Lesedauer: etwa 16 Minuten

Grauenvolle Grabschändungen und die Blamage von Terra X:

 

Die „Mumien von Außerirdischen“ wurden im September 2023 im mexikanischen Parlament vorgestellt

Aufgrund des Medienechos und der Relevanz, die hinter dieser Präsentation steht, bringen wir diesen Text von Leif Inselmann erneut. Seine Message ist durch die Wissenschaftsfeindlichkeit, die hinter der Veranstaltung steht, um so wichtiger geworden und kann als Gegenpol nicht oft genug wiederholt werden: Glaubt nicht alles, was man euch aus irgendwelchen obskuren Kreisen serviert. Gerade das Internet hat keine Chefredaktion, jeder wird irgendwo ein Medium finden, wo er jeden Blödsinn publizieren kann.

Denkt selbst nach! Sucht euch Informationen aus weiteren Quellen, seid kritisch, überprüft Aussagen auf Plausibilität, vertraut auf die Naturwissenschaften!

 

Ungelöste Rätsel (?)

 

 

Am vergangenen Sonntag, den 07. Februar 2021, zeigte das ZDF eine neue Folge der Rubrik Ungelöste Fälle der Archäologie bei Terra X. Das spannende Thema diesmal: Mumien.

Doch die ägyptischen Mumien, die hervorragend erhaltene „Lady Dai“ aus dem Han-zeitlichen China und der kuriose Fall einer Mumienfälschung in Deutschland verblassten allesamt gegenüber dem rätselhaften Highlight der Terra X-Folge: Den „Weißen Mumien von Nazca“.

 

Die vermeintlichen Mumien von Nazca
Die „rätselhaften“ Mumien von Nazca. (Foto bei peruitalia.com gefunden)

 

In Peru, nicht weit entfernt von den einschlägig bekannten Nazca-Linien, seien in einer Höhle oder Gruft in der Wüste mehrere mumifizierte Körper menschenähnlicher Wesen gefunden worden. Manche von ihnen winzig klein, eines menschengroß – alle aber teilten sie eine seltsame Kopfform, mandelförmige Augen, und natürlich das unglaublichste: Sie alle besitzen nur je drei spindeldürre Finger bzw. Zehen an Händen und Füßen. Eine von ihnen hat ein Stück Metall in die Brust transplantiert, in seinem Unterleib scheinen sich Eier zu befinden. Ein Überzug mit einem weißen Pulver – versteinerten Kieselalgen, erfahren wir – verleiht den Mumien ihre eponyme weiße Erscheinung. Alles in allem sehen sie ganz so aus wie das Bild, das wir uns in der Populärkultur von kleinen grauen Aliens machen.

 

Erich von Däniken eröffnet

Es war am 31.03.2019, als ich zum ersten Mal von diesem unglaublichen Fund hörte – genauer: bei einem Vortrag von niemand geringerem als Erich von Däniken in Northeim. Anlässlich des Jubiläums „50 Jahre Erinnerungen an die Zukunft“ und seines neuen Buches Neue Erkenntnisse berichtete er von dieser Geschichte, die auch ihm zweifelhaft schien. Ihm seien die Mumien sogar zum Kauf angeboten worden. Ohne sich zu eindeutig für oder gegen die Echtheit der Körper bekennen zu wollen, sei er gespannt, was weitere Untersuchungen ergeben würden.

 

Der Nazca-Astronaut
Eines der Nazca-Scharrbilder in der Nähe der bekannten Linien. Es wird als Astronaut bezeichnet. Foto by Anonymus, CC 2.5

 

Harald Lesch erhöht

Nunmehr, fast zwei Jahre später, stellte sich mit dem „Physiklehrer der Nation“ Prof. Dr. Harald Lesch das genaue Gegenbild eines Prä-Astronautik-Gläubigen vor die Kameras des ZDF, um dem interessierten Fernsehpublikum die „Weißen Mumien von Nazca“ zu präsentieren. Inzwischen ist einiges passiert – jetzt werden die Mumien, wie wir in der Dokumentation zu sehen bekommen, von Wissenschaftlern der Universität Ica untersucht.

 

Mario Urbina deckt auf – oder würde es gerne

Kurz wird der Paläontologe Mario Urbina von der Universität Lima zugeschaltet, der Zweifel an der Echtheit der Mumien hat. Seine These, die er kurz nennen, aber nicht begründen darf: Die Körper seien künstlich aus menschlichen und tierischen Knochen zusammengesetzt worden, wahrscheinlich als weiterer Magnet für die ganzen Alien-gläubigen Touristen, von deren Besuchen die ganze Region profitiert. An der Uni von Ica indes weiß man trotz Röntgenbildern und Untersuchungen noch immer nichts Näheres, also bleibt Harald Lesch nur, die Episode mit versöhnlich-rätselhaften Worten zu schließen: „Ob diese dreifingrigen Mumien von Nazca eine große Täuschung sind oder authentische Funde, lässt sich abschließend noch nicht sagen.“[1]

 

Und weiter geht’s zur nächsten Mumie – doch das Rätsel von Nazca wird ein großer Teil der Zuschauer noch lange im Gedächtnis behalten.

 

 

Stimmt das? Weiß man – inzwischen fünf Jahre nach der Entdeckung der Mumien – noch immer nicht, ob wir es nun mit außerirdischen Leichen zu tun haben oder mit einem mehr oder minder raffinierten Hoax? Oder war das dem Professor vom Terra X-Team in den Mund gelegte Fazit vielmehr ein klassischer Fall von False Balance – der Unsitte (nicht nur, aber auch) im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, einer begründeten und einer absurden Ansicht gleichen Stellenwert einzuräumen? Leider lautet die Antwort auf letztere Frage „Ja“.

Die Hintergründe

Was also hat es auf sich mit den „Weißen Mumien von Nazca“? Dafür müssen wir einige Jahre zurückgehen, denn was in der ZDF-Doku leider recht kurz kam, ist die kontroverse Entdeckungsgeschichte. Eingehender rekonstruiert wurde diese unter anderem in einem Beitrag der Seite Grenzwissenschaft Aktuell (GreWi)[2], deshalb im Folgenden nur die wichtigsten Punkte:

 

Das erste Video von Krawix

Ende 2016 erscheinen bei YouTube mehrere Videos eines Users namens Krawix. Eines[3] zeigt – vor ihm auf dem Tisch liegend – eine zwergwüchsige Mumie, den separierten Kopf einer zweiten und eine riesige, dreifingrige Hand. Diese seien im Januar 2016 von zwei Freunden in einer unterirdischen Gruft mit Sarkophagen in der peruanischen Wüste gefunden worden (Hier fällt uns bereits auf, dass der angebliche Fundort ein deutlich anderer ist als die Höhle, die dem TerraX-Team von einem Einheimischen präsentiert wurde). Weitere Videos folgen[4], darin zu sehen auch immer wieder Röntgenaufnahmen der rätselhaften Körper.

 

 

Röntgenbilder, neue Akteure …

23.11.2016: Das Video ¿Momias ETs de Nazca Descubiertas en un Sarcófago? von MisteriosOcultosTv erscheint[5], darin eine weitere Präsentation der Mumien einschließlich Röntgenbildern. Nunmehr sind auch die beiden Alien-Forscher Thierry Jamin und Brien Foerster in die Affäre involviert. Diese gründen schließlich das (das gewünschte Ergebnis bereits vorwegnehmende) Alien Project. Einer Rückfrage von Grenzwissenschaft Aktuell an Brien Foerster zufolge[6] sei dieser allerdings nur kurze Zeit an dem Projekt beteiligt gewesen, sodass dieses infolgedessen vor allem von Jamin betrieben wurde. Die professionell wirkende Website des Projekts beinhaltet unter anderem umfangreiche computertomographische Scans der Mumien, auf die später zurückzukommen sein wird.[7]

 

… und alte Esotheriker

2017: Neben Jamins Alien Project schaltet sich ein weiterer Mitspieler ein. Der Websender Gaia.com – bekannt für esoterische, pseudowissenschaftliche und verschwörungstheoretische Inhalte – startet im Rahmen seines kostenpflichtigen Abonnements eine neue Dokureihe mit dem Namen Nazca Unearthed[8] rund um die Weißen Mumien. Darauf aufmerksam machte den Sender der mexikanische Journalist Jaime Maussan, der bereits 2015 in einen Hoax um eine als Alienleiche vermarktete Kindermumie verwickelt war[9]. Außerdem beteiligt: Konstantin Korotov, Forscher wahlweise an der St. Petersburg University oder der St. Petersburg University of Informational Technologies, Mechanics and Optics (bei der er erstaunlicherweise nicht auffindbar ist[10]), dessen hauptsächliche Profession der Vertrieb eines „Bio-Well“ genannten Geräts zur Fotografie der menschlichen Aura ist.[11]

 

Highlight der Gaia-Videos ist eine weibliche Mumie von menschlicher Größe, „Maria“ genannt, ebenfalls mit überlangen dreifingrigen Händen und einem verlängerten Hinterkopf. Ihre fötal-zusammengekauerte Haltung entspricht der bekannter Mumien aus dem Gebiet der Nazca-Kultur. Anhand einer Radiokarbondatierung – so Gaia – ist die Entstehung der Mumie auf etwa 245 bis 410 n. Chr. (1705-1540 calBP) zu datieren.

 

Ebenso rätselhaft: Auch antike Felsbilder und Textilien aus der Region zeigen Gestalten mit nur drei Fingern.[12]

 

Kritik

Kann es also sein, dass 2016 nahe Nazca tatsächlich Körper einer nichtmenschlichen Rasse, gar außerirdischer Besucher, gefunden wurden? Kritiker vermuten von Anfang an, dass es sich bei den Mumien um nichts weiter als neuzeitliche Fälschungen handelt, die von modernen Händen zusammengefügt wurden. Die weiße Kruste ermögliche dabei hervorragend, Beschädigungen zu kaschieren und die äußere Erscheinung zu modellieren. Unpraktisch für die Befürworter der „Alien-Mumien“: Die zahlreichen Röntgenbilder und CT-Scans aus ihren eigenen Veröffentlichungen, die inzwischen im Internet kursierten …

 

Deutlich als Fake erkennbar

Bereits die Krawix-Videos, mit denen die Kontroverse begann, zeigen Röntgenbilder der dreifingrigen Hand sowie einer Zwergenmumie, deren Skelett keinesfalls dem echter, lebensfähiger Organismen entspricht.

Zwei willkürlich aneinandergesetzte Knochen, schief und asymmetrisch im Körper sitzend, bilden durchgehend Hals und Wirbelsäule, die man sich somit als gänzlich unbeweglich vorstellen müsste. Am unteren Ende scheint der Knochen wie abgebrochen. Zwei Querknochen als Schlüsselbeine setzen wie abgehackt direkt daran an, ebenso die Oberarme und Rippen, Gelenke sind nicht zu sehen.[13]

Ein anderes Video zeigt das Innenleben der riesigen dreifingrigen Hand. Die Knochen am Handansatz sind teilweise zertrümmert. Vor allem aber sind es mehr Knochenfragmente, als die Verlängerung der drei langen Finger hergeben würde – von kompakten, unförmigen Handwurzelknochen wiederum fehlt jede Spur.[14]

Mit der lebensgroßen Mumie „Maria“ der Gaia-Videos setzte sich Mick West auf der Seite Metabunk.org bereits 2017 auseinander[15]. Auch hier gibt es eindeutige Indizien für eine Fälschung:

  • Zwischen dem Handansatz und den überlangen Fingern zeigt sich kein fließender Übergang, sondern vielmehr ein unpassender Absatz.
  • Die Röntgenbilder der Füße zeigen zwar nur drei Zehen, die den drei mittleren Zehen eines Menschen entsprechen, doch gewöhnliche Fußwurzelknochen mit Ansatzpunkt für fünf Zehen.
  • Die Zehenknochen setzen ganz offensichtlich nicht direkt an den Fußwurzelknochen an; vielmehr gibt es hier eine deutliche Lücke.

Es scheint also, dass hier von normalen menschlichen Füßen jeweils die beiden äußeren Zehen entfernt und die drei verbliebenen über die ganze Fußbreite verteilt wurden. Bei den Händen wiederum seien die zwei äußeren Finger entfernt und das Fleisch zwischen den Mittelhandknochen eingeschnitten worden, sodass die Hände länger erschienen. Höchstwahrscheinlich also bildete eine echte Mumie die Grundlage für eine künstliche Verstümmelung, um sie außerirdischer erscheinen zu lassen – dies würde auch die in der Tat historische C14-Datierung erklären. Grabräuberei ist in der Region verbreitet, echte Mumien also durchaus verfügbar.

Doch „nur“ Grabräuberei und die Produktion von Artefakten?

2018 schließlich erschien ein mit versteckter Kamera aufgezeichnetes Video im Internet, in dem ein anonymer Grabräuber davon berichtet, Mumienteile an Hersteller derartiger Fake-Mumien verkauft zu haben. Allerlei Körperteile – Arme und Beine, aber auch Köpfe, Gehirne, Nerven und sogar Blut – hätten zu den Bestellungen gehört. Man mache die Körper durch Wasser wieder flexibel, um den Hals zu dehnen, teils würden neue manipulierte Köpfe aufgesetzt. Für die kleinen Mumien kämen die Skelette von Babys oder Föten sowie Lamaknochen zum Einsatz – ein ganzer Friedhof geopferter Lamas aus vorinkaischer Zeit versorge die Grabräuber mit Knochen und Schädeln.[16]

He takes the head off and inserts another head, pulls the skin … inserts another head, and leave it to dry. The skin dries again and sticks to the head. … Same here [zeigt auf Finger] it sticks to it. You take this off, I don’t know how they glue it, there is a guy who knows … He inserts another section next to it. I think he used llama bones, becaue they are bigger…“[17]

 

Ob dieser Mann tatsächlich den Ursprung genau der in den anderen Medien gezeigten „Weißen Mumien von Nazca“ beschreibt, lässt sich natürlich nicht feststellen. Dass es sich bei den Mumien aber in der Tat um genau so hergestellte Fälschungen handelt, belegen andere Merkmale.

Beleg der Fälschung

Der Paläontologe und Experte für Computertomographie Dr. Julien Benoit (Universität von Witwatersrand) setzte sich mit den vom Alien Project publizierten CT-Aufnahmen auseinander, wie in einer Reihe von Videos festgehalten ist. Auch seine Untersuchungen bestätigen eine Identifikation der Mumien als moderne Fälschungen.
So zeigen die CT-Aufnahmen von Mumie „Maria“ klar eine Hand mit Sehnen für fünf Finger, einschließlich jener des fehlenden Daumens. Während sich abgetrennte Sehnen normalerweise zurückziehen, liegen sie bei der Mumie noch an ihrem Platz, was auf eine Verstümmelung des getrockneten Körpers erst nach der Mumifizierung hindeutet. Insofern sei eine bereits antike Manipulation zu Lebzeiten oder kurz nach dem Tod ausgeschlossen.[18] Auch das Os trapezium – der Handwurzelknochen, an dem der Daumen ansetzt – ist im Gegensatz zum Daumen selbst vorhanden.

Nicht weniger eindeutig stellt sich der unnatürlich geformte Kopf der Mumie dar: Das auf den Computertomographiebildern zu sehende Gehirn sitzt falsch herum im Schädel – und hat die selbe Form wie das eines Lamas. Die Aussagen des Grabräubers bestätigen sich.

 

Bei den zwergenhaften Mumien wiederum seien die Rippen so angeordnet, dass sie die Wirbelsäule perforierten – undenkbar bei einem lebenden Wesen. Die im Unterleib sichtbaren Eier, von den Mumien-Befürwortern als Beleg für eine reptilienartige Lebensform angeführt, erscheinen auf den Röntgenbildern und CT-Scans viel zu dicht für echte Eier, dichter noch als die Knochen des Skelettes selbst. Vermutlich also handelt es sich vielmehr um Steine oder andere massive, jedenfalls nicht natürliche Objekte.[19] Weitere Belege für die Fälschung finden sich in anderen Videos desselben Kanals.[20]

 

 

Und die Universität?

Und was ist nun mit der Universität von Ica, die die Mumien untersucht? Terra X suggerierte, man wisse noch nichts Genaueres, man arbeite aber daran. Der Status quo, mit dem die Zuschauer in den Sonntagabend entlassen werden, könnte jedoch falscher kaum sein.

Am 07. August 2020 nämlich fand eine Konferenz der zuständigen Forscher statt, deren Aufzeichnung sich noch immer bei YouTube einsehen lässt.[21] In einem zweistündigen Vortrag wird herausgestellt, dass es sich – wie bereits zuvor vielfach vermutet – um Mumienreste handelt, die künstlich zu scheinbaren Alien-Mumien umgestaltet wurden. Auch die Schädel der kleineren Mumien seien eindeutig Tierschädel, während an den Füßen von „Maria“ offenbar Knochen von Händen verarbeitet wurden.

So lautet etwa das Fazit zur Mumie „Maria“:

 

Los restos de presuntos alienígenas son creaciones fabricadas con huesos de animales y humanos unidos con pegamento sintético. Estos a su vez han sido cubiertos por uno mezcla de fibras vegetales y adhesivo sintético para simular un tip de piel. Se establece la manufactura de reciente data.“

 

Die Überreste der angeblichen Außerirdischen sind Kreationen aus Tier- und Menschenknochen, die mit synthetischem Kleber zusammengehalten werden. Diese wiederum wurden mit einer Mischung aus Pflanzenfasern und synthetischem Klebstoff überzogen, um eine Art Haut zu simulieren. Man stellt eine Herstellung rezenten Datums fest.“

 

Alle weiteren Informationen, auch zu den übrigen Mumien, finden sich entsprechend im Video.

 

 

Was sagt Terra X?

Ob diese dreifingrigen Mumien von Nazca eine große Täuschung sind oder authentische Funde, lässt sich abschließend noch nicht sagen.
– Prof. Dr. Harald Lesch

Eine einfache Fälschung

Die Weißen Mumien von Nazca sind eine nicht allzu professionelle moderne Fälschung. Meine Vermutung ist, dass die Terra-X-Sendung noch vor der Konferenz der Universität von Ica aufgezeichnet wurde und diese daher nicht berücksichtigte.

Trotzdem jedoch bleiben einige unangenehme Fragen:

  • Wieso wurde die Sendung über fünf Monate nach der Konferenz noch ausgestrahlt, obwohl sich die Faktenlage fundamental geändert hatte?
  • Wieso wurden die bereits seit mehreren Jahren bekannten Belege für eine Fälschung anhand der Röntgenbilder nicht einmal erwähnt?
  • Warum wurden die zweifelhaften Hintergründe der Mumienbefürworter (u.a. ein verschwörungstheoretisch-esoterischer Internetkanal, bekannte Alienleichenfälscher, ein russischer Scharlatan) nicht erwähnt?
  • Warum ließ man den interviewten Paläontologen nicht ausreden, obwohl auf dem Bildschirm hinter ihm sogar schon ein Tierschädel zu sehen war?
  • Und wieso kann ich, weder Anthropologe noch des Spanischen mächtig, die ganze Thematik der Weißen Mumien von Nazca innerhalb von nicht einmal 24 Stunden anscheinend so viel fundierter recherchieren als die Crew des erfolgreichsten deutschen populärwissenschaftlichen Fernsehformats?

 

Ich schätze die Sendung Terra X. Und auch die meisten Wissenschaftler sind sich im Klaren, dass die populäre Aufbereitung wissenschaftlicher Themen manchmal eine gewisse Vereinfachung – sogenannte „didaktische Reduktion“ – erfordert und eine 45-minütige Sendung der Komplexität vieler Themen keinesfalls gerecht werden kann.

Eine andere Qualität hat jedoch die extrem unvollständige, ja letztlich grob entstellende Darstellung eines pseudowissenschaftlichen Sachverhalts. Die Macher der Reihe Ungelöste Fälle der Archäologie und ihr symbolisches Gesicht Prof. Dr. Harald Lesch haben in ihrer Folge Mumien den Stand der Wissenschaft verlassen und stattdessen lieber dem wohligen Schauer des Mystery-Infotainment nachgegeben. Fakten wurden verschwiegen, um das Mysterium zu erhalten.

Story um der Story willen?

Würde etwa eine Sendung über Gelöste Fälle der Archäologie keine Zuschauer vor den Fernseher und in die Mediatheken locken? Man hätte eine durchaus spannende und hinreichend gruselige Geschichte über skrupellose Grabräuber erzählen können, die antike Gräber plündern und Mumien der Nazca-Kultur – echte Überreste von Menschen, die einst gelebt haben – an zweifelhafte Scharlatane verkaufen, nur damit diese daraus künstliche Alien-Leichen herstellen, die man einem leichtgläubigen Zirkuspublikum im Internet vorführen kann. Die wahre Geschichte um die Weißen Mumien von Nazca ist spannend, sie ist erschreckend. Und noch immer bleiben ungelöste Fragen:

  • Wer hat die Mumien wirklich hergestellt?
  • Wie viel wussten oder ahnten Krawix, Jamin und Foerster, das Team von Gaia.com?
  • Hätten sie die so verräterischen Röntgenbilder und CT-Scans so offen im Internet präsentiert, wenn sie an dem Hoax beteiligt und nicht selbst die Betrogenen gewesen wären?

Doch nicht so das ZDF. Inmitten eines sonst oft großartigen Formats entschied man sich diesmal, Aufklärung zugunsten des unterhaltsamen Rätsels hintanzustellen und sich letztlich mit der organisierten Pseudowissenschaft gemein zu machen.


Warum ein Gastbeitrag über die Mumien von Nazca?

Dies ist einer der bisher wenigen Gastbeiträge, die wir von anderen Blogs übernommen haben. Er hat nichts mit Kryptozoologie zu tun und ist doch für die Kryptozoologie mehr als relevant. Hier geht es um Informationen, Infotainment und Täuschung. Es geht um den Knackpunkt, dass man durch gezieltes (oder fahrlässiges) Weglassen von Informationen und Suggestion de facto die Unwahrheit sagt.

Die „Masche“, der Konsument möge sich mit den Informationen eine eigene Meinung bilden, ist in den sogenannten „Grenzwissenschaften“ an der Tagesordnung. Leider hat sie sich von dort aus  auch in der Kryptozoologie ausgebreitet. So kann der Autor seine Message anbringen, sich aber gleichzeitig von (beabsichtigten) falschen Schlüssen freisprechen: „Ich habe überhaupt keinen Schluss gezogen und für die Schlussfolgerungen der Leser bin ich nicht verantwortlich.“

Doch, lieber Autor, genau das bist du! Deine Aufgabe ist, *alle* Fakten auf den Tisch zu legen, zu hinterfragen, zu gewichten und zu bewerten – und dann dem Leser deine Schlussfolgerung zu präsentieren. Deine Aufgabe ist weiterhin, zu begründen, warum du Fakten wie gewichtest und bewertest. Nur so können deine Leser deiner Argumentation folgen.

Bleibt am Ball!

Dieser Beitrag ist auch eine Warnung, nicht wie die Redaktion ein einmal abgedrehtes Thema zu vergessen, sondern am Ball zu bleiben. Zu oft passieren zwischen dem Ende der Dreharbeiten und dem Sendetermin Dinge, die ein Thema veralten lassen. Ich bin sicher, hätte die Redaktion nicht nur recherchiert, sondern sich auch für das Thema interessiert, wäre das in diesem Fall aufgefallen.
Dies entlarvt die Redaktion von Terra X. Es handelt sich nicht um ein Fachgremium für Geschichte und Archäologie, sondern um eine Gruppe Journalisten, die Geschichten sucht, ausbaut, verkauft –  und vergisst.

 

„Lasst euch nicht ver…“

… naja, ihr wisst schon. Dies darf nicht nur die die Redakteure von Terra X gelten, sondern sollte auch für die Experten. Die Rolle von Prof. Lesch in der Sache ist ziemlich undurchsichtig. Prof. Lesch ist Astrophysiker, er hat in diesem Fach sein Diplom gemacht. Harald Lesch wurde in Astrophysik promoviert und hat in Astrophysik habilitiert – und hat nun einen Lehrstuhl für Astrophysik. Vieles, was er im Schlaf zusammenpuzzelt, ist so weit von der täglichen Umwelt entfernt, dass selbst gut ausgebildete Naturwissenschaftler es spontan kaum verstehen.

Aber Prof. Dr. rer. nat. Harald Lesch ist Physiker, kein Mediziner, Biologe, Archäologe oder Metzger. Jeder von denen hätte schnell erkannt, dass an den Mumien gefaked wurde.

 

Die Terra X-Redaktion muss sich nun die Frage gefallen lassen, warum sie Prof. Lesch als Experten für diese Folge herangezogen hat. Sollte er als Experte sprechen, aber nicht mit seiner Expertise als Physiker, sondern mit der (fast fehlenden) als Anatom? Sollte hier ein Experte hin gesetzt werden, der vermutlich dem Schwindel aufsitzt? Oder wollte man mit der Expertise von Prof. Lesch „nur“ eine außerirdische Herkunft der Mumien suggerieren?

Ob und wieviel Zeit Prof. Lesch für eine eigene Recherche, unabhängig von den Infos der TerraX-Redaktion hatte, wird wohl nie bekannt werden. Eins ist sicher: Das ZDF hat es geschafft, für einen kurzzeitigen Effekt einen seiner besten Experten zu beschädigen.

 

Ein Kommentar von Tobias Möser


Der Ursprungsblog leif-inselmann.de

Leif Inselmann studiert Altorientalistik, Ur- und Frühgeschichte, Ägyptologie und Alte Geschichte an der Georg-August-Universität Göttingen. Er strebt eine wissenschaftliche Laufbahn als Altorientalist an. Neben den Altertumswissenschaften zählt auch die Kryptozoologie zu seinen langjährigen Interessen. Leif Inselmann ist auch im Netzwerk für Kryptozoologie als Autor tätig.

Der Blog leif-inselmann.de entstand ursprünglich 2014 zur Präsentation der Romane und Kurzgeschichten des damals fünfzehnjährigen Autors. Später verlagerte sich der Schwerpunkt hin zu Buchrezensionen verschiedener Genres (v.a. Phantastik und Sachbücher) sowie Sachtexten mit archäologisch-historischem Bezug.

„Wunderkammer der Kulturgeschichte“

2018 startete das Projekt „Wunderkammer der Kulturgeschichte“, in dessen Rahmen kritische Auseinandersetzungen mit grenz- und pseudowissenschaftlichen Theorien erscheinen. Bisherige Recherchen betrafen unter anderem die Theorien der Prä-Astronautik sowie Behauptungen um die angebliche Existenz von Riesen oder Mischwesen in grauer Vorzeit. Neben eigenen Artikeln beinhaltet das Lexikon der Wunderkammer eine Linksammlung zu online zugänglichen Erörterungen einschlägiger Thesen.

Eine literarische Verarbeitung erfahren Leif Inselmanns historische und phantastische Interessen aktuell in Heftromanen der Science-Fiction-Reihe Die Chroniken von Tilmun, die im TwilightLine-Verlag erscheint.


[1] https://www.zdf.de/dokumentation/terra-x/ungeloeste-faelle-der-archaeologie-mit-harald-lesch-mumien-100.html

[2] https://www.grenzwissenschaft-aktuell.de/bizarre-mumien-funde-in-nazca-peru20170622/

[3] https://www.youtube.com/watch?v=49EyifA_WrM

[4] https://www.youtube.com/channel/UCjPFCqoU757S0Cgrj6hPIhw

[5] https://www.youtube.com/watch?v=upEPw03kbx8

[6] https://www.grenzwissenschaft-aktuell.de/bizarre-mumien-funde-in-nazca-peru20170622/

[7] https://www.the-alien-project.com

[8] https://www.gaia.com/lp/unearthing-nazca-members

[9] https://www.theguardian.com/science/2017/sep/30/alien-photo-roswell-new-mexico-mystery

[10] https://en.itmo.ru/en/personlist/Personalities.htm

[11] https://www.bio-well.com

[12] https://www.youtube.com/watch?v=xZPDhPeQnRY

[13] https://www.youtube.com/watch?v=NRFLkNP3m4A

[14] https://www.youtube.com/watch?v=49EyifA_WrM

[15] https://www.metabunk.org/threads/hoax-three-fingered-nazca-mummy.8841/

[16] https://www.youtube.com/watch?v=RIRCeQ-gqAg

[17] https://www.youtube.com/watch?v=RIRCeQ-gqAg

[18] https://www.youtube.com/watch?v=CyCPLMBSbgs

[19] https://www.youtube.com/watch?v=y8Mes3LgXkc

[20] https://www.youtube.com/c/LucaML/videos

[21] https://www.youtube.com/watch?v=mTR6XgHG0vo

Von Leif Inselmann

Leif Inselmann ist geborener Kieler. Bereits seit frühester Kindheit sind prähistorische Lebewesen eines seiner größten Interessen, später kam neben Geschichte und Mythologie auch die Kryptozoologie hinzu. Seit 2016 studiert er Altorientalistik und andere Altertumswissenschaften an der Georg-August-Universität Göttingen. Neben dem Studium und dem Schreiben fiktiver Geschichten setzt er sich auf seinem Blog kritisch mit grenzwissenschaftlichen Themen vor allem aus dem Bereich Archäologie und Geschichte auseinander.