Ein (fast) echter Wolpertinger

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Haben Sie schon einmal versucht, einen Wolpertinger zu fangen?

 

Wolpertinger
Typische Darstellung eines Wolpertingers

Es handelt sich dabei um einen so komplizierten Prozess, dass bis jetzt noch niemand erfolgreich war. Zunächst einmal sollten idealerweise zwei Personen an der Jagd beteiligt sein, bestenfalls ein fesches Madel und ein zünftiges Mannsbild. Dann gilt es, die Höhle des Tieres zu finden, dort einen Sack zu platzieren, der von einem Stock offengehalten wird und eine brennende Kerze davorzustellen. In einem Anflug selbstmörderischer Absicht wird der Wolpertinger nun zum Feuer hinlaufen, sodass man ihn mit einem Spaten in den Sack schieben kann. Die Fänger müssen nun nur noch verhindern, dass das Tier sie bespuckt – der Speichel soll nämlich einen unmäßigen Haarwuchs an den betroffenen Stellen auslösen. Werden all diese Herausforderungen gemeistert, kann das Pärchen einen geflügelten Marder, ein Kaninchen mit Geweih oder eine undefinierbare Chimäre sein Eigen nennen.



Es lebt!

Kurzum, man muss sich schon die Frage stellen, welches Rauschmittel die Erzähler solcher Geschichten wohl eingenommen haben. Starkbier reicht dafür jedenfalls nicht aus. Um Halluzinationen hervorzurufen, braucht es schon ganz andere Substanzen…

So braucht es nicht zu verwundern, dass die in bayerischen Souvenirshops und Museen ausgestellten Wolpertinger „Kunstwerke“ findiger Tierpräparatoren sind. Ihrer Popularität tut das keinen Abbruch. Gerade diejenigen Exemplare, die in Schaufenstern zu finden sind, werden gerne von Touristen fotografiert. Die Allermeisten wissen natürlich, dass es sich nur um ein Stück Folklore handelt – zu absurd wäre der Gedanke, dass tatsächlich ein solches Mischwesen durch die Wälder streift.

Schloß Neuschwanstein, Hohnschwangau und der Alpsee
Wer weiß, was sich in den dunklen und unergründlichen Wäldern im tiefsten Bayern alles verbirgt?

 

Das dachten wahrscheinlich auch die Brüder Gunnar und Zander Boettecher aus Minnesota, USA – bis zu dem Moment, in dem sie ein gehörntes Kaninchen in ihrem Garten entdeckten. Schon 2013 machten die beiden Bekanntschaft mit dem „Fabelwesen“. Ob sie dabei auf legale oder illegale Weise berauscht waren, ist nicht überliefert. Klar ist jedenfalls, dass ihre Behauptung, ein Kaninchen mit hornartigen Auswüchsen gesehen zu haben, den Tatsachen entspricht. Sie nahmen das Tier nämlich auf Video auf. Und ganz im Gegensatz zu den meisten kryptozoologisch interessanten Aufnahmen ist es nicht völlig verwackelt und hat eine passable Auflösung zu bieten.

 

Pathologisch, nicht kryptozoologisch

Eine solche Entdeckung ist einfach zu schön, um wahr zu sein. Und so folgt auch hier die Enttäuschung auf dem Fuße: Das im Video gezeigte Tier ist kein Kryptid. Vielmehr handelt es sich um ein Wildkaninchen, wenn auch ein sehr ungewöhnliches.

 

 

Kryptisch ist jedenfalls der Titel des Videos, das 2019 auf der Männer-Nachrichtenseite (so die Firmenphilosophie) Gentside veröffentlicht wurde. Er lautet: „Gruselige Auswüchse: Brüder entdecken mutiertes Kaninchen“. Erstaunlicherweise ist diese reißerische Überschrift gar nicht völlig falsch.

 

Selbst diese Nachrichtenseite, die durchaus auch vor einem „Zombie-Virus“ warnt, muss nämlich gestehen, dass dieses Tier kein Experiment eines verrückten Wissenschaftlers war. Vielmehr informiert sie darüber, dass das Tier an einer Form des Papillomavirus erkrankt ist.

 

Das „Geweih“ des Kaninchens besteht demnach nicht aus Gehörn, sondern aus Tumoren. Diese entstehen durch eine Infektion der obersten Hautschichten mit dem Virus. Den „Zugang“ schaffen kleinste Verletzungen, die etwa durch Mückenstiche oder Zeckenbisse verursacht werden können. Wenn die infizierten Zellen absterben, „türmen“ sie sich nach und nach auf, sodass der Eindruck entsteht, das Tier trage Hörner.

Das klingt nun äußerst dramatisch – ganz so sehr muss man sich aber doch nicht vor dem Kaninchen gruseln. Auch wenn sie derselben Gattung angehören, sind diejenigen Viren, von denen das Tier infiziert war, nicht auf den Menschen übertragbar. Sie sind auch nicht mit den HPV-Virenstämmen identisch, welche für einen erheblichen Teil aller Gebärmutterhalskrebs-Erkrankungen verantwortlich sind. Es ist also weder eine Krebserkrankung zu befürchten, noch eine „Wolpertingisierung“, wie sie in den Geschichten durch die Körperflüssigkeiten des Tieres ausgelöst wird.

 

Auch für das Kaninchen wäre die Situation vielleicht gar nichts so gruselig – wenn ihm seine Erkrankung denn überhaupt bewusst wäre. Wildkaninchen haben gegenüber ihren domestizierten Verwandten in dieser Situation ausnahmsweise einen Vorteil: Die Tumore bleiben bei ihnen meist gutartig, wohingegen bei Hauskaninchen oft bösartige Karzinome entstehen.

 

Wolpertinger
Alte Darstellung des Wolpertingers aus: Spiegel der Geschichte oder Magazin aller Merkwürdigkeiten, besorgt von einer Gesellschaft Gelehrter, Hanau, 1./2. Jg. 1834/36.

 

Das Fünkchen Wahrheit im Wolpertinger

Wer allerdings nicht über diese seltene Erkrankung informiert ist, könnte durchaus meinen, im heimischen Wald eine neue Tierart entdeckt zu haben. Besonders diejenigen Darstellungen und auch „Präparate“ von Wolpertingern, die ein Kaninchen mit zwei oder mehr Hörnern zeigen, sind also nicht völlig aus der Luft gegriffen. Auch die „Reißzähne“, die manche von ihnen haben, könnten durch erkrankte Kaninchen inspiriert sein: In diesem Fall würde es sich einfach um Tumore handeln, die aus dem Bereich um den Mund herum wachsen.

Natürlich ist die Wolpertingerjagd unter diesen Umständen nicht mehr sonderlich romantisch. Wer will schon die Angebetete oder den Angebeteten fragen: „Schatz, wollen wir nicht ein Kaninchen mit Tumorerkrankung suchen gehen?“ Da das Papilloma-Virus glücklicherweise aber nur selten auftritt, ist die Gefahr, einem infizierten Tier zu begegnen, denkbar gering. So muss man sich dann nicht der Erforschung von Wolpertingern widmen, sondern kann auf das Forschungsgebiet der zwischenmenschlichen Beziehungen umschwenken.


Die passende Lektüre für den Urlaub:

Der weitbekannte Verfasser der „Opern auf Bayrisch“ Paul Schallweg geht ganz neue Wege: Um die Wahrheit über das weiß-blaue „Urviech“ endlich auch nördlich der Mainlinie bekannt zu machen, stellt er es hier auf Hochdeutsch vor. Aber auch die Fans des bayrischen Schallweg kommen nicht zu kurz.
Im zweiten Teil wechselt er zu seiner einzigartigen Dialektdichtung. In kuriosen Episoden führt er auf bayrisch vor, für welche zwischenmenschlichen Irrungen und Wirrungen so ein Wolpertinger sorgen kann …

Quellen:

Folklore zum Wolpertinger bei bayern-lese.de

Das „Wolpertinger-Video“ bei gentsite

Definition „Papillom“ bei Tierklinik.de

Erklärung zum Virus auf spektrum.de

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