Minnesota Iceman 2 – Anthropologie auf dem Volksfest

Lesedauer: etwa 11 Minuten
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Der erste Teil des Minnesota Iceman:

„Der Sideshow-Star unter den Kryptiden“ ist hier am 02.04. erschienen

1968: Anthropologie auf dem Volksfest

Gelände der Wisconsin State Fair  – hier wurde der Iceman „entdeckt“

In diese bunte Welt, in der man nicht immer klar zwischen Fiktion und Realität unterscheiden konnte, drang im Jahr 1967 ein Wissenschaftler ein. Der Herpetologe Terry Cullen besuchte die Wisconsin State Fair, wo er zufällig die Sideshow von Frank Hansen entdeckte.

 

Dort sah er das Exponat, das später als Minnesota Iceman bekannt werden sollte. Er kontaktierte daraufhin den Kryptozoologen Ivan Sanderson, dessen Bücher über den Yeti er gelesen hatte. Dieser bat schließlich seinen Gast und Kollegen, Bernard Heuvelmans, ihn zu begleiten.

 

 

Das unauffällige Auffällige

Das Interesse der Wissenschaft an Cullens Fund schien im Allgemeinen übrigens eher gering ausgeprägt zu sein. Es lassen sich zwei verschiedene Theorien zum Grund für das Desinteresse aufstellen:

 

Ice Ad
So warb Frank Hansen für seine Attraktion auf der Side Show in der Monmouth Mall

 

Die erste davon stammt von Bernard Heuvelmans. Er bezichtigt seine Kollegen in den etablierten Bereichen der Wissenschaft, unangenehme Indizien schlicht zu ignorieren. Seiner Meinung nach sind viele dieser Wissenschaftler hauptsächlich darauf bedacht, alte Theorien und Paradigmen zu bestätigen. Theorien, die diesen Denkmustern widersprechen, würden systematisch lächerlich gemacht. Zu groß sei die Angst sich vor den Kollegen zu blamieren, oder – noch schlimmer – das eigene Weltbild ändern zu müssen. Eine gewisse Frustration Heuvelmans‘ über die Abneigung der Fachwelt seinen Thesen gegenüber dürfte in dieser Anklage eine Rolle gespielt haben.

Nun ist es nicht völlig von der Hand zu weisen, dass Wissenschaftler häufig eine sehr konservative Haltung pflegen, was ihre Theorien betrifft. Diese müssen grundsätzlich das Kriterium der Verträglichkeit erfüllen, das heißt, sie müssen mit bestehenden Theorien kompatibel sein. Ein vollständiger Paradigmenwechsel, also ein Verwerfen von bestehenden Theorien ist eher selten.

Frank Hansen wirbt
So sah Werbung in den 1960ern aus: Frank Hansen bewirbt den Iceman

Der Autor dieses Artikels ist allerdings der Meinung, dass Heuvelmans selbst einen wesentlichen Faktor unterschätzte: Der Iceman war Teil einer Sideshow. Im Gedächtnis der Amerikaner ist dieses Konzept untrennbar mit den häufig betrügerischen Absichten der Schausteller verknüpft. Es war nicht zwingend so, dass die Menschen sich darüber empörten, betrogen zu werden – oftmals boten die Carnies ja trotzdem beste Unterhaltung.

Die Bereitschaft, die Aussagen dieser Gentleman-Gauner für bare Münze zu nehmen, dürfte aber eher gering gewesen sein. Das galt umso mehr für Wissenschaftler, die ja einen guten Ruf zu verlieren hatten. Dazu kam noch, dass Hansens Schaustellung amateurhaft wirkte. Laut Heuvelmans wurde der Iceman als Mann beworben, der „perhaps since the medieval times“ gefroren sei.

 

Über das Bildungsniveau der Amerikaner werden ja gerne üble Scherze getrieben – dass sie aber die Menschen des Mittelalters ernsthaft mit Vor- oder Frühmenschen verwechseln, darf selbst der größte Kulturpessimist nicht erwarten. Auch solche Fehler ließen die Schaustellung nicht gerade seriöser oder wissenschaftlich interessanter erscheinen.

 

Man sollte dabei beachten, dass die beiden Theorien einander nicht ausschließen. So könnten die Vorurteile der Sideshow und die Vorurteile der Kryptozoologie gegenüber sich gegenseitig verstärkt haben.

Truck mit Werbung
Etwas später wurde dann schon auf einem Truck geworben.

Der Affenmann in der Kühltruhe

Sanderson und Heuvelmans brachen jedenfalls im Dezember 1968 auf, um den Iceman näher zu untersuchen. Dafür besuchten sie Hansen, der sich gerade in der Winterpause befand, in Minnesota. Dieser schien eine starke Abneigung gegen Wissenschaftler, oder besser gesagt: wissenschaftliche Untersuchungen zu haben. Er wollte eine nähere Untersuchung seines Schaustückes nur zulassen, wenn die beiden Besucher ihm versprachen, nicht darüber zu publizieren. Sanderson gab ihm das Versprechen, Heuvelmans hielt sich zurück. Keiner von beiden würde später auf Hansens Bitte eingehen.

Hanson und sein Gaff
Frank Hanson und sein Iceman. Datum unbekannt.

Der Iceman war in einer Art Kühltruhe – sie erinnerte Heuvelmans an einen Sarkophag – mit gläsernem Deckel untergebracht. Zusätzlich war er noch von einer Eisschicht umgeben, wobei fraglich ist, ob man tatsächlich von einem Eisblock sprechen kann. Die Schicht war zwar relativ dick und wies auch einige Luftblasen auf, die die Sicht erschwerten. Zugleich war sie aber ansatzweise an die Körperform des Iceman angepasst, sodass er relativ gut erkennbar blieb.

Heuvelmans war bald schockiert über die Tatsache, dass der Iceman bei einer Temperatur von nur -14°C aufbewahrt wurde. Dies würde die Verwesung nur verzögern, aber nicht völlig aufhalten. Ein stechender Geruch, der aus einem Spalt in der Truhe strömte, schien diese Theorie zu bestätigen.

In den elf Stunden, die Heuvelmans und Sanderson den Iceman über mehrere Tage hinweg untersuchten, fiel ihnen eine enorme Anzahl von Details auf. So bemerkte Heuvelmans etwa, dass das die Haare des Iceman einen Abstand von ungefähr 2 – 3 mm voneinander hatten. Das wäre für die meisten Tierarten zu viel, sodass Heuvelmans die Möglichkeit ausschloss, dass der Iceman einfach aus einem Pelz geformt wurde. Er beschreibt auch, dass der Iceman eine ungewöhnliche Kombination aus menschlichen und tierischen Merkmalen aufwies.
So waren seine Arme mit ca. 90 cm ähnlich lang wie die Beine – eine Kombination, die weder bei Menschen, noch bei Menschenaffen üblich ist. Die Hände und Füße waren sehr groß, wobei letztere zusätzlich noch stark behaart waren. Auch dieses Merkmal tritt weder bei Menschen noch bei Menschenaffen auf.

Die Kühltruhe des Iceman
Die Kühltruhe bzw. der Sarkophag – Design und Technik der späten 1960er

Alles in allem erschien der Iceman wie eine urtümliche Mischung aus Mensch und Tier.

 

So präsentierte sich der Iceman im Inneren des Wagens. Der Menschenauflauf um den „Sarkophag“ herum ist nicht gestellt – heute kaum vorstellbar.

Portrait des Iceman, gezeichnet von einem unbekannten Künstler.
Hansen verwendete es für seine Werbung

Heuvelmans‘ Hypothesen

Heuvelmans schloss aufgrund des enormen Detailgrades aus, dass es sich beim Iceman um eine Fälschung handelte. Auch war er der Meinung, dass es sich nicht um einen fehlgebildeten Menschen handeln könne. Dieser hätte eine unwahrscheinlich große Anzahl an Fehlbildungen und Mutationen aufweisen müssen, um nur ansatzweise wie der Iceman auszusehen. In diesem Zusammenhang erwähnt er übrigens einige Sideshow-Darsteller – genauer gesagt: „Freaks“ – als Vergleich.

 

Ebenso war sich Heuvelmans völlig sicher, dass es sich nicht um ein gut erhaltenes „Fossil“ handeln könne. Selbst an den kältesten Punkten der Welt herrschen – Heuvelmans zur Folge – keine Temperaturen, die niedrig genug wären, um Gewebe über Jahrtausende zu konservieren. Bei den im Permafrostboden gefundenen Mammuts werde die chemische Zusammensetzung der Böden als Faktor für den guten Erhaltungszustand unterschätzt. Noch dazu meinte Heuvelmans, eine oder mehrere Schussverletzungen am Iceman ausmachen zu können. Daher konnte er nicht älter als einige hundert Jahre sein – Heuvelmans schätzte sogar, dass er erst vor wenigen Jahren gestorben war.

 

Darren Naish’s Reproduktion der Original-Abbildungen des „Minnesota-Iceman“

Zugleich war Heuvelmans sich aber sicher, dass der Iceman eine Art Vor- oder Frühmensch sei. Er bespricht in seinem Buch über den Iceman verschiedene Arten. Erstaunlicher Weise entschloss er sich, dass es sich beim Iceman um nichts Anderes handele, als um einen rezenten Neandertaler.

Als Hauptgrund für diese Annahme gibt er an, dass der Neandertaler diejenige Menschenart sei, die (abgesehen vom noch heute lebende Homo sapiens natürlich) am spätesten ausgestorben sei. Er sah auch keinen Widerspruch zu den meist sehr „menschlich“ – im Sinne von „uns heutigen Menschen ähnlich“ – wirkenden Rekonstruktionen des Neandertalers in den 1960er Jahren. Er führt dazu weiter aus, dass der Neandertaler desto menschlicher dargestellt wurde, je mehr noch frühere Menschenarten entdeckt wurden. Daraus schließt er, dass die Rekonstruktionen sehr durch die Vorstellung davon beeinflusst seien, wie nahe die Verwandtschaft des Neandertalers mit dem modernen Menschen eingeschätzt wird

Ein Neandertaler beim Schönheits-Wettbewerb?

Die Erkenntnisse späterer Wissenschaftler zeigen klar, dass Heuvelmans sich bei seiner Beschreibung des Neandertalers geirrt hatte. Forscher des Max-Planck-Institutes stellen erst 2016 die These auf, dass uns ein Neandertaler nur wenig auffallen würde, wenn er uns in moderne Bekleidung gehüllt begegnen würde. Sicher, einen Schönheitspreis würden ihm „seine fliehende Stirn, die kräftigen Oberaugenwülste und das prominente kinnlose Gesicht“ nicht einbringen. Auch wäre er zu klein und gedrungen, um den Model-Maßen (oder auch nur den Durchschnitts-Maßen) der heutigen Zeit zu entsprechen. Trotzdem würde er eher uns ähneln, als dem halb tierischen Minnesota Iceman.

Neandertaler
Schön ist er nicht, aber er fällt auch nicht wirklich auf: der Neandertaler (Foto im Neanderthal-Museum, Mettmann)

Gestützt wird diese Hypothese nicht zuletzt dadurch, dass der Neandertaler und der moderne Mensch genetisch kompatibel waren. Der Paläo-Genetiker Svante Pääbo wies nach, dass ein bis drei Prozent unserer Gene eindeutig von Neandertalern stammen. Die einzige Ausnahme stellen die Gene afrikanisch-stämmiger Menschen dar – denn Afrika war nicht Teil des Verbreitungsgebietes der Neandertaler. Dies spricht dafür, dass eine Hybridisierung zwischen modernem Menschen und Neandertaler recht häufig vorkam. Damit zwei Arten sich kreuzen lassen und dabei noch dazu fruchtbare Nachkommen zeugen können, müssen sie genetisch sehr ähnlich sein. Dies spricht wiederum auch für eine starke anatomische Ähnlichkeit.

 

Zuletzt sei allerdings noch angemerkt, dass durch diese Erkenntnis nicht zwingend sämtliche Thesen Heuvelmans falsifiziert werden. Zwar kann der Iceman dem aktuellen Stand der Forschung nach kaum ein Neandertaler gewesen sein – einer anderen Vor- oder Frühmenschenart könnte er aber durchaus angehören. Die Paläo-Genetik ist eine noch recht junge Wissenschaft und es sind bei weitem noch nicht die Genome aller bekannten Menschenarten entschlüsselt. Dass deren Aussterben früher datiert wird, als das Aussterben der Neandertaler, ist ebenfalls nicht unbedingt ein Hindernis. Es gibt schließlich Tierarten, die eine sehr viel längere Zeit unbemerkt überlebt haben. Man denke dabei etwa an den Quastenflosser.

 

1969: Das Chaos beginnt

Sanderson und Heuvelmans war trotz Heuvelmans‘ Vorbehalten gegen seine stärker etablierten Kollegen sehr daran gelegen, ihren Fund der Wissenschaft bekannt zu machen. Ein wesentliches Problem bestand allerdings darin, dass Hansen sich weigerte, den Iceman zu verkaufen. Als Grund dafür gab er abwechselnd an, dass er durch die Zuschaustellung mehr Geld verdienen könne, oder aber, dass er gar nicht der Eigentümer des Schaustücks sei.

 

Die beiden beschlossen, trotzdem schon einmal ihre Publikationen zum Iceman auszuformulieren. Sanderson unterlief dabei allerdings ein folgenschwerer Fehler: Nicht nur erzählte er Hansen von ihrem Plan. Er las ihm auch Teile von Heuvelmans‘ Skript vor, aus denen hervorging, dass der Iceman Heuvelmans‘ Meinung nach erschossen wurde. Warum Sanderson das tat, ist unklar. Vermutlich kommunizierten die beiden Wissenschaftler zu diesem Zeitpunkt einfach nicht mehr ausreichend. Es hatte nämlich zwischenzeitlich ein kleines Zerwürfnis zwischen Ihnen gegeben: Sie hatten einen gemeinsamen Monat für die Veröffentlichung ihrer Publikationen geplant, doch das Veröffentlichungsdatum für Sandersons Bericht wurde nach hinten verlegt. So wäre die Entdeckung des Iceman hauptsächlich Heuvelmans zugeschrieben worden – was letztlich auch passierte.

 

 

Mordermittlungen gegen Hansen?

FBI-Siegel

Kurz nachdem Heuvelmans seinen Bericht im März 1969 veröffentlicht hatte, nahmen die Behörden erste Ermittlungen gegen Hansen auf. Der lokale Sheriff und später angeblich auch das FBI verhörten ihn.

 

Heuvelmans vermutete, dass es sich wohl um Mordermittlungen handelte. Schließlich hatte er behauptet, dass es sich bei Iceman um einen Neandertaler handele. Ein Neandertaler wiederum ist ein Mensch. Unabhängig davon, ob diese These strafrechtlich gesehen richtig wäre, erschien Hansen den Behörden wohl dubios.

 

Die andere Möglichkeit – die der Autor dieses Artikels für etwas realistischer hält – bestand in einer Ermittlung wegen Betrugs. Wenn Hansen den Iceman als prähistorischen Mann verkaufte, es sich dabei aber um eine Puppe handelte, betrog er seine Kunden aus Gewinnabsicht. Zwar scheinen Ermittlungen gegen Sideshow-Betreiber ihrer kleinen Gaunereien zum Trotz unüblich gewesen zu sein.
Hansen behauptete allerdings, erhebliche Geldbeträge durch die Zurschaustellung einzunehmen – angeblich bis zu 50.000 Dollar im Jahr. Es könnte also sein, dass das Ausmaß des (vermeintlichen oder tatsächlichen) Betruges zu Ermittlungen führte.

 

So oder so ist es nie zur Anklage gegen Hansen gekommen.

 

Der Minnesota Iceman 3 – Der falsche Iceman?“ ist am 16.04.2020 erschienen

 

 

 

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