Minnesota Iceman 1 – Der Sideshow-Star unter den Kryptiden

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Wer heutzutage einen Jahrmarkt besucht, erwartet drei Dinge: Essenstände mit hohen Preisen, Spielbuden mit niedriger Gewinnchance und Fahrgeschäfte, die ihre Kundschaft bereuen lassen, die erstgenannten Einrichtungen besucht zu haben.

Zugegeben – diese Sicht auf Volksfeste klingt auf den ersten Blick ein wenig zynisch. Schließlich drängt sich so der Eindruck auf, dass der Besuch solcher Veranstaltungen sinnlos oder gar falsch ist. Doch das muss nicht stimmen, denn sie bieten, was beinahe jeder Mensch sich dringend wünscht: Abwechslung und Unterhaltung. Ob sich die Entscheidung zur Achterbahnfahrt sachlich rechtfertigen lässt, oder nicht, ist dabei nachrangig, denn sie macht Freude.

 

Menschenmassen, Losbuden, Fahrgeschäfte und…

Würstchen auf einem Grill
… zu teure Bratwurst. Auf die Reihenfolge kommt es an!

 

Nach einer angenehmen Abwechslung war auch den Menschen in früheren Zeiten zumute. Nur war die Auswahl an Fahrgeschäften bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts eher überschaubar. Dafür existierte ein Typ von Unterhaltungsgeschäft, der heute weitgehend vergessen ist: die Schaubude. Im Englischsprachigen Raum, wo sie sich noch etwas länger als in Deutschland großer Beliebtheit erfreute, bezeichnete man diese Einrichtung als „Sideshow“.

 

Side Show Car, 1941
Typische Aufmachung eines Side Show-Wagens, 1941

Portrait der Affenfrau
Portrait der als Affenfrau bekannten Julia Pastrana. Unter den damaligen Bedingungen war „Teil einer Freakshow“ zu sein vielleicht das Beste, was ihr das Leben bieten konnte.

 

Was hat das mit Kryptozoologie zu tun? Einiges, denn in einer solchen Sideshow wurde der Minnesota Iceman entdeckt, den manche Kryptzoologen als Beweis für das Überleben weiterer Menschenarten bis in die heutige Zeit sehen. Die andere Gruppe hält ihn dagegen für einen spektakulären Hoax. Um die wissenschaftlichen Erstbeschreibungen von Bernard Heuvelmans und Ivan Sanderson zu verstehen, muss man mit dem Prinzip dieser Unterhaltungsform nicht unbedingt vertraut sein. In einigen Punkten hilft dieses Wissen jedoch ungemein.

 

Im folgenden Artikel soll daher zunächst das Grundprinzip von Sideshows erklärt werden, wobei der besondere Fokus auf denjenigen Teilbereichen liegt, die kryptozoologisch interessant sind. Anschließend wird die Geschichte des Minnesota Iceman von 1967 bis 1969 erzählt. Auch die widersprüchlichen Geschichten des Schaustellers Hansen sind in diesem Zusammenhang relevant. Zuletzt soll noch auf das Verschwinden und Wiederauftauchen des Iceman 2013 eingegangen werden.

 

 

Die Sideshow – Außergewöhnliches zum kleinen Preis

 

Es lässt sich kein ganz klarer Anfang der Sideshow als Zurschaustellung des Ungewöhnlichen machen. Schon im Mittelalter legten sich wohlhabende Adelige Kunst- und Wunderkammern an, wo sie Kunst und Naturgegenstände aufbewahrten und diese ihren Besuchern zeigten. Vereinzelt mag es auch damals schon vorgekommen sein, dass Schausteller Kuriositäten gegen Geld vorzeigten.

 

Die Sideshow im modernen Sinne, als kommerzielle und gut vermarktete Zurschaustellung, ist allerdings auf einen Mann zurückzuführen: P.T. Barnum.

 

König Humbug und die Meerjungfrau

Der US-Amerikaner, der sich durch die Bezeichnung als „König Humbug“ eher geschmeichelt, als beleidigt fühlte, gab unverhohlen zu, dass er sich „vor allem die Taschen füllen“ wollte. Man könnte ihn nach heutigen Maßstäben einen Betrüger, auch einen Ausbeuter nennen. Klar ist aber, dass er einer der ersten Schausteller war, die gezielt Marketing für ihre Zwecke einsetzen.

 

„Es ist mir egal, was Sie über mich schreiben, aber schreiben Sie meinen Namen richtig!“ P.T. Barnum, de facto Erfinder des Marketings

P.T. Barnums „American Museum“, Viel weiß man nicht, aber „Barnum soll **** und **** und hat außerdem weiße Wale im Keller!“ – mit solchen Gerüchten bekam Barnum sein Haus voll.

 

Dieser findige Mann hatte 1841 das „American Museum“ übernommen. Dieses Museum darf man sich aber keinesfalls als Forschungs- und Bildungseinrichtung vorstellen. Vielmehr wurde dort eine Anzahl völlig unterschiedlicher Dinge und auch Lebewesen zu einem Eintrittspreis von 25 Cent ausgestellt, die in irgendeiner Hinsicht kurios erschienen. Angeblich hielt Barnum im Keller seiner Einrichtung sogar zwei lebende Beluga-Wale.

 

Doch selbst derart spektakuläre Schaustücke waren ihm nicht genug. Seine größten Sensationen sollten unglaublich sein – und Fälschungen. Am Bekanntesten dürfte wohl seine Fidschi-Meerjungfrau sein. Diese wurde bekanntlich aus der Haut eines Affen und der Schwanzflosse eines Fisches zusammengenäht. Damit begründete er eine lange Tradition von Betrugsmaschen. Solche Exponate nannten spätere Schausteller in den USA „Gaffs“, Fischhaken also. Mit ihnen konnte man nämlich ausgezeichnet nach zahlungswilligem Publikum „fischen“.

 

 

Menschentiere, Sensationen

Eine tote Meerjungfrau ist spektakulär, aber noch spektakulärer ist ein lebendes Fabelwesen. Ganz abgesehen von „umdeklarierten“ Tieren wurden bereits zu Barnums Zeiten auch „Missing Links“ zur Schau gestellt. Da sich ein solches Wesen bis heute nicht finden lässt – schon gar nicht lebend – griff man auf ungewöhnliche Menschen zurück.

 

Mit diesem kryptozoologisch interessanten Thema ist zugleich auch das wohl unrühmlichste Kapitel der Sideshow-Geschichte verknüpft. Bis ins 20. Jahrhundert hatten die Schausteller, oder „Carnies“, wie sie in den USA genannt werden, nämlich oftmals sehr fragwürdige Vorstellungen von „primitiven“ Menschen. Kurzum, diese Menschen waren „exotisch“ (gerne dunkelhäutig oder albinistisch) und/oder körperlich – oft auch geistig – behindert. Beispiele finden sich bereits bei Barnum in Form von Krao, der „Affenfrau“ und „Zip the Pinhead“ (zu Deutsch: Zip, der Stecknadelkopf). Die erstere war streng genommen nicht behindert, wies aber aufgrund von Hypertrichose eine äußerst starke Körper- und Gesichtsbehaarung auf. Daher wurde sie gleich werbewirksam vom Menschen zum Menschentier oder Tiermenschen heruntergestuft. Bei Zip kam erschwerend dazu, dass sein „Stecknadelkopf“ durch Mikrozephalie bedingt war. Diese Krankheit geht immer auch mit einer geistigen Behinderung einher. Es ist daher sehr fraglich, ob Zip tatsächlich verstand, dass er als lebende Kuriosität ausgestellt wurde.

 

Portrait von Zip
Zip the Pinhead im Portait. Ob er als geistig Behinderter verstand, was ablief oder nach einem einfachen Belohnungssystem „funktionierte“, wird man wohl nie herausfinden.

Zip the Pinhead in Action
Zip the Pinhead während der Show

 

Gleichzeitig darf man aber auch nicht leugnen, dass einige der „Freaks“ durch die Zurschaustellung ihres Körpers ein relativ selbstbestimmtes Leben führen konnten. Einen gewöhnlichen Beruf zu ergreifen, wäre auch für die geistig normal Entwickelten unter ihnen aufgrund des gesellschaftlichen Klimas schwer möglich gewesen.

… und Fälschungsversuche

Natürlich gab es auch bei den lebenden „Missing Links“ Fälschungsversuche. Dies führt uns aus den Abgründen des Menschenhandels hin zu deutlich amüsanteren Geschichten. Unter den Wilder-Mann-Darstellern erreichte Leonard Borchardt besondere Berühmtheit. Als „Oofty Goofty“ ließ er sich in einen Käfig sperren und stieß dabei die Laute aus, die ihm seinen Künstlernamen gaben. Deklariert wurde er als „Wilder Mann von Borneo“ – eine Art Orang-Utan-Mensch, wodurch sich eine gewisse Ähnlichkeit zum Orang Pendek aufdrängt. Seine Karriere endete jedoch sehr bald wieder. Es stellte sich nämlich heraus, dass es gesundheitsschädlich ist, den Körper mit Leim zu beschmieren und mit Haaren zu bedecken. Oofty Goofty musste in einem Hospital aus seiner Maskerade befreit werden und gab seine Karriere als Wilder auf. Dafür beschloss er, künftig ein „Mann ohne Schmerz“ zu sein.

 

Die Affenfrau auf einem Flugblatt

Oofty Goofty
Oofty Goofty in seinen späteren Jahren

 

 

Wunder aus dem Bestellkatalog

Die Zuschaustellung von lebenden Freaks war allerdings nur eine von vielen Sparten der Sideshow. Bei weitem nicht jeder Carny konnte sich seinen eigenen „Affenmenschen“ leisten. In späteren Zeiten dürften zusätzlich auch moralische Bedenken eine Rolle gespielt haben.

 

Jedenfalls ergab sich bald schon eine große Nachfrage an Gaffs, wie sie bereits Barnum ausgestellt hatte.  Wo eine Nachfrage bestand, fand sich auch damals schon ein Angebot. Homer Tate, einer der wohl bekanntesten Gaff-Hersteller aller Zeiten, wechselte ab den 1940er Jahren seinen Beruf: Ehemals hatte er Dioramen mit volkstümlichen Szenen hergestellt, nun stieg er um auf „Feegee Mermaids“, Mensch-Tier-Chimären und falsche Mumien. Der Handel verlief dermaßen schwunghaft, dass es sich für ihn schließlich sogar lohnte, einen eigenen Katalog drucken zu lassen, in dem er seine Waren anpries.

 

Barnums Feejee Mermaid
Barnums „Feejee-Mermaid“ erregte damals großes Aufsehen. Technisch steht den modernen…

Tampa Sea Monster
… modernen „Kunstwerken“ von Präparator Juan Cabana in nichts nach.

 

Diese Waren, die übrigens vor allem aus Pappmaché und in der Wüste gefundenen Tierknochen bestanden, erfreuen sich auch heute noch großer Beliebtheit. Sie werden zwar nur noch selten mit vollem Ernst als „echt“ ausgestellt. Als Zeugnisse der amerikanischen Unterhaltungsgeschichte werden sie aber immer noch sehr geschätzt.


Teil 2: „Minnesota Iceman 2 – Anthropologie auf dem Volksfest“ ist am 09.04.2020 erschienen.

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