Der Sasquatch im Portrait

Lesedauer: etwa 11 Minuten
Nur weil es ‚Sasquatch Hunting Season‘ heißt, ist noch nicht klar, wer wen jagen darf…

Der Sasquatch ist auch unter dem plakativeren Namen Bigfoot bekannt. Es soll sich hierbei um einen großen (1,8 bis 2,4 m), aufrecht gehenden Affenmenschen unbekannter Art handeln. Die ersten, sehr unspezifischen Berichte gehen auf Einzelbeobachtungen während der Besiedlung der Waldgegenden und der halboffenen Prärien zurück. Zum Objekt der Popkultur wurde er in den 1950ern, als auf Baustellen in den Küstenkordilleren im Norden Kaliforniens immer mal wieder Ölfässer umgeworfen wurden und über Nacht große Fußspuren in planierten Sandflächen entstanden.

 

Sichtungen werden seit den späten 1950ern immer wieder berichtet, aber ein physischer Beweis ist trotz 70 Jahre intensiver Suche nicht aufgetaucht.

 

Wann spricht man von Bigfoot, wann von Sasquatch?

Eine Unterscheidung ist nicht einfach, zumal die beiden Begriffe oft leichtfertig synonym verwendet werden. Sinnvoll ist, die Beobachtungen aus den Küstenwäldern Kaliforniens, den Rocky Mountains und den Wäldern Kanadas mit dem indianischen Begriff Sasquatch zu bezeichnen. Alle anderen Beobachtungen, insbesondere aus den Gegenden, in denen keine kaltgemäßigten bis borealen Wälder vorherrschen, werden unter dem Begriff Bigfoot zusammengefasst.

Sichtungen gibt es aus nahezu jedem County der zusammenhängenden 48 US-Staaten, weiten Teilen Kanadas und Alaskas.

Flußtal in Nordamerika, Ort einer Sasquatch-Sichtung
Auf dieser Sandbank soll in den 1970er Jahren ein Sasquatch gesehen worden sein. War das ein Irrtum?

Was sagen die Ureinwohner dazu?

Viele Ureinwohner kennen große Geistwesen aus ihren Mythen. Da die heutigen Mitglieder der „First Nations“, wie sie in Kanada politisch korrekt heißen und der „Native Americans“, so die US-Bezeichnung, auch die Pop-Kultur mitbekommen, ist die Frage, wie weit moderne Erzählungen nicht verfärbt sind.
Für westliche Forscher ist hier ein Problem, dass in den Mythen dieser Völker nicht immer klar zwischen physischer und geistiger Welt unterschieden wird und die Wesen ihre Erscheinungsform auch wechseln können. Die meisten Erzählungen stammen aus den Bereichen zwischen San Francisco und Vancouver, dort wirken sie auch am physischsten. Je weiter man sich von dort entfernt, desto stärker setzt sich der transzendentale Charakter durch. In den Wüstengegenden im Süden tritt er quasi nicht mehr physisch auf.

 

Es läuft also darauf hinaus, dass es sich beim Sasquatch um ein zur Debatte stehendes, reales Wesen handelt, während bei Bigfoot eine Mischung aus Kryptid, moderner Folklore, Touristenspaß und Popkultur mitspielt.

 

Was könnte der Sasquatch sein?

Alle Beobachtungen zu Sasquatch und Bigfoot sprechen immer von einem zweibeinigen Wesen. Die einzigen Säugetiere, die zu echten Zweibeinern wurden, sind einige wenige Arten unter den Primaten[i]. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Bär oder ein Huftier Zweibeinigkeit entwickelt hat und dies nur in dieser einen Spezies zeigt, ist extrem gering.

 

Blick über Redwood-Wälder mit tiefhängenden Wolken
Abends hört man aus den Redwood-Wäldern oft unheimliche Rufe und Trommeln. Nur ein Tier?

 

Falls er existiert, ist der Sasquatch ein Primat, vermutlich ein großer Menschenaffe im engeren Sinn. Die Identifikation des Sasquatch mit einer fossilen Menschenaffenart ist nicht möglich. Die Menschenartigen unter den Menschenaffen sind die einzigen echten Zweibeiner und bis auf den illusiven Meganthropus ist Homo sapiens die größte Art. Der Sasquatch wird aber als deutlich größer und wesentlich schwerer beschrieben.

Keinerlei Fossilüberlieferung – nirgendwo

Hinzu kommt, dass es vom gesamten amerikanischen Doppelkontinent keinerlei Hinweise auf einen fossilen Menschenaffen oder eine fossile Menschenart gibt. Selbst wenn man asiatische Arten heranzieht und einen Weg aus den Tropen durch die Wüste Gobi oder die chinesischen Flusslandschaften in die Tundra an der Eisgrenze über Beringia postuliert, wird die Sache nicht solider. Alle Menschenaffen außer dem Jetztmenschen sind tropisch. Soweit bekannt waren auch die fossilen Formen alle an tropische Wälder gebunden, bis auf den Zweig, der auch zum Jetztmenschen führt.

 

Bering-Landbrücke
ungefährer Küstenverlauf um Beringia: hellbrün: nur bei maximaler Vereisung trocken, mittelgrün: bei mittlerer Vereisung trocken, braun: heutiges Land

 

Fall sich der Vorfahre des Sasquatch in Asien entwickelt hat und über Beringia nach Amerika gekommen ist, muss das zwischen 140.000 und 11.000 Jahren vor heute passiert sein. Eine solche Wanderbewegung läuft in der Regel nur mit wenigen Kilometern pro Generation ab. Daher muss es zu Beginn der letzten Kaltzeit im Nordosten Sibiriens einen großen, zweibeinigen Menschenaffen gegeben haben. Heute gibt es keinerlei Spuren von ihm, weder in den Geschichten der Ureinwohner noch subfossil oder im Permafrostboden.

 

Autökologie eines Kryptids

Die nächste Frage ist, ob diese Wälder eine Population dieser Wesen ernähren kann. Oberflächlich müssten sie in Konkurrenz zu den beiden Großbären-Arten treten. Das hat der Jetztmensch in weiten Teilen seines Verbreitungsgebietes geschafft, auch einige ältere Homo-Arten waren da erfolgreich, bei extrem geringer Siedlungsdichte. Wie weit eine Überwinterung im Norden des Verbreitungsgebietes schwierig ist und ob es Wanderungen gibt, kann niemand sagen.

 

Portrait eines Modells eines älteren Neanderthaler-Mannes
Der Neandertaler konnte sich gegen Bären durchsetzen, sie aber nicht verdrängen, da seine Population zu klein war.

 

Aussagen zur Ernährung der Sasquatches sind schwierig. Fasst man die Berichte zusammen, muss es sich um einen Allesfresser handeln, der sich hauptsächlich pflanzlich ernährt. Obst, Wurzelknollen, Blätter, aber auch Pilze und Wirbellose scheinen den größten Teil seines Speiseplans auszumachen. Es gibt Berichte, dass diese Wesen Nachts Nahrung wie Tang und Muscheln am Strand sammeln. Die Jagd scheint selten zu sein, aber gelegentlich vorzukommen.

 

Die Spurenlage

Was die Spuren angeht, ist die Lage uneinheitlich. Es gibt zweieinhalb Filmsequenzen, die bisher unwidersprochen sind, dazu kommen einige hunderttausend Fußabdrücke, Handspuren und sehr seltene Zahnabdrücke. Kein einziges Foto und keine Haarprobe haben bisher wissenschaftlichen Untersuchungen standgehalten. Die meisten Fußspuren wurden von Menschen berichtet, die – sagen wir mal – unzuverlässige Beobachter sind und in anderen Bereichen der Kryptozoologie sogar der Fälschung überführt wurden.

 

Bigfoot - der Name kommt nach den Fußabdrücken
Diese Fußabgüsse ließen den Namen Bigfoot entstehen (Screenshot aus einer ZDF-Dokumentation)

 

Das FBI eröffnet das Spiel

Haarproben wurden immer mal wieder untersucht. Die erste Untersuchung stammt aus dem Jahr 1977 und wurde von niemand geringerem als der amerikanischen Bundespolizei FBI durchgeführt. Sie konnte ein vom „Bigfoot Information Center“ zugesandtes Stück Haut mit Haaren als „aus der Familie der Hirsche stammend“ identifizieren. Wir berichteten.

 

Melba Ketchum passt

2013 versuchte die Genetikerin Melba Ketchum sich an einer ganzen Reihe von Haarproben mit dem Ziel, ihre Arbeit in einer wissenschaftlichen Zeitschrift mit Peer Review zu veröffentlichen. Die Arbeit war mit handwerklichen Fehlern überhäuft, auch formal konnte man sich nicht an die Regeln einer wissenschaftlichen Publikation halten und die Schlussfolgerungen waren hahnebüchen. So konnte sie die Arbeit durch keinen Peer-review-Prozess bringen und gründete deswegen ihre eigene „wissenschaftliche Zeitschrift“. Einen Beweis für die Existenz von nicht-menschlichen Hominiden in Nordamerika hat sie jedenfalls nicht führen können.

 

Die Szene witterte damals eine Verschwörung der Wissenschaft gegen die Kryptozoologie, da die Arbeit nicht anerkannt wurde.

 

Die Wissenschaft erhöht

Bereits im folgenden Jahr, 2014, wurde die nächste Haaranalyse veröffentlicht. Wissenschaftler aus Lausanne und Oxford gaben 2012 eine Pressemeldung heraus, dass man Haarproben von möglichen Wildhominiden sammele. Sie bekamen 57 Proben aus Museen und Privatsammlungen zugeschickt. Davon waren 2 Proben Komplettfälschungen, 37 waren für eine genetische Untersuchung geeignet. Bei dieser Untersuchung wurden Gensequenzen von unterschiedlichen Bärenarten, Pferden, Rindern, Tapiren, Mensch, Wolf, Kojote und Hirschen entdeckt, jedoch nichts, was auf einen unbekannten Hominiden hindeutete. Unerwarteter Nebeneffekt: Die Wissenschaftler entdeckten Gensequenzen einer bisher unbekannten, archaischen Braunbären-Unterart aus dem Himalaya, die mit dem Eisbären näher verwandt ist, als mit den anderen modernen Braunbären-Unterarten. Wir berichteten ebenfalls über diese Arbeit.

 

… doch niemand hat das Spiel bisher beendet.

 

Zweieinhalb Filme

Obwohl kein Foto eines Bigfoots einer näheren Untersuchung standhielt, gibt es ungefähr zweieinhalb Filmsequenzen, deren Echtheit bisher unwiderlegt ist.

 

Der Patterson-Gimlin-Film

Die älteste nennt sich Patterson-Gimlin-Film nach den Beobachtern und stammt aus dem Jahr 1967. Sie stammt aus dem Bereich des Bluff Creek, im kalifornischen Del Norte County, also dort, wo am wahrscheinlichsten mit einem Sasquatch zu rechnen ist. Er zeigt ein etwa 1,8 bis 2 m großes Wesen, das sicher auf zwei Beinen über eine Kiesbank am Ufer des Baches läuft. Der Film beginnt verwackelt, weil Patterson zunächst mit laufender Kamera hinter dem Wesen herläuft. Das Wesen bewegt sich zügig, aber nicht rennend von ihm weg in Richtung einer Baumgruppe, erscheint dann aber kurz wieder. Es ist mit dunklem Fell bedeckt und zeigt deutliche Brüste, ist also ein Weibchen.
Nach der Begegnung kamen die beiden Beobachter noch einmal zurück und fertigten zwei Gipsabgüsse von Fußabdrücken an.

 

 

Die Playboy-Footage

Die zweite Filmsequenz ist 1995 ebenfalls im Norden Kaliforniens entstanden. Sie ist in der Entstehung und Inhalt kaum an Skurrilität zu überbieten. Eine Filmcrew war mit dem Playmate Ann Marie Goddard in den Redwood-Wäldern unterwegs. Sie hatten ihre Szenen abgedreht und wollten noch ein wenig Füllmaterial drehen. Dabei verfuhren sie sich in eine einspurige Straße bei Crescent City, die auf eine Sandbank des Mill Creek führt. Die Stimmung im Auto war sehr gut, laute Musik lief und ein Hi8-Camcorder zeichnete die langsam dunkler werdenden Wälder durch die Windschutzscheibe auf. Die Crew-Geräusche deuten darauf hin, dass bereits ordentlich Alkohol geflossen war. Auf einmal zeigte sich ein etwa 2,1 m großes Wesen, das aus dem Wald heraustrat, im Scheinwerferlicht des Wohnmobils. Es überquerte die Straße im Scheinwerferlicht und verschwand wieder im Wald. Bemerkenswert dabei: Es hatte eine sichtbare Erektion.

Durch die frühe digitale Aufzeichnung (Hi8) ist die Qualität nicht sehr hoch. Viel ist auf dem Video nicht zu erkennen, die „verbesserte“ Youtube-Version leidet zudem noch daran, dass hier mehrfach die selbe Sequenz gezeigt wird, ohne jede Erklärung. Die schlechte Qualität macht zudem jede Bewertung unmöglich.

 

 

 

Die Cass River Footage

Die dritte Filmsequenz ist neueren Datums. Im Mai 2021 erntstand eine Sequenz am Cass River in Michigan, 120 km nördlich von Detroit. Das Video ist nur 4,7 Sekunden lang, stammt von der Dashcam eines Kanuten und zeigt eine rotbraun behaarte Gestalt, die durch (für sie) oberschenkelhohes Wasser watet. Sie rotiert dabei intensiv mit dem Oberkörper und wirkt, als würde sie auf der körperlinken, vom Filmer abgewandten Seite etwas schweres tragen.
Dieses Video steht bisher auch ohne den Beleg einer Fälschung im Raum. Allerdings ist nur eine komprimierte Version veröffentlicht worden, angeblich aus technischen Gründen.

 

 

Was fehlt

Bisher fehlt jeder physische Beweis für einen Sasquatch. Wenn man eine kleine Population von 3000 Individuen voraussetzt und eine lange Lebenserwartung von 60 Jahren annimmt, müsste es jedes Jahr 50 Bigfoot-Kadaver geben. Kein einziger ist je aufgetaucht. Nicht ein Knochen wurde bei Straßenarbeiten, nach Überschwemmungen oder zwischen den Wurzeln umgestürzter Bäume entdeckt. Selbst wenn man bedenkt, dass hügeliges Gelände und saurer Waldboden Knochen nicht lange bestehen lassen, irgendwas müsste doch mal aufgetaucht sein. Aber es gibt: Nichts.

 

Roadkill ist in den USA häufig. Gerade die vergleichsweise schweren Holzlaster in den Bigfoot-Wäldern weichen Wildtieren nicht aus, plötzliche Richtungswechsel sind mit den Ungetümen riskanter, als einen Bären mitzunehmen. Hier wäre also zumindest gelegentlich mal ein Unfall zu erwarten, dem ein Bigfoot zum Opfer fällt. Auch hier bleibt die Zahl der Kadaver bei null.

 

Als im Jahr 1980 der Mount St. Helens mitten im Sasquatch-Gebiet ausbrach, fanden die Aufräumtrupps später verkohlte Kadaver aller dort vorkommenden Großtiere. Neben toten Haus- und Nutztieren fanden sie vor allem Hirsche, Bären und sogar Pumas. Es gab keinen einzigen Bigfoot-Kadaver, aber Verschwörungstheorien.

 

In den letzten Jahren gibt es in den Wäldern des pazifischen Nordens vermehrt Waldbrände in Folge einer allgemeinen Trockenheit. Es brennt großflächig mitten im Sasquatch-Land, mit der Folge, dass alle möglichen Kadaver auftauchen, aber wieder keine von irgendwelchen Wildhominiden.

 

Diese Katastrophen sind „wunderbare“ Gelegenheiten, an entsprechende Kadaver zu kommen. Aber es gibt sie nicht.

 

Probleme mit der Glaubhaftigkeit wichtiger Zeugen

Zahlreiche, sogar „klassische“ Beobachtungsberichte lassen sich relativ einfach als Fälschungen entlarven. Da wollen Leute einen Bigfoot hinter einer Leitplanke gesehen haben, wo die Straßen über viele Kilometer keine Leitplanken haben. In einem anderen Bericht soll ein Bigfoot im Scheinwerferlicht gelegen haben, im August um 20 Uhr, wenn es taghell ist.

 

Ein Großteil aller Fußabdrücke wurden durch Paul Freeman dokumentiert, der am Ende als Fälscher in die Geschichte einging. „Seine“ Fußabdrücke stellten sich alle als Fälschung heraus.

 

Ähnlich ist die Story um einen Blogger zu sehen, der „auf einmal“ einen Bigfoot-Schädel aus dem Wald kramte. Wir konnten die Sache schnell als bewusste Fälschung entlarven.


[i] Man könnte bei einigen Kängurus ebenfalls Zweibeinigkeit vermuten. Tatsächlich ist eher das Gegenteil der Fall, in Ruhe nutzen sie alle vier Beine und den Schwanz als fünftes Bein zusätzlich.

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