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Gastbeitrag: Das schwierige Verhältnis der Zoologie zur Kryptozoologie

Diesen Gastbeitrag aus Matt Bille’s Blog „Matt’s Sci/Tech Blog“ haben wir aus dem Englischen übernommen.

 

Autor ist: Matt Bille

 

Das schwierige Verhältnis der Zoologie zur Kryptozoologie

Ich mag Kryptozoologen, zumindest im Allgemeinen. Ich mag ihren nicht zu tötenden Optimismus, auch wenn er unvernünftig wird. Leute, die Rucksäcke umschnallen und in die Wälder wandern, in der Hoffnung, einen Sasquatch zu treffen, suchen zumindest nach etwas aus erster Hand. Dass Sasquatch-Jäger (ich will mich nicht nur auf „den Großen“ konzentrieren, aber er beherrscht das Thema wie ein Gigantopithecus eine Gruppe Zwergseidenäffchen) bisher nichts zur Zoologie beigetragen haben, hält mich nicht davon ab, sie zu unterstützen. Ich hoffe immer, dass sie trotz der überwältigenden Wahrscheinlichkeit, dass ein riesiges nordamerikanisches Säugetier unentdeckt bleibt, harte Beweise finden werden.

 

„Patty“, das Wesen im Patterson & Gimlin-Film, 1967 konnte nie falsifiziert werden – und ist eine Ikone der US-Kryptozoologie. Sie ist sehr auf Bigfoot / Sasquatch orientiert.

 

Falsifizierbare Hypothesen

Ich habe zuvor argumentiert, dass die Kryptozoologie theoretisch wissenschaftlich ist, allerdings sieht die Praxis anders aus. „Hier lebt Tier X“ ist eine falsifizierbare Hypothese. Allzu leicht vergisst man, dass die Kryptozoologie, trotz einer zu Recht kritisierten Überbetonung großer Tiere, ein breiteres wissenschaftliches Ansehen erlangte. Nessie und Sasquatch waren einst ernste Themen, vor allem in den 60er und 70er Jahren. Obwohl mehr Menschen denn je an die Existenz der „Star-Kryptiden“ glauben, setzen sich heute nur noch wenige Wissenschaftler damit auseinander. Das Feld ist durch sensationslüsterne oder gefälschte Fernsehsendungen, endlosen Wiederholungen der gleichen Fälle im Internet und unglaublich viele, kaum ernstzunehmende Berichten über Sasquatch-Sichtungen verbrannt.

 

Litoria mira
In anderen Teilen der Welt entdecken Kryptozoologen sogar regelmäßig unbekannte Tierarten, hier den Schokofrosch Litoria mira aus Papua-Neuguinea (Foto: Steve Richards).

 

Ich bin kein Wissenschaftler oder Feldforscher. Ich bilde meine Meinungen auf der Grundlage von gut 45 Jahren Interesses, Lesens und Diskussion ab. Sie ist in zwei sehr angesehenen Büchern und einem, einem lange verzögerten Dritten erschienen. Ich denke, die Kryptozoologie als Ganzes muss unscharfen Fotos, alten Zeitungen, angeblich verlorenen oder beschlagnahmten Beweisen (Beweise, die nicht vorlegen kann, sind keine!), entwachsen.

 

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Schatten der Existenz

Das Zeitalter der zoologischen Entdeckungen ist noch nicht vorbei. Jedes Jahr werden spektakuläre und aufregende neue Arten lokalisiert und klassifiziert, die unser Wissen über das Tierreich erweitern. Neue Wale, Hirsche, Schlangen, Haie und Vögel sind nur einige der Kreaturen, über die wir in den letzten zehn Jahren gelernt haben. Darüber hinaus verbergen die Meere und Wälder weiterhin ungelöste Geheimnisse der Zoologie. Gibt es in den Wäldern der Welt unentdeckte Großkatzen und nicht klassifizierte Affen? Lauern große Tiere unbekannter Art in tiefen Seen oder in den Ozeanen? Die Entdeckungen, Wiederentdeckungen, Kontroversen und Mysterien der modernen Zoologie sind hier in Shadows of Existence zusammengefasst, einem gründlich recherchierten und aktuellen Führer zu den Wundern der Natur.

 

Shadows of Existence: Discoveries and Speculations in Zoology ist das 2. zoologische Buch von Matt Bille. Es ist 2006 erschienen, hat 320 Seiten und ist nur antiquarisch zu bekommen.

 

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Mich stört der paranormale Faktor

Zu meinem Hauptpunkt: Der Punkt, der mich als Kryptozoologie-Sympathisant am meisten stört, ist der angeblich paranormale, psychische oder parapsychologische Faktor, der für einige Fälle vorgeschlagen wird. Ich bin mir bewusst, dass gesunde Menschen von „Erscheinungen“ berichtet haben, einschließlich tierähnlicher Erscheinungen, die psychischen Kontakt herstellten. Ich habe keinen Einblick in das, was hinter diesem Phänomen steht. Aber ich bin sicher, dass es jeden Zoologen verschreckt, wenn man ihm vorschlägt, dass Paranormales zu seinem Fachgebiet gehört.

 

Alles, was kein physisches Tier betrifft, ist nicht mehr Teil der Kryptozoologie oder gar der Zoologie. In Nick Redferns Buch Monster Diary ist ein Fall aufgeführt, in dem sich eine Säbelzahnkatze beobachtet wurde und sich in Luft aufgelöst hat. Die Tatsache, dass die Erscheinung in Form eines Tieres aufgetreten ist, macht das Ereignis nicht zum Thema der Kryptozoologie. Es kann Parapsychologie oder ein beliebiges anderes Gebiet sein, aber wenn es nicht Zoologie ist, ist es auch keine Kryptozoologie!

 

Sasquatch?
Ein Bilder mit dem vermeintlichen Sasquatch – im Gegensatz zu einer nichtmateriellen Kreatur stand er aber minutenlang still – ein Holzaufsteller vor einer Straßen-Überwachungskamera.

 

Auch Leute, die Sasquatches für nichtmaterielle Kreaturen halten, fallen unter diese Aussage. Das ist dann Teil des Themenbereiches um Erscheinungen, Geister und Paranormales. Das Ganze stellt auch keine falsifizierbare Hypothese dar: Man wird niemals beweisen können, dass eine solche Überzeugung falsch ist. Wenn bei einer gründlichen Suche ein Tier an dem Ort, an dem es gemeldet wurde, nicht gefunden wird, hat das Tier dort entweder nicht existiert oder ist weitergezogen. Einer solcher Überprüfung entzieht sich das Paranormale üblicherweise.

 

 

Echte Beobachtungen mit übernatürlichen Details?

Es gibt ein schönes Beispiel in Vietnam. Es gibt faszinierende Berichte über unbekannte Primaten, die manchmal als „Rock Apes“ bezeichnet werden. Das ist Kryptozoologie. Martin Caidins Buch Natural or Supernatural enthält einen Bericht über affenähnliche Primaten in Vietnam, die von Massenbeschuss automatischer Waffen aus nächster Nähe nicht betroffen waren. Das ist keine Kryptozoologie. (Die Leute haben zweifellos echte Begegnungen mit Tieren gehabt, die sie mit übernatürlichen Details verkleidet haben, aber solange diese Details angebracht sind, kann die Zoologie mit solchen Berichten nichts anfangen.)

 

Rhinopithecus avunculus
Der Tonking-Stumpfnasenaffe Rhinopithecus avunculus ist eine wenig bekannte Affenart aus Vietnam. Leider ist er nicht kugelsicher (Foto: Quyet Le)

 

Ich lehne die Möglichkeit einer immateriellen Realität nicht ab: Da ich an Gott glaube, glaube ich nicht, dass das materielle Universum alles ist, was existiert. Aber eine Erscheinung ist kein Tier. Es kann Berichte geben, dass sie wie ein Tier aussieht, sich sogar so verhält oder sich anhört, aber das ist nicht dasselbe. Die Kryptozoologie wird niemals der Respekt der Zoologie zurückgewinnen, wenn paranormale Wesen ein Teil davon sind. Die Erfahrungen der Menschen mit solchen „tierartigen“ Wesenheiten sind einfach Teil eines anderen Studiengebiets.

 


Der Autor Matt Bille

 

Matt Bille
Matt Bille (Foto: cryptozoonews.com)

Matt Bille ist Autor für Wissenschaft, Geschichte und Belletristik. Er schreibt vor allem zuhause im schönen Colorado Springs, Colorado, USA. Matts Interessen sind vielfältig, aber einige seiner Spezialgebiete sind Weltraum, Kryptozoologie und Landesverteidigung. Neben dem Schreiben von Büchern aktualisiert er regelmäßig Matts Sci-Tech-Blog, aus dem auch diese Kolumne stammt. Nachfolgend sind einige von Matts vielfältigen Leistungen aufgeführt.

 

Von 1982 bis 1994 arbeitete Matt als Offizier der US Air Force vor allem mit der Software von ballistischen Raketen. Nach seinem Ausscheiden 1994 hat ihn die Air Force als zivilen Berater, Analytiker und Forscher weiter beschäftigt.

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Gerüchte der Existenz

Nichts anderes heißt „Rumors of Existence“, mit vollem Titel; Gerüchte der Existenz – Neu entdeckte, vermutlich ausgestorbene und unbestätigte Bewohner des Königreichs der Tiere“ von Matt Bille. In seinem Erstlingswerk zur (Krypto) Zoologie stellt Bille seine persönliche, sehr amerikanische und recht nüchterne Sicht dieses Gebietes der Zoologie dar.
Auch wenn das Werk schon etwas älter ist, lohnt sich das Lesen besonders, denn Bille präsentiert uns andere Standpunkte, die von der oft zitierten, bigfoot-fixierten amerikanischen Kryptozoologie abweichen.

 

Rumors of Existence ist 1995 bei Hancock House erschienen und nur noch antiquarisch zu bekommen. Leider zahlt man bereits höhere Preise für brauchbare Exemplare.

 

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Spätestens seit 1992 beschäftigt sich Matt mit Zoologie, bereits im Jahr 1995 kam sein erstes Sachbuch „Rumors of Existence“ heraus, in dem er sich mit extrem seltenen Tieren befasst. Es folgten weitere Publikationen im Bereich Weltraumwissenschaften und Zoologie.  2006 folgte „Shadows of Existence„. 2008 stand er für eine Episode der Serie MonsterQuest über mysteriöse Bären vor der Kamera. Seine bisher letzte zoologische Veröffentlichung erfolgte 2011 in Form eines Artikels über Marine Monster in Legenden und Folklore.

 

Seinen Blog „Matt’s Sci/Tech Blog“ betreibt er mit großem Aufwand und viel Erfolg seit 2005.




Seeungeheuer in den Alpenseen 4: Der Genfer See

Der Genfer See, Lac Léman, ist mit 581 qkm nach dem Plattensee und vor dem Bodensee der größte See Mitteleuropas. 72 km lang, bis zu 13,8 km breit, im Schnitt 100 m und maximal 309 m tief, liegt er in Form eine Bohne oder Niere an der Grenze der Schweiz zu Frankreich. Genf, Montreux und Lausanne sind die bekanntesten Städte an seinem Ufer.

 

 

Durch viele meiner Veröffentlichungen zieht sich – ausgesprochen oder unausgesprochen – die These, dass sich für jeden See, der nur groß genug ist, auch Sichtungen von Ungeheuern finden lassen, dass das Seeungeheuer also kein biologischer, sondern ein volkskundlicher Fakt ist. Sollte das so sein, sollte das Motiv „Seeungeheuer“ vergesellschaftet mit anderen Erzähltypen und Unterwasser-UFO und sich – als „reale“ Sichtung oder Schwindel – in den Motiven des Riesenfischs, der Seeschlange, der Seejungfrau, des entkommenen Krokodils und des unbekannten U-Boots äußern.

 

Genfer See
Der Genfer See zwischen den Bergen der Alpen

 

Michel Meurger hat in seinem grundlegenden Werk Lake Monster Traditions noch hinzugefügt, dass von Seen generell erzählt wird, sie seien unergründlich tief und stünden unterirdisch mit anderen Seen in Verbindung: Letztendlich sei der See der Eingang zur Anders- oder Totenwelt gewesen, und die große Schlange sei nur eine Äußerung dieser Vorstellung. Ich habe als weiteres Motiv dieser Kette die „versunkene Stadt“ identifiziert.

 

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Lake Monster Traditions

Michel Meurger ist ein französischer Kritiker und Essayist. Als Spezialist für Science-Fiction-Literatur hat er der wissenschaftlichen Vorstellungskraft mehrere Bücher und Artikel gewidmet. Als Direktor der Sammlung „Scientifictions“ bei Encrage Editions erhielt er im November 2007 den Grand Prix de l’Imaginaire „für die durch seine Arbeit geschaffenen Brücken zwischen Frankreich, England und Deutschland.“

 

Lake Monster Traditions: A Cross-cultural Analysis ist 1989 bei TBS the Book Service erschienen und hat 320 Seiten. Es ist derzeit nur antiquarisch zu bekommen. Für gute Exemplare zahlt man etwa 7 bis 10 €.

 

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Ist der Genfer See „unschuldig“?

Dieser kurze Vorbericht ist ein Versuch, diese These an einem bisher unschuldigen Objekt zu testen.

Ich habe Berichte aus der Region des Genfer Sees bislang kaum gesucht oder recherchiert. Sollten meine Vorstellungen aber zutreffen, müssten recht schnell die einzelnen Elemente auch für diesen See nachgewiesen werden können. Das in diesem Artikel enthaltene Material ist das Resultat einer eintägigen Suche im Internet und in meinen ohnehin vorhandenen Unterlagen. Erschwerend kam hinzu, dass ich kein Französisch kann, die Google-Treffer der Stichworte „Lac Leman“ und „Monstre“ also nur oberflächlich auswerten konnte. Hier sind nun die Resultate dieser oberflächlichen Recherche:

 

Caesar erwähnt den See in seinem „Gallischen Krieg“ (1,2,3. 1,8,1. 3,1,1; der römische Name lautete Lemannus lacus), führt aber nichts Bemerkenswertes an.

 

Aus spätrömischer Zeit stammt ein in Genf gefundener Schild mit zwei Delfinen in Drachenform (Geoffrey Ashe: The Quest For Arthur’s Britain. London: Paladin 1971, S. 164), in Vevey findet sich ein – jedoch modernerer –  Seepferdchenbrunnen. Das mag einfach nur am maritimen Ambiente des Sees liegen.

 

Édouard-Marcel Sandoz : Jeunes filles jouant sur des hippocampes, Vevey, Suisse
Der Seepferdchenbrunnen in Vevey (Foto: Traumrune)

… oder doch gefährlich?

Es gibt allerdings Hinweise darauf, dass dem See früher als etwas Gefährliches galt, das zu besänftigen war. Zwei Granitblöcke im Genfer Hafen heißen „Steine des Neptun“, dort wurden in der Bronzezeit den Wassergöttern geopfert. (Federica de Cesco & Kazuyuki Kitamura: Der Genfer See. Silva: Zürich 1989, S. 7 & 19) Schon Johann-Heinrich Zedler schreibt Anfang des 18. Jahrhunderts in seinem Universal-Lexikon: „Bey Genff siehet man 2, aus dem See herfür ragende, und obenher in die Runde gehende Felsen, welche man Pierre Neiton, (Petra oder Ara Neptuni) nennet, auf welchen vor Alters her die Heydnischen Einwohner dieser Gegend dem Neptuno geopffert haben, wie denn einstmals die Fischer an diesem Ort mit ihrem Netze eine Priesterliche Schlacht-Axt und ein Opffer-Messer heraus gezogen haben.“

 

Genf vom See aus
Heute dominiert der bis 140 m hohe Jet d’eau den Ausblick auf Genf.

 

Und über einen anderen Ort am Seeufer schriebt er: „Riva, ein Hafen am Genfer-See im Pais de Vaud, in der Schweiz, nahe bey Lausanne im Canton Bern, allwo man zu Schiffe gehet, wenn man über den Genffer-See fähret. Dieser Hafen wird durch ein festes Schloß beschützet. Es wollen zwar einige vorgeben, daß das Ungeziefer die Schiffahrth gantz beschwerlich mache; allein es befindet sich in der That gantz anders.“ (Zedler, Band 31, Sp. 1835).

 

An einer angeblichen mittelalterlichen Sichtung riesiger Aale im See, die vor allem auf englischen Internet-Seiten kolportiert wird, ist nichts wahr – es handelt sich um eine Erfindung eines britischen Kryptozoologen. (Ulrich Magin: Monsters in Lake Geneva. Flying Snake 16, 2020)

 

Der französische Kryptozoologe Jean-Jacques Barloy erhielt von einem Augenzeugen einen Bericht über das Auftauchen einer Seeschlange in der Bucht von Thonon am französischen Südufer des Genfer Sees: „Ein ‚Ungeheuer’ im Genfer See (Excenevex), 1958 (C. Baroche)“ schreibt er dazu knapp in seinem Newsletter Enquete (Nr. 35).

 

Krokodile und andere Ungeheuer im Genfer See

Krokodile wurden im Juni 1907, August 1950 und Juni 2016 im See gesehen und gejagt. (Ulrich Magin: Monsters in Lake Geneva. Flying Snake 16, 2020 – dieser Artikel listet rund ein Dutzend weiterer Berichte über Monstersichtungen im See auf, die hier nicht erfasst sind.)

 

 

Zur 700. Jahresfeier der Schweiz im August 1991 setzt die Künstlergruppe „Groupe Lac-Bleu“ bei Vevey die Statue einer Seeschlange mit kleinem Kopf, langem Hals und einem Höcker („des Ungeheuers vom Genfer See“) in den See, „um die Bevölkerung zu überraschen“.

 

Als Nummer 20 der Serie „Le Trio de l’Etrange“ ist 2001 ein Roman über ein Monster im Genfer See erschienen, der Kinderkrimi von Francis Valéry: „Le mystère Rosenberg“.

 

Der Werbetext lautet: „Die Geschichte: Wer hat gesagt, Lausanne sei eine ruhige Stadt? Das Trio des Seltsamen kehrt in den Dienst zurück, als eine Welle kollektiver Halluzinationen die Stadt erfasst. Erstens werden die Drachenskulpturen plötzlich lebendig und fliegen am Markttag davon. Dann bringt ein unmögliches Seemonster das Segelboot unserer Freunde auf dem Genfer See fast zum Kentern. Das einzige, was diese Erscheinungen gemeinsam haben, ist ein junges rothaariges Mädchen, das ein lustiges Notizbuch hat … Ein Notizbuch, das den Schlüssel zu diesem neuen Geheimnis enthalten könnte.“

 

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Was machte ein Indianer 1923 in Genf?

Bei einer Hausdurchsuchung findet Staatsanwältin Ursula Haldimann ein fleckiges altes Foto: Ein Indianer, mit Federschmuck auf dem Kopf, sitzt an einem Tisch in einer Schweizer Stube. Er blickt Ursula selbstbewusst entgegen. Wer ist dieser Mann?

 

Hinter dem Bild verbirgt sich eine unglaubliche Geschichte: Deskaheh, Chief der Irokesen, kommt 1923 nach Europa. Es ist seine letzte Chance, das Land seines Volkes im Norden Amerikas vor der Besetzung der Weißen zu retten. Vom Völkerbund in Genf verspricht er sich Hilfe.

 

Ein Irokese am Genfersee ist ein Kriminalroman, Politthriller, Reportage und literarische Parabel. Er ist 2020 im Unionsverlag erschienen und hat 192 Seiten.

 

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Aus der gleichen Zeit stammt wohl eine französische Internet-Seite mit Web-Schwindeln, die auch ein Foto des „Monsters vom Genfer See“ enthält. Webmaster der Seite ist ein Dominique Morlet, die Aufnahmen stammen von Morlet Bourges. „Ich zeige hier einige sehr seltsame Postkarten. Betrug oder Wirklichkeit? Die letzte Karte ist ein Foto des Ungeheuers … vom Genfer See!“, lautet der Text, das Foto selbst konnte ich nicht abrufen (http://www.tronches-de-net.com/zoom/86.php).

Hat auch der Genfer See eine Seiche?

In einer Diskussion zu Sichtungen von Ungeheuern im Lago Maggiore im alten Forum der Internet-Seite „Der einsame Schütze“ schrieb am 7. Mai 2003 der User Demon, dass er ähnliche Höcker wie die von anderen Usern beobachteten auch gesehen hätte: „Dieses Phänomen habe ich selbst schon beobachtet, aber nicht nur am Lago Maggiore, sondern auch am Genfersee und (mehr als einmal) auch am Zürichsee.

 

Heckwelle eines Schiffes
Deutlich sichtbare Heckwelle eines Schiffes, die sich durch unterschiedliche Strömungsgebiete fortsetzt.

 

Bei der Wissenschaft ist es als ‚Zeiche’ (ausgesprochen Sesch) oder auch ‚die drei Schwestern’ bekannt und sorgt immer wieder auf allen möglichen Seen zu Sichtungen von Ungeheuern. Je flacher der See übrigens ist, umso eher tritt es auch auf. Im wesentlichen ist es nicht mehr als eine durch flachen Wind ausgelöste Welle, die wie zwei, meistens drei, ‚Buckel’ aussehen. Für genauere Infos müsste ich meine Bücher wälzen gehen, falls dies gewünscht wird. Die ‚drei Schwestern’ können übrigens genügend gross werden und Wucht besitzen, um ein Schiff zum kentern und sinken zu bringen, wie es schon oft auf den Great Lakes in den USA passiert ist. Die Ureinwohner um die Seen glauben, dass diese Wellen durch einen Riesigen Stör hervorgerufen werden, der in den Tiefen der Seen ruht. (Siehe dazu auch ‚The Great Lakes Triangle’)“


Nachtrag Tobias Möser:

Ein Feuer als kulturelles Ereignis

Am 4. Dezember 1971 war die Rockband Deep Purple in Montreux, um ein neues Album aufzunehmen. Sie bezogen ein Nebengebäude des Casinos von Montreux. An diesem Abend gaben Frank Zappa und The Mothers of Invention ein Konzert in diesem Casino, während dessen ein Feuer ausbrach. Überlieferungen zufolge hatte es ein Fan mit einer Signalpistole die Decke des Saals in Brand gesetzt. Der komplette Gebäudekomplex mit dem Equipment der Mothers brannte nieder.  „Funky Claude“, der im Lied erwähnt wird, war Claude Nobs, der Direktor des Montreux Jazz Festivals. Er half tatkräftig bei der Evakuierung der Halle.

Der Titel des Songs, Smoke on the Water, bezieht sich auf den Rauch, der sich über dem Genfersee ausbreitete. Die Musiker von Deep Purple konnten ihn in ihrem Hotel beobachten. Neben „Funky Claude“ finden sich zahlreiche weitere Anspielungen auf den mutmaßlichen Ablauf des Ereignisses.

 




Das Montauk-Monster und wieso es so bekannt ist

Das Montauk-Monster ist ein stehender Begriff in der Kryptozoologie, ebenso wie der Bigfoot, Nessie oder irgendwelche Meeresschlangen. Dabei ist das Rätsel um dieses Tier längst zur allgemeinen Zufriedenheit gelöst. Eine solche Lösung wie beim Montauk-Monster (siehe unten) führt normalerweise dazu, dass ein solches Wesen aus dem Reich der Kryptozoologie ins Reich des Vergessens gelangt.

Wieso das beim Montauk-Monster nicht so ist, versucht dieser Bericht aufzuarbeiten.

Montauk Lighthouse
Der Leuchtturm von Montauk (Foto: A. Montemurro)

Montauk, der Ort

Montauk liegt im US-Bundesstaat New York, am äußersten östlichen Rand von Long Island, etwa 3 Auto- oder Bahnstunden von der Stadt New York entfernt. Damit ist der nur etwa 3300 Einwohner große Ort für mehr als 15 Millionen Menschen innerhalb einer Zeit erreichbar, die viele US-Amerikaner für einen Wochenend-Trip akzeptieren.

 

 

Bereits 1895 war Montauk von New York aus mit der Bahn zu erreichen. Die beginnende Elektrifizierung der Linie machte 1925 den Unternehmer Carl Graham Fisher auf Montauk aufmerksam. Er begann 1926, den Ort in ein Feriendomizil umzuwandeln. Damit hatte er bereits beim Fischerort Miami Beach großen Erfolg gehabt. Hierzu erwarb er große Teile des östlichen  Montauks und erbaute zunächst das Luxushotel Montauk Manor und einen Jachthafen. Weitere Gebäude kamen dazu, die heute alle anders genutzt werden, als von Fisher geplant. Nach dem Börsenkrach des Jahres 1929 ging sein Unternehmen im Jahre 1932 bankrott.

 

Hotel Montauk Manor
Das von Carl Fisher erbaute Hotel Montauk Manor ist heute noch bekannt (Foto: Beyond My Ken)

 

Bei Montauk befand sich eine US-Luftwaffenbasis, die 1969 geschlossen wurde. Heute steht das Gelände unter Naturschutz. In einem Bunker unterhalb der Anlagen liegt Camp Hero. Um diesen Radarstützpunkt kursieren mehrere Verschwörungstheorien. Nach außen hin sichtbar ist noch die letzte, über 80 t schwere Radarantenne des Luftraumaufklärungsradars AN/FPS-35.

 

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Lonely Planet: New York

Die Lonely Planet Reiseführer gelten zu Recht als die besten der Welt. Anders als viele Massenprodukte werden sie von Einheimischen geschrieben und nicht auf der Basis der Empfehlungen der Tourismusbüros recherchiert.
Genauso ist es bei der New Yorker Ausgabe. Natürlich gibt es alle Infos zu den üblichen Sehenswürdigkeiten, aber eben auch Orte, die abseits der Touristenpfade liegen, werden ausgiebig beschrieben.

 

Der Lonely Planet Reiseführer New York hat 480 eng beschriebene Seiten und ist im November 2018 erschienen. Damit ist er einer der aktuellsten Reiseführer der Weltmetropole. Selbstverständlich ist auch der Trip nach Long Island und Montauk enthalten.

 

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Im Ort selber haben sich zahlreiche Familien einen Zweitwohnsitz geschaffen. Bereits in den 1960ern gründeten die ersten Fertigbungalow-Siedlungen, ein Trend, der sich etwas hochwertiger bis heute fortsetzt. Der Pop-Art-Künstler Andy Warhol erwarb 1972 eine solche Ferienhaussiedlung, was zu regelmäßigen Besuchen von Prominenten führte, u.a. der Rolling Stones. Dies und die Nähe zu New York ließen Montauk auch zu einer gerne genutzten Filmkulisse werden.

 

Montauk als Filmkulisse

Der fiktive Ort Amity aus „Der weiße Hai“ befindet sich in der Nähe von Montauk. Dieser Film und vor allem seine (wesentlich schlechtere) Fortsetzung „Der weiße Hai 2“ portraitieren das Leben in Montauk in der Mitte bzw. Ende der 1970er Jahre recht gut.

 

Geschäfte in Montauk
Geschäfte auf der Main Street (Foto: Beyond My Ken). Montauk wirkt nicht nur wie ein Feriendorf.

 

Montauk ist heute einer der geschäftigsten Touristenorte auf Long Island. Das gemäßigte Meeresklima mit moderaten Temperaturen im Sommer und Frost im Winter halten den Ort bei Tages- wie Wochenurlaubern populär.

 

 

 

Montauk, die Erzählung

1975 erschien die Erzählung „Montauk“ des Schweizer Schriftstellers Max Frisch. Wie viele seiner Erzählungen ist auch „Montauk“ autobiographisch geprägt, die Geschichte selber ist jedoch fiktiv.

 

Die Rahmenhandlung beschreibt das Wochenende des 11. und 12. Mai 1974. Der Erzähler ist das literarische Alter Ego des Autors Max Frisch. Er beendet am Vortag eine Lesereise durch die Vereinigten Staaten. Zwei Tage später, einen Tag vor seinem 63. Geburtstag, ist Frischs Rückflug nach Europa geplant. Er wird von der 30jährigen Lynn im Auftrag des Verlages auf der Lesereise betreut und begleitet. Sie hat allerdings vom Werk des Autors keine Vorstellung. Am letzten seines Amerika-Aufenthaltes kommen sich Lynn und Frisch näher. Wie viele frisch verliebte Paare unternehmen sie einen Ausflug nach Montauk an der Atlantikküste.

 

Frisch nutzt diesen Rahmen der sowohl zeitlich wie räumlich begrenzten Umgebung, um über Lynns Gegenwart Erinnerungen und Reflexionen über sein Leben zu formulieren. Er denkt über sein Alter und das Gefühl, eine Zumutung für andere zu sein, nach. Spätestens hier verschwimmen Autor und literarisches Alter Ego völlig. Frisch gibt intime Details aus seinem Leben preis. Auch mit seinem eigenen Werk – das Lynn bezeichnenderweise nicht gelesen hat – zeigt Frisch sich unzufrieden. Das Gefühl, mit den meisten Geschichten sein Publikum bedient zu haben und ihm dabei Teile seines Lebens zu verheimlichen.

 

Montauk Point Lighthouse
Montauk von Max Frisch ist eine ganz besondere Erzählung

 

Vor allem Frischs ehemalige Gefährtinnen stehen im Mittelpunkt der Erzählung. Lynn löst Erinnerungen an ihre Vorgängerinnen aus, die dem Leser teilweise bereits aus älteren Werken des Autors bekannt sind. Da Frisch angesichts seines Alters bereits seinen Tod nahen sieht, möchte er keine Frau in eine Beziehung binden, die keine Zukunft haben kann. Gleichzeitig ist Lynn und ihm klar, dass sich ihre Beziehung nur auf dieses eine Wochenende und auf Montauk beschränkt.

 

Tatsächlich endet die Erzählung, wie beide nach der Rückkehr nach New York mit dem Wort „bye“ auseinander gehen. Frisch sieht Lynn nach, doch die dreht sich nicht einmal um.

 

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Montauk: Eine Erzählung

„Ich mag dieses Buch sehr, denn es spiegelt das wahre Leben Frischs aus eigener Feder wieder.

Diese Erzählweise aus Monotonie und Aberwitz, Liebesbeweisen und Reisegeschichten, ist ein Novum und gehört auf jeden Nachttisch. Man sollte diesem Buch Raum geben und laut lesen, die spezielle schweizer Art, ist herrlich definiert und so klug, das man jeden Satz im Kopf behalten möchte.“ (Anja Ciaxz auf Amazon.de)

 

Montauk: Eine Erzählung hat 224 Seiten und ist in dieser Ausgabe 1981 bei Suhrkamp erschienen.

 

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Rezeption

Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki schrieb zu „Montauk“: „Und doch übertrifft diese Erzählung Montauk in mancherlei Hinsicht alles, was wir bisher von Frisch kannten. Es ist sein intimstes und zartestes, sein bescheidenstes und gleichwohl kühnstes, sein einfachstes und vielleicht eben deshalb originellstes Buch.“ Er schloss mit dem Fazit: „Diese Selbstentblößung ist frei von Exhibitionismus, Frischs Intimität nähert sich nie der Schamlosigkeit, seine Abschiedsstimmung kennt keine Larmoyanz, keine Wehleidigkeit. Montauk ist eine poetische Bilanz: ein Buch der Liebe, geschrieben von einem Dichter der Angst.“

 

Die Erzählung inspirierte Volker Schlöndorff zu seinem Spielfilm Rückkehr nach Montauk (2017). Der im gleichen Jahr erschienene Roman Eden Roc des Schweizer Publizisten und Verlegers Matthias Ackeret liefert im Kapitel Montauk 2 eine literarische Fortsetzung von Max Frischs Erzählung.

 

Montauk Gazebo
Der Pavillon auf der Plaza in Montauk ist auch ein Treffpunkt für Verliebte. (Foto: Beyond My Ken)

 

Montauk – das „Projekt“

Mit seinem Buch „The Montauk Project: Experiments“ begründete der US-Autor Preston B. Nichols eine Reihe von Verschwörungstheorien, die sich um den Militärstützpunkt Camp Hero auf Montauk drehen.

 

USS Eldridge
Die USS Eldridge um 1944 (Foto: US-Navy)

 

Die Grundlage: Das Philadelphia Experiment

Nichols beginnt seine Erzählung nach dem angeblich desaströs verlaufenen Philadelphia-Experiment. Dieses soll 1943 erfolgt sein, hierbei soll die US-Navy versucht haben, den Geleitzerstörer USS Eldridge (DE-173) mittels eines starken Magnetfeldes optisch unsichtbar zu machen. Ein Augenzeuge will 15 Minuten lang nur den Kielabdruck im Wasser gesehen haben. Die Auswirkung auf die Besatzung war katastrophal. Einige Seeleute seien mit dem Schiff verschmolzen, andere verbrannt oder spurlos verschwunden. Viele hätten geistige Schäden erlitten, vereinzelt sollten sich Seeleute noch Jahre später spontan in Luft aufgelöst haben oder sind schweren Erkrankungen erlegen.
Das Schiff soll später einmal im Hafen von Philadelphia verschwunden und in Norfolk aufgetaucht, Sekunden später jedoch wieder in Philadelphia gewesen sein.

 

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Das Philadelphia-Experiment

Während des Zweiten Weltkriegs will die US-Army eines ihrer Schiffe mit riesigen Magnetfeldern für das feindliche Radar unsichtbar machen. Das geheime Experiment missglückt und zwei Soldaten werden in einem Zeitstrudel ins Jahr 1984 katapultiert. Dort angekommen, müssen die beiden nicht nur den Kulturschock verkraften, sondern haben obendrein den Geheimdienst auf den Fersen.

 

Das Philadelphia Experiment ist aus dem Jahr 1984 und läuft 97 Minuten.

 

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Die US-Navy bestreitet, entsprechende Experimente durchgeführt zu haben. Veröffentlichte Logbücher belegen, dass die USS Eldridge 1943 nicht in Philadelphia war.

 

Dieses vermeintliche Experiment war Grundlage für den gleichnamigen Film „Das Philadelphia Experiment“ (1984), der sehr erfolgreich in den Kinos lief und nach Meinung einzelner Verschwörungstheoretiker einige Wahrheiten enthält.

 

Nichols nimmt den Staffelstab auf

Nichols beschreibt in seinen Büchern nicht hauptsächlich die individuellen Folgen des Philadelphia Experiments. In den 1990ern hatte sich auch bei den meisten Verschwörungstheoretikern die Erkenntnis durchgesetzt, dass „nur“ ein starkes Magnetfeld wohl kaum eine Wirkung haben kann, wie sie oben beschrieben wurde.

 

Radar Camp Hero
Die Ruine des riesigen Radars auf Camp Hero (Foto: Americasroof)

 

Entsprechend des Zeitgeistes der 1970er und -80er Jahren greift er einen kleinen Teil der vermeintlichen Ergebnisse heraus und entwickelt sie weiter. Nach seiner Ansicht soll eine US-Bundesbehörde versucht haben, die Gedanken von Millionen von Amerikanern zu beeinflussen und sogar, sie fernzusteuern. Noch wertvoller könne das System als Waffe werden, wenn man damit die Armeen des Feindes in den Wahnsinn treiben könne.

 

Für dieses Experiment sei jedoch eine große Radaranlage erforderlich. Diese fand sich mit Camp Hero bei Montauk, wohin man bald das gesamte Projekt verlegte. Die Schließung der Basis 1969 diente laut Nichols vor allem dazu, das Projekt zu verschleiern.

 

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Das Montauk-Projekt 1: Experimente mit der Zeit

Im ersten Band seines Montauk-Zyklusses beschreibt Preston Nichols die hier nur kurz dargestellten Experimente. Es schlug in bestimmten Kreisen vor allem in den USA ein, wie die sprichwörtliche Bombe.

 

Das Montauk-Projekt 1: Experimente mit der Zeit ist die deutsche Übersetzung des Originals von 1992. Sie ist 1994 bei Michaels erschienen und hat 180 Seiten. Leider ist es nur noch antiquarisch zu bekommen.

 

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Die dabei durchgeführten Einzelexperimente und Experimentserien erzielten angeblich Ergebnisse außerhalb des derzeit physikalisch möglichen. Die Rede ist von Teleportation, Zeittunneln und einen Zugang in den „Hyperspace“. Auch Kontakte zur USS Eldridge erfolgten.

Dabei wurden zahlreiche Menschen getötet oder schwer psychisch und physisch verletzt. Zunächst arbeitete die Behörde mit Obdachlosen, später mit Ausreißern.

 

Nach dem ersten, sehr erfolgreichen Buch folgten weitere Bände und Auflagen, die insgesamt über 100.000 verkaufte Exemplare. Zahlreiche angebliche Opfer haben sich nach der Veröffentlichung gemeldet, eine Vielzahl von Webseiten beschäftigt sich mit dem Thema oder zumindest Teilen der Bücher. Nur die wenigsten von Preston Nichols Behauptungen lassen sich beweisen oder widerlegen.

 

Das Montauk-Monster

Genau die Kombination dürfte es sein, die einen Großteil der Faszination ausmacht. Montauk ist für viele Millionen Amerikaner in wenigen Stunden erreichbar und aufgrund seiner Infrastruktur sehr viel „greifbarer“, als die Wälder Oregons oder die Wüsten von New Mexico. Der kleine Ort ist sympathisch und seit vielen Jahren Teil der Populärkultur, vor allem in den Mittelatlantik-Staaten. Dennoch schwingt oft ein wenig Melancholie mit, Montauk liegt am Ende von Long Island, einer Gegend, die am Ende des Sommers am schönsten sein soll. Diese Stimmung hat Max Fisch in seiner Erzählung auch eingefangen.

 

Strand von Montauk
Hier am Strand von Montauk tauchte der Kadaver auf und verschwand ebenso unversehens wieder.

 

Gleichzeitig gibt es eine große Schnittmenge zwischen kryptozoologisch interessierten Lesern und den an Verschwörungstheorien Interessierten. So schwingt beim Wort „Montauk“ immer auch die bedrohliche Lage des „Experiments“ oder „Projektes“ mit. Und vielleicht ist ein Monster an diesem Ort ja doch der Kadaver eines Opfers eines seltsamen Experimentes?

 

 

Was ist nun mit dem Monster?

Das Montauk-Monster ist bzw. war ein Kadaver, der am 12. Juli 2008 von Jenna Hewitt (damals 26) und drei Freunden gefunden wurde / gefunden worden sein soll. Als Fundort geben sie den Ditch Plains Beach an, 2 Meilen (ca. 3,2 km) östlich des Districts. Der Strand ist als bekannter Surfspot populär und liegt am Rheinstein Estate Park.

Dies erleichtert die Lokalisierung.

Montauk-Monster
Der Montauk-Kadaver in maximaler Auflösung, die im Web verfügbar ist. (Foto: Jenna Hewitt)

Hewitt machte ein Foto, das die Zeitung The Independent am 23. Juli 2008 veröffentlichte. Es zeigt einen Kadaver unbestimmter Größe auf nassem Sand mit einigen Wasserablauflinien. Der Kadaver stammt von einem massigen, vierbeinigen Tier mit kleinem Kopf. Er ist weitgehend braun und hat nur an den Hinterbeinen sichtbar hellere Farbe. Die Haut ist nackt, nur am unteren Rücken gibt es einzelne Haare, die zu Zotteln zusammenhängen. Der Schwanz ist mittelmäßig kurz, er misst geschätzt 1/3 der Rumpflänge.

Der kleine Kopf liegt auf einem kurzen Hals und ist nur von der rechten Seite sichtbar. Das große Auge ist geschlossen, Lippen und Nase sind von Aasfressern angefressen. Ein Teil des Gebisses liegt frei. Dies lässt die Schnauze ein wenig schnabelförmig aussehen. Das Ohr ist entweder umgeschlagen oder ebenfalls angefressen.

Der linke Hinterfuß ist erkennbar verlängert, beide Vorderfüße liegen vor dem Kopf. Zehen sind deutlich erkennbar, die genaue Zahl kann man aber kaum ermitteln.

 

Bei einer Nachsuche, mehrere Tage nach dem Fund wurde der Kadaver nicht mehr entdeckt. Entweder hat die Flut eines der bekanntesten Kryptide des 21. Jahrhunderts mitgenommen oder es wurde von der Stadtreinigung entsorgt.

 

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Der Waschbär

Wer kennt ihn nicht, den putzigen Gesellen mit der typischen Gesichtsmaske? Aber erst im letzten Jahrhundert hat der Waschbär auch bei uns Einzug gehalten. Mittlerweile zählt er bei uns zur heimischen Fauna und scheint sich auch sehr wohlzufühlen, da sein Verbreitungsgebiet immer größer wird. Diese Monografie gibt einen faszinierenden Einblick in die heimliche Lebensweise des Waschbären und schließt die Wissenslücke über diese bisher wenig bekannte Tierart.

 

Der Waschbär ist 2018 bei Oertel & Spörer in der bisher 4. Auflage erschienen. Es ist in deutschersprache geschrieben und hat 200 Seiten.

 

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Das Montauk-Monster: Die Identifikation

Im Gegensatz zur häufigen Praxis der englischsprachigen Literatur, den Kadaver als unidentifiziert zu bezeichnen, ist die Artbestimmung gar nicht so schwer:

  • Das freiliegende Gebiss zeigt vier Zähne mit hohem Profil in einer Reihe im Unterkiefer, davor ein deutlich verlängerter Eckzahn. Im Oberkiefer ist der Eckzahn ebenfalls sichtbar. Auch der Oberkiefer trägt noch eine Reihe flacherer Zähne mit hohem Profil, die genaue Zahl ist aufgrund der geringen Auflösung nicht erkennbar.
    Diese Gebissform kommt nur bei Säugetieren vor. Spekulationen wie Wasserschildkröten fallen hierbei aus.
  • Die verlängerten Eckzähne gibt es vor allem bei Raubtieren und Affen. Das schließt wiederum Möglichkeiten wie ein Schaf oder einen Nager (z.B. einen Biber) aus.
  • Da auch die folgenden Zähne raubtierähnlich mit hohem Profil ausgebildet sind, kann man einen Affen ausschließen.
  • Ein Hundeartiger fällt aber ebenso durchs Muster: Die Vorderfüße sind die eines Sohlengängers mit langen Zehen, während Hundeartige kurze Zehen haben und auf den Zehen gehen (und deswegen entsprechende Polster an den Zehen tragen).
  • Marderartige fallen wegen ihres hoch abgeleiteten Körper- und Schädelbaus ebenfalls aus.

Vergleicht man das Muster mit der Liste der in den Staaten New York sowie den anliegenden Staaten Connecticut und Rhode Island vorkommenden Säugetiere, landet man schnell bei einer der wichtigsten Arten: dem Waschbär.

Ein Waschbär

Die Zusammensetzung des Gebisses stimmt mit dem Waschbären überein. Ebenso die Form des Schädels, auch wenn er durch die Perspektive und Fraßschäden auf den ersten Blick schnabelartig wirkt. Die Füße und das Verhältnis Schwanz- zu Körperlänge stimmen bei Kadaver und Waschbär ebenfalls überein.

 

Zwei Waschbäären sitzen auf einem Baum
Zwei lebendige Waschbären im Naturschutz-Tierpark Görlitz. Foto: T. Möser

 

Amerikanische Websites zitieren sich gerne gegenseitig mit der Behauptung, dass die Gliedmaßen eines Waschbärs verhältnismäßig kürzer seien, als die des Montauk-Monsters. Dies ist auf den ersten Blick tatsächlich so, aber der Kadaver ist haarlos. Lebende Waschbären haben ein langhaariges, konturauflösendes Fell, in dem ein Teil der Gliedmaßen praktisch „verschwindet“.

 

Berechtigte Zweifel an der Identität des Montauk-Monsters als Waschbärkadaver bestehen nicht.

 

Knapp 11 Jahre später, Anfang Juni 2019 strandete am Wolfe‘s Pond Beach auf Staten Island, New York ein sehr ähnlicher Kadaver. Aufgrund einer besser zugänglichen Lage und besserer Fotos konnten viele Interessierte ihn sehr schnell als Waschbär identifiziert werden.

 

Sonnenaufgang am Meer bei Montauk




Seeungeheuer in den Alpenseen 3: Der Traunsee

Der Traunsee im österreichischen Salzkammergut sollte der Traum eines jeden Kryptozoologen sein – er beherbergt mindestens drei, möglicherweise vier, Arten von Seeungeheuern, und eine davon soll sogar von Tausenden von Zeugen berichtet worden sein.

 

Seeweiblin und Drache

Die ersten Auskünfte über das „Ungeheuer des Traunsees“, eine Seejungfrau, verdanken wir dem Schriftsteller Otto von Graben zum Stein (* ca. 1690, Innsbruck; † ca. 1756, Potsdam). Von Graben zum Stein veröffentlichte bis 1731 in zwei Bänden das Werk „Monathliche Unterredungen von dem Reiche der Geister zwischen Andrenio und Pneumatophilo“, ein Buch über Geistererscheinungen. (Das Buch brachte ihm ein Publikationsverbot am königlich-preußischen Hof ein, mit der Begründung, er verbreite „Aberglauben und Schwärmerey“.)

 

Traunsee
Auf den ersten Blick ist der Traunsee „nur“ ein wunderschöner Alpensee

 

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Blondchen: Eine Sage

Das Gesicht gehörte zu einer jungen Frau, nicht zu einem jungen Mädchen, und dennoch war die ganze Jugend an ihr und alles, was Jugend ausmacht. Alles von der Helligkeit und der Wärme und vom Gleißenden der Jugend. Das war es, was ich mir dachte, als ich sie damals das erste Mal ganz nahe vor mir sah. Ich war sehr überrascht. Es hatte mich ziemlich überrascht, weil ich für lange Zeit gedacht hatte, es würde nichts mehr geben, was mich so überraschen könnte. Das war das Leben, es war das junge Leben in ihr und sie war das Leben, es war dieses warme, versprechende Leben, das sie ein- und ausatmete. Es war die ganze Jugend, die an ihr war und das Beste daran war, dass das alles so natürlich war wie Kinderlachen und Lebensfreude und wie das Aufblitzen eines Wassertropfens auf einem Halm, wenn die Sonne ihn erreicht.

 

Blondchen: Eine Sage ist 2019 bei Book on Demand erschienen und hat als Taschenbuch 250 Seiten.

 

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Otto von Graben zum Stein schreibt, was er am Traunsee über das Seeweiblein erfahren hat:

 

„Man hat versichern wollen, daß viele tausend Menschen das Traunerseeweiblein bald in der Mitte dieses Sees, bald bei dem Wasserfall sowohl um die Mittagsstunde als auch bei hellem Mondschein gesehen haben. Ich habe selbst mit einigen Personen geredet, auf welche selbige mit fliegenden Haaren aus dem Wasser losgekommen, daß sie vor Angst haben davon laufen müssen. Auch höret man erzählen, daß es sich zum öftern auf einem Waserdrachen reitend gezeiget habe, welcher dem Ansehen nach einem geschundenen Pferde sehr ähnlich gewesen.

Der Ritt auf dem Drachen

Jedoch glaube ich, es werde niemand demselben so nahe gekommen sein, daß er dessen Gestalt so eigentlich in Augenschein genommen. Vor Zeiten ließ sich dieses Gesicht zwar zum öftern sehen, allein von vielen Jahren her ist weiter nichts als das Seeweib zum Vorschein gekommen, daher zu vermuten, daß jenes ein natürliches Amphibium gewesen, dessen sich dieser Wassergeist in gewissen Umständen bedienet hat.“

(nach Leander Petzoldt: Sagen aus Oberösterreich. 1993, S 192)

Die Seejungfrau reitet also auf dem Drachen, den Drachen hält von Graben zum Stein für ein ganz normales Tier, die Seejungfrau aber für einen Geist. Wollen wir den Zahlen des Autors glauben, dann müssen Drachen und/oder Seeweib von ebenso vielen Leuten gesehen worden sein wie das Ungeheuer von Loch Ness!

 

Die große Schlange

Traunsee
Ruhig liegt der See, trotz tiefhängender Wolken ist nichts besonderes um die Kapelle des Hl. Johannes in Traunkrichen

„Die Sage spricht von einer riesigen Schlange, welche unaufhörlich den Lauf der Traun auf: und abschwimmt, und bevölkert die Tiefen des Sees mit Ungeheuern erschrecklicher Form.“ (Nach Auguste Marguillier: “A travers le Salzkammergut”, 1896; in: Hans Commenda, Zur Volkskunde des Salzkammergutes vor fünfzig Jahren, in: Volkskundliches aus Österreich und Südtirol, Hermann Wopfner zum 70. Geburtstag dargebracht, Hg von Anton Dörrer und Leopold Schmidt, Wien 1947)

 

Der Krake

Neben Drachen, Seejungfrauen und Riesenschlangen gibt es auch eine Art Süßwasserkrake im Traunsee: „Beim Hinunterschauen begreift man“, schreibt Heinrich Noë in seinem Das Österreichische Seenbuch (München 1867, S. 137–142), „wie die Einbildungskraft der Bergbewohner die Schlünde, deren glasige Hülle in dröhnender Bewegung heraufzüngelt, sich mit schauerlichen Ungeheuern belebt vorstellen kann. Auch die Alpenseen haben ihre ‚Kraken‘, Ungetüme, die in den Sagen der Leute sich nicht immer mit der Gestalt eines ungewöhnlich großen Fisches begnügen, die vielmehr den Umfang und die Formen scheußlicher Vielfüße und sonstiger halb möglicher, halb unmöglicher Tiererscheinungen annehmen.

In der Wirklichkeit aber würde der Taucher dort unten weiter keinen Unförmlichkeiten begegnen als einem großen Waller oder Lachs, einer menschlichen Leiche, die in den eng zusammengepreßten Wasserschichten nicht aufsteigen kann, deren Kälte auch die Entwicklung jener Fäulnisgase verhindert, die in wärmeren oder seichteren Gewässern den aufgedunsenen Körper emporheben, einen versenkten Holzstamm, Überreste von Nachen und Gerippe in der grünen, kalten Nacht.“

 

Der Traunsee als Alpensee
Detail des Traunsees

 

Tatzelwurm

Früher glaubte man, Seedrachen seien zu groß gewordene Landdrachen. Da verwundert es kaum, wenn wir aus der Gegend sogar Berichte über Sichtungen von Großechsen an Land finden:

„Insbesondere der Bericht eines Herrn Paul Resag aus Potsdam, der im Juni 1930 Gelegenheit hatte, ein solches Tier in aller Ruhe durch einige Zeit zu beobachten, auf einem etwa einen Meter breiten Weg, der über eine mit hohem Grase bestandene Waldlichtung führte, eine Stunde zu Fuß von Traunkirchen am Traunsee:

 

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Der Tatzelwurm: Porträt eines Alpenphantoms

Der Tatzelwurm: Porträt eines Alpenphantoms stammt von unserem Autor Ulrich Magin und ist eines der wenigen Werke, die sich wissenschaftlich mit dem Phäniomen „Tatzelwurm“ auseinandersetzen.

Spannend, inhaltsreich, fundiert und gut zu lesen ist das Buch am 25. Juli 2020 bei Edition Raetia erschienen und hat 232 in ein Paperback eingebundene Seiten.

 

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Paul Resang aus Potsdam berichtet

‚Plötzlich sah ich mich nun auf Schrittlänge einem Tier gegenüber, wie ich es noch nie erblickt hatte. Es lag ruhig mitten auf dem Weg, sonnte sich oder schlief. Nach dem ersten Schreck betrachtete ich es eine Weile, ohne mich zu rühren, und kann es somit heute noch genau beschreiben. Seine Länge betrug 50 bis 60 cm, die Breite etwa 20 cm’ (eine sehr gedrungene Echse also!), ‚die Höhe vielleicht 6 bis 8 cm. Die vier Beine glichen genau denen eines Krokodils, überhaupt der ganze Körper, nur in verkleinertem Maßstab, abgesehen vom Schwanz, der rund und nicht sehr lang war.
Die Haut, in der Farbe graugrün, schien wie weiches Leder und bildete dort, wo die Beine am Körper saßen, Falten. Über den Rücken zogen sich drei kräftige rote Querstreifen, die in der Mitte unterbrochen waren. Der Kopf sah ungefähr so aus wie der einer Eidechse, viermal vergrößert. – Der Anblick war so angsterregend, dass ich mich nach kurzer Zeit schleunigst auf den Heimweg machte.’“

(Heimito von Doderer: Die Wiederkehr der Drachen: Aufsätze, Traktate, Reden. CH Beck 1996, S. 32)

Was ist der Kupferstutzen?

Noch im März 2004 erhielt eine österreichische Schlangenwebsite die besorgte Anfrage: „In Ebensee am Traunsee wird immer wieder berichtet, dass es eine Schlange gibt mit dem Namen ‚Kupferstutzen‘. Sie ist ca. 20 – 40 cm lang und springt angeblich Leute an und wurde von den Amerikaner während des Krieges abgeworfen.“ (http://www.herpetofauna.at/forum/viewtopic.php?t=654) Spannend ist hier zumindest, dass der Tatzelwurm nicht mehr als etwas Einheimisches empfunden wird, sondern als aus Amerika importiert gilt.

 

Herbst am Traunsee
Herbst am Traunsee

Ein gefährlicher See

Der Traunsee liege nie still, so wird erzählt. Gewaltige Kräfte brodeln in seinem Innern: „Es bedarf keines Sturmes, um den Traunsee zu gewaltigen Wellen aufzuregen. Während der die Esplanade von Gmunden Hinabwandelnde keine oder eine geringe Bewegung der Luft verspürt, schlägt die hellgrüne Flut an die Quader der Ufermauern, daß der Schaum gegen sie heraufspritzt. Der Traunsee ist nicht nur das tiefste, sondern auch das unruhigste aller Gewässer dieser Berge.

Diese Tiefe verleiht ihm die Fähigkeit, der bändigenden Gewalt des Frostes zu widerstehen. Stets neue wärmere Wasserschichten, die sich aus den einsamen Schlünden emporheben, steigen herauf an die Stelle der kälteren, an der Luft nahezu erstarrten. In diesem Jahrhundert hatten die Bewohner seiner Ufer nur ein einziges Mal Gelegenheit, das Salz, welches jetzt dort die schaukelnden Schiffe tragen, der ganzen Länge des Sees entlang auf seiner Eisdecke von Pferden herschleifen zu sehen.“ (Heinrich Noë: Das Österreichische Seenbuch, München 1867, S. 137–142)

 

Traunsee im Nebel
Ein See, der ein solches Bild bieten kann, kann nicht ohne Geheimnisse sein

 

Ist der Traunsee bodenlos?

Der Volkskundler Michel Meurger (Lake Monster Traditions) führt weitere volkstümliche Annahmen über den See hinzu. Bodenlos sei er, so hieß es, ein Opfer mindestens fordere er im Jahr. Gut möglich, dass all diese Sagen von Drachen und dämonischen Seeweiblein und riesigen Schlangen und formlosen, vielarmigen Monstern nur eine Metapher waren, diese Gefahren des Sees begreifbar und beschreibbar zu machen. Was aber ist mit den 1000 Augenzeugen? Wollen wir nicht annehmen, dass vor 250 Jahren noch Seejungfrauen auf Drachen ritten, müssen wir akzeptieren, dass das Erzählungen waren, die die Gefahren des Sees ebenso bildhaft überlieferten wie die Legenden – und dass damit auch eine quantitative Argumentation für etwa die Existenz des Ungeheuers von Loch Ness (So viele Leute können sich nicht irren!) in die Leere geht.

 

Allerdings: Dem Kryptozoologen, der das Seeweiblein vom Traunsee mit seinem Netz fängt, dürfte auch am Loch Ness Erfolg beschieden sein!

 

Der See in Daten

Der Traunsee liegt in Oberösterreich. Mit 12 km Länge, 3 km Breite und einer Fläche von rund 24,5 km² ist er – nach dem Attersee – der zweitgrößte See Oberösterreichs. Der Traunsee misst an der tiefsten Stelle 191 m, damit handelt es sich um den tiefsten See Österreichs. Er wird von Ausflugsbooten, Raddampfern und Linienschiffen befahren und weist im August eine Wassertemperatur von 20° C auf.

 

Traunsee mystisch




Seejungfrau-Skelett in England angespült?

Mehrere Organe der britischen Presse melden ein seltsames Skelett, möglicherweise das einer Seejungfrau, das am Hightown Beach bei Liverpool angeschwemmt wurde. Finderin Kirsty Jones war am 1. Juni mit ihrer und einer befreundeten Familie zu einem Picnic unterwegs. Sie erzählte dem lokalen Newsportal ECHO „Wir fanden das, als wir den Strand entlang gingen. Keiner wusste, was es ist.“

 

 

Später ergänzte sie „Ich sagte meinen Kindern ‚das sieht wie eine Seejungfrau aus‘. Es hatte einen Fischschwanz.“

 

Meerjungfrau?
Die „Meerjungfrau“ von Kirsty Jones

 

Quelle der Meldung und des Fotos: ECHO

 

Ganz herzlichen Dank an Ulrich Magin, der mich auf die Zeitungsmeldung aufmerksam machte!


Die Analyse

Die Analyse dreht sich um zwei Punkte, wie nahezu immer in der Kryptozoologie: Ist das Bild echt? Was zeigt es?

Ist das Bild echt?

Die kurze Antwort hierzu ist: ja, es wirkt so. Das Bild ist so schlecht, dass man darauf kaum Details erkennen kann. Dazu kommt, dass es im Erscheinungsbild dem eines stark skelettierten Kadavers, der an einen Strand gespült wurde, sehr gut entspricht.

 

Auch die Fotografin ist nach kurzer Websuche nicht zu identifizieren. Dies mag daran liegen, dass es eine Berufs-Fotografin, eine im November 2020 an Corona verstorbene Pflegehelferin und eine professionelle Kite-Surferin gleichen Namens gibt. Auch eine Backpackerin, die im Jahr 2000 in Thailand ermordet wurde, trug diesen Namen.
Nichts deutet auf eine Person hin, die sich hier mit einer absichtlichen Falschmeldung in den Vordergrund spielen möchte.

 

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Überschrift

Tief unten auf dem Meeresgrund lebt die kleine Seejungfrau. An ihrem Geburtstag singt sie mit ihrer betörenden Stimme ein wunderschönes Lied und bringt dadurch ein Schiff zum Sinken. Sie rettet einem Prinzen das Leben und verliebt sich in ihn. Doch die Liebe bleibt unerwidert. In ihr wächst die Neugier, fortan als Mensch auf der Erde zu leben. Die kleine Seejungfrau muss ihr Leben riskieren, um bei ihrem Geliebten zu sein. Denn wenn sie es nicht schafft, dass der Prinz sich in sie verliebt, kehrt sie für immer verwandelt ins Meer zurück.

 

Die kleine Seejungfrau ist das digital überarbeitete Original der DEFA von 1976. Neben der CD gibt es unterschiedliche Versionen des Leihens und Kaufens.

 

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Was zeigt das Bild?

Das Bild ist leider nicht sehr aussagekräftig. Es ist aus einer sehr ungünstigen Position aufgenommen und zeigt somit sehr wenige Details. Dazu kommt die übliche, geringe Auflösung eines Web-Bildes. Dennoch kann man einiges erkennen.

 

Das Bild wurde, wie berichtet, am Strand aufgenommen. Es zeigt einen langen, breiten Sandstrand, im Hintergrund sind spärlich begrünte Dünen und eine Abgangstreppe mit mindestens einem Absatz zu erkennen. Weitere Bildelemente habe ich mit Nummern bezeichnet:

 

  1. Kinderwagen, vermutlich ein Buggy. Er ist der einzige halbwegs brauchbare Größenvergleich im Bild. Durch ihn lässt sich die Größe der „Seejungfrau“ etwa bei 2 m (plusminus etwa 0,5 m) einordnen.
  2. Schädel. Er ist kaum zu erkennen, scheint aber recht schmal zu sein. Der Hinterschädel ist nicht erkennbar, daher ist dieser Schluss mit Vorsicht zu beachten.
  3. Brustkorb: Lange, eher schlanke Rippen eines tiefen Brustkorbes. Sie sind im vorderen Bereich mit einem Brustbein verwachsen. Der Brustkorb wirkt breit und eher flach. Schultern und Vorderextremitäten fehlen.
    Die Lage des Brustkorbes zeigt an, dass der Kadaver auf dem Rücken liegt.
  4. offene Rippen, die nicht mit dem Brustbein verbunden sind
  5. Wirbelsäule. Möglicherweise ist sie an dieser Stelle gebrochen und verdreht.
  6. Wirbelfortsätze, unklar ist, ob es sich hierbei um Quer- oder um Dornfortsätze handelt. Es sieht aber eher nach Querfortsätzen aus. Sicher ist diese Schlussfolgerung nicht.
  7. Der Beckenbereich des Kadavers ist teilweise noch mit Haut bedeckt. Ein ausgeprägter Hüftknochen ist nicht zu sehen. Hinterextremitäten fehlen
  8. Reste von Hautgewebe, die die Hüfte abdecken und schlecht erkennbar halten. Unten ist ein größerer Rest, der von der Finderin als „Fischschwanz“ interpretiert wurde.
  9. Fäden, entweder aus freigesetzten Collagenfasern oder Reste von Fischernetzen. Der Schwanz wird weiter mit einer kräftigen Wirbelsäule gestützt.
  10. Schatten – von was? von der Fotografin?

Das Existenz eines Brustbeins schließt einen Fisch aus. Amphibien und Reptilien fallen aus geographischen Gründen ebenfalls aus, ein Vogel ist es ebenso nicht. Bleibt also ein Säugetier.

 

Welche Tiere?

Der County Merseyside liegt an der Irischen See zwischen den beiden britischen Hauptinseln. Sie ist eines der Gewässer in Europa mit der größten Diversität von Meeressäugern. Fischotter, Seehunde und Kegelrobben gibt es hier ebenso wie Schweinswale, Gewöhnliche Delfine und Große Tümmler. Zu den selteneren Kleinwalen gehören der Langflossen-Grindwal, Orcas, Weisschnauzen- und Streifendelfine sowie Rundkopfdelfinde (Risso-Delfine). Auch größere Wale findet man in großer Artenzahl: Nördliche Entenwale, Pottwale und unter den Bartenwalen die Atlantischen Zwergwale, Finnwale, Seiwale, Buckenwale und Atlantische Nordkaper. 

 

Aufgrund der angenommenen Größe von etwa 2 m kommt ein Großwal nicht in Frage. Ein Vergleich mit Museum-Skeletten lässt aber kaum Fragen offen:

 

Schweinswal-Skelett
Skelett eines Hafenschweinswals Phocoena phocoena by André-Philippe Picard

 

Als typisches Walskelett zeigt das Skelett des (Hafen-) Schweinswals zahlreiche Charakteristika, die auch das vermeintliche Meerjungfrauen-Gerippe zeigt:

(Die Nummern entsprechen der Position auf dem Bild)

3. Es gibt einen vergleichsweise flachen Brustkorb.

4. Die ersten Rippen sind mit dem Brustbein verbunden, weitere stehen offen. Dies schließt bereits die meisten Landtiere aus.

6. Kräftige Querfortsätze für starke Rückenmuskulatur

7. Kein sichtbares Becken (schließt alle Landtiere aus)

9. starke Schwanzwirbelsäule (schließt den Seehund und die Kegelrobbe aus)

 

Fazit: Es handelt sich bei dem Skelett um einen Kleinwal. Da weder die Vorder-Extremitäten noch der Schädel sichtbar sind, ist keine weitere Identifikation möglich.

 

Es würde mich allerdings nicht wundern, wenn in den nächsten Tagen noch weitere Bilder des Kadavers auftauchen würden. Wir bleiben am Ball!


Hinweis: Bereits Ende November 2020 wurde in England ein Teil einer vermeintlichen Seejungfrau gefunden. Natürlich hat sich die Sache als Fake erwiesen.




Der Japanische Fischotter – Versuch eines schwierigen Portraits 2

Den ersten Teil dieses Beitrages über Japanische Fischotter, ihre mythologische Bedeutung und Geschichte findet ihr hier.

 

Zweite Suche 1994

In diesem Jahr kehrten Zoologen zu der Stelle zurück, wo sie die Exkremente gefunden hatten. Dabei fand man Urin, von dem man annahm, dass es aus der Ranzzeit der Otter stammte. Daraufhin nahm die Regierung der Kochi-Präfektur von Oktober 1994 bis April 1995 eine Fotofalle in Betrieb. Die einzigen Tiere, die sich jedoch vor der Kamera zeigten waren Marderhunde (Nyctereutes procyonoides). (Nicht ausreichend belegt, zu finden auf: Englischer Wikipedia-Seite, AnimalFandom u.a.).

 

Marderhund
Ein Marderhund

 

Dritte Suche 1996

Zwischen dem 4. und dem 9. März 1996 durchkämmte eine Gruppe aus Zoologen, lokaler Verwaltungsbeamten und interessierten Laien die Gegenden, wo in der Vergangenheit Otter gefunden worden waren. Darunter befand sich die Küstenregion in Susaki, Gebiete entlang des Niyodo-Flusses in Sakawacho und Inocho, sowie entlang des Shimanto-Flusses. Alle Orte befinden sich entweder in der Präfektur von Ehime oder in Kochi, wo ja der letzte Otter gesichtet worden war. Kein Beweis für die Anwesenheit von Ottern wurde gefunden (nicht ausreichend belegt, zu finden auf: Englischer Wikipedia-Seite, AnimalFandom u.a.).

 

Otter-Losung
Losung vom Europäischen Fischotter (Beispielbild by Fernando Losada Rodriguez)

 

1999: Funde von Exkrementen?

Professor Michida tat gegenüber der Zeitung Mainichi auch die Hoffnung kund, dass der Otter überlebt haben könnte: „Es gab 1999 einen bestätigten Fall von Otter-Exkrementen. Ich denke, dass es möglich ist, dass sie noch immer existieren und ich würde gerne meine Nachforschungen in diese Richtung weiterführen“ (zitiert nach: Cryptomundo). Dabei wird betont, dass sich Japans Otter vor allem von Krabben ernährten – und die gefundenen Exkremente wiesen daher eindeutig auf einen Otter hin (nicht ausreichend belegt, zu finden auf: Cryptomundo, Scientific American)

 

„höchst vertrauenswürdige Sichtung“ im Jahre 2009

In einem anderen, bereits erwähnten Zeitungsartikel des Mainichi aus dem Jahre 2017 (siehe oben), sprach Michida von Sichtungen der Kochi-Präfektur im Jahre 2009. Darunter befand sich auch eine „höchst vertrauenswürdige Sichtung“ eines Künstlers, der seinem Bericht eine Skizze beilegte. Die abgebildeten Charakteristiken des Japanischen Fischotters – die kleinen Ohren und der Schwanz – seien laut Machida hier sehr gut erfasst (belegt bei Mainichi News vom 28. März 2017).

 

Japanischer Fischotter 1979 Kochi mit Narbe
Ein 1979 fotografierter Japanischer Fischotter

 

2012: Das offizielle Aus für Japanische Fischotter

Dennoch war die Geduld des Umweltministeriums des Japanischen Umweltministeriums schon bald zu Ende. Am 28. August 2012, drei Jahre nach der letzten bestätigten Sichtung, wurde der Otter von dieser Behörde offiziell für ausgestorben erklärt (TsukuBlog). Auch von anderen Arten, darunter eine Fledermausart (Rhinolophus pumilus miyakonis) sowie der Kragenbär auf der Insel Kyushu verabschiedete man sich an diesem Tag von offizieller Seite (Scientific American).

 

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The Knowledge of Nature and the Nature of Knowledge in Early Modern Japan

Zwischen dem frühen 17. und der Mitte des 19. Jahrhunderts trennte sich das Gebiet der Naturgeschichte in Japan von der Disziplin der Medizin ab. Erste Naturforscher produzierten Wissen, das das traditionelle religiöse und philosophische Verständnis der Welt in Frage stellte. Es entwickelte sich zum Honzogaku-System. Honzogaku konkurrierte mit der westlichen Wissenschaft in ihrer Komplexität – und ist dann scheinbar verschwunden.

 

Federico Marcon erzählt in diesem Werk, wie japanische Gelehrte eine hochstehende Sichtweise der Naturgeschichte entwickelt haben. Sie entspricht der europäischen Sicht, hat sich aber unabhängig und ohne direkten Einfluss entwickelt. Der Autor zeigt überzeugend, wie die japanische Naturgeschichte in der westlichen Wissenschaft aufgeht. Nicht durch Unterdrückung und Substitution, wie es Gelehrte traditionell behaupten, sondern durch Anpassung und Transformation.

 

The Knowledge of Nature and the Nature of Knowledge in Early Modern Japan ist die erste englischsprachige Studie in Buchform, die sich dem wichtigen Bereich des Honzogaku widmet. Sie ist ein wesentlicher Text für Historiker der japanischen und ostasiatischen Wissenschaft. Sie ist auch eine faszinierende Lektüre für Laien, die sich für die Entwicklung der japanischen Wissenschaft in der frühen Neuzeit interessieren. Das Buch hat 428 Seiten und ist 2017 in englischer Sprache erschienen.

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Nach 2012 – Symboltier und mehr Sichtungen

Hatte der Schutz des Otters in der öffentlichen Meinung vor den 2000-er Jahren noch Priorität, so avancierte der Japanische Fischotter danach zum Symbol für regionale Entwicklung (und Identität), die an einer stabilen Umwelt gemessen wurde (Yamamoto & Ando, 2011: 32 – 33), ganz ähnlich, wie andere Tierarten in Japan. Auch vor diesem Hintergrund erklärt sich wohl die bürgerliche “Entrüstung” über das offizielle Aussterben des Otters. Folklore-Blogger Avi Landau hierzu: “sogar nach der offiziellen Erklärung wurde das Ministerium mit Anrufen von Bürgern überflutet, die den Otter gesehen haben wollen – so ein Freund von mir, der beim Ministerium arbeitet” (TsukuBlog).

 

Skelett des Japanischen Fischotters
Skelett des Japanischen Fischotters am Tokio Museum für Natur und Wissenschaft (Foto: Momotaru)

 

Widerspruch der Regionen!

Die regionalen Präfekturen waren (und sind) indes stets bemüht, die Existenz des Japanischen Fischotters zu beweisen. Ja, sie gehen sogar soweit, der nationalen Deklaration zum aktuellen Stand des Otters als ausgestorbenes Tier zu widersprechen. Auf der Roten Liste der Präfektur Ehime wird der Japanische Fischotter als “gefährdete Art” geführt. “Es gibt gelegentlich Berichte über Sichtungen und es besteht die Möglichkeit, dass eine kleine Anzahl von ihnen in den Küstengebieten der Nanyo-Region lebt, aber angesichts der Situation im Lebensraum ist die Art vom Aussterben bedroht” (Rote Liste der Ehime Präfektur).

 

Ottersuche in der Ehime-Präfektur

Doch es bleibt nicht bei informativem Widerspruch. Vom 23. April 2014 bis zum 20. März 2015 führte die Präfektur Ehime, die den Otter ja auch als ihr Symboltier trägt, eine systematische Suche nach dem Otter durch. Fotofallen wurden aufgestellt. Zeugen befragt. Doch vor die Kamera trotteten 15 Säugetierarten, aber kein Otter. Vermeintliche Otterkadaver entpuppten sich, wie früher im benachbarten Kochi auch schon (Yoshikawa et. al., 2017: 335), als Fleckenmusang (Paradoxurus hermaphroditus), der zur Familie der Schleichkatzen gehört.

 

Fleckenmusang
Historische Abbildung eines Fleckenmusangs (Lydekker, 1896)

 

Japanische Fischotter: Alte und neue Sichtungen

Die Ottersichtungen, die bei dieser Suche gesammelt wurden, liegen teilweise 60 Jahre zurück. Allerdings gibt es auch neuere Berichte, so zum Beispiel aus dem Jahre 2011, als ein Bürger einen Otter vor der Küste der Region Chuyu in 500 Meter Entfernung gesehen haben will, “schwebend im Wasser, als würde er im Takt der Wellen fliegen”. In geringerer Entfernung, aber ebenfalls vor der Küste von Chuyo soll ein Otter beobachtet worden sein, “als mehrere Personen zugegen” waren. (Anm. d. Red.: Hier liegt möglicherweise ein Fehler bei der Transkription aus dem Japanischen vor. Wir konnten keine Orte oder Regionen des Namens in Japan finden.)

 

Ein anderer Zeuge will mehrere “otterähnliche Tiere” (schwarz, leicht weiß, langschwänzig – und nicht maskiert wie eine Schleichkatze) gesehen haben. Die anderen Sichtungen liegen 10 Jahre oder mehr zurück. Es gibt auch Berichte über einen versehentlichen Fang eines Otters. Der Fänger hatte dieses Tier noch nie zuvor gesehen, erkannte es aber als Otter, weil es einen “Sauger an der Pfote hatte”. Die Ohren waren klein, der Kopf scharf und flach. Schließlich entließ er es wieder in die Freiheit (alle Sichtungen zu finden im Bericht der Ehime Präfektur von der Otter-Suche 2014/2015, S.5).

 

Keine „direkten Beweise“

Auch wenn keine “direkten Beweise” für die Existenz des Japanischen Fischotters gefunden würden, geben sich die Verantwortlichen im Abschlussbericht kämpferisch: “Es ist nicht leicht, das Überleben des japanischen Flussotters festzustellen. Er weist eine extrem niedrige Populationsdichte auf und es ist notwendig, die Untersuchung so lange wie möglich fortzusetzen, um die Möglichkeit zu erhöhen, Hinweise zu finden.“ (Bericht der Ehime Präfektur von der Otter-Suche 2014/2015).

 

Brücke
Brücke an einer Flussmündung in der Ehime-Präfektur. Wie oft in Japan ist das Tiefland maximal entwickelt, die Berge aber noch bewaldet.

 

2017 – der Durchbruch?

Doch drei Jahre später, im Februar 2017, sollte der fehlende “direkte Beweis” endlich gelingen. Allerdings 400 km weiter westlich von der Ehime-Präfektur, genauer gesagt auf der Tsushima-Insel auf dem halben Weg nach Südkorea. Ein Forscherteam hatte Fotofallen aufgestellt, eigentlich zur Beobachtung von Tsushima´s gefährdeter Leopardkatze (Prionailurus bengalensis). Und plötzlich geschah es! Da spazierte vor die Kamera doch tatsächlich ein gut genährter und adulter…Otter! (Kyodo News vom 17. August 2017).

 

Prionailurus bengalensis, die Leopardkatze (Foto: paVan)

 

Die Überraschung war groß. Eine Pressekonferenz wurde abgehalten. Schnell rollten Reminiszenzen an den letzten Japanischen Otter aus dem Jahre 1979 durch die Presse.

 

War der Beweis für einen überlebenden Japanischen Fischotter nun endlich geglückt?

 

Forscher haben weitere Proben vor Ort genommen, eine taxonomische Untersuchung eingeleitet. Und schon bald musste ihr Verantwortlicher, Professor Hiroshi Sasaki von der Chikushi Jogakuen Universität, die anfänglichen Hoffnungen wieder dämpfen. “Es ist unwahrscheinlich, dass es sich bei dem Tier um Nachkommen von der Insel Shikoku [und damit meinte er die Japanischen Otter] handelt.” Die Ähnlichkeiten und DNA-Analyse der gefundenen Exkremente sprechen viel eher für einen Eurasischen Otter. “Es handelt sich also nicht um einen Japanischen Otter im engeren Sinne“ (Eartouch-News vom 19. Oktober 2017).

 

Tsushima
Tsushima ist deutlich subtropisch geprägt.

 

Wie war der Otter auf die Insel gekommen?

Eurasische Otter sind auf der koreanischen Halbinsel zu Hause. “Das ist nur ein Steinwurf von der Tsushima-Insel entfernt”. Die Otter könnten also durch die Strömung auf die Insel gedriftet oder aktiv herübergeschwommen sein. Das Japanische Umweltministerium schloss auch nicht aus, dass die Otter schon “in historischen Zeiten” auf der Insel heimisch geworden waren (Eartouch-News vom 19. Oktober 2017).

 

Drei Otter auf Tsushima

Tatsächlich blieb der gefilmte Otter auf der Insel kein Einzelfall. Ein Jahr darauf gab das Japanische Umweltministerium bekannt, dass drei wilde Otter auf der Insel zu Hause sind. Es handelt sich hierbei um zwei Männchen und ein Weibchen. Auch wurde die DNA von 10 Exkrement-Samples untersucht – zwei Otter hatten dabei eine engere familiäre Verbindung. Entweder waren sie Geschwister oder Elternteil und Kind (Japan Times vom 29. März 2018).

 

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Otter-“Hype” in Tokio …

Auch wenn es sich nicht um einen “authentisch japanischen” Otter handelte. Die Meldung aus der Provinz verhallte nicht ungehört in Japans Öffentlichkeit. Nur eine Woche nach der Meldung über den gefilmten Otter gab es in Tokio in einem Café namens Harry Harajuku Terrace Zwergotter (Aonyx cinerea) zu bestaunen und zu betatschen. “Nachdem die Meldung über die Ottersichtung öffentlich wurde, haben sich viele Leute gefragt, wie so ein Otter wohl wirklich ist” so der Manager Mayo Saito. Die Besucher können mit den Tieren interagieren.

 

Zwergotter Aonyx cinerea
Zwergotter Aonyx cinerea leben in Gruppen

 

Im Gegensatz zu den Igeln und den Chinchillas, auf die man in diesem Café ebenfalls trifft, stehen die Otter jedoch nicht zum Verkauf. Dennoch war die Attraktion offenbar ein Erfolg. Selbst in Tokio, einer Stadt der unkonventionellen Cafés, schafften es die Otter, zum Publikumsmagnet zu werden. Und das sowohl bei Japanern als auch bei Ausländern. “Ich denke, von den Ottern geht eine universelle Anziehungskraft aus”, so der Manager des Cafés (Kyodo News vom 13. September 2017).

 

… mit neuen Problemen

Doch dieser neue Otter-Hype hat seine Schattenseiten. Tatsächlich bringt er die Beziehung der Japaner zu “ihren” Ottern vor neue Probleme. Und damit indirekt auch die Kryptozoologie. In Japan sind die Otter die neuen Stars unter den exotischen Haustieren. Vier Otterarten, konkret der Indische Fischotter (Lutrogale perspicillata), der Haarnasenotter (Lutra sumatrana), der Zwergotter sowie der Eurasische Fischotter werden in der Wildnis Südostasiens gefangen und als Haustiere in Japan verkauft. Dort ist man bereit, für so einen Exoten mehrere Tausend Dollar zu bezahlen. Die Südostasiatischen Länder haben den Handel mit diesen Tieren eigentlich reguliert – mit Ausnahme vom Eurasischen Otter braucht man für die Ausfuhr der asiatischen Otterarten eine Erlaubnis.

 

Gegenwärtig planen einige Regierungen, den Handel mit den Tieren ganz zu verbieten. Dennoch floriert der illegale Handel. Einschlägige Social Media Plattformen haben sich zu Umschlagplätzen für den Verkauf von exotischen “Haustieren” gewandelt. Dadurch wird die Arbeit der Polizei erschwert, dem illegalen Tierhandel auf die Schliche zu kommen. Viele Halter der “niedlichen” und verspielten Otter als Haustiere übersehen leider zu oft, dass sie eigentlich keine Haustiere sind. Anstatt an Flussläufen in Gruppen Fischen hinterherzujagen, fristen sie dann alleine ein trauriges Dasein als lebende Plüschtiere isoliert in kleinen Badewannen. Definitiv keine artgerechte Haltung dieser Tiere (National Geographic vom 10. Januar 2019).

 

Japanische Berge
Japanische Berglandschaft

 

… auch für die Kryptozoologie

So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass für das Auftauchen von Eurasischen Ottern in Japans Wildnis, mal wieder, menschliche Ursachen in Betracht gezogen werden. Man spekulierte infolge der Entdeckung des ersten Otters auf Tsushima, ob dieser von Menschen auf die Insel gebracht worden war (Kyodo News vom 17. August 2017). Allerdings bedachte man diese Möglichkeit noch bevor dort die Anwesenheit von mehreren Ottern bestätigt wurde. Angesichts der Beliebtheit der Otter als Haustiere in Japan wäre es dennoch nicht überraschend, wenn tatsächlich einmal ein ausgebüxtes Exemplar vor eine Fotofalle tappen würde.

 

Otter oder “Flussmonster” – wer ist hier der Kryptid?

Der Vollständigkeit halber soll erwähnt werden, dass der Japanische Otter, wenn mittlerweile auch selbst ein Kryptid, mitunter auch Erklärung für Japanische “Flussmonster” ins Gespräch gebracht wird (Cryptomundo). Allen voran der Matsudodon (benannt nach der Stadt Matsudo bei Tokio) am Fluss Edo, ein robbenähnliches Tier mit Katzenkopf und Klauen an den Armen, das im Jahre 1973 von zahlreichen Zeugen gesehen worden sein soll. Auffällig war der “verspielte Charakter” des Tieres, der bis zur Interaktion mit Fischern reichte (Mysterious Universe).

Nicht verwunderlich, dass man hier – neben einem Flossenfüßer – auch an einen Otter denken muss.

 

Fazit: Japan ohne Otter. In jeder Hinsicht ein Verlust

Es scheint, als wären in der komplizierten Beziehung des modernen Japans zu “seinen” Ottern noch längst nicht alle Steine aus dem Weg geräumt. Gerade aus diesem Grund ist es eigentlich zu begrüßen, dass auf lokaler Ebene nach wie vor versucht wird, die letzten japanischen Otter ausfindig zu machen und zu schützen. Natürlich ist es aus der Ferne schwer zu beurteilen. Doch angesichts der Abwesenheit von “soliden Beweisen” ist es fraglich, ob die engagierte Suche nach überlebenden japanischen Ottern Aussicht auf Erfolg haben wird.

 

Bach ohne Japanische Fischotter
Ohne Japanische Fischotter sind die Gewässer des Landes ärmer

 

Tatsächlich wäre der endgültige Verlust dieser endemischen Tiere in vielerlei Hinsicht schade. Aus wissenschaftlichen Gesichtspunkten, weil damit ein Puzzlestein in Japans partikularer evolutionsgeschichtlicher Entwicklung verloren geht. Aus ökologischen Gründen, weil dann ein integraler Bestandteil von Japans Fluss-Ökosystem fehlt. Auch für die Artenvielfalt ist es ein herber Schlag, wenn eine lokale Form einer Art (oder gar eine ganz eigene Art) ausstirbt.

 

Japanische Uferlandschaft
und auch die Kultur ist ohne ihn ärmer…

 

Doch nicht zuletzt ist das Verschwinden des Japanischen Otters vor allem auch ein kultureller Verlust. Er führt die Tragödie von Japans Weg in die Moderne (und auch das aller Industrienationen) ein weiteres Mal auf drastische Weise vor Augen. So besagt es ein japanisches Volksmärchen (Japanese Folk Tale Review) – der Otter geht mit dem lokalen Fischer. Und so stirbt mit dem Otter auch ein Stück lokaler Identität. Vor diesem Hintergrund ist der Nachweis von Eurasischen Ottern auf der Insel Tsushima doch ein höchst erfreulicher “Trostpreis”. Die Zukunft lässt hoffen.

Zumindest auf der Insel Tsushima.