• Category Archives Dinosaurier
  • Blau, blau, blau sind alle meine Kleider… auch vor 48 Millionen Jahren war blau schon schick!

    Über die Farben fossiler Tiere wurde in der Vergangenheit viel diskutiert. Man versuchte, die Färbung aller möglichen Tiere analog zu rezenten Tieren zu rekonstruieren. Mit dieser „Aktualismus“ genannten Methode kann man logisch auf Farben und Farbmuster schließen (und auf alles mögliche andere im Leben eines fossilen Tieres). Sie gilt als recht erfolgreich, auch wenn es bisher fast unmöglich ist, die Ergebnisse zu beweisen. So wird auch ein historisches Freiwassertier einen dunklen Rücken und hellen Bauch getragen haben, Ornamente wie Federn, Haarbüschel oder Hornstrukturen waren nicht nur auffällige Formen, sondern sicher auch bunt gefärbt. Alleine es fehlt: Der Beweis.

    Bunte Federn aus der Vergangenheit

    Kleiner, braun gestreifeter Dino am Bodem
    Sinosaropteryx prima, C: Nobu Tamura

    2010 veröffentlichten Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Nature, dass beim gefiederten Dinosaurier Sinosauropteryx prima* Protofedern gefunden wurden. Doch nicht nur das, die Wissenschaftler um den britischen Wirbeltierpaläontologen Michael Benton und Fucheng Zhang fanden auch Melanosomen. Diese Körperchen geben den Federn heutiger Vögel Farben. Sie konnten sogar die unterschiedliche Verteilung von Melanosomen eine Bänderung des Schwanzes nachweisen. Sinosauropteryx hatte offenbar eine rotbraune Grundfarbe, sein Schwanz war heller und dunkler gebändert. Sein Körper war am Rücken heller als am Bauch und er trug eine dunkle Gesichtsmaske.

    Bei Archaeopteryx lithographica hat man nach diesem Fund ziemlich bald nachgeforscht und zahlreiche Melanosomen, also dunkle Federn festgestellt. Möglicherweise war der Urvogel nicht nur so groß wie eine Krähe, sondern zumindest teilweise so gefärbt. Der bekannte Gleitflieger Microraptor gui trug schwarze Federn mit bläulichem Schimmer an.

    Völlig anders hingegen bei… nein, man versetze sich einfach 48 Millionen Jahre zurück in die Vergangenheit:

    Somewhere over the rainbow

    Auch vor 48 Millionen Jahren erzeugte die Sonne einen Regenbogen, als ihre Strahlen an diesem Abend durch den Sprühnebel eines vergangen Gewitters fielen. Es ist unklar, ob der kleine, blaue Vogel ihn als Symbol für besseres Wetter interpretierte und ob er ihn überhaupt wahrnahm. Vom Gewitter überrascht hatte er im dichten Wald Zuflucht gesucht. Der Regen hatte ihn beinahe verschont, die paar Spritzer, die er im Geäst des großblättigen Baumes abbekommen hatte, waren von seinem Gefieder abgeperlt, wie nichts. Den Insekten hingegen hatten die Tropfen übel mitgespielt. Viele von ihnen hatte das Wetter zu Boden gerissen, nicht wenige waren verletzt. Eine einfache Mahlzeit für so einen cleveren Vogel wie Eocoracias brachyptera. Mit ein paar Flügelschlägen landete er am Boden und fing an, in der Streuschicht nach verletzten oder desorientierten Insekten zu stöbern. Lange musste er nicht suchen, und schon bald war er satt. Doch irgendwas fühlte sich anders an, ihm wurde immer wieder schwindelig. Doch kaum hatte er sich in die Luft erhoben und war einige Meter über den Waldsee geflogen, stieg unter ihm eine Blase auf, dem kleinen blauen Vogel wurde wieder schummerig, er stürzte in den See …

    Blau ist und bleibt selten!

    … und kam erst 48 Millionen Jahre später wieder ans Tageslicht, denn zum Glück war Eocoracias brachyptera fossiliert. Der Vogel gilt als Verwandter der modernen Racken. Mit ihm konservierte der berühmteste fossile See der Weltgeschichte auch den ältesten Beweis für blaue Federn. Der Messelsee war vor 48 Millionen Jahren eine Art vulkanischer See ohne Ablauf, vergleichbar den Eifelmaaren. Wie bei ihnen trat aus dem Untergrund vulkanisches Kohlendioxid an die Oberfläche. Anders als bei den Maaren geschah das in Messen nicht kontinuierlich, sondern in unterschiedlichen Abständen, dann aber mit sehr großen Mengen. Ein Gewitter könnte also eine solche Gasblase im Untergrund des Sees gelöst haben, die dann den Vogel aus dem Himmel holte.

    Blauracke auf einer Singwarte
    Hier sitzt eine Blauracke auf einem Busch. Blaue Vögel sind selten und daher bei Birdwatchern begehrt.

    Die Forscher konnten auf die blaue Farbe von E. brachyptera nur schließen, weil sie das Fossil mit seinen modernen Verwandten, den Raken, vergleichen konnten. Winzige Strukturen, die in den versteinerten Federn erhalten sind, ähneln jenen, die modernen Vögeln je nach ihrer Anordnung entweder blaue oder graue Farbtöne verleihen. Blaue Federn sind generell ungewöhnlich: Von den 61 Linien lebender Vögel haben nur 10 Linien blaue Federn entwickelt.

    Da moderne Rackenvögel jedoch blaue und keine graue Federn aufweisen, folgern die Forscher, dass der alte Vogel tiefblau war. Es ist das erste Mal, dass Wissenschaftler eine solche Federfarbe aus dem Fossilienbestand rekonstruieren konnten.
    Die modernen Rackenvögel (Coraciiformes) umschließen einige der buntesten Familien der Vögel überhaupt, darunter die Eisvögel und die Bienenfresser. Die eigentlichen Racken sind heute von Südeuropa bis Australien in warmen und tropischen Gebieten verbreitet. Die Blauracke war in Deutschland in der Mini-Warmzeit zwischen 1774–1824 weit verbreitet und ein regelmäßiger Brutvogel. Danach nahmen die Bestände sukzessive ab, 1990 erlosch das letzte Brutvorkommen in der Lausitz, 1994 gab es die letzte erfolgreiche Brut in Baden-Württemberg. Seit dem gilt sie nicht mehr als Brutvogel in Deutschland.

    Neue Antworten – neue Fragen

    Aufgrund der Unsicherheit im Bezug auf blaue und graue Farbe, sinkt die Genauigkeit der Vorhersagemodelle für fossile Farben von 82% auf 61,9%. Bisher war man davon ausgegangen, dass die bekannten Strukturen für blau und grau nur grau hervorgebracht haben. Jetzt muss man davon ausgehen, dass sie grau oder blau hervorgebracht haben könnten. Die sinkende Genauigkeit klingt wie ein Rückschritt, ist aber für das Verständnis der Tiere ein Fortschritt.

    „Ich sehe das Paper so, dass ich eine sehr kleine, direkte Anwendung bemerke, wohl aber eine breite indirekte Anwendung.“, sagt Ryan Carney, ein Paläontologe der Universität von Südflorida, der den gefiederten Dinosaurier Archaeopteryx einschließlich seiner Färbung untersucht.

    Mal wieder: eine bunte Revolution

    Nicht nur die oben bereits erwähnten Melanosomen sind für die bunten Farben verantwortlich, sondern auch Strukturfarben. Auch das Strukturpotein Keratin kann das Licht so streuen, dass nur bestimmte Farben zurückgeworfen werden. So kommen die herrlichen Glanzfarben auf dem Gefieder eines Pfaues, aber auch eines Stares und eines Aras zustande.

    Im tropischen Dschungel um den Messel-See war Blau wohl ebenfalls zu sehen.

    Quelle: Nationalgeographic mit einem wunderschönen Bild


    * Warum wir wissenschaftliche Namen nicht kursiv schreiben:

    Uns ist selbstverständlich bekannt, dass wissenschaftliche Namen in Texten kursiv geschrieben werden. Wir würden das auch hier gerne machen, leider hat unser Template genau in dieser Funktion einen Bug (technischen Fehler). Dieser Fehler sorgt dafür, dass eine kursive Formatierung immer gleichzeitig fett hervorgehoben wird. Außerdem wird im Fließtext, jedoch nicht in Kurzzusammenfassungen und Suchmaschinentexten ein weiteres Leerzeichen vor und hinter dem Text angezeigt.
    Daher haben wir uns entschieden, wissenschaftliche Namen nicht kursiv zu schreiben, bis wir eine Lösung für das Problem gefunden haben.


  • Ein zweiter Urvogel aus dem Solnhofener Plattenkalk

    Der Archaeopteryx aus dem Solnhofener Plattenkalk ist als „DER Urvogel“ eine Ikone der Paläontologie und der Evolutionsbiologie. Doch jetzt haben Oliver Rauhut et al. einen bisher unbekannten Urvogel beschrieben, der flugtechnisch dem Archaeopteryx ein gutes Stück voraus war.

    Bisher kennt man von der Alcmonavis poeschli genannten Art nur einen Flügel. „Wir hatten erst angenommen, dass auch dieses Exemplar ein Archaeopteryx ist, und haben es uns bei der Untersuchung nicht leicht gemacht. Es sind Ähnlichkeiten da, aber seine fossilen Reste lassen vermuten, dass es sich um einen etwas höher entwickelten Vogel handelt“, so Oliver Rauhut, Professor für Paläontologie und Geologie an der LMU München und der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie.

    Die neu beschriebene Art

    Übersichtsfoto des Holotyps von Alcmonavis poeschli
    Die Abbildung zeigt einen Flügel von Alcmonavis poeschli, wie er in den Plattenkalkablagerungen gefunden wurde. Alcmonavis poeschli ist der zweite bekannte flugfähige Vogel aus der Periode des Jura. (Bildrechte: O. Rauhut, LMU/SNSB)

    Alcmonavis poeschli war etwas größer als Archaeopteryx, er konnte auch besser fliegen: „Muskelansatzstellen am Flügel deuten auf ein verbessertes Flugvermögen hin“, sagt Rauhut. Alcmonavis poeschli weist mehrere Merkmale auf, die Archaeopteryx nicht hat, jüngere Vögel aber schon. Diese deuten auf eine bessere Anpassung an den aktiven Flatterflug hin. Da bisher nur wenige Knochen aus dem Handbereich bekannt sind, können die Wissenschaftler über den Rest des Tieres naturgemäß wenig sagen. Das Fossil zeigt noch Krallen an den Fingern, wie sie auch bei Archaeopteryx vorkommen.

    Neue Aspekte bei der Entstehung des Fluges

    Christian Foth von der Université de Fribourg (Schweiz), einer der Koautoren der Studie unterstreicht die Bedeutung des Fundes: „Seine Anpassungen zeigen, dass die Evolution des Fluges relativ schnell vorangeschritten sein muss.“ Die Autoren der Erstbeschreibung meinen, dass dieser Fund die Hypothese unterstützt, der Flatterflug sei direkt entstanden und keine Weiterentwicklung des Gleitfluges. Weitere Untersuchungen seien hier aber notwendig.

    Das Fossil stammt aus dem Steinbruch am Schaudiberg in Mörnsheim. In denselben Schichten des Plattenkalkes wurde das elfte Fossil (Daiting Exemplar) des Archaeopteryx gefunden. Die beiden Urvogelarten lebten offenbar nebeneinander oder in Konkurrenz im Solnhofener Archipelago, einer subtropischen, aber trockenen Lagunenlandschaft.

    Der Gattungsname setzt sich aus der keltischen Bezeichnung Alcmona für die Altmühl und avis für Vogel zusammen. Der Artname ehrt Roland Pöschl, der die Ausgrabungen leitet.

     

    Links:

    Abstract der Erstbeschreibung bei eLife 2019;8:e43789 doi: 10.7554/eLife.43789


    Dieser Beitrag ist parallel mit einem Beitrag auf www.tobias-moeser.de entstanden und nutzt dieselben Quellen.


  • Die Fledersaurier – eine bizarre, kaum bekannte Dinogruppe

    Vor etwa 163 Millionen Jahren, im mittleren Jura lebte in den Wäldern des alten Chinas ein Dinosaurier, der ungewöhnlicher kaum sein konnte. Wer nach einem Riesen oder wenigstens nach einem hüfthohen Tier Ausschau hielt, hat ihn leicht übersehen: Ambopteryx longibrachium erreichte eine Kopf-Rumpf-Länge von ca. 15 cm, dazu kommt ein langer Schwanz. Vermutlich lebte er, wie sie, in den Bäumen, ernährte sich aber räuberisch.

    Ein Baumgleiter

    Weder der bezahnte Schnabel noch die Befiederung, die den ganzen Körper bedeckte, machen das Tier zu einer Sensation. Aber die verlängerten Arme, die eine fledermausartige Flughaut trugen, sind nahezu einzigartig! Anders als die meisten kleinen Therpopden hatte Ambopteryx keinen langen Schwanz. Sein Körper endete in einem kurzen, muskulösen Anhang, dem Pygostyl, aus dem vier lange Federn herausragten. Der kleine Fledersaurier war damit hervorragend ausgerüstet, um auf Bäume zu klettern und von Ast zu Ast zu gleiten. Zu einem aktiven Flug war er vermutlich nicht fähig. Er glich in seiner Lebensweise vermutlich den rezenten Gleithörnchen oder Gleitbeutlern – nur lebte er teilweise räuberisch.


    Video der Erstbeschreiber über den neu beschriebenen Fledersaurier

    Kein Pterosaurier

    Mit den hautflügeligen Pterosauriern oder Flugsauriern war der Ambopteryx nicht näher verwandt. Diese Gruppe hatte sich lange vor dem Jura von den Dinosauriern getrennt. Sie unterschieden sich von den Dinosauriern durch einen anderen Schädelbau. Ein besonders abgeleitetes Merkmal der Dinosaurier, die rückwärts orientierte Schultergelenkspfanne ist bei den Pterosauriern nicht vorhanden. Mit den bekannten Gattungen Pterosaurus, Quetzalcoatlus oder Ornithocheirus haben die Fledersaurier also nichts zu tun.

    Eine ganze Gruppe Fledersaurier

    Silhouette mit den gefundenen Knochen von Epidendrosaurus
    Epidendrosaurus-Silhouette mit den gefundenen Knochen. Das Tier hatte noch einen langen Schwanz. Man kann hier eine deutliche Entwicklung erkennen: Die Arme werden länger, die Schwänze kürzer und die Schnauze beugt sich nach unten und wird verkürzt.

    Silhouette von Epidexipteryx mit den gefundenen Knochen. By Jaime A Headden, CC 3.0
    Silhouette von Epidexipteryx mit den gefundenen Knochen. Der Schwanz ist deutlich reduziert.

    Silhouette vonYi qi mit den gefundenen Knochen. By Jaime A Headden, CC 3.0
    Silhouette von Epidexipteryx mit den gefundenen Knochen. Der Schwanz ist weiter reduziert, die Arme verlängert und das Handgelenk trägt einen Sporn als Neubildung.

    Epidendrosaurus

    Ambopteryx steht jedoch nicht alleine da. Sein ältester bekannter Verwandter ist unter dem Namen Epidendrosaurus ningchenensis bekannt. Seine wenigen Funde sind zwischen 167,7 und 150,8 Millionen Jahre alt. Interessanterweise kennt man ausschließlich Jungtiere von der Größe eines Spatzen. Er ist der Wissenschaft seit dem Jahr 2002 bekannt. Sein herausragendes Merkmal ist der verlängerte dritte Finger. Konservativ geht man davon aus, dass Epidendrosaurus hiermit in der Borke oder Grabgängen im Holz nach Insekten gesucht hat, analog zum rezenten Fingertier. Sein Schwanz war noch sehr lang.
    Umstritten ist die Gattung Scansoriopteryx, die Epidendrosaurus sehr ähnelt. Möglicherweise handelt es sich bei Scansoriopteryx heilmanni um ein etwas älteres Exemplar von Epidendrosaurus ningchenensis.

    Epidexipteryx

    Seit 2008 ist Epidexipteryx hui bekannt. Sie ist ähnlich alt wie Epidendrosaurus und verfügte ebenfalls über verlängerte dritte Finger. Ihr Schwanz war aber bereits sehr kurz und trug vier lange bandartige Federn. Epidexipteryx war etwa so groß wie eine Taube, vollständig befiedert und konnte sicher nicht fliegen. Von Epidexipteryx hui ist nur ein einziges Exemplar bekannt.

    Yi qi, der Gleiter

    Zum Gleitflug fähig war aber der kaum jüngere Yi qi. Er lebte vermutlich vor 166,1 bis 157,3 Millionen Jahren in China. Mit etwa 380 g war er ungefähr so groß wie eine Dohle. Sein Schwanz war kurz und verfügte vermutlich ebenfalls über die charakteristischen vier Bandfedern. Seine nach unten gebogene Schnauze hatte nur wenige Zähne und ähnelte sehr einem Schnabel. Ein Alleinstellungsmerkmal ist ein spornartiger Knochen des Handgelenkes, der nach hinten gerichtet ist. Vermutlich diente er als Spannelement für die Gleitflughaut des Tieres. Yi qi ist vollständig befiedert gewesen, jedoch waren die Federn einfach und pinselartig und hatten keine besondere aerodynamische Funktion. Am Unterarm waren sie bis auf 6 cm verlängert.
    Die Gleitflughaut spannte sich zwischen den Fingern und dem Knochensporn des Handgelenkes. Möglicherweise erreichte sie den Körper und sogar das Hinterbein, ist in diesem Bereich jedoch nicht fossil überliefert.

    Vermutlich sah Yi qi auf den ersten Blick einer modernen Fledermaus recht ähnlich, wenn man die bandartigen Federn des Schwanzes ignoriert. Diese waren vermutlich zur Kontrolle der Fluglage notwendig.

    Ambopteryx, der kleine Gleiter

    Die neu beschriebene Art Ambopteryx longibrachium war mit nur 15 cm Körperlänge deutlich kleiner als Yi qi. Auch sie verfügt über den Knochensporn am Handgelenk.

    Zur äußeren Systematik

    Derzeit werden die Scansoriopterygidae als Schwestergruppe der Averaptora gezählt. Diese Gruppe enthält die Dromaeosauridae, Troodontidae und die Aviale. Man geht also davon aus, dass sie weniger vogelähnlich waren, als beispielsweise Deinonychus. Insgesamt ist die Position der Fledersaurier aber nicht gut belegt. Hierzu sind zu wenige Arten mit zu wenigen Exemplaren bekannt, die auch noch unvollständig sind. Vorgängerformen fehlen bisher völlig.

    Epidexipteryx_hui_slab by Kumiko Tokyo CC 2.0
    Originalfossil von Epidexipteryx hui

    Größenvergleich der Fledersaurier By Matthey Martyniuk CC 40
    Größenvergleich der Fledersaurier
    Grün: Yi qi
    Orange: Epidexipteryx
    Rot: Epidendrosaurus

    Gleitschirm mit kleinem Bremsschirm

    Ein bisschen Zahlenschubserei

    Über die Flugfähigkeit von Yi qi und nun auch Ambopteryx longibrachium werden Paläo-Biomechaniker noch eine Weile rechnen. Für Zahlenfetischisten sei folgendes angemerkt: Als oberste Grenze der Flächenbelastung für den Vogelflug gelten (derzeit) 2,5 g/cm². Je geringer die Flächenbelastung ist, desto langsamer kann das Tier fliegen und um so mehr Reserve steht für Flugmanöver zur Verfügung.

    Um die Flächenbelastung der Flughäute bei Yi zu berechnen, setzten die Wissenschaftler drei Modelle ein:

    • Das Gleitfroschmodell, bei dem die Flughäute nur zwischen den Fingern und dem Sporn verläuft
    • Das Maniraptormodell, bei dem ein schmaler Flügel ähnlich der Vorderflügel von Maniraptor gui angenommen wurde
    • Das Fledermausmodell, bei dem die Flughaut einen breiten, fledermausartigen Flügel formte.

    Die Flächenbelastung beim Gleitfroschmodell war so hoch, dass man hier kaum von einem Gleitflug sprechen kann, es wäre eher zu einem gebremsten Absturz gekommen, vergleichbar einem Wingsuit. Das Maniraptormodell lieferte eine Flächenbelastung, die bei etwa 1,2 g/cm² lag. Das ist auf dem Niveau einer Ente – einem schnellen, aber nur begrenzt wenigen Flieger.
    Das Fledermausmodell lieferte eine Flächenbelastung von 0,6 g/cm², was einem typischen Meeresvogel entspricht – diese können stunden-, teilweise tagelange Gleitflüge absolvieren.

    3D-Renderung von Ambopteryx
    Photo credit: Min Wang, Institute of Vertebrate Paleontology and Paleoanthropology, Chinese Academy of Sciences

    Die Steuerung

    Ein weiteres Problem beim Flug ist die Lage des Schwerpunktes und des Auftriebspunktes. Der Schwerpunkt liegt bei Gleitern, die im vorderen Bereich einen durchgehenden Flügel (oder im Fall von Yi zwei gegenüberliegende Flügel) haben, vor dem Flügel.

    Die Reduktion des schweren und langen (Hebelwirkung!) Schwanzes deutet bereits auf eine Verbesserung der Gleitfähigkeit auf dem Weg von Epidendrosaurus zu Yi hin. Vermutlich hat dies aber nicht ausgereicht, um Yi eine stabile Fluglage zu ermöglichen. Hier spielen die vier bandartigen Federn eine entscheidende Rolle. Sie haben einen großen Luftwiderstand, und „ziehen“ den ganzen Körper nach hinten. Hierdurch wird er stabilisiert, vergleichbar dem kleinen Bremsfallschirm, der an älteren Gleitschirmen hängt. Analog ist hier die Funktion eines Treibankers im Wasser.


    Fledersaurier-Spekulation

    Da dies eine kryptozoologische Seite ist, kann ich ein wenig spekulieren. Yi und Ambopteryx waren vollständig befiedert, haben ein Pygostyl und waren vermutlich hervorragend gleitflugfähig. Sie traten etwa 10 Millionen Jahre vor Archaeopteryx auf, wenn auch fast am anderen Ende der Welt. Bemerkenswerterweise genau an dem Ende der Welt, an dem die ersten Pygostylier unter den Vögeln gefunden wurden.
    Bisher stellt man Archaeopteryx mehr oder weniger ins Zentrum des Saurier-Vogel-Übergangsfeldes, da er etwa zur Hälfte Merkmale beider Extreme aufweist. Jetzt taucht 10 Millionen Jahre früher ein kleiner Dinosaurier auf, der in vielen Merkmalen bereits vogelähnlicher war, jedoch auch typische -andere – Sauriermerkmale trägt…

    Wer weiß, was passiert wäre, hätten die Fledersaurier als Präadaptation bereits Konturfedern gehabt. Hätten wir heute zwei verschiedene Gruppen Dinos an den Vogelhäuschen sitzen?


    Links:

    Erstbeschreibung bei nature (paywall)

    Yahoo-Bericht mit einigen Abbildungen

     


  • Scotty, der größte Tyrannosaurus rex wird ausgestellt

    Wissenschaftler des Royal Saskatchewan Museum in Regina, Kanada haben die Ausgrabung eines neuen Tyrannosaurus-Skelettes publiziert. Das Skelett hat den Namen „Scotty“ und die Sammlungsnummer RSM P2523.8 bekommen. Es ist zu etwa 70% vollständig. Paläontologen haben es bereits 1991 entdeckt und bis 1994 ausgegraben. Da es jedoch in extrem harten Sandstein eingebettet war, haben die Präparatoren des Museums sehr lange gebraucht, um es freizulegen.
    Nach einigen Studien wurde „Scotty“ jetzt der Öffentlichkeit vorgestellt. Das Skelett ist ab 21. Mai 2019 im T.rex Discovery Center des Royal Saskatchewan Museum in Eastend, Saskatchewan zu besichtigen.

    Bei dem Tier handelte es sich um einen wahren König. Es gehörte zum robusten der beiden Phänotypen an – und es war riesig. Zahlreiche Messwerte des Skelettes, unter anderem Schädel, Hüfte und der Extremitäten unterstreichen dies. Sie übertreffen die bekannten Messwerte aller T. rex-Funde und auch aller anderen terrestrischen Therpoden. Scotty brachte es auf über 13 m Länge und wog nach Angaben der Wissenschaftler vermutlich etwa 8800 kg.

    Ein ausgewachsenes Tier

     

    Dinosaurierskelett in einem halbfertigen Museum
    Tyrannosaurus rex „Scotty“ im T.rex Discovery Center in Eastend, Saskatchewan, Kanada

    Tyrannosaurus rex Skelett „Scotty“ im Royal Saskatchewan Museum

    Histologische Untersuchungen des Wadenbeins (Fibula) zeigen, dass das Skelett des Tieres ausgewachsen war. Es erreichte das bisher höchste bekannte Lebensalter unter den Tyrannosauriern: 30 Jahre. Das Referenzexemplar „Sue“ (FMNH PR 2081) aus dem Field Museum of Natural History in Chicago galt bisher als der größte Tyrannosaurier. Sue maß (je nach Angabe) 12,3 m bis 12,9 m und wog laut FNMH etwa 6400 kg. Das Tier wurde 28 Jahre alt.

    Wie Sue und viele andere untersuchte, große Therpoden hatte Scotty in seinem Leben einige ordentliche Blessuren gesammelt: Das Tier hatte einige gebrochene und verheilte Rippen und Bisswunden am Schwanz. Außerdem litt es unter einer Infektion am Kiefer. Offenbar waren große Raubsaurier nicht gerade zart besaitet.

    RSM P2523.8 lässt die Forscher spekulieren, dass bisher gefundenen Skelette auch anderer Dinosaurierarten nicht das erreichbare Größenmaximum anzeigen. Mit anderen Worten: nicht immer werden die größten Vertreter ihrer Art gefunden.

    Dynamische Abbildung des Skelettes von Scotty
    „Scotty“ ist der größte Tyrannosaurus, der bisher gefunden wurde, das Tier mit den meisten Lebensjahren und dem höchsten Gewicht.

    Tyrannosaurus rex Skelett „Scotty“ im Royal Saskatchewan Museum

    Hintergrund-Info

    robuster Phänotyp

    Bei Tyrannosaurus rex sind zwei Formen des Körperbaues bekannt, ein robuster und ein graziler Phänotyp oder Morphe. Der robuste Phänotyp ist etwas größer, seine Knochen sind insgesamt schwerer.
    Eine Möglichkeit, dieses Phänomen zu interpretieren, geht in Richtung Geschlechtsunterschiede. Ähnlich wie bei modernen Greifvögeln werden die grazilen Exemplare als Männchen und die robusten als Weibchen angesehen. Dies ist jedoch umstritten, wirkliche fossile Hinweise gibt es darauf nicht. Andere Interpretationen gehen in Richtung einer geographischen Verteilung: die robusteren Tiere kamen weiter im Norden vor, analog vieler moderner Tiere, z.B. den Braunbären. Eine dritte Interpretation besagt, dass Tyrannosaurier kurz vor dem Ende des Wachstums noch einmal einen Wachstumsschub bekamen und sich dann noch vom grazilen zum robusten Phänotyp wandelten, eine zweite Pupertät sozusagen.

    Jede dieser Interpretationen hat weitreichende Folgen für das Bild der Tyrannosaurier.

    Namen und Geschlecht

    Bisher sind die Namen, die man individuellen Tyrannosaurus-Skeletten gibt, mehr oder weniger zufällig gewählt. Sie lassen keinen Rückschluss auf das Geschlecht der Tiere zu. Der einzige Tyrannosaurier, dessen Geschlecht sicher bekannt ist, ist B-rex (MOR 1125). Bei diesem Tier ist Weichgewebe erhalten geblieben, auch Calcium-Speichergewebe. Dieses dient dazu, die Produktion von Eierschalen mit Calcium zu versorgen. Bei weiblichen Vögeln kommt dieses Gewebe vor, bei männlichen nicht. Daraus schließen die Forscher, dass es sich bei B-rex um ein Weibchen handelte.

    Größe und Gewicht

    Bei der Schätzung von Länge und Gewicht von Dinosauriern gibt es oft massive Unterschiede. Bei der Länge spielen zahlreiche Faktoren eine Rolle: Körperhaltung, wieviel Weichteilgewebe zwischen den Wirbeln erwartet wird, also wie dick die Bandscheiben waren.

    Da das Gewicht in der dritten Potenz von der Länge abhängt, wirken sich bereits geringe Unterschiede in der Länge massiv im Gewicht aus. Wenn ein 1 m lange (hypothetischer) Dinosaurier 20 kg wiegt, wiegt ein gleich gebauter bei 110 cm Länge bereits 26,62 kg und ein 2 m langes Tier 160 kg.

    Hinzu kommen Interpretationen: wie stark waren die Muskeln, wie groß waren die Organe, wieviel Binde- und Fettgewebe hatte das Tier, und bei Dinosauriern: Wie stark waren Knochen und Weichgewebe pneumatisiert?

    Ein Abstract des Artikels ist unter https://doi.org/10.1002/ar.24118 zu finden.

    Zur Ausstellung von „Scotty“ im T.rex Discovery-Center geht es hier.

    Bildnachweis: Tourism Saskatchewan, University of Alberta