sollten der Fleckschnabelente (Anas poecilorhyncha) sehr ähnlich gesehen haben. Beobachter beschreiben die Unterschiede als so gering, dass sie sie im Flug nur unter guten Bedingungen unterscheiden konnten. So ist auch hier die helle Armdecke der Rosenkopfente charakteristisch, bei der Fleckenschnabelente ist diese grün. Auch die Weibchen der Rosenkopfente haben rosafarbene Schwungfedern.

Kasten: Unser Tier des Monats

Auch in diesem Jahr haben wir wieder einen Kalender zur Kryptozoologie herausgebracht. Thema in diesem Jahr sind neuzeitlich ausgestorbene Tiere.

 

Wir haben in diesem Jahr 13 wunderschöne Aquarelle, Tuschezeichnungen, Stiche und Ölgemälde von neuzeitlich ausgestorbenen Tieren vom Gilb der Zeit befreit, ihre Farben wieder zum Glänzen gebracht und sie für den Kalender aufbereitet.
Da die Kalenderblätter nur Platz für eine kurze Information bieten, haben wir gemeinsam mit dem Sequoia Verlag beschlossen, das jeweilige Tier des Kalenderblattes hier als „Tier des Monats“ vorzustellen.

 

Rhodonessa oder Netta, wie ist die Rosenkopfente einzuordnen?

Wie viele Enten aus den ersten Jahrzehnten der binominalen Nomenklatur wurde auch die Rosenkopfente in der Gattung Anas als Anas caryophyllacea beschrieben. Erstbeschreiber war der britische Arzt und Naturalist John Latham, bereits 1790.

Heinrich Gottlieb Ludwig Reichenbach[2], ein deutscher Botaniker, Ornithologe und Illustrator stellte für die Rosenkopfente die Gattung Rhodonessa auf.

 

Kopf der Rosenkopfente
Kopf der Rosenkopfente Rhodonessa caryophllacea, W.T. Blandford in Fauna of British India, Vol. 4: Birds, 1898

 

Eine genetische Untersuchung hat herausgebracht, dass die Rosenkopfente Rhodonessa caryophyllacea die Schwesterart zu allen Tauchenten darstellt. Sie war die einzige Überlebende einer Linie, die vor 2,8 Millionen Jahren abgespalten wurde. Sie ist die einzige Art in der Schwesterkladde aller heutigen Tafelenten und gehört zu einer Linie, die sich vor mehr als 2,8 Millionen Jahren von den anderen abspaltete.

Ericson et al. nehmen an, dass Rhodonessa caryophyllacea in der Neuzeit nie sehr häufig war, und belegen in ihrer Arbeit, dass das wahrscheinlich schon seit 100.000 Jahren der Fall ist. Ihre Ergebnisse legen nahe, dass die effektive Populationsgröße während der letzten 150.000 Jahre des Pleistozäns zwischen 15.000 und 25.000 Individuen schwankte. Die Gründe hierfür sind weitgehend unbekannt, da über die Lebensgeschichte und Biologie dieser Art nur sehr wenig bekannt ist. Vermutlich liegen die reduzierenden Faktoren in der Ernährung oder Fortpflanzung verborgen, wirklich wissen wird man es vermutlich nie, denn wie Rosenkopfenten lebten, ist unbekannt.

 

Vorkommen

Vorkommen der Rosenkopfente
Vorkommen der Rosenkopfente; Illustration: Shymal 2009, gemeinfrei

Die Rosenkopfente kam vor allem in den Tieflandbereichen in Indien und Bangladesh vor, ihr Verbreitungsgebiet schloss aber auch angrenzende Gebiete in Indien am Bramaputra und Ganges, in Nepal und im Norden von Myanmar / Burma vor. In historischer Zeit war die Rosenkopfente offenbar noch weiter verbreitet.
Es gibt Einzelberichte von Funden weiter südlich in Indien.

Möglicherweise unternahmen die Tiere saisonale Wanderungen, was historische Nachweise im Punjab, Maharashtra und Andhra Pradesh erklären würde.

Offenbar war die Rosenkopfente an Teiche mit Elefantengras-Umgebung gebunden. Sie baute ihre Nester in solchen Grasfeldern, und blieb auch außerhalb der Brutzeit mit Elefantengras assoziiert.

 

Lebensweise

Über die Lebensweise der Rosenkopfente ist nicht viel bekannt. Anders als die meisten Entenvögel hielt sie sich tagsüber eher am Rand der Gewässer auf und war wenig aktiv. Die Nahrungssuche fand laut Jerdon vor allem nachts statt. Hauptsächlich gründelte sie, wie die nahe verwandte Kolbenente vor allem höhere Wasserpflanzen und Armleuchteralgen. Ihre Nahrung hatte aber vermutlich einen höheren tierischen Anteil als bei der Verwandten, sie tauchte auch nach Muscheln und kleinen Krebstieren. Shillingford vermutet aufgrund des Schnabelbaus eine weitgehend tierische Ernährung.

Auffällig ist, dass die Rosenkopfente zu allen Jahreszeiten eher „unter sich“ blieb und offenbar nicht die großen Ansammlungen wandernder Wasservögel suchte, die sich typischerweise in Winterquartieren bildeten.

Einige Beobachter berichten, dass die Tiere in kleinen Gruppen von üblicherweise 4 bis 10, selten 20 bis 40 Tieren leben. Im April bis September würden sie Paare bilden. Die Rosenkopfente trug kein Prachtkleid, sondern zeigte die auffälligen und für Entenvögel ungewöhnlichen Farben das ganze Jahr über. Durch die rosafarbenen Unterflügeldecken sind die Tiere stets gut erkennbar.

In Käfighaltung hat die Balz bzw. das Imponierverhalten der Männchen dem der Stockenten geähnelt, sei jedoch einfacher, so Humphrey & Ripley. Delacour beschreibt das Balzverhalten wie folgt: Die Männchen ziehen den Kopf zwischen die Schultern und stellen das Kopfgefieder auf. Danach wird der Hals hochgestreckt und die Tiere rufen.

Humphrey & Ripley beurteilen das Balzverhalten als sehr ursprünglich, es gleiche dem einer Tauchente, zu denen die Rosenkopfente heute gezählt wird.

 

Paar der Rosenkopfente
eine weitere Illustration der Rosenkopfente, aus Indian sporting Birds, 1915. Illustratoren: Frank Finn, Allan O. Hume, Charles H.T. Marshall, gemeinfrei

 

Über die Brutzeit herrscht in der Literatur Uneinigkeit. Delacour berichtet, dass die Rosenkopfente im Juni und Juli brütet, während Humphrey & Ripley von April schreiben. Sie beschreiben das Nest im Elefantengras, manchmal auch in einiger Entfernung zum Wasser. Auch über die Größe und Form des Nestes gibt es unterschiedliche Angaben. Delacour beschreibt es als rund, aus trockenem Gras und Federn in hohem Gras. Die deutschsprachige Wikipedia gibt ohne Quelle einen Durchmesser von 2 m an.[3] Einen Absatz weiter nennt sie 23 cm Durchmesser mit einer Nistmuldentiefe von 10 bis 12,5 cm (4 bis 5 inch?). Dies ist weitaus glaubhafter.
Bemerkenswert sind die nahezu kugelrunden Eier, was die alten Beobachter auch bestätigen. Sie messen etwa 46 x 42 mm und hellgrau (bei der Kolbenente misst ein Ei etwa 59 x 42 mm). Die Gelegegröße liegt je nach Autor „zwischen 5 und 10 Eiern“  oder bei „etwa 9“. Vermutlich brütete das Weibchen alleine, das Männchen blieb jedoch einigen Beobachtungen zufolge in der Nähe des Nestes. Dies kommt bei Enten selten vor, auch die nahe verwandte Kolbenente zeigt dieses Verhalten.

Wie lange Brut und Aufzucht der Jungen dauerten, ist nicht bekannt. Kolbenenten brüten im Durchschnitt 26 Tage, die Eier der Rosenkopfente sind jedoch etwas kleiner, vielleicht hat sie etwas kürzer gebrütet.

 

Über die Qualität des Fleisches der Rosenkopfente gibt es unterschiedliche Angaben, es scheint jedoch allgemein nicht sehr geschätzt worden zu sein.

 

 

Verschwinden

Das Verschwinden der Rosenkopfente ist bis heute rätselhaft. In der Zeit vor der britischen Eroberung Indiens war sie nie wirklich häufig. Einen ersten Hinweis liefert die von Ericson et al. postulierte, relativ geringe Populationsgröße der Rosenkopfente von nur 15.000 bis 25.000 Tieren, ohne menschlichen Einfluss. Als relativ große Ente mit auffälligem Gefieder war sie bei westlichen Vogeljägern, -sammlern, – liebhabern und Ornithologen beliebt, wenn sie auch als wenig schmackhaft galt. Ihr Niedergang begann bereits im 18. Jahrhundert  und beschleunigte sich im 19. und 20. Jahrhundert deutlich.

Wahrscheinlich ist zudem, dass die Verschmutzung der Flüsse in ihrem Lebensraum, Ganges und Yamuna für die Rosenkopfente ein Problem war. Was die Tiere fraßen, ist unsicher. Der Schnabel legt eine Ernährung hauptsächlich von Muscheln nahe. Süßwassermuscheln als Filtrierer reagieren jedoch empfindlich auf bestimmte Formen der Wasserverschmutzung. Im 19. und frühen 20. Jahrhunderts stieg die Zahl der Stadtbewohner sowohl im Oberlauf (Delhi / Neu Delhi) wie auch am Unterlauf (Kalkutta) des Ganges durch Landflucht massiv an. Kläranlagen gab es nicht, dafür wuchs auch die Industrie an den Ufern des Flusses und seiner Nebenflüsse – und mit ihr die Verschmutzung. Heute ist der Ganges einer der am stärksten verschmutzten Flüsse weltweit. Dies wiederum betrifft aber nur einen Teil der Vorkommen im Ganges-Brahmaputra-Delta im heutigen Bangladesh und schon gar nicht mögliche Vorkommen in Myanmar.

Ebenso wichtig scheint die Vernichtung großer Elefantengrasbestände gewesen zu sein. Die wachsende Bevölkerung musste ernährt werden, Reis, Hirse, Bohnen, Kichererbsen und Weiden wurden in den Elefantengras-Dschungeln angebaut, in denen die Rosenkopfente lebte.

Als weiterer Faktor könnte die Einfuhr der Wasserhyazinthe Eichhornia crassipes Mitte der 1890er Jahre aus Südamerika gewesen sein. Die Schwimmpflanze wurde wegen ihrer attraktiven Blüten als Zierpflanze für Teiche in Parks und Palastanlagen eingeführt, aber verwilderte schnell und überwucherte ganze Flussarme. Die darunter liegende Unterwasservegetation bekam kein Licht mehr und starb ab. In den dichten, verfilzten Teppichen können Enten kaum schwimmen, kleinere Vögel laufen einfach drüber.

 

Hier kamen also mehrere Faktoren zusammen, die die Rosenkopfente in Bedrängnis brachten: Allgemeine Seltenheit vor der Entdeckung, Jagd, Gewässerverschmutzung und Lebensraumverlust. Möglicherweise hätte sie die Chance gehabt, einen dieser Faktoren sogar zu überleben, aber in der Summe wurde der Druck zu groß. So starb die Rosenkopfente irgendwann in der Mitte des 20. Jahrhunderts aus.

 

Die letzte (bekannte) Rosenkopfente

Die letzte, bisher bekannte Rosenkopfente wurde 1935 in oder eher bei Dabhanga, in der Region Bihar in Indien geschossen. Der Jäger, Mr. C.M. Inglis wusste nicht einmal, was für einen Vogel er erschossen hatte. Erst als sein Hund ihm die Beute brachte, erkannte er die damals als sehr selten geltende Rosenkopfente. Zunächst verliert sich die Spur dieses Tieres, aber kurze Zeit später tauchte ein Exemplar in einem staatlichen Museum in Madras auf. Dies ist 1500 km südlicher, in Südindien. Ob es sich um das selbe Tier handelt, ob es ein Balg, eine Dermoplastik, ein Alkoholpräparat oder tiefgefroren war, ist unklar.
In diesem Museum wurde das Exemplar als Dermoplastik bis mindestens in die 1980er Jahre ausgestellt. Was dann damit geschah, ist ebenfalls unklar.

Nach 1935 kam es gelegentlich zu weiteren Beobachtungen. Die Wikipedia nennt einen „letzte(n) gesicherte(n) Nachweis“ aus dem Jahr 1949, ohne dies mit einer Quelle zu belegen. Weitere unbestätigte Berichte soll es bis in die frühen 1960er Jahre gegeben haben. Der amerikanische Birder und Kryptozoologe Rory Nugent will Rosenkopfenten 1988 gemeinsam mit Shankar Barua aus New Delhi an den Ufern im Brahmaputra-Delta gesehen haben. Nugent ist in der Kryptozoologie für seine Mokele-Mbembe-Exepedition 1985 bekannt, bei der er angeblich Fotos des zentralafrikanischen Kryptids anfertigen konnte. Diese Bilder gelten heute selbst in der Kryptozoologie als unglaubwürdig.

 

Rosenkopfenten in Cléres, Frankreich
Rosenkopfenten im Aviarium von Jean Théodore Delacour in Clères (France). Foto: David Seth-Smith, ca. 1925, gefunden bei harteman.nl

 

Die Rosenkopfente in menschlicher Obhut

Aufgrund ihrer außergewöhnlichen Färbung unternahmen Vogelliebhaber und Zoos sehr bald Versuche, die Rosenkopfente zu halten und zu züchten. Die Haltung gelang am besten in Volieren in ihrem natürlichen Lebensraum, aber auch in Europa hatten einige Zoos Erfolge bei der Pflege. Der Zoo Berlin unter Oscar Heinroth pflegte einen Erpel zwischen 1907 und 1908, in Frankreich, Le Parc de Cléres wurden insgesamt 2 Paare zwischen 1929 und 1931 gepflegt. Die Tiere wurden von Alfred Ezra beschafft.

 

Rosenkopfenten
Rosenkopfenten aus der Sammlung von Alfred Ezra in Foxwarren. Foto: Salim Ali, 1929, gefunden bei harteman.nl

 

Im „Mutterland“ Indiens, in Großbritannien kam man etwas leichter an die Tiere. Hier gab es den ersten Haltungsversuch 1874, als am 12.01. ein Paar importiert wurde. Die Entin verstarb am 11.03., der Erpel drei Tage später. Dies deutet auf Vorschädigung durch den Transport oder Pflegefehler hin.
Die zweite Haltung in London war erfolgreicher. Am 17.08. kamen 1,2 Tiere an, der Erpel verstarb am 29.01. des Folgejahres und wurde am 24.09. ersetzt. Zwei weitere Tiere verstarben im Sommer 1901. Weitere Haltungsversuche gab es in London nicht.
In Großbritannien gab es eine weitere Haltung, 1892 erhielt der Lilford Park in Oundle 1,2 Tiere, von denen mindestens ein Tier bis 1900, ggf. länger überlebte.

Rosenkopfenten in Museen

Rosenkopfenten sind natürlich auch in Museumssammlungen zu finden. Die folgende Liste ist alles andere als vollständig und nicht jedes aufgeführte Museum zeigt seine Rosenkopfente(n) in einer Schausammlung. Da die Tiere vermutlich ausgestorben sind, werden die vorhandenen Exemplare mit allergrößter Vorsicht behandelt.

 

Rosenkopfente
Dieses Präparat aus dem Naturalis in Leiden (NL) bietet einen guten Eindruck der auffälligen, kräftigen Färbung der Rosenkopfente, auch wenn sie vermutlich hier schon ausgeblichen ist. Foto: Huub Veldhuijzen van Zanten/Naturalis Biodiversity Center; CC-BY-SA 3.0

 

Wir konnten Rosenkopfenten definitiv in folgenden Museumssammlungen finden:

  • Naturhistorisches Museum Berlin
  • Senckenberg Museum, Frankfurt
  • Natural History Museum in Tring, England
  • Natural History Museum, London, England (Schausammlung)
  • World Museum, Liverpool, England
  • National Museum of Scotland, Edinburgh (Schausammlung)
  • Naturalis Biodiversity Center, Leiden, Niederlande
  • State Museum of Natural History, Stockholm, Schweden
  • Muséum national d’histoire naturelle, Paris (Schausammlung)
  • Musée Zoologique in Strasburg, Frankreich
  • La Specola, Florenz (Schausammlung)
  • Government Museum, Chennai, Indien
  • Bombay Natural History Society, Indien
  • American Museum of Natural History, New York, USA
  • Smithsonian Inst. im U.S. National Museum, Washington, USA
  • Peabody Museum of Natural History, New Haven, USA

Oder ist sie doch noch da draußen?

In Indien ist die Rosenkopfente definitiv ausgestorben. Die IUCN führt sie jedoch nach wie vor als Critically Endangered, also „vom Aussterben bedroht“. Da der letzte sichere Nachweis von 1949 stammt, müsste sie nach den eigenen Regeln eigentlich seit 1999 als ausgestorben gelten. Da auch die IUCN teilweise wie eine Behörde arbeitet, kann es natürlich sein, dass man die Änderung des Status einfach 25 Jahre lang übersehen oder vergessen hat … gäbe es nicht Berichte aus Myanmar / Burma.

 

Hinterindien

Dieses Land grenzt an der „anderen Seite“ an das große Ganges / Brahmaputra-Delta und bietet sehr ähnliche Lebensräume, wie sie in Indien von der Rosenkopfente besiedelt wurden. Es ist aber weitaus weniger bevölkert, urbar gemacht und erforscht worden. So kam es erst in den Jahren 2003 und 2005 zu Expeditionen von Bird Life International, die speziell auch die Suche nach der Rosenkopfente als Ziel hatten. Reisen im Norden Myanmars sind aus mehreren Gründen schwierig. Das sehr autoritäre Regime erschwert die Reisen, da man hier eine wie auch immer geartete Beobachtung oder gar Einmischung befürchtet, die Korruption im Hinterland ist hoch. Hinzu kommt, dass überall im Land, jedoch vor allem an der Grenze zu Laos und Thailand Schlafmohn zur Opium- und Heroinproduktion angebaut wird. Ebenso werden in illegalen Labors Amphetamine in großen Mengen produziert und über die etablierten Wege des Heroinschmuggels vertrieben. Auch Wilderei im großen (Nashörner, Elfenbein, Tiger) wie im kleinen (Insekten, Vögel, Fledermäuse) Maßstab sowie der Transit von Wildereiprodukten spielen eine große Rolle in der Schattenwirtschaft des Landes.

Um so höher ist die Leistung von Andrew Tordorff und seinem Team einzuschätzen, das 2003 und 2005 in Myanmar nach der Rosenkopfente gesucht hat. Insbesondere aus den Tiefländer von Kachin gibt es historische Berichte. In der aus diesen Expeditionen entstandenen Paper berichtet Tordorff von den ersten gezielten Bemühungen, den Status der Art in Myanmar zu bewerten. Zwei Museumsexemplare bestätigen dabei, dass die Art in Myanmar zumindest gelegentlich vorkam. Ob sie dorthin wanderte, ist damit jedoch nicht nachweisbar.

Letztlich konnten Tordorff und sein Team nicht nachweisen, dass die Art heute noch in Myanmar vorkommt. Er konnte eine begrenzte Zahl zweifelhafter Beweise sammeln, darunter zwei mögliche, aber unbestätigte Sichtungen. Daher schließt er nicht aus, dass die Art in den Kachin-Tiefländern und vielleicht noch in anderen Teilen Myanmars immer noch vorkommen könnte. Die zurückgezogene Lebensweise, Seltenheit, mögliche Nachtaktivität und die Undurchdringlichkeit der Lebensräume machen es schwierig, die Art überhaupt zu erfassen. Möglicherweise ist sie dadurch in alten und aktuellen Berichten stark unterrepräsentiert, schreit Tordorff weiter. Letztlich konnte er keinen belastbaren Beweis für das Überleben der Rosenkopfente in Myanmar liefern, schließt aber mit der Forderung nach weiterer Forschungsarbeit vor Ort.

 


 

[1] Ob die Kolbenente (Netta rufina) tatsächlich in Mitteleuropa einheimisch ist oder erst vor Kurzem hier eingewandert ist, ist eine spannende Frage der einheimischen Kryptozoologie. Es gibt Hinweise darauf, dass sie hier erst in den letzten 100 Jahren auftauchte. Wir bleiben am Ball.

[2] Heinrich Gottlieb Ludwig Reichenbach, meist nur Ludwig Reichenbach (08.01.1793 – 17.03.1879), deutscher Zoologe, Botaniker und Naturwissenschaftler. Direktor der zoologischen Sammlung, Dresden, Leiter des Botanischen Gartens, Dresden und Mitbegründer der Naturforschenden Gesellschaft zu Leipzig, Mitglied der Leopoldina. Reichenberg wurde durch sein Streben einer natürlichen Systematik bekannt und veröffentlichte eine ungeheure Vielzahl von Werken. Sein bekanntestes Werk ist wohl die „Vollständige Naturgeschichte der Säugetiere und Vögel“. Ludwig Reichenbach ist aufgrund seiner genauen Beobachtungen, kunstvollen Aquarelle und nicht zuletzt wegen seines enormen Schaffensdranges einer der bedeutendsten Naturforscher Deutschlands. In Großbritannien ist er unter anderem bekannt wegen seiner Aufträge an den Glaskünstler Leopold Blaschka, Modelle von marinen Invertebraten zu bauen. Blaschka baute in der Folge zahlreiche weitere Modelle, die eine wesentliche Rolle in der britischen Zoologie und Wissenschaftskultur spielen.
Er war nicht von Adel und ist trotz seines nachhaltigen Erfolges nie geadelt worden. Mit dem populäreren Ernst Freiherr Stromer von Reichenbach, Entdecker der ersten Spinosaurus-Knochen ist er nicht verwandt.

[3]Hier liegt sicher ein Fehler vor. Keine der historischen Quellen nennt so ein auffällig großes Nest. Hätten die Beobachter so etwas ungewöhnlich großes gefunden, hätten sie es vermerkt.

 

Quellen

Harteman, Jan: Harteman Wildfowl www-Publikation
Hume, J.P.: A high price to pay: new light on the extinction of the Pink-headed Duck Rhodonessa caryophyllacea; Forktail 33 (2017): 56-63 https://www.researchgate.net/profile/Julian-Hume/publication/326982084_A_high_price_to_pay_new_light_on_the_extinction_of_the_Pink-headed_Duck_Rhodonessa_caryophyllacea/links/5b6fe844a6fdcc87df72cd24/A-high-price-to-pay-new-light-on-the-extinction-of-the-Pink-headed-Duck-Rhodonessa-caryophyllacea.pdf
Humphrey, P.S. & Ripley, S.D.: The affinities of the pink-headed duck (Rhodonessa caryophyllacea) Postilla Yale Peabody Museum 61, 1962, https://archive.org/details/postilla611962peab/page/n1/mode/2up
Krishnan, Anand. (2022). Pink-headed Duck (Rhodonessa caryophyllacea). 10.2173/bow.pihduc1.02. Link
Salim, Ali: The pink headed duck Rhodonessa caryophllacea by The Wildfowl Trust, 1960
Tordorff, A.W. et al.: The historical and current status of Pink-headed Duck Rhodonessa caryophyllacae in Myanmar: Bird Conservation International (2008): 18:38-52; doi: 10.1017/S0959270908000063
Wikipedia zu Myanmar https://de.wikipedia.org/wiki/Myanmar
Wikipedia zum Ravennagras https://de.wikipedia.org/wiki/Ravennagras
Wikipedia zur Rosenkopfente https://de.wikipedia.org/wiki/Rosenkopfente
Wikipedia zur Wasserhyazinthe https://de.wikipedia.org/wiki/Dickstielige_Wasserhyazinthe

Weiterführende Literatur

Ericson, Per & Qu, Yanhua & Blom, Mozes & Johansson, Ulf & Irestedt, Martin. (2017). A genomic perspective of the pink-headed duck Rhodonessa caryophyllacea suggests a long history of low effective population size. Scientific Reports. 7. 10.1038/s41598-017-16975-1. Link
Hoyo, Josep & Collar, Nigel & Kirwan, Guy. (2020). Pink-headed Duck (Rhodonessa caryophyllacea). Birds of the World. 10.2173/bow.pihduc1.01. Link

Von Tobias Möser

Tobias Möser hat Biologie, Geologie und Wirtschaftswissenschaften studiert. Schon als Kind war er vor allem an großen Tieren, Dinosauriern, später Walen interessiert. Mit der Kryptozoologie kam er erst 2003 in näheren Kontakt. Seit dieser Zeit hat er sich vor allem mit den Wasserbewohnern und dem nordamerikanischen Sasquatch befasst. Sein heutiger Schwerpunkt ist neben der Entstehung und Tradierung von Legenden immer noch die Entdeckung „neuer“, unbekannter Arten. 2019 hat er diese Website aufgebaut und leitet seit dem die Redaktion.