Zeichnungen von Augenzeugen – das Beispiel Seeungeheuerkadaver

Lesedauer: etwa 11 Minuten
image_pdfimage_print

In der Kryptozoologie hängt oft viel davon ab, wie sehr man Augenzeugenberichten traut oder trauen kann. Es herrscht allgemein die Meinung, dass gute Beobachter bei guten Bedingungen und in einer ihnen vertrauten Umwelt sehr genau zu schildern vermögen, was sie gesehen haben. Diese Prämisse lässt sich unter anderem testen, wenn man Augenzeugenskizzen und Beschreibungen von angespülten Seeungeheuerkadavern unter die Lupe nimmt. Anders als Nessie, die häufig nur kurzzeitig und dann auch nur in Teilen an der Oberfläche zu sehen ist, liegen Seeungeheuerkadaver tagelang da und können ergiebig begutachtet werden, auch sind ihre Finder oft Fischer oder Menschen, die mit Strandgut recht vertraut sind.

 

Wie zuverlässig sind dann solche Schilderungen? Da heute fast immer gleich Foto- oder Handyaufnahmen gemacht werden, beschränke ich mich hier auf das 19. und erste halbe 20. Jahrhundert, als man noch schilderte und zeichnete, weil nicht jeder eine Kamera besaß.

 

Seemonsterkadaver

Werden irgendwo an einem Strand der Reste einer Seeschlange angeschwemmt, und kann ein kompetenter Zoologe sie untersuchen, stellen sie sich recht schnell als eines von drei bekannten Tieren heraus:

 

1) ein verwesender Riesenhai (Pseudoplesiosaurier)

2) ein verwesender Wal (Zahn- und Bartenwal)

3) Rollen von Walspeck oder extrem verweste Wale (sogenannte Globster)

 

Ich habe mich auf dieser Seite bereits mit Illustrationen von Seeschlangen und Binnenseeungeheuern beschäftigt. (siehe: https://netzwerk-kryptozoologie.de/skizzen-nach-augenzeugenberichten/) Ein Kadaver ist, wie bereits gesagt, etwas ganz anderes – er taucht nicht unvermittelt auf und verschwindet nach einem kurzen Augenblick wieder. Er liegt da und rührt sich nicht.

 

Anzeige

Rätsel & Mysterien der Eifel, das neue Buch von Ulrich Magin

Die Eifel steckt voller Geheimnisse: Da erzählt man sich von brüllenden Maaren, versunkenen Städten und geheimen Regierungsbunkern, wundert sich über ungewöhnliche Gesteinsformationen oder nächtliche Leuchterscheinungen. Manch einer will gar UFOs, Kugelblitze oder Phantomkatzen gesehen haben! Ulrich Magin hat recherchiert und geht anhand von Augenzeugenberichten und rätselhaften Funden den Bruchstellen auf den Grund, an denen unsere gewohnte Alltagswelt jäh ins Unheimliche abgleiten kann. Aber während einige der Eifel-Rätsel sich zumindest theoretisch erklären lassen, bleiben andere wohl für immer ein Mysterium…

 

Rätsel und Mysterien der Eifel, das neuste Werk von Ulrich Magin ist im März 2021 im Eifelbildverlag erschienen und hat als Taschenbuch 308 Seiten. Es kostet € 19,90

 

Mit dem Kauf über den Link unterstützt ihr den Betrieb dieser Website.

 

Erstaunlicherweise sind die Zeichnungen von Augenzeugen, die Zeit und Muse haben, sich die Überreste eines sensationellen Fundes genau zu betrachten, ebenso fehlerhaft und irreführend wie die von Zeugen, die nur schnell mal ein Monster weit entfernt im Meer erblickt haben.

 

 

Ein Riesenhai (Cetorhinus maximus). Verwesen der Kiemenapparat, Ober- und Unterkiefer usw. wirkt es, als habe der Kadaver einen längeren Hals. (Illustration: Historic NMFS Collection, commons.wikimedia.org)

 

Das Ungeheuer von Stronsa

Über das Ungeheuer von Stronsa (heute Stronsay) auf den schottischen Orkneys ist fast bereits alles gesagt. Eine gute Übersicht über den Fund und die Umstände findet man hier: https://netzwerk-kryptozoologie.de/freitagnacht-kryptos-stronsay-beast/

Es hat sich um einen Riesenhai gehandelt, aber die Augenzeugen, die den Kadaver begutachtet und präzise vermessen hatten, glaubten, es sei eine Seeschlange mit Pferdekopf, Mähne und sechs Beinen!

 

 

Zum Glück wurden Reste des Tieres nach Edinburgh gebracht und dort untersucht, die Beschreibung der öligen Knochen und der Schädelteile belegt eindeutig die Identifikation als Cetorhinus maximus.

Was aber, wenn wir nur die Zeugenskizze vorliegen hätten? Dann würden eifrige Kryptozoologen erklären, dass es kein Riesenhai gewesen sein kann, weil Riesenhaie schließlich keine Füße haben.

 

Die Seeschlange von Praa Sands

1928 wurde ein totes Seeungeheuer bei Praa Sands in Cornwall angespült – oder besser: ein Riesenhai. Kein Geheimnis machte daraus die Lokalpresse, als sie den Fund meldete:

 

 

22-Fuß-Hai am Praa-Sand angespült

 

Ein riesiger Fisch wurde während des jüngsten Sturms in Praa Sands angespült, und erst als ein Brief von einer Londoner Behörde eingegangen war, wurde er als seltene Haiart identifiziert.

 

Es maß 22 Fuß und hatte Haare am Schwanz einen Fuß lang. Zwei Pferde konnten es nicht vom Sand ziehen.

 

(Falmouth Packet, 15. Juni 1928, S. 3c)

 

Als Nessie 1933 in die Nachrichten kam, meldete sich ein Augenzeuge bei der Londoner „Times“ und beschrieb diesen Haikadaver als „seltsames Tier … in der Art des Ungeheuers von Loch Ness“ (weshalb manche Bücher ihn unter dem Datum Dezember 1933 führen).

Gould befragte den Augenzeugen (vgl. Gould, Rupert Thomas & Frh. von Forstner, Georg-Günther: Begegnungen mit Seeungeheuern. Leipzig: Grethlein Nachf. 1935, S. 133), dieser schilderte ihm den Kadaver eines Plesiosauriers, mit Vorder- und Hinterflossen.

 

 

Zum Glück wurden von dem Haikadaver Fotoaufnahmen gemacht. Ein Foto zeigt, wie bei einem Riesenhai zu erwarten, deutlich die Vorderflossen, aber keine Hinterflossen. Markus Hemmler hat freundlicherweise in das Foto eingezeichnet, was alles deutlich auf einen Riesenhai hinweist.

Die Zeichnung ergänzt Flossen

Die Zeichnung ergänzt Hinterflossen, damit das Tier stärker an einen Plesiosaurier gemahnt. Markus Hemmler hält es für möglich, dass es sich dabei um die auf dem Foto nicht sichtbaren Bauchflossen des Hais gehandelt haben könnte.

 

Ich will dem Augenzeugen keinen Betrug unterstellen – er zeichnete, was er zu sehen erwartete, nicht, was er sah, oder er interpretierte zumindest, was er sah. Und als er sich fünf Jahre später erinnerte, erinnerte er sich nicht an das, was er gesehen hatte, sondern an das, was er zu sehen wünschte: einen Plesiosaurier.

 

Heuvelmans, der ja seine Einzelfälle nicht untersuchte, sondern nur sammelte, ist sich hier nicht einmal sicher, ob es ein Riesenhai war. Die zeitgenössischen Berichte sprechen allerdings eine eindeutige Sprache.

 

Das Gourock-Ungeheuer, 1942

Über das Monster von Gourock berichtet Markus Hemmler ausführlich auf seinem Blog: http://globsterblobsandmore.com/cetorhinus/gourock-sea-serpent-1942/

 

Auch hier meldeten die Lokalzeitungen im Fundjahr 1942, ein toter Riesenhai sei an den Strand gespült worden. 1980 kam der damalige Gesundheitsinspekteur der Stadt Gourock mit dem britischen Fernsehen in Kontakt, um zu schildern, wie der Kadaver ausgesehen hatte – nämlich wie ein typischer Plesiosaurier. Vielleicht stand ihm eine Zeichnung zur Verfügung, die er bereits 1942 von dem Kadaver gemacht und die er damals an Dr. Stephens vom Naturhistorischen Museum Edinburgh gesandt hatte.

 

Jedenfalls zeigt die Skizze deutlich einen Plesiosaurier. Die Skizzen und Fotos kann man auf der Seite von Markus Hemmler finden (Link: http://globsterblobsandmore.com/cetorhinus/gourock-sea-serpent-1942/), sie zeigen, dass tote Haie in der Wahrnehmung und Erinnerung stets zu perfekten Plesiosauriern mutieren. Findet man Fotos, Überreste oder zeitgenössische Zeitungsartikel, klärt sich das Rätsel oft schnell auf.

 

Anzeige

DAS Standardwerk zum Thema Seeungeheuer

Dieses Buch ist zweifellos eines der seriösesten Werke zur Kryptozoologie.
Es behandelt das Monster von Loch Ness, Seeschlangensichtungen, Riesenkalmare, Wale, Haie, Globster und viele weitere Kryptide.
Der Autor schreibt deutlich, dass er nicht an Nessie, Riesenaale, den Megalodon und Kryptiden glaubt. Er argumentiert überzeugend dafür, dass hinter den Seeschlangen Riesemkalmare stecken. Genauso offen steht das Buch zu Vorfällen wie der Seeschlange von Gloucester und Globster/Blobs, die der Autor nicht erklären kann.
Alles in allem ein sehr lesenswertes und sehr gut recherchiertes Buch.

 

Seeungeheuer: Mythen, Fabeln und Fakten ist 2014 in der Edition Birkhäuser erschienen und hat 396 Seiten. Man bekommt es nur noch antiquarisch, zu stark schwankenden Preisen.

Mit dem Kauf über den Link unterstützt ihr den Betrieb dieser Website.

 

Eine Riesenkaulquappe bei Orford Ness

Wie sehr die Erinnerung die Genauigkeit von Skizzen beeinträchtigen kann, zeigt das Beispiel Orford Ness in Ostengland. Anfang der 1960er Jahre machte Mildred Nye Urlaub im ostenglischen Orford, als sie einen Lastwagen bemerkte, auf dem ein frisch gestrandetes Seeungeheuer lag. Es war fünf Meter lang und hatte die Form einer riesigen Kaulquappe.

 

 

 

Jahre später schrieb sie dem Kryptozoologen Tim Dinsdale und lieferte gleich eine Skizze mit, die ein groteskes, sicherlich unidentifizierbares Lebewesen zeigt. Dinsdale forschte aber nach und erfuhr, dass genau zu der Zeit ein ganz gewöhnlicher, 3,30 Meter langer Blauhai gestrandet und per Lastwagen in ein Forschungsinstitut verfrachtet worden war. Erneut war die Erinnerung der Zeugin war ganz und gar falsch – sowohl was Größe als auch Form des Ungeheuers anging.

(Dinsdale, Tim: The Leviathans. London: Futura 1976, S. 151–155)

 

Der Tasmanische Globster

Diesem Monster ist jeder schon begegnet, die nur die populären Bücher über Unbekanntes und unheimliches gelesen hat. Ich begegnete ihm zum ersten Mal in Peter Kolosimos „Viel Dinge zwischen Himmel und Erde“. Später fand ich heraus, dass der Mann, der den Fall popularisiert hatte, der Zoologe und Mitbegründer der Kryptozoologie war, Ivan T. Sanderson. Der hielt den Globster (dieses Wort prägte er) für den Überreste eines Weltraumlebewesens, das auf der Erde gestrandet war – eine außerirdische, im Weltraum lebensfähige Spezies, die wir bei ihren Flügen durch die Atmosphäre für fliegende Untertassen halten. (Sanderson, Ivan T.: Univited Visitors)

 

Das Monster von Tasmanien war ein echter Globster, das heißt, es handelte sich um einen toten, verwesenden Wal, der an den Strand gespült wurde und dort bizarr aussieht. Ähnliche Fälle, fotografisch dokumentiert (etwa von der schottischen Insel Benbecula) zeigen, dass die Zeitungsskizzen annähernd dem wirklichen Aussehen entsprechen.

 

 

Zum Vergleich – das Monster von Benbecula:

 

 

 

Was aber berichteten die Augenzeugen? Die deutsche Wikipedia führt an: „Es hatte weder erkennbare Augen, Mund noch Knochen, dafür aber besaß es auf beiden Seiten seines ‚Vorderteils‘ fünf oder sechs Kiemenschlitze. Die Oberfläche des Objekts war mit feinen Haaren bedeckt.“ Die Haut konnte mit den schärfsten Äxten nicht aufgetrennt werden, meldeten andere, sie weiche vor der Flamme von Feuerzeugen zurück, das Tier weise zwei Stoßzähne auf, sechs fleischige Fangarme wie ein Oktopus.

 

Kurz: Hier stimmten zwar die Skizzen, aber die Augenzeugen, darunter ausgebildete Zoologen, waren so aufgeregt, dass sie aus dem verwesenden Wal ein außerirdisches Monster machten! Muss man noch sagen, dass sie tagelang mit der Begutachtung des Kadavers beschäftigt waren?

 

Der Plesiosaurier der Zuiyo Maru

Der Zuiyo-Maru-Kadaver war eine Sensation meiner Jugendzeit – japanische Fischer hatten 1977 vor Neuseeland einen toten Plesiosaurier aus dem Meer gefischt, fotografiert, vermessen, weil er stank wieder ins Meer gekippt – also lebten die großen Meeresungetüme noch. Eine herrliche Nachricht für mich als Nessie-Fan. Allerdings: Die Fischer hatten einen Teil der Flosse und andere Gewebeproben mit nach Japan genommen, und dort zeigten zoologische Analysen, dass es erneut ein verwester Riesenhai gewesen war.

Der Zuiyo-Maru-Kadaver

 

Über den Kadaver ist von uninformierten Autoren so viel Unsinn geschrieben worden, dass sich ein Buch oder ein Lexikon „Höherer Blödsinn zum Neuseeland-Kadaver“ lohnen würde. Ein kleines Beispiel: Der deutsche Autor Hans-Joachim Zillmer glaubt in „Darwins Irrtum“ nicht nur, dass jedes Tier mit der Endung -saurus ein Dinosaurier war, also auch Plesiosaurier und der Urwal Basilosaurus, er weist die Identifizierung als Riesenhai für unseren Kadaver zurück, weil man auf den Fotos ein Skelett sieht – und Haie keine Knochen haben, nur Saurier. Natürlich haben aber auch Haie ein Skelett, nur ist dieses aus Knorpel – was vom Laienauge oftmals nicht als vom Knochen unterschiedlich erkannt werden kann.

 

Hier fehlt es am einfachsten Wissen, und doch kaufen und glauben die Leute solchen Büchern!

 

 

Des geht hier aber nicht um Identifikationen oder phantasievolle Autoren, sondern um die Genauigkeit von Augenzeugenberichten. Der Kadaver, den die Mannschaft der Zuiyo Maru aus dem Meer zog, war erwiesenermaßen ein Riesenhai, und doch zeigen die Skizzen der Augenzeugen vier Gliedmaßen – sie standen vor dem toten Hai und sahen in Gedanken einen Plesiosaurier, den sie dann auch zeichneten. Es wurden zwei Flossenpaare gezeichnet, obwohl das Tier nur eines hatte. Selbst eine Verwechslung der (eventuell noch vorhandenen) Bauchflossen erklärt die Tatsache nicht, dass Vorder- und Hinterflossen gleich groß gezeichnet wurden.

 

Und keine Proben?

Gibt es weder Fotos noch Gewebeproben, dann werden solche Kadaver plötzlich zu echten Seemonsterüberresten. Bei Heuvelmans sind gerade die Exemplare, von denen wir nur Skizzen haben, etwa 1885 Florida, als unbekannte Tieren klassifiziert, und ebenso verhält es sich mit Gambo, einem angeschwemmten Monster aus Gambia, das Karl Shuker beschrieben hat. Hier gibt es weder Fotos noch Gewebereste, und nur aufgrund der Skizze, die zum Beispiel einen verwesten Delfin zeigen könnte, wird an der Identität als unbekanntes Tier festgehalten.

 

Fazit

Augenzeugenberichte sind nicht zuverlässig. Selbst wenn der Kryptid vor dem Beobachter liegt und sich nicht mehr bewegt, weicht die Schilderung von den Tatsachen ab – und zwar oftmals beträchtlich und bei diagnostischen Charakteristika, wie der Zahl der Gliedmaßen. Auch der Kryptozoologe kann und darf sich nicht auf sie verlassen. Es braucht zusätzliche, zumindest zum Teil objektivierbare Hinweise (Fußspuren, Fotos), um auf die reale Existenz eines Wesens schließen zu können.

 

Augenzeugenberichte sind in der Regel unzuverlässig, wenn die Zeugen aus einer bestimmten Erwartung heraus beobachten (hier liegt ein totes Monster vor mir) oder wenn sie das Monster aus der Erinnerung beschrieben.

 

Mein ganz großer Dank geht an Markus Hemmler, der den Text gelesen und wertvolle Anmerkungen gemacht hat.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.