Kryptozoologie

Eine Definition der Kryptozoologie zu finden, ist schwierig. Sie ist die Lehre von verborgenen, legendär bekannten Tieren. Sie bewegt sich im Spannungsfeld zwischen der Zoologie und der Ethnologie. Die Zoologie bemüht sich, auf naturwissenschaftliche Weise herauszufinden, ob ein reales Tier hinter einer Legende, Sage oder Mythe steckt. Die Ethnologie forscht eher im Bereich der Entstehung, Tradierung und Evolution eines Mythos.

Das Kryptid, das unbekannte Mischwesen?

Ein Tier, mit dem sich die Kryptozoologie befasst, wird von Kryptozoologen meist als Kryptid bezeichnet. Ein Kryptid wird meist durch die Erzählung von Einheimischen, häufig Indigenen „geboren“. Dabei kann es sich um eine Beschreibung handeln, die der westlich geprägte Zuhörer nicht richtig interpretiert, es kann sich um ein rein legendäres Tier handeln, aber auch ein Tier, das der Zoologie unbekannt ist.

Australian Aboriginal rock painting of "The Rainbow Serpent". Photo by: Mark O'Neil www.DigitalTribes.com
Felszeichnung der legendären Regenbogenschlange der Aborigines in Australien, ein Wesen, das wir der Sagenwelt zuordnen, für die Aborigines aber real wie ein Känguru oder ein Waran sein kann.

Diese Form der Erzählung wirft eine Reihe von Problemen auf, insbesondere wenn der Erzähler das Tier nicht aus eigener Erfahrung kennt. Hinzu kommt, dass in den Gedankenwelten vieler indigener Völker nicht strikt zwischen realer und Geisteswelt getrennt wird. So werden rein mythische Wesen als reale Tiere beschrieben. Gelegentlich kommt es auch vor, dass sich Einheimische über Forscher lustig machen, indem sie ihnen von einem erfundenen Spaßtier erzählen – und zusehen, wie die Forscher an den unmöglichsten Stellen danach suchen.

Das Kryptid – nicht von dieser Welt?

Anubis-Statuette
Anubis, der altägyptische Totengott in seiner ursprünglichen Gestalt als Schakal

Vermutlich ein großer Teil der heute in der Kryptozoologie erfassten Tiere sind „nicht von dieser Welt“. Sie entstammen den Mythen und Sagen lokaler indigener Gruppen. Manchmal sind sie eindeutig als nicht-zoologisch erkennbar, z.B. der europäische Drache, der große Bär der Indianer oder das Qirin der Koreaner.
Andere mythische Tiere lassen sich auf reale Lebewesen zurückführen, sie wurden nur mit der Zeit und einer räumlichen Entfernung von den ursprünglichen Tieren immer mehr verklärt und verändert. Am Ende haben sie kaum noch etwas mit den ursprünglichen Tieren gemein. Ein Beispiel ist der ägyptische Totengott Anubis, dessen Ursprung wohl Schakale waren, die auf Friedhöfen nach Leichen suchten, später wurde er mit einem menschlichen Körper und einem Schakalkopf dargestellt. Ähnlich verlaufen ist es mit dem asiatischen Drachen, der entweder auf Krokodile oder große Warane zurückgeht. Die heutige Form hat kaum noch etwas mit dem Ursprungstier gemein.

Das Kryptid – doch ein reales Tier?

Ein relativ kleiner, aber intensiv beforschter Teil betrifft die realen Tiere. Eigentlich ist es nicht ungewöhnlich, dass die Einwohner eines Gebietes sich besser mit dessen Tierwelt auskennen, als westliche Forscher. Trotzdem ist es in den letzten Jahrzehnten eher eine Seltenheit, dass auf diese Weise Tiere für die Wissenschaft entdeckt werden. Aufgrund der zahlreichen Möglichkeiten trennt die Kryptozoologie die Kryptiden in drei Teilgebiete:

  • Unentdeckte Arten, von denen Einheimische berichten oder die von Einheimischen als Jagdbeute genutzt werden, ohne dass die westliche Wissenschaft sie kennt. Klassische Beispiele sind das Okapi und das Saola-Rind aus Vietnam. Häufig werden hier auch spekulative Arten wie den Bigfoot, Yeti, Zwergelefanten oder diverse Ausprägungen riesiger Seeschlangen eingeordnet.
  • Bekannte Arten, die aber an diesem Ort nicht vorkommen sollten. Klassisch sind hier Großkatzensichtungen, die spätestens seit Anfang der 1970er Jahre auf den britischen Inseln erfolgen und bisher kaum systematisch erforscht wurden. Solche Meldungen findet man gelegentlich auch in der allgemeinen Presse.
  • Bekannte Arten, die aber als ausgestorben oder verschollen gelten. Die bekannteste Art hier ist der Quastenflosser, aber es gibt noch eine ganze Reihe weiterer Arten. So ist der Taiwan-Nebelparder erst vor Kurzem durch die allgemeinen Medien gegangen.

Doch was ist Kryptozoologie?

Die Kryptozoologie ist -ähnlich wie ihre Kryptide- kaum greifbar und noch schwerer einzuteilen. Eine eigene Wissenschaft ist sie nicht. Ein Biologe, der vor Ort, sei es im Urlaub oder auf einer Forschungsreise, nach unbekannten Tieren sucht, betreibt Kryptozoologie. Das kann auf dem Fischmarkt genauso passieren wie im Gespräch mit einem Bauern oder Jäger. Ein Ethnologe, der Sagen und Legenden über oder mit Tieren aufzeichnet, betreibt Kryptozoologie. Betreibt auch ein Bigfoot-Hunter, der sein Leben draußen in den Wäldern Oregons verbringt, noch Kryptozoologie? Betreibt ein Insektenforscher, der in Museumssammlungen nach unbekannten Arten sucht, Kryptozoologie? Die Antwort ist einfach: jeder, der irgendwo ein unbekanntes Tier sucht, betreibt Kryptozoologie, egal wo und mit welchen Mitteln.

Kryptozoologische (Feld-)Forschung in Deutschland

Mit der Antwort ist auch klar, dass und wie (einfach) Kryptozoologie vor der eigenen Haustier betrieben werden kann. Speziell Feldarbeit stellt für die meisten Interessierten immer noch den spannendsten Teil der Forschung dar. Aber welche Kryptide gibt es eigentlich in unserem Land und den angrenzenden Regionen, denen aktuell „im Feld“ begegnet werden könnte? Nehmen wir die obigen drei Teilgebiete (Berichte von unbekannten Arten, Berichte von als ausgestorben geltenden Arten, Berichte von sogenannten out-of-place-animals) als Basis, kommen erstaunlich viele „Forschungsobjekte“ zusammen:

  • Der Tatzelwurm, ein drachen- bzw. reptilienartiges Wesen im Alpenraum
  • Riesenwelse in den Binnengewässern
  • Riesenkraken und andere nicht identifizierte „Seeungeheuer“ in der Nordsee
  • Out-of-place-animals, zumeist Raubkatzen, aber auch Krokodile oder Nasenbären
  • In Deutschland als jüngst ausgestorben geltende Tiere wie der Europäische Nerz, der Dünnschnabel-Brachvogel oder die Hundefliege

Eine Feldforschung zu einem dieser Beispiele verläuft dann nicht anders, als es von Expeditionen rund um die Welt schon bekannt ist: Begehen des Habitats, aus dem die (meisten) Sichtungsmeldungen stammen, Befragen der Ansässigen und weitere Vor-Ort-Recherche (lokale Zeitungsarchive), Sammeln von Spuren, Aufstellen von Fotofallen, Dokumentation von Verlauf  und Ergebnissen der Untersuchung – und im besten Falle Auswertung und Veröffentlichung dieser Ergebnisse.

Diese kurze, nicht abschließende Liste deutscher Kryptide kann mit Blick auf Quellenforschung noch stark erweitert werden. So finden sich in älteren Textquellen Berichte aus deutschem Gebiet über

  • riesige Greifvögel, die Kinder verschleppen konnten,
  • Wildmenschen (der deutsche Bigfoot lässt grüßen),
  • und jede Menge Fabeltiere wie Einhorn, Greif, Basilisk oder Habergeiß.

 

Das Netzwerk für Kryptozoologie hat es sich u. a. zur Aufgabe gemacht, diese „Forschung vor der Haustür“ zu betreiben, europaweit zu vernetzen und somit viele Erkenntnisse über unseren direkten Lebensraum zu sammeln und zu teilen.

 

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