Orca in den Niederlanden gestrandet

Lesedauer: etwa 7 Minuten

 

 

In den Niederlanden ist am 15.10.2022 ein Orca gestrandet. Das etwa 5,5 m lange Tier strandete bei Cadzand in der Provinz Zeeland, wurde dort von Helfern wieder ins Meer geleitet. Als es dann nur zwei Stunden später und 3 km weiter erneut strandete, musste es eingeschläfert werden.

 

 

Orcas sind im Wattenmeer selten

Generell sind Orcas weltweit in allen verbreitet. Vor einigen Jahren nahm man noch an, es handele sich um eine einheitliche Art. Mittlerweile trennt man sie in über ein Dutzend morphologischer unterschiedlicher Populationen, die sich auch in der Art der Nahrung und einiger Traditionen unterscheiden, und genetisch diskret trennbar sind.

 

Zu welcher Population das in den Niederlanden gestrandete Tier gehörte, war anfangs noch unklar.

 

Der Reihenfolge nach

Am Nachmittag des 15.10. meldete die niederländische Walschutzgruppe SOS Dolfijn in den sozialen Medien, dass ein oder zwei Orcas vor Cadzand in Schwierigkeiten geraten sind. Gegen Abend strandete ein Tier in der Brandung der Sandbank, wo bald Tierretter der KNRM (Königlich niederländische Rettungsgesellschaft) Cadzand vor Ort waren. Sie sperrten den Bereich ab und leisteten erste Hilfe.

 

Erst danach konnten die Fachleute die Situation bewerten. Das Tier war ein junges Weibchen, etwa 5,5 m lang. In dieser Größe sind die Tiere so selbstständig, dass sie notfalls auch eine Weile auf sich allein gestellt überleben, aber bereits so schwer, dass sie binnen einer Stunde zurück ins Wasser müssen. Tatsächlich gelingt das den Ersthelfern relativ schnell, vermutlich gemeinsam mit der auflaufenden Flut.

 

Doch bereits kurze Zeit später, gegen 17:30 Uhr kommt die nächste Meldung. Der Orca ist erneut gestrandet. Nur 3 km vom ersten Strandungsort entfernt. Diesmal liegt das Tier höher am Strand, die Flut hat den Höchststand überschritten, eine Bergung ist damit deutlich erschwert. Bei jeder Zweitstrandung eines Wales, der größer als 3 m ist, wird in den Niederlanden ein spezielles Hilfsprotokoll aktiviert. So auch in diesem Fall. Ein Fachtierarzt für Wale (sowas gibt es tatsächlich) und die Delfinambulanz der SOS Dolfijn sind schnell vor Ort.

 

Gestrandeter Orca bei Cadzand
Die Situation nach der 2. Strandung: Der Orca liegt hoch über der Wasserlinie. Foto: Jeroen Hoekendijk

 

Kontrollen vom Land und aus der Luft zeigen keine weiteren Orcas in der Nähe, weder gestrandete Tiere noch eine Gruppe, die auf das gestrandete Tier zu warten scheint.

 

In der Zwischenzeit hält die örtliche Feuerwehr den Orca nass, Sanitäter kümmern sich um den Wal. Die ersten Kontakte zu internationalen Ersthelfern werden geknüpft, Ideen gesammelt, wie man dem Tier helfen kann. Doch die Untersuchung des Tierarztes führt zu einem ernüchternden Ergebnis. Der Orca ist in einem schlechten Allgemeinzustand, es reagiert kaum auf die anwesenden Menschen. Bevor man vor Ort eine endgültige Entscheidung getroffen hat, beginnt der Sterbeprozess des Orca-Weibchens. Der Tierarzt kann ihm nur noch ein Beruhigungsmittel verabreichen, danach stirbt das Tier.

 

Die Untersuchung

Orcas sind spektakuläre und beliebte Tiere, außerdem stehen sie am Ende einer Nahrungskette. Daher haben sowohl wissenschaftliche wie nicht-wissenschaftliche Öffentlichkeit ein großes Interesse an den Gründen für die Strandung und den Tod des jungen Orca-Weibchens. Daher wird der Körper des Tieres auch schnell zur Untersuchung an die Faculteit Diergeneeskunde der Universität Utrecht gebracht.

 

Die ersten Ergebnisse wurden dankenswerterweise schnell veröffentlicht. Der gestrandete Wal war ungewöhnlich dünn und in einem schlechten Allgemeinzustand. Es maß 5,17 m und wog nur etwa 2000 kg. Lonneke IJsseldijk, Forscherin an der Veterinärmedizinischen Fakultät, stellt die Frage, die alle interessiert: „Warum ist der Orca auf Grund gelaufen?“ Sie erklärt auch, was sie tun wird, um das herauszufinden: „Wir suchen nach Krankheitsanzeichen. Wir schauen auch, ob und was das Tier gefressen hat. Wann wir die Ergebnisse der Studie haben, wissen wir noch nicht, das hängt davon ab, was wir finden.“

 

Die Orca Rescues Foundation wies bereits zu diesem Zeitpunkt auf die chemische Belastung von Orcas hin: „Es ist nicht ungewöhnlich, dass Orcas mit Schadstoffen [„man-made chemicals“] belastet sind, weil sie hoch in der Nahrungskette stehen. Je fitter und gesünder sie sind, desto besser kommen sie damit klar.“ Kein Wunder, die meisten giftigen Chemikalien, die sich auf diese Weise ansammeln, sind fettlöslich. Der Körper eines Wales lagert sie also im Blubber ein, wo sie wenig Probleme machen. Erst wenn der Wal hungert, baut er den Blubber ab und die fettlöslichen Gifte werden frei.

 

Orca_ Wale in der Gruppe
Wale wie Orcas leben meist in Schulen, man findet sie selten alleine.

 

Erste Untersuchungsergebnisse

Etwa 14 Tage nach der Bergung des Orca-Kadavers hat die Faculteit Diergeneeskunde erste Ergebnisse veröffentlicht. Eine Herzklappe, die Hirnhäute und die Fortpflanzungsorgane des Schwertwals waren infiziert und entzündet. Der Darm war bis auf eine Plastikfolie leer. „Alle Zähne des Orcas waren locker und verfault. Das Tier muss beim Fressen wirklich Schmerzen gehabt haben“, sagte Lonneke IJsseldijk zur Presse.

 

 

Zähne sind oft die Schwachstelle der Orcas

 

Bei vielen gestrandeten Orcas findet man stark verschlissene Zähne. Offenbar ist die Abnutzung einer der alterslimitierenden Faktoren bei dieser Art. Insbesondere Populationen, die sich oft oder sogar überwiegend von Haien und Rochen ernähren. Deren feste und mit Zähnchen bedeckte Haut lässt die Zähne am Ende des Lebens bis auf die Pulpa-Höhle abschleifen.

Orca Schädel im Museum
Orca-Schädel mit deutlich abgeschliffenen Zähnen im vorderen Bereich und im Oberkiefer

Ein 1973 an der Pazifikküste Washingtons gestrandeter Schwertwal wurde in einem Ozeanarium gesund gepflegt. Er hatte einen Abszess am Zahn, der seine Ultraschall-Hörsinne im Unterkiefer beeinflusste. Das könnte dazu beigetragen haben, dass das Tier nicht mehr navigieren konnte und deswegen strandete.

 

Auch in Museen ausgestellte Skelette zeigen oft stark abgenutzte Zähne.

 

 

Auch das Verdauungssystem des Orca-Weibchens war leer. Im Magen fand sich eine kleine Plastikfolie, die aber nicht todesursächlich war und vermutlich keine große Auswirkung auf die Gesundheit des Tieres hatte. Auch im Darm fand sich nichts, das Tier kann mehrere Tage lang nichts gefressen haben. In Verbindung mit der Entzündung der Zähne erscheint das nicht so ungewöhnlich.

 

Noch ist unklar, welche Erreger die schweren Entzündungen ausgelöst haben, ob es sich um einen oder mehrere Erreger handelt. Ebenso ist unklar, ob sie den schlechten Allgemeinzustand des Tieres ausgelöst haben oder ob sie sich opportunistisch in einem bereits kranken Tier eingenistet haben.

 

Inzwischen ist das Tier identifiziert

Die Mitarbeiter des Proyecto O.R.CA – Cádiz, einer spanische Tierschutzorganisation konnten inzwischen den toten Orca anhand von Bildern identifizieren. Es handelt sich hier um IB6, „Gala“. Sie stammt aus der iberischen Orca- Population, die im Gebiet um die Straße von Gibraltar lebt. „Gala“ ist laut Proyecto ORCA mindestens 20 Jahre alt und hielt sich vor allem vor der Küste Portugals auf, aber auch aus dem Atlantik vor Frankreich gibt es Beobachtungen. Das Weibchen wurde aber seit Mai 2019 nicht mehr gesehen. Wo sie sich in der Zwischenzeit aufhielt, ist unbekannt. Über „Gala“ ist insgesamt wenig bekannt. Sie gehörte dem Lusas Clan an und hatte nie näheren Kontakt mit Menschen. Sie wurde immer mit dem Bullen IB13 beobachtet, bei dem es sich vermutlich um ihren Sohn oder Bruder handelt.

 

Die bekannten Daten zeigen, dass fast alle Orcas stark mit PCB (Polychlorierte Biphenolen) belastet sind, die Gibraltar-Population zeigt eine nur leicht überdurchschnittliche Belastung. Gibraltar-Orcas ernähren sich hauptsächlich von Blauflossen-Thunfischen.

In die Schlagzeilen gerieten die Gibraltar-Orcas 2020, als sie anfingen, die Ruderanlagen von Segelbooten zu verbiegen. Wir berichteten.

 

Orcas und Segelboot
Meist verlaufen Kontakte mit Orcas und Booten völlig unproblematisch ab.

 

Etwa um die Zeit, als „Gala“ final strandete, hat der Segler Steven Maertens einen weiteren Orca beobachtet. Er befand sich etwa 50 km westlich von Cadzand auf See, etwa 10 km vor Middelkerke in Belgien. Mehr als eine schwarze, gebogene Rückenflosse, die sich 10 bis 15 m vom Boot entfernt aufhielt, konnte er aber nicht sehen.

Möglicherweise ist die Meldung, dass „Gala“ nicht alleine war, korrekt. Die Vermutung, bei dem anderen Orca handelt es sich um IB 13 liegt nahe.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert