Lesedauer: etwa 7 Minuten

Was vorab geschah:

 

24. November 2020: Haben wir den Beweis? Was steckt hinter dem „Almasti-Fingernagel“?

 

7. Oktober 2021: Neues zum Almasti-Nagel 2

 

 

 

So etwas passiert nicht einmal dem ausgefuchstesten Kryptozoologen an jedem Tag:

 

Am 6. Januar 2018 erwarb der deutsche Forscher Hans-Jörg Vogel vom Netzwerk für Kryptozoologie ein im Internet als ‚Alma-Fingernagel‘ beworbenes Präparat. Der Anbieter hatte es nach eigenen Angaben selbst an einem Flohmarktstand in Wien gekauft und dort erfahren, es sei der „Nagel eines großen sibirischen Affen“ und stamme ursprünglich aus Gorno-Altaisk, der Hauptstadt der Autonomen Republik Altai. Das Präparat sollte aus der Zeit um 1940 bis 1945 stammen. Aus dieser Region kommen seit Jahren Berichte über große menschenaffenähnliche Tiere, die sich in den letzten Jahren noch vermehrt haben.

 

Erste Vermutungen zum Almasti-Nagel

Vorläufige Studien schienen darauf hinzuweisen, dass der unschätzbare Gegenstand etwas weit Gewöhnlicheres  als der Fingernagel eines lebenden Affenmenschen sein könnte. Die meisten Vermutungen tendierten dahin, es handele sich um die Überreste einer Art Huftier, einer Ziege vielleicht.

 

Almasti-Nagel
Der mutmaßliche Almasti-Nagel in seiner „Präsentations- Verpackung“

 

Allerdings wollte es Hans-Jörg Vogel genau wissen, und er versuchte, wissenschaftliche Institutionen für eine Analyse des seltsamen Gegenstandes zu interessieren. Schließlich fand er drei Institutionen, die bereit waren, etwas Arbeit in den behaarten Fingernagel zu stecken. Über deren Ergebnisse berichte ich hier, das Material wurde freundlicherweise von Hans-Jörg Vogel zur Verfügung gestellt. Das Netzwerk für Kryptozoologie erweist sich einmal mehr als funktionierender Verbund.

 

Am 20. September 2021 öffneten die Institutswissenschaftlerinnen Alina Langenhagen und Dr. Lars Mundhenk am Institut für Tierpathologie der Freien Universität Berlin vorsichtig das Glas, unter dem der Nagel lag, um Proben für eine Analyse zu entnehmen. Nach einer visuellen Untersuchung wurden die Partikel in sterile Behälter gegeben, um eine Kontamination zu vermeiden (die Vorgehensweise wird im Abschlussbericht ausführlich beschrieben). Die vorläufige Analyse ergab:

 

Almasti-Nagel
Das Objekt des Interesses, wissenschaftlich fotografiert.

 

Eine vorläufige, makroskopische Analyse

 

 

„Das Präparat bestand zum einen aus einem hornartigen, ca. 9 cm langen und 4 cm breiten gebogenen Teil, an dessen einem Ende sich ein fellartiger Anteil befand. Der fellartige Anteil bestand aus zahlreichen, dunkel-braunen, ca. 4 bis 7 cm langen, schuppigen Haaren, die eng mit einem lederartigen Anteil verbunden waren. Der lederartige Anteil ließ sich leicht mit der Pinzette von dem Hornteil abheben.“

 

 

Die Wissenschaftler stellten zudem fest:

 

 

„Auf dem Hornteil fanden sich nach Abheben des Fells, weitere zahlreiche, schwarze Haare, die fest mit dem Hornteil verklebt schienen. Die Morphologie der Haare war vereinbar mit einer rinder- oder ziegenartigen Spezies.

Almasti-Nagel?
Vorderseite des mutmaßlichen Almasti-Nagels

Nach Abheben konnten auf der anderen, haarfreien Seite gerade Schnittkanten dargestellt werden. […]Der Hornteil wies auf seiner konvexen Seite zahlreiche Kratzspuren auf. Auf der konkaven Seite war ein schwarzes, körniges Material fest, mit der Pinzette nicht ablösbar mit dem Hornteil flächig verbunden.

Der fellartige Anteil des Präparats wird als gegerbtes Fell (Haut, Unterhaut und Haaren) eines rinder- oder ziegenartigen Tieres interpretiert, das zugeschnitten auf dem Hornteil lose gelegt bzw. nur ansatzweise befestigt wurde. Zusätzlich wurden Haare ohne Haut und Unterhaut auf dem Hornteil befestigt. Der Ursprung und die Natur des körnigen Materials auf der konvexen Unterseite des Horns bleibt zunächst unklar. Da es sehr fest mit dem Horn verbunden war, wird davon ausgegangen, dass es verklebt wurde.“

 

Die erste Analyse

 

Alina Langenhagen und Dr. Lars Mundhenk schlossen nach ihren Tests:

 

 

„Eine Genanalyse, welche von einem externen, unabhängigen Institut (Forensische Genetik und Rechtsmedizin am Institut Hämatopathologie GmbH) durchgeführt wurde, konnte in einer Haarprobe das genetische Material der Hausziege nachweisen.

 

Insgesamt wird das Präparat als Artefakt eingestuft, welches aus einem gegerbten Fell einer Hausziege und einem bearbeiteten Hornteil einer noch unbekannten Spezies künstlich hergestellt wurde.“

 

Die zweite Analyse

Im Bericht von ForGen – Forensische Genetik und Rechtsmedizin am Institut für Hämatopathologie GmbH von Dr. Nicole Wurmb-Schwark vom 28. Oktober 2021 lesen wir:

 

 

„Aus den Proben 2 […] und 3 […] konnte trotz mehrfacher Wiederholung und Einsatz verschiedener kurzer und langer Fragmente keine reproduzierbaren Sequenzen des Cytochrom B-Bereichs oder deren Teilbereiche erstellt werden. Eine Arteingrenzung bzw. diesbezügliche Beurteilung ist daher bei diesen beiden Haarproben nur aufgrund des Phänotyps möglich. […]

 

Aus der Probe 1453-21, Spur 1 konnte die komplette CYTB-Sequenz einer Capra hircus (Hausziege) nachgewiesen werden. Auch die mikroskopische Untersuchung weist auf einen Vertreter der Bovidae (Hornträger) hin. Entsprechend kann davon ausgegangen werden, dass es sich um Haare einer Hausziege handelt.“

 

 

Bergung des Nagels
Unter Laborbedingungen geöffnet: Steril und ohne Kontaminationsgefahr

 

Die dritte Analyse

Auch die Ergebnisse des bekannten Kryptozoologen Lars Thomas, der über Richard Freeman kontaktiert wurde, waren negativ – zumindest in Bezug auf eine unbekannte Riesenaffenart. Er hielt die Haare jedoch eher für synthetisch als für die einer Ziege.

 

Am 11. November 2021 schickte mir Hans-Jörg Vogel seinen Bericht.

 

 

„Ich vermute, dass es sich bei den Nägeln eindeutig um Kunstfasern handelt. […] viele der anhaftenden Haare wirken wie angeklebt. […] Es gibt keine Spur von Keratin, wie man es bei einem Huf erwarten würde, und es gibt kein Säugetier, das so dicht behaart ist. Die Fasern sind unterschiedlicher Art – ein Großteil davon ist einfach sehr dünn und gekräuselt, vollkommen transparent ohne jede Struktur. Es handelt sich ohne Zweifel um Kunstfasern.

Dazu kommen viele dunkle Fasern oder Haare, die eine seltsame Mischung bilden. Ich fand mindestens ein menschliches Haar, etwas wie abgestorbene Hundehaare und einige Haare, die von den Schnurrhaaren eines Hundes oder einer Katze stammen könnten, jedoch nichts, was auch nur im Entferntesten ungewöhnlich wäre.“

 

 

Lars Thomas führte eine optische Analyse (Mikroskop mit 100-facher Vergrößerung) des Nagels und der Haare durch. Er versuchte auch, sie zu verbrennen, weil sie nach Kunststoff rochen. Sie brannten anders als Haare. Thomas meint, er könne die Ziegenidentität der Haare nicht bestätigen, da er keine solche Haare gefunden hätte.

 

Probennahme beim Almasti-Nagel
Entnahme einer Haut- und Haarprobe

 

 

Die vierte Analyse

 

Das dritte Institut, das um Hilfe gebeten wurde, war das von Dr. Melba Ketchum, die vor einigen Jahren Schlagzeilen machte, als sie ihre Ergebnisse einer immer noch sehr umstrittenen Studie über Yeti-Haare veröffentlichte.

Sie war erkrankt und konnte das Material bisher nicht analysieren.

 

Probenentnahme 1 des Almasti-Nagels
In Schutzanzügen gehen Wissenschaftler und Labortechniker an die Versiegelung

Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass keines der drei beteiligten wissenschaftlichen Institute, Lars Thomas in Kopenhagen, das Institut für Tierpathologie in Berlin und das Forensische Institut in Hamburg, etwas Besonderes im Präparat bestätigen konnten. Wer es ursprünglich anfertigte, und ob das mit dem Ziel der Täuschung geschah, bleibt offen.

 

Natürlich galt das Material war von Anfang an als suspekt, aber der Versuch, herauszufinden, was der angebliche Almasti-Fingernagel ist, ist dennoch eine sinnvolle Sache gewesen. Wären die Ergebnisse wider Erwarten positiv für eine hominologische Interpretation des Materials gewesen, hätten wir durch diese Analysen einen enormen Durchbruch erlebt.

 

Dennoch – das mysteriöse menschenähnliche Säugetier Sibiriens bleibt weiterhin schwer fassbar.

 


 

Diesen Text habe ich mit Material erstellt, das mir Hans-Jörg Vogel zur Verfügung gestellt hat. Von ihm stammen auch die Fotos.

 


Weiter zum Thema:

Neues zu Sana und dem Alma(sti) vom 8. Juli 2021

 

Genetische Haaranalyse von „Wildhominiden“ vom 10. Februar 2022

 

Der Sasquatch und das FBI vom 7. Juni 2019

 

 

Von Ulrich Magin

Ulrich Magin (geb. 1962) beschäftigt sich seit seiner Kindheit mit Kryptozoologie, insbesondere mit Ungeheuern in Seen und im Meer. Er ist Mitarbeiter mehrerer fortianischer Magazine, darunter der „Fortean Times“ und Autor verschiedener Bücher, die sich u.a. mit Kryptozoologie befassen: Magischer Mittelrhein, Geheimnisse des Saarlandes, Pfälzer Mysterien und Magische Mosel. Besondere Beachtung finden auch seine Bücher "Die Burg des Zwergenkönigs" und "Der Mord an Clara Schlürmann".