Und ewig grüsst der Yeti – Geschichte einer kryptiden Legende

Lesedauer: etwa 11 Minuten
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Zwei Dinge fielen mir sofort auf. Sie waren riesengroß, und sie gingen auf den Hinterbeinen. Das Bild steht mir klar vor Augen, unauslöschlich fixiert durch ganze zwei Stunden Beobachtung.“

 

(Rawicz, 1999: 300)

 

 

Rawicz schätzt die Größe der beiden Wesen auf etwa 2,40 Meter, bemerkt aber, dass Eines von beiden ein wenig kleiner war. Außerdem wunderten er und seine Begleiter sich, dass die „Schneemenschen“ sich zu keiner Zeit der Sichtung auf allen Vieren niederließen – so wie man es von Bären erwarten würde, sondern sich weiterhin auf zwei Beinen fortbewegten. Und schließlich schildert er ihr Aussehen.

 

„Weder das eine noch das Andere“…

„Ihre Gesichter konnte ich nicht genau erkennen, aber die Kopfform war eckig, und die Ohren mussten dicht am Schädel liegen, denn ihre Silhouette vor dem Schnee zeigte keinerlei entsprechende Auswüchse. Die Schultern fielen stark zu einem mächtigen Brustkorb hin ab. Die Arme waren lang, die Handgelenke hingen auf Kniehöhe. Im Profil gesehen, bildeten Hinterkopf und Nacken eine gerade Linie – >>wie ein verdammter Preuße<<.“

 

Tilicho lake
Yetis werden oft in schwerem Gelände beobachtet

 

„Wir kamen übereinstimmig zu dem Schluss, dass wir es mit einem Wesen zu tun hatten, dem wir bisher weder in freier Wildbahn noch im Zoo, noch sonst wo begegnet waren. Es wäre ein leichtes gewesen, sie in der Ferne davon watscheln zu sehen und sie entweder als Bären oder große Affen von der Art eines Orang-Utans abzutun. Aus der Nähe betrachtet, widersetzten sie sich einer einfachen Beschreibung. Ihre Gestalt hatte sowohl etwas vom Bären als auch vom Menschenaffen, sie waren aber weder das eine noch das andere.“

 

(Rawicz, 1999: 300)

 

 

 

Zweifelhafter Zeuge?

Was für Wesen begegneten Rawicz und seine Mitflüchtlinge jetzt genau in der Einsamkeit des Himalayas? Tibetbären, so wie Reinhold Messner es vermutet? Die Wesen sollten sowohl etwas von Bären, als auch von Menschenaffen gehabt haben. Waren es jene „Bärmenschen“ von denen die einheimischen Legenden sprechen und denen Reinhold Messner mittels des Tibetbären eine zoologische Realität verpassen wollte?

Ein relativ heller Braunbär überquert ein Rinnsal
Sibirischer Braunbär, hier ein relativ helles Exemplar, das der tibetanischen Form ähnelt

Gut möglich, dass es so ist. Doch berechtigte Zweifel an der Bärenthese bleiben bei dieser Sichtung bestehen. Rawicz gibt an, zwei Stunden Zeit für seine Beobachtungen gehabt zu haben. Hätte er es da nicht irgendwann bemerken müssen, dass er zwei Bären vor sich hat? Und wären die Bären nicht früher oder später auf vier Beinen weitergelaufen, statt auf Zweien? Eine eindeutige Antwort lässt sich hier nicht geben. Allerdings wird die Authentizität dieser Geschichte ebenfalls in Zweifel gezogen. Schon Eric Shipton, dessen Foto eines Yeti-Fußabdrucks oben erwähnt wurde, bemerkte eklatante Unstimmigkeiten bei der Beschreibung der Reiseroute (Shackley,1983: 71). Ferner fand das BBC 2006 bei Recherchen heraus, dass Rawicz zwar tatsächlich in Sibirien interniert war, aber den Dokumenten nach nicht floh, sondern freigelassen wurde (Knörer, 2011).

 

Hinter den Schneebergen: Sagenhafte Geschichten aus dem alten Tibet

Manche der Kapitel mögen an die Gebrüder Grimm, andere wiederum an Äsops Fabeln erinnern, und andere wieder können es an Frechheit mit dem Decamerone aufnehmen. Doch ob sie zauberisch, drastisch oder unverschämt sind, man findet vor allem den Schalk der Tibeter darin. Dieser begleitet den Leser nicht nur in die exotische Vergangenheit Tibets, sondern führt auch in das fröhliche Herz dieser alten Nomaden-Kultur.
Als profunde Kennerin der tibetischen Kultur verwebt Ulli Olvedi die Erzählungen und Märchen nicht nur thematisch ineinander, sie lässt eigene Erfahrungen und Erkenntnisse einfließen und zeigt uns ihr ganz persönliches Tibet.

Der Yeti als Gigantopithecus

Dennoch haben Sichtungen wie diese die These genährt, es handle sich bei dem Yeti um Vertreter einer großen Menschenaffenart. Einige Forscher vermuten demzufolge hinter dem Yeti einen Nachkommen eines ausgestorbenen großen Menschenaffen des Pleistozäns, der Gigantopithecus. Gigantopithecus war – geht man von den fossilen Überresten in Form von Zähnen und ganz wenigen Kiefern aus – in Südostasien beheimatet und ernährte sich wohl möglich ähnlich wie die Großen Pandas von Bambussträuchern. Zumindest deuten Untersuchungen von Mineralien (Phytolithe) am fossilen Zahnschmelz auf eine solche Spezialisierung hin (Ciochon/Olsen/James, 1992: 177).

Über Gigantopithecus ist nur wenig mehr bekannt ist als über den sagenumwobenen Yeti selbst. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint eine Yeti-Erklärung in diesem Kontext als fraglich. Der Anthropologe und Sasquatch-Forscher Grover Krantz ging mit seiner These vom Überleben des Gigantopithecus bis in die heutige Zeit sogar noch weiter. So gestand er den Gigantopithecinen zu, nicht nur im Himalaya mit einer Restpopulation überlebt zu haben. Sie sollten auch über die Beringbrücke nach Nordamerika eingewandert zu sein, um sich dort als “Bigfoot” oder Sasquatch einen Namen zu machen (Krantz, 1992: 182).

Wie viele Yetis gibt es?

Abgesehen davon, dass das Phänomen der zweibeinigen behaarten “Hominiden” in sich differenzierter und aufgefächerter ist, als es nach einer oberflächlichen Betrachtung den Anschein hat (Hemmler), so ist die mythologische Konstruktion um den Yeti für sich allein genommen schon eine hoch komplexe Angelegenheit. Das zeigt die Vielzahl der Bezeichnungen in den Kulturen und Sprachen der Himalaya-Bevölkerung – von den unterschiedlichen Bedeutungen hinter jedem einzelnen dieser Begriffe ganz zu schweigen (Loxton/Prothero, 2013: 75).

Sichtungen

Ganz allgemein muss gesagt werden, dass Zeugenberichte von direkten Sichtungen des Yetis äußerst selten sind. Allerdings erfolgte die erste bekannte Sichtung eines Yetis im Beisein eines westlichen Erkunders schon vor gut mehr als 180 Jahren. Der britische Diplomat Brian Hodgson berichtete im Journal of Asiatic Society of Bengal im Jahre 1832, dass seine Schützen von einem behaarten, aufrechtgehenden, affenartigen Wesen aufgeschreckt worden waren (Loxton/Prothero, 2013: 78).

Schmetterling Distel
Ein Schmetterling an einer Distel, in einem Hochtal

Einige wenige weitere Beobachtungen stammen aus den 1920er Jahren. Allerdings sind das Sichtungen aus großer Distanz (Bord, 1988: 45). Genaue Schilderungen des Wesens sind äußerst selten. Wesentlich häufiger sind die Funde von Fußspuren. Doch auch hier kann neben der Erklärung, es handle sich um durch Anschmelzung vergrößerte Abdrücke kleinerer Tiere, wieder der Bär herangezogen werden. Denn Bären treten beim Laufen durch den Schnee in die eigenen Fußstapfen, so dass die Vordertatzenabdrücke verschwinden. So entsteht der Eindruck: das Tier ist nur auf den Hinterpfoten gelaufen (Loxton/Prothero, 2013: 90 – 91).

 

Der Mythos des Yetis im 21. Jahrhundert

In diesem Sinne sorgte im Jahr 2014 eine Studie um Bryan Sykes für Aufsehen und Rezeption in der Tagespresse. Laut dieser Studie könne der Yeti auf eine Restpopulation einer prähistorischen Bärenart zurückgehen. Die Forscher analysierten 30 Haarproben aus aller Welt, die den Hominiden zugeschrieben worden waren. Bei der großen Mehrheit handelte es sich bekannte Säugetierspezies, darunter auch Kühe und Schafe.

weißer Yak
Einige Sichtungen gelten auch als Verwechslung, aber mit einem Yak?

Bei zwei aus Indien und Bhutan stammenden Samples stellte man allerdings Übereinstimmungen mit einem paläolithischen Eisbären fest. Da die Gensequenzen offenbar nicht mit jenen von rezenten Eis-Braunbär-Hybriden übereinstimmten, spekulierte man auf Nachkommen einer frühen Hybrisierung zwischen Braun- und Eisbären. Auch im Zusammenhang mit dem von Jägern geschilderten aggressiven Verhalten der Tiere wurde der Eisbär ins Gespräch gebracht. Sogar eine gänzlich unbekannte Bärenart wurde nicht ausgeschlossen (Sykes et. al., 2014; Garms, 2014).

Doch noch eine späte Sensation?

Allerdings räumten schon Sykes und seine Kollegen ein, dass die Ergebnisse erneut überprüft werden müssten. Und das tat das Team um den Evolutionsbiologen Eliécer Gutiérrez von der University of Kansas in Lawrence dann auch. Dabei kamen sie 2015 zu ernüchternden Ergebnissen.

Zum einen: Das Sample des vermeintlichen Eisbärenhybriden stimmte nicht mit dem 40 000 Jahre alten fossilen Eisbären überein, sondern wenn, dann mit einem modernen Eisbären. Doch selbst hier war es nicht so leicht, auf Basis des vorhandenen Materials die sechs Bärenarten auseinander zu halten. Die vorliegenden degradierten Yeti-Proben ließen eine genaue Bestimmung der verantwortlichen Bärenarten schlicht und ergreifend nicht zu. Selbst wenn dabei außer Frage stand, dass es sich bei den Yeti-Proben um Bären handelte (Gutiérrez, E./Pine, R.H., 2015; Bild der Wissenschaft, 2015).

 

Isabellbär im Zoo Kiev
Der Isabellbär Ursus arctos isabellinus im Zoo Kiew

 

Große Ernüchterung… mit einer kleinen Überraschung

In die gleiche Kerbe schlug auch eine weitere Analyse aus dem Jahre 2017. Ein Forscherteam um Charlotte Lindquist untersuchte 24 Proben aus Feldforschung- und Museumsstücken. Sie stammten entweder von Bären oder wurden dem Yeti zugerechnet und stammten vom tibetanischen Plateau. Und einmal mehr ließen sich einheimische Braun- und Kragenbären als zoologische Basis des Yeti-Mythos bestimmen. Doch auch die These des Eisbärenhybriden wurde nicht weiter gestützt. Nahezu ausnahmslos gehen alle Samples gehen auf rezente, einheimische Bärenarten der Region zurück (ein Hund war auch dabei). Darunter befand sich auch eine Probe aus demselben Gebiet des vermeintlichen Eisbärenhybriden von Sykes et. al. Doch dieses Mal konnte die Probe klar zugeordnet werden:

Der Himalaya-Bär (Ursus arctos isabellinus), neben dem Tibet-Bär die zweite Braunbärenunterart, die den Himalaya bewohnt. So kommt die zoologische Realität hinter dem Yeti kaum an rezenten, wenn auch seltenen, Unterarten des Braunbären vorbei. Aber eine neue Kenntnis hatte man durch die Studie dennoch gewonnen. Im Gegensatz zum Tibet-Bär hat sich der Himalaya-Bär als Unterart wohl schon früher von seinen Artgenossen abgespalten als gedacht. Es handelt sich bei den Himalaya-Braunbären also tatsächlich um eine Art Relikt-Population aus den frühen Zeiten der Braunbärenspezies. Somit wurden durch die Beschäftigung mit den Yeti-Überresten neue Überlegungen zu den Abstammungen in der Bärenfamilie induziert. (Lan et. al., 2017; Choi, 2017)

Der Himalaya-Bär: Ursus arctos isabellinus

Bei aller offensichtlichen Tendenz der dingfesten Beweisstücke des Yetis zu rezenten Bärenarten sei jedoch auch gesagt, dass die Reduktion des Mythos Yeti auf den Bären – wie oben bereits angedeutet – bei weitem nicht vorbehaltslos von allen Kryptozoologen geteilt wird. (Müller, 2017)

 

Buddhistische Kloster sind oft Hüter von Wissen, das westliche Menschen nicht immer verstehen

 

Schlussbemerkung

Der Yeti zeigte wiederholt auf erstaunliche Weise die enorme Suggestionskraft von mythologischen Tieren – nicht nur in ihrem jeweiligen lokalen Kontext, sondern auch und vor allem im westlichen Kulturkreis. Es war die Rezitation dieser Sagen in der westlichen Presse, welche aus der vielgestaltigen Sagenkreatur den “schrecklichen Schneemenschen” machte.

Problem und Chance zugleich

Was sich hinter den Berichten und Erzählungen tatsächlich verbirgt ist aus der Ferne schwer zu beurteilen. Jedoch ist eine Tendenz zum Bären als zoologische Realität hinter dem Yeti erkennbar. Ob damit allerdings mit dieser Erklärung alle Berichte auf einen Nenner zu bringen sind, steht auf einem anderen Blatt. Denn die Erzählungen über den Yeti sind so vielschichtig wie der kulturelle Dunstkreis, in dem der Mythos gedeiht. Seit seiner Rezitation als Kryptid bekommt dieser nun auch eine internationale Facette, die über den ursprünglichen Wirkungskreis weit hinausgeht. Für die Kryptozoologie ist das Problem und Chance zugleich.

Es ist ein Problem, weil es nun noch schwieriger wird, den Mythos mit seinen soziokulturellen Funktionen für eine bestimmte Gemeinschaft von zoologischer Realität zu trennen.
Es ist eine Chance, weil sich an der Geschichte des Yeti, d.h. der Transformation einer mythologischen Kreatur zum Kryptid, eventuell Rückschlüsse für die Konstruktion heutiger “Monster” ergeben lassen. Das könnte von Anfang an eine nüchterne Herangehensweise an ein kryptides Phänomen erleichtern.

 

Ich geh dann mal nach Tibet: 13.000 km, 13 Länder, 0 Budget

Als Stephan Meurisch am 31. Oktober 2015 in Tibet ankommt, hat er von München aus in vier Jahren 13.000 Kilometer zu Fuß zurückgelegt. Ein Weg voller Höhen und Tiefen, voller Begegnungen, voller Umwege – und ohne Geld. Unterwegs lernt er fremde Kulturen kennen und fremde Sitten. Doch vor allem lernt er Demut: Um Essen oder eine Schlafstelle muss er bitten, ist angewiesen auf Kontakte zu anderen Menschen und ihre Hilfsbereitschaft. Er muss mitarbeiten. Mitleben. Manchmal hält es ihn dort, wo er gerade ist. Dann drängt es ihn weiterzuziehen. So geht es über Georgien, den Iran und Indien in weiteren Etappen bis nach Tibet

 

Heißt das allerdings, dass wir die Geschichte des Yetis nur pessimistisch lesen sollen? Nein! Denn im Falle des Yetis kam selbst der skeptischste Ansatz zur Erklärung der Legende nicht umhin, dem Yeti eine zoologische Realität hinter dem Mythos zuzugestehen. Denn der Mythos ist immer die Beschäftigung des Menschen mit seiner Umwelt – und im Falle des Yetis betrifft das auch seine tierische Umwelt. So darf es auch nicht verwundern, dass uns die Beschäftigung mit dem Yeti tatsächlich zu einem lebenden Tier führt – in diesem Fall waren es die asiatischen Braunbären-Unterarten und ihre Bedeutung als mögliche pleistozäne Reliktpopulationen.

The Legend goes on…

Auch wenn aktuellen Sichtungen vom Yeti bekannt sind (Smith/Stollznow, 2016): die Legende vom “schrecklichen Schneemenschen” wartet also nach wie vor mit Überraschungen für die Wissenschaft. So dürfte auch gegenwärtig noch ein für alle Seiten zufriedenstellendes Resümee des Phänomens Yeti im Besonderen, und das der “Affenmenschen” im Allgemeinen, ausstehen. Im Falle des legendären Yetis wohl für immer.

 

Sonne hinter einem Bergkamm
… oder ist da draußen doch noch etwas?

Literatur

Aufgrund des enormen Umfangs der Literaturangaben gibt es sie ausnahmsweise als pdf zum Download: Ewig grüßt der Yeti – Bibliografische Angaben

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