Presseschau Kalenderwoche 47/2019

Herzlich willkommen zur Presseschau der KW 47,

diese Woche wird es wirklich skurril. Mutter Natur schlägt zurück, ausgerechnet da, wo der Mensch seine Kulturschätze sammelt. Ein seltsamer Hirsch und ein noch seltsamerer Parasit, der sich am Ende als Fehlbehandlung herausstellt, außerirdischer Zucker, aber nicht in Space-Cookies, eine Menge Funde und am Ende sind die Wölfe schuld, obwohl sie gar nicht da waren.

Aber lest selbst:


Venedig: Aqua alta unterbricht Stadtratssitzung

Da sag noch einer, Mutter Natur habe keinen Humor. Der Stadtrat von Venedig musste seine Sitzung unterbrechen, weil das aufkommende Hochwasser (Aqua alta) knapp kniehoch in den Ratssaal eindrang. Das Ganze geschah nur Minuten nachdem der Stadtrat Gelder für Maßnahmen zum Klimaschutz mit den Stimmen der rechtspopulistischen Parteien abgelehnt hatte.


Hirsch mit drei Geweihstangen
Der Weißwedelhirsch mit drei Geweihstangen (Foto: Steve Lindberg)

Hirsch mit drei Geweihstangen

Steve Lindberg aus Michigan hatte so etwas noch nie erlebt. Der 75jährige Fotoamateur war Wochenende um den 9. und 10.11.2019 in den verschneiten Wäldern unterwegs und konnte einen sehr ungewöhnlichen Hirsch fotografieren. Der Weißwedelhirsch war mit drei Geweihstangen gekrönt.

Lindberg erzählte der Detroit Free Press, er habe den Hirsch zusammen mit einer kleinen Hirschkuh mehrere Stunden beobachtet, aber am nächsten Tag nicht mehr gefunden.

Fünf Tage nach der Beobachtung begann in Michigan die Jagdsaison für Weißwedelhirsche. Es ist zweifelhaft, dass das Tier sie überleben wird.

Weißwedelhirsche sind in Bezug auf ihre Geweihe sehr variabel. Es gibt Populationen, in denen auch Weibchen Geweihe tragen, es gibt einen fortpflanzungsfähigen Phänotyp, bei dem die Männchen keine Geweihe tragen und einen vermutlich nicht fortpflanzungsfähigen Phänotyp, bei dem die Männchen zwar Geweihe ausbilden, aber die Basthaut nicht verlieren. Drei Geweihstangen sind jedoch sehr ungewöhnlich.

Quelle: Detroit Free Press


Querschnittslähmung durch Parasiten, die in den Penis krabbeln?

REM-Aufnahme eines Pärchenegels Schistosoma
Raster-Elektronenmikroskopische Aufnahme eines Schistosoma-Pärchens. Das Männchen bildet mit seinem flachen Körper eine Tasche, in der das schlanke Weibchen liegt. So sind sie fast unzertrennlich: Pärchenegel. (Foto: Jana Bulantová, Bearbeitung Redaktion, CC 4.0)

Das Internetportal LAD-Bible berichtet von James Michael, 32, aus Kensington in London. Michael verbrachte vor zwei Jahren seinen Urlaub am Malawisee in Afrika. Dort hat sich, so die LAD-Bible einen Wurm in seine Harnröhre gegraben und Eier gelegt. Hierauf hat sein Immunsystem überreagiert und sein Rückenmark angegriffen, was zu einer zeitweiligen Querschnittslähmung führte. Die Behauptung, der Parasit sei seinen Penis „heraufgeklettert“ hat den Fall zu einem Selbstläufer in den Sozialen Medien gemacht.

Das Bemerkenswerte an der Sache: Aus Afrika ist kein Parasit bekannt, der die Harnröhre als Körpereingang wählt. Das Web-Portal IFLscience hat das Ganze einem Realitätscheck unterzogen. Hier wird das erste Mal der Parasit namentlich genannt: Schistosoma haematobium*. Dieser Pärchenegel ist der Erreger der Bilharziose, einer weit verbreiteten und gut bekannten parasitischen Erkrankung. Larven dieser Würmer leben in Wasserschnecken, in denen sie sich auch ungeschlechtlich vermehren und als Zerkarien ins Freiwasser abgegeben werden. Diese suchen sich einen Endwirt, das kann auch der Mensch sein. Sie dringen über die Haut ein und wandern durch das Blut in die Leber, wo sie sich in Männchen und Weibchen differenzieren, paarweise verwachsen und in die Harnblase wandern. Diese Pärchen geben Eier ab, die über den Urin ins Freie gelangen und von Wasserschnecken aufgenommen werden.

Unverständlich ist, wieso James Michael nicht gegen Bilharziose behandelt wurde, sondern einen mehrmonatigen Krankenhausaufenthalt mit temporärer Querschnittslähmung, Katheter und vielen anderen Leiden hatte. Bilharziose ist aus dem Malawisee bekannt, sie ist dort eine beinahe übliche Krankheit und einfach zu behandeln.

Quellen: LAD-Bible, IFLscience


Umwelt-DNA zeigt auch seltene Tiere

Gouldamadine
Die hübsche Gouldamadine gehört zu den gefährdeten Vögeln Australiens.

Umwelt-DNA war ja bereits in Verbindung mit Loch Ness ein Thema hier. Die dort aufgezeigten Möglichkeiten haben jetzt unterschiedliche Arbeitsgruppen aus aller Welt genutzt. Eine britische Arbeitsgruppe konnte vor 15 Jahren damit so gut verborgene Wassertiere wie Kammmolche Triturus cristatus finden. Jetzt zeigen andere Arbeitsgruppen die Möglichkeit, damit Landtiere nachzuweisen. In der wissenschaftlichen Zeitschrift Endagered Species Research berichtete letzte Woche ein Team aus Australien, wie sie genetisches Material von Gouldamadinen an Wasserlöchern finden konnten, die diese Tiere in den vergangenen 48 h besucht hatten.

In den USA wird die Methode unter anderem genutzt, um den gefährdeten Kanadaluchs (Lynx canadensis*) und zahlreiche andere Tiere nachzuweisen. Hierbei kommt es teilweise zu überraschenden Funden, wie dem Vielfraß in Montana.

Mittlerweile ist die Methode valide genug, um Felduntersuchungen nicht nur zu unterstützen, sondern zu ersetzen. Michael Schwartz, Leiter des US Forest Service’s National Genomics Center for Wildlife and Fish Conservation in Missoula, Montana und sein Team nutzten die eDNA-Analyse für eine Überwachung der Stierkopf-Forelle (Salvelinus confluentus*). Sie analysierten 124 Wasserproben aus Wasserläufen in Montana. Das entspricht einer Datenmenge, die in 15 Jahren vorher mit Elektrofischen gesammelt wurde. Dabei ist diese Methode ungefährlicher für Mensch und Tier. „Wir konnten das an acht Tagen schaffen“, sagt Schwartz. „Wir waren etwa zwei- bis zehnmal schneller und zwei- bis fünfmal kosteneffektiver als mit Elektrobefischung.“ – „Wir müssen in diesen Zeiten mit den Geldern für Umweltschutz sehr effektiv umgehen.“ ergänzt er, sicher mit Blick nach Washington.

Die Etablierung der Methode war der renommiertesten Fachzeitschrift, nature, ein ausführliches Briefing wert. Hier kann man es nachlesen.


Tödliche Hundekrankheit aus Norwegen jetzt auch in Deutschland

Vor mehreren Monaten erkrankten in Norwegen die ersten Hunde und starben, ohne dass etwas für sie getan werden konnte (wir berichteten). Mittlerweile hat die Krankheit mehr als 40 Hunde dahingerafft. In Deutschland sind seit dem 8. September bisher vier Erkrankungen bekannt, alle endeten mit dem Tod des Tieres.

Der Erreger ist nicht bekannt, obwohl die Forschung mittlerweile zwei wahrscheinliche Kandidaten hierfür isoliert hat. Die gemeinsamen Symptome sind blutiger Durchfall, Erbrechen und eine plötzliche Verschlechterung des Allgemeinzustandes. Manche Hunde sterben innerhalb von 24 Stunden nach dem Ausbruch der Krankheit. Bei der Obduktion zeigen alle Hunde eine kräftige, blutige Darmentzündung.

Um den eigenen Hund zu schützen raten die Veterinärämter, den Hund beim Gassigehen möglichst an die Leine zu nehmen und Kontakt mit anderen Hunden und Hundekot zu vermeiden. Treten Symptome auf, sollte ein Tierarzt sofort eingeschaltet werden.


Zucker in Meteoriten

Murchison-Meteorit
Der Murchison Meteorit ist ein „kohliger Chondrit“ und wog ursprünglich über 100 kg.

In einem 1969 in Australien eingeschlagenen Meteoriten konnten Forscher das Zuckermolekül Ribose nachweisen. Das Team um Yoshihiro Furukawa von der Tohoku-Universität in Sendai (Japan) untersuchte den Murchison-Meteoriten, der am 28. September 1969 in Victoria, Australien gefallen ist. Von dem kohligen Chondriten wurden etwa 100 kg geborgen. Bereits in den 1960er Jahren konnten Forscher in diesen kohlenstoffhaltigen Boliden Zucker wie Glukose und Arabinose gefunden. Eine Verunreinigung mit diesen Alltagssubstanzen war aber nicht auszuschließen. Anfang der 2000er kamen mit neuen Forschungen und verbesserten Methoden auch außerirdische Zuckersäuren und Zuckeralkohole hinzu. Bis auf Glukose hatten die gefundenen Verbindungen keine besondere biologische Bedeutung, so die Arbeitsgruppe um Furukawa.

Der Nachweis von Ribose verändert die Sicht. Ribose ist der zentrale Zucker der RNA, einer Nukleinsäure, die bei der Proteinbiosynthese unterschiedliche, zentrale Rollen spielt. Ohne sie kann eine Zelle nicht funktionieren. Die außerirdische Ribose ist aber definitiv unter nichtbiologischen Bedingungen entstanden.

Ob, wie Furukawas Publikation besagt, dieser außerirdische Zucker zur Bildung von Biomolekülen auf der frühen Erde beigetragen hat, erscheint der Redaktion zweifelhaft.

Die Originalarbeit in der PNAS


Fossile Schlange mit Beinen gefunden

Die Vorfahren der Schlangen hatten Beine. Schlangen haben keine. Es ist also zu erwarten, dass es irgendwann einmal Tiere gegeben hat, die schon sehr schlangenähnlich waren, aber noch Beine oder Beinreste trugen, wie es einige Skinks heute tun. Und tatsächlich, ein 95 Millionen Jahre altes Fossil aus der Provinz Rio Negro in Argentinien zeigt genau diese Kombination. Die Paläontologe Sebastian Apesteguia und Hussam Zaher aus Argentinien publizierten das Skelett jetzt im Fachmagazin nature. Es besteht aus Teilen des Schädels und des Körpers und zeigt robuste Hintergliedmaßen.

Funde der Najash rionegrina. Beide Abb: Creative Commons, Flinders University

Najash rionegrina
Vorstellung von Raul O. Gomez (Uni Buenos Aires) von Najash.

Najash rionegrina*, so der wissenschaftliche Name des Tieres, ist bereits die zweite bekannte, fossile Schlangenart mit kräftigen Hinterbeinen. 1997 wurde aus der Kreide des Nahen Ostens Pachyrhachis problematicus* als frühe Schlange erkannt. Das Tier war vorher bereits bekannt, wurde aber als Waran ähnliche Echse angesehen. P. problematicus war marin und stellt die Schwestergruppe zu allen anderen Schlangen dar. Najash rionegrina hingegen lebte in einer wüstenartigen Umgebung.

nature zu Pachyrhachis problematicus

nature zu Najash rionegrina


Unfall mit einem Wolfsrudel – oder auch nicht

Die B 156 zwischen Boxberg und Uhyst, das ist am Rande des Biosphärenreservates Oberlausitzer Heide und Teichlandschaft im Landkreis Görlitz, wurde am Mittwochabend zum Brennpunkt eines denkwürdigen Unfalls. Ein Autofahrer rief bei der Polizei an, er sei mit einem Wolfsrudel zusammengestoßen.

Die Beamten eilten zur Hilfe und fanden einen zerbeulten Mazda, einen durchgeschüttelten Autofahrer und vier tote Wildschweine im Straßengraben.


Nach Fund eines toten Delfins: in Südengland geht die Angst vor Weißen Haien um

Toter Delfin am Stran
Verstümmelter Delfinkadaver am Strand von Harlyn Bay. Opfer eines Hais? (Foto: Beach Guardian / SWNS)

Am Strand von Harlyn Bay in der Nähe von Pladstow in Cornwall ist der Kadaver eines Delfins angeschwemmt worden. Er weist zahlreiche Verletzungen auf, die auf den ersten Blick als Bissmarken eines großen Haies identifiziert werden können. Selbst das Boulevardblatt Mirror gibt jedoch als Zweitmeinung an, dass der Delfin an einer natürlichen Ursache gestorben und in eine Schiffsschraube geraten sei.

An der englischen Südküste haben im Frühjahr zwei Fischer unabhängig von einander die Sichtung eines weißen Haies gemeldet.

Mirror: Fears of great white shark stalking British beach after mutilated dolphin found


Feld-Ornithologisches

Diese Woche werden die typischen Irrgäste aus dem Vogelzug weniger. Die Meldungen sind voll vom Gleitaar aus Bröckel (nordöstlich von Hannover). Kein Wunder, er ist in Mitteleuropa nicht nur sehr selten, der weißgraue Greifvogel ist auch ein wunderschönes Tier.

Fahrt hin und fotografiert ihn, so lange er noch da ist!

Ansonsten berichten wir weiterhin von Irrgästen, die „bis auf Weiteres“ bleiben.

  • Die letzte Woche beobachtete Pazifik-Trauerente bleibt in der Geltinger Bucht
  • Die Prachteiderenten bleiben vor der Schlei-Mündung.
  • Seit mindestens einer Woche werden Ringschnabel-Enten auf den Meißendorfer Teichen bei Winsen an der Aller beobachtet.
  • Neu ist die bisher unbestätigte Beobachtung eines jungen Gerfalken in Eixen (Vorpommern).

Samstagnachmittag konnte am Redaktionsstandort in Leverkusen eine einzelne große Kranichformation auf dem Weg nach Südwest beobachtet werden.


Zu guter Letzt:

Ohne Kommentar 🙂


* Warum wir wissenschaftliche Namen nicht kursiv schreiben:

Wir wissen natürlich, dass man wissenschaftliche Namen in Texten kursiv schreibt. Wir würden das auch hier gerne machen, leider hat unser Template genau in dieser Funktion einen Bug (technischen Fehler). Dieser Fehler sorgt dafür, dass eine kursive Formatierung immer gleichzeitig fett hervorgehoben wird. Außerdem wird im Fließtext, jedoch nicht in Kurzzusammenfassungen und Suchmaschinentexten ein weiteres Leerzeichen vor und hinter dem Text angezeigt.
Daher haben wir uns entschieden, wissenschaftliche Namen nicht kursiv zu schreiben, bis wir eine Lösung für das Problem gefunden haben.

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